Hier Zensur - wer dort? Antworten von gestern auf Fragen von heute

Part 16

Chapter 163,333 wordsPublic domain

Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen Minister führen mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er Müller noch einmal in jenem Sinne zu Worte kommen, so war das Schicksal der »Abendblätter« und damit sein eigenes besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn was ihm seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich von Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem Pult; aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich daran, die Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus mit allen Mitteln niedergehalten. Das Recht zu leben nahm der Dichter aber noch für sich in Anspruch, und dazu sollten ihm die »Abendblätter« dienen. Hier vollzog sich nun eine psychologische Wendung, die der für ihren Helden eintretenden Kleistforschung immer einige Verlegenheit bereiten wird. Zweifellos waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen, aber auch Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand der »Abendblätter« zu sichern, nicht anders zu helfen, als daß er sein Blatt der Regierung als offizielles Organ antrug. Hardenberg erklärte sich zu einer nicht näher bezeichneten Unterstützung bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig« geleitet werde. Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben aller Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung.

Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist den offiziellen Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt sehen. Dagegen wieder sträubte sich Hardenberg, der als kluger Staatsmann wußte, daß die »Liebe des freien Mannes« ganz anders wirkt als die des erwiesenen journalistischen Söldners. Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei Monate hin. Kleist duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit offiziellen Beiträgen überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen, daß die Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des Lobes, wofür ihm Hardenberg schwerlich Dank wußte.

Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen ministeriellen Departements empfahl, die »Abendblätter« mit amtlichen Nachrichten zu versehen. Aber er hatte mehr versprochen, als er halten konnte, und war sich der rechtlichen Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht bewußt gewesen.

Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«.

Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in Konkurrenz mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen, die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten Zeitungen schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist am Ende des ersten Quartals die politische Neugestaltung seines Blattes voreilig bekanntmachte. Der Zensor Himly nahm sich ihrer pflichtgemäß an, und die Verhandlungen mit Hardenberg liefen urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus, was Kleist nach den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers hatte erwarten dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme politischer Originalartikel ein für allemal untersagt! Man verwies ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische« und »Spenersche« an politischem Material unter ordungsgemäßer Zensur Himlys bringen würden.

Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner Hoffnungen ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich schon ruiniert. Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen? Den früheren hatte er zum größten Teil eingebüßt mit dem Augenblick, als er die Spalten der »Abendblätter« Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten Freunden war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit war dahin, und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß es Mühe kostete, sie für das zweite Quartal bei einem andern Verleger unterzubringen; der erste, Hitzig, hatte schleunigst seine Hand davon abgezogen, als sie keinen Gewinn mehr versprachen.

Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«.

Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens ein gutes Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm Hardenberg unmöglich gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung des Staatskanzlers Vorgehen begreifen -- entschieden ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß er den »Abendblättern« auch das weite allgemein kulturelle Gebiet der Kunst, Literatur und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich erfolgreich hätten betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen keine Ansicht laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle herrschenden widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten zu den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist, ihren Flug dem gerade herrschenden Winde anzupassen.

Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist und seine Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer Pädagogen; ihr aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen sein internationales Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz dazu nationale und individuelle Erziehung. Solche Probleme hätten sich, sollte man meinen, doch wohl öffentlich erörtern lassen. Weit gefehlt! Die Zensur duldete das nicht. Ein erster Artikel von Adam Müller über die neu gegründete Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten Anstoß erregt -- Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu verbieten. Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der Lehrstühle ein Wort mitreden zu dürfen -- man schloß ihnen den Mund. Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen Physiker Ritter wurde gestrichen, denn die Regierung empfand es als einen unbequemen Vorwurf, wenn der Wahrheit gemäß gesagt werden mußte, daß Ritter einer von den geborenen Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und andere im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie konnte den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen; flugs gehörte auch dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings überall stießen sie auf ein ~Noli me tangere~, und selbst eine alberne Lokalnachricht über eine Studentenschlägerei brachte sie in Konflikt mit der Universitätsverwaltung; es half ihnen nichts, daß die Notiz aus dem Büro des Polizeipräsidenten selbst stammte, sie hatten den Nachteil.

»Rad und Wagenschmiere.«

Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar von Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung der Theaterkritik. An der Spitze des Berliner Hoftheaters stand noch immer Iffland, gegen dessen ganze Richtung die Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und Standesrücksichten Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland persönlich gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn« aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher Lage zu verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen Iffland führten also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg mit Ernst und Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren empfindlich und ebensowenig objektiv. Zufällig kam es am 26. November 1810 bei der zweiten Aufführung von Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen Theaterskandal; die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von Offizieren nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen, was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde durch laute Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte sich, drohte mit Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls hatte den Erfolg, daß etliche der militärischen Kunstenthusiasten aus der Stadt verwiesen wurden -- gewiß ein warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg! Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. Ob Iffland, der sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt mit Kleist wegen des »Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen den Dichter benommen hat, zu der Maßregelung der »Abendblätter« selbst den Anstoß gab, ist nicht erwiesen, liegt aber nahe und wäre menschlich verständlich, hatte er doch schon 1803 das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem sich der Zensor Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich aber ist, daß die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den nötigen Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung Kleists und -- des bessern Aussehens wegen -- auch dem ganz ungefährlichen Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die weitere Führung der Berliner Theaterkritik ein für allemal untersagte! Unter Hardenbergs Regime duldete man es also nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist über die Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß nicht unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg hingen »wie Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei Jahre später stellte derselbe Iffland wieder den Antrag, alle Kritiken über Neuaufführungen bis nach der dritten Vorstellung zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die Antwort, das widerstreite »der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ man sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare wachsen, sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den Maulkorb um und fragte nicht danach, ob durch solch ein radikales Verbot eine Zeitung wie die »Abendblätter« und mit ihr der Herausgeber zugrunde gingen.

Kleists Ende.

Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen! Daß Kleist völlig mittellos war, steht fest. Das einzige Unternehmen, durch das er sich über Wasser halten konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung verlangte er vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung der »Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung des ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich von Raumer, des bekannten Historikers, der später selbst sehr viel von der Zensur auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten Momenten in Kleists Leben. Der Stil, mit dem man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht gegeben. Er erreichte natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die »Abendblätter« ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand man ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo heute -- am kleinen Wannsee bei Berlin -- sein Grab eine heilige Stätte geworden ist.

Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers und die Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch! Denn er war leider der Anfang eines ganzen Systems. Man mag zur Romantik und selbst zu Kleists Poesie stehen wie man will, das eine läßt sich nicht bestreiten: die »Abendblätter« waren ein ernsthafter Versuch, mit bescheidenen äußeren Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu begründen, das die Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung zum Ausdruck brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten Tage an einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische Zensur erstickte ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische Sündenregister der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend ein und erreicht bis 1848 eine erschreckende Länge. Was war die Folge? Die Berliner Zeitschriftenliteratur sank auf einen Tiefstand, der durch nichts zu unterbieten war. Der schale Witz und die persönliche Skandalsucht wurden Trumpf in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur bereiteten Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist ~par excellence~, der in den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack für ein Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise vernichtete die Literatur sich schließlich selbst, und der Zensor konnte ruhig schlafen!

Die Verherrlichung des Selbstmords.

Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung des Königs bringen.

Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine Freundin einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund und Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte in der »Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des Selbstmordes Kleists. Darauf erließ der König am 27. November 1811 eine Kabinettsorder, worin es hieß:

»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist, freystehen soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in jedermanns Hände kommen, laut und mit anmaßender Verachtung Besserdenkender zu predigen; so werden alle Bemühungen, Religiosität und Sittlichkeit im Volke neu zu beleben, vergeblich seyn, indem der Glaube an das einstimmige Zeugnis jedes unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische Urtheil verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime vergiftet werden.«

Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen Orts aufs nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey der Aufsicht auf die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben zur Verbreitung der Immoralität aufs sorgfältigste verhütet werde«, und dem Zensor der Zeitung einen ernstlichen Verweis zu erteilen. Außerdem befahl er, die Schrift über den Tod Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt hatte, nicht zum Druck zu verstatten. -- Sie erschien denn auch damals nicht, sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht.

10. Bürokratie und Militarismus.

Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot, Und schlage den Napoleon tot, Durch uns und mit uns, Amen!

Altes Soldatenlied.

Die Flucht der Patrioten.

Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte Preußens. Am 24. Februar mußte der König mit Napoleon ein förmliches Bündnis schließen und ebenso wie Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug gegen Rußland Hilfstruppen stellen. Im Mai versammelten sich die deutschen Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann kam dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen« nach Berlin, und starke französische Besatzungen in der Hauptstadt und in den Festungen sorgten dafür, daß auch nach dem Durchzug der französischen Truppen nach Rußland kein Wort des Mißfallens laut wurde. Den neuen Minister der höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu Sayn-Wittgenstein, Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen Minister des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische Gesandte selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl August den Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in preußischen Zeitungen als Nachrichten aus Weimar umgingen.

Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz hatte auch Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich sein Amt niedergelegt und war nach Österreich gegangen, wo er mit dem Freiherrn vom Stein den geheimen Minenkrieg und die Erhebung Deutschlands gegen Napoleon organisierte und vor allem die literarische Offensive durch Flugschriften und Aufrufe vorbereitete.

Der Umschwung.

Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der Kurator des Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat Friedrich von Bülow, ein Verwandter und damaliger Vertrauter Hardenbergs; Himly führte jetzt die Zensur der historisch-politischen Schriften, und der Geh. Legationsrat Jordan verwaltete mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem beginnenden Umschwung den Fängen der Franzosen entzog, nach Breslau abging, wurde wieder der seit 1792 bewährte Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch dieser sorgte nach dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der ihn vertretenden Oberregierungskommission mit von der Goltz an der Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde. Alle französischen Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser über sich ergehen lassen, von dem Strafgericht, das in Rußland über Napoleon hereinbrach, erzählten nur durchgeschmuggelte Privatnachrichten und Gerüchte, das grausige Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat den Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche Vorfälle kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die Nachricht von der Konvention von Tauroggen (30. Dezember) ließ die Berliner Zensur erst am 19. Januar durch, zugleich mit der Nachricht von der Absetzung des Generals von York und der strengen Verleugnung seiner Tat durch den König. Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener Verträge zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813 unter Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps vom 3. Februar durfte in Berlin erst am 9. Februar, später als in den märkischen Provinzblättern, erscheinen, und daß schon am 20. Februar vereinzelte Kosaken von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen Berlins als Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig verschweigen, denn noch war ja eine starke französische Besatzung in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin, Augereau, und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter St. Marsans, hätten am liebsten jede Nachricht über militärische Vorgänge wörtlich vorgeschrieben, was selbst dem pflichteifrigen Renfner etwas stark schien.

In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die Franzosen ab, und am andern Tage begann der Einmarsch der Russen. Die preußischen Behörden, unter denen sich kein York befand, hielten sich aber in subalterner Gewissenhaftigkeit noch immer streng an ihre Instruktion, alle Feindseligkeiten gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß heißblütige Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt »Aufruf an die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen die Franzosen« durfte Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt werden, denn der Anschluß Preußens an Rußland wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am 20. März amtlich kundgemacht.

Worauf die Kosaken reiten.

1813 berichtete eine Zeitung -- nach andern ein Schulbuch -- von den Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen Pferden.« Ein Zensor in Breslau strich die beiden Adjektiva, die ihm jedenfalls mit dem Ansehen der jetzigen Bundesgenossen unverträglich schienen, und so erfuhr die Welt die große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen oder Stecken ritten, sondern auf Pferden.

Der »Preußische Correspondent«.

Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem das politische Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem Militärgouvernement höchst willkommen, daß aus dem Kreise der preußischen Patrioten ein neues Zeitungsunternehmen erwuchs, dessen Leitung der angesehene Historiker Niebuhr und dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer übernahm, und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag, genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, der am 2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem Volke von dessen heiligsten Interessen« zu reden begann. Niebuhr sah seine Aufgabe darin, »die Überzeugung von der Notwendigkeit eines Volkskrieges im äußersten Sinne des Wortes täglich zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und über die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.

»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«, frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. Das sollte sich sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. Renfner erlaubte sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten aus dem Hauptquartier, die Gneisenau selbst schrieb, so daß dieser schon bald mit ihrer Entziehung drohte. Einer dieser Kriegsberichte von Gneisenau (26. April) beschuldigte auf Grund von französischen Feldpostbriefen die Berliner Bankiers hochverräterischer Beziehungen zum Feinde. Als darauf die »Vossische« ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm, verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.

Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis zwischen Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck des Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten« naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, kam es zwischen ihm und den Behörden über Fragen mehr der innern als der äußern Politik zu Konflikten, die an Schärfe den Zusammenstoß Heinrich von Kleists mit Hardenberg noch weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den »Abendblättern« die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier eines konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die Regierung war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen aufkommen zu lassen.

Schleiermachers Hochverrat.

Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent« von Gerüchten über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten sei und auch wirklich stattfand. Die Anhänger eines schnellen Friedensschlusses warnte er, sich nicht vorschnell zu freuen, und die Gegner, darob nicht zu verzweifeln. Die Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher selbst gehörte, gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und Deutschland im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse« bedürfe, die »den Grund zu einer künftigen Form legen« müßten. Denn, so schrieb Schleiermacher wörtlich, »was sich Deutschland von einer Verfassung versprechen kann, welche durch die Willkür sich durchkreuzender diplomatischer Verhandlungen begründet wäre, das wissen wir seit dem westphälischen Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu bilden glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja schon eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit von Napoleon, und das schwierige Problem der »künftigen Form« Deutschlands beschäftigte ein Jahr später den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften wohl dem Redakteur eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen liegen. Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete« Ansicht werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben«; er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten Diplomaten werde wohl auch so denken. Und wenn auch, erklärte er zuletzt, ein Friede geschlossen werde, den man noch nicht als »den wahren Anfang einer neuen Ordnung der Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile, die er gewähre, gehörig benutzen.

Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers Äußerungen als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile einer Privatperson über künftige Resultate« des Friedenskongresses; die »absprechende Zurückweisung ›Diplomatischer Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf eine allgemein verbreitete Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe: ›einzelne Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der Ton und die Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger, zusammengehalten mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen, deuten auf ein Streben jener Personen, ihre Eigenmacht und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen Macht und Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen« (was wohl eine Übersetzung des Ovidischen »~Principiis obsta~« sein sollte!) und berichtete darüber an Hardenberg.

Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort seines Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über Schwedisch-Pommern ins Ausland abzuschieben!