Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Chapter 7

Chapter 73,648 wordsPublic domain

»Ich? Nein«, lachte der Postbeamte, »wollte sie uns hier holen -- ist aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt«, setzte er dann ernsthafter hinzu.

»Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?«

»Ja«, sagte der Conducteur, »in der Staffelstraße ist ein armer Teufel von Maurer mit einer großen Familie vom Gerüst gefallen.«

»Mit der ganzen Familie?« rief der Commerzienrath erschreckt.

»Nein, das nicht«, lachte der Conducteur, »der Mann hat nur eine starke Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen.«

»Sie hinken ja, Herr Conducteur?« sagte der eine von des Commerzienraths Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu geben, »was haben Sie denn am Fuße?«

»O nichts«, meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet »neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfuß durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jüngstes Mädchen eine Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern war zufällig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie ich also durch die Stube gehe --«

»O um Gottes Willen hören Sie auf«, bat ihn der Commerzienrath, dem es schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit Messerstichen vom Wirbel bis in die Fußzehen schoß, »das geht Einem durch Mark und Bein.«

»Was denn?« fragte der Conducteur erstaunt.

»Nun, daß Sie in so scharfes Glas getreten sind«, sagte, immer noch sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

»Ich?« fragte der Conducteur erstaunt, »ich bin hineingetreten?«

»Aber Sie erzählten uns doch eben --«

»Daß so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja«, lachte der Conducteur, »aber dafür hat der Mensch seine Augen, und wenn ich barfüßig gehe, passe ich immer furchtbar auf.«

»Aber Sie sagten ja, daß das die Ursache Ihres Hinkens --«

»Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr«, sagte der Conducteur ruhig, »das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen.«

Die Andern lachten, während der Conducteur aufstand sich eine Cigarre anzuzünden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um, denn er wußte nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mütze neben den Commerzienrath niedersetzte.

»Nun, noch nichts von Ihren Sachen gehört, Herr Commerzienrath?« sagte er so freundlich, wie die Polizei überhaupt nur freundlich aussehen kann.

»Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?« erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenüber that, als ob er ihn nicht gleich erkannt hätte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, daß er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fühle, und glaubte das am besten durch angenommene Gleichgültigkeit bewerkstelligen zu können. Der Gendarm übrigens, der nicht den geringsten Verdacht dem anständigen Fremden gegenüber hatte, sagte lächelnd und verbindlich:

»Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein Gepäck auf eine solche Weise zu verlieren. Es ist auch unverzeihlich von dem Packmeister, daß er nicht besser aufgepaßt hat. Donnerwetter, wenn einmal das Gepäck für Lichtenfels eingeschrieben ist, so muß es auch in Lichtenfels abgeliefert werden, sonst hört die Freundschaft auf.«

Der Commerzienrath überlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen solle, daß das Gepäck gar nicht für Lichtenfels bestimmt gewesen wäre, und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine mögliche Veranlassung zu nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener etwas näher an ihn heranrückte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als möglich an das Ohr des Commerzienraths brachte -- so dicht in der That, daß ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten -- und mit leiser Stimme sagte:

»Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers --«

»Durchgebrannt?« rief der Commerzienrath erschreckt, »ist denn wieder ein Unglück geschehen?«

»Unglück? -- Nun ein Unglück ist es wol gerade nicht«, meinte der Gendarm entschuldigend, »junge Leute haben rasches Blut und machen manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen würden, wenn sie 25 Jahre älter wären; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat sie in diesen Tagen --«

»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen«, sagte der Commerzienrath entsetzt, »von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein Wort von Allem was sie sagen.«

»Von welcher jungen Dame?« sagte der Gendarm, »ih von der weggelaufenen, wegen der uns hierhertelegraphirt ist und für die wir Ihr Fräulein Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem großen Strickbeutel am Arm herumging.«

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter, und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine so interessante Mittheilung zu machen, fort:

»Wie es also scheint, sollte jenes junge Mädchen in den nächsten Tagen mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch zur rechten Zeit ein Herz gefaßt und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns hierhergemeldet worden, zwei verdächtige Individuen aufgegriffen und festgehalten.«

»In Bamberg?« sagte der Commerzienrath.

»Ja wol«, bestätigte der Gendarm. »Uebrigens sind mit dem letzten Zuge von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brüder ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verdächtiges gesehen worden, und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen«, setzte der Beamte schmunzelnd hinzu, »soll auch von einem Gendarm entdeckt worden sein.«

»Das junge Mädchen?«

»Nein, die Telegraphen«, versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem Lächeln, »und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben: das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. -- Aber so geht's immer nachher, die gescheiten Leute haben die Einfälle und die andern Herren sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch.«

»Aber auf welche Weise entdeckt?« fragte der Commerzienrath trotz der verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung motiviren und entwickeln würde.

»Ungeheuer einfach«, lachte dieser, »die ganze Geschichte ist ja doch nur nach dem Princip der Klingelzüge eingerichtet, wie zum Beispiel in einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal, das Stubenmädchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und bei uns hier sind auch zwei oder drei Züge übereinander angebracht. Mein College saß auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel. Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erzählte er sie einem der Herren Actuare, der sprach darüber mit einem Professor, und wie man die Hand umdrehte, hatte der's nachgemacht und steckte den Nutzen ein -- und jetzt muß man für jeden Zug an der Klingel, und wenn's nur bis Bamberg wäre, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen -- rechnen Sie einmal die Halben Bier, die man dafür trinken könnte.«

»Hm«, sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mußte, sich aber doch mehr für den andern Fall interessirte, »also zwei Brüder der jungen Dame sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flüchtige einzuholen?«

»Ja wol, Herr Commerzienrath«, erwiderte der Gendarm, »thut mir eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren Bräutigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die Polizei muß jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und wäre sie mir unter die Hände gefallen, würde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn es meine eigene Schwester gewesen wäre.«

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prüfenden Blick über die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten ließ, und wollte sich eben anschicken mit einem militärischen Gruß das Zimmer zu verlassen, als ihm eine versäumte Höflichkeit einfiel.

»Ihr Fräulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen darf?« sagte er mit einer höflichen Verbeugung gegen den Commerzienrath, »vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?«

»Ja -- ich danke«, erwiderte der Commerzienrath und fühlte wie ihm das Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schläfe schoß, daß er einem königlichen Beamten gegenüber lügen mußte.

»Ist unangenehm, besonders für Damen«, setzte der galante Gendarm hinzu, »ihres Gepäckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frühzuge wieder hier. -- Wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr Commerzienrath!« und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und klapperndem Wehrgehänge zur Thür hinaus.

10.

+Der Schlafkamerad.+

»Da haben wir die Bescherung«, stöhnte der Commerzienrath stillbetrübt vor sich hin, als ihn der Gendarm, seinen eigenen Geschäften nachzugehen, verlassen hatte; »ich sitze hier, schon ohnedies ein halber Gefangener, auf mein Gepäck wartend, und die beiden Brüder der Mamsell, die mich mit ihrer Onkelschaft in die nichtswürdigste Verlegenheit gebracht hat, fahren in der Gegend umher und werden, wenn sie sich in der falschen Fährte finden, jedenfalls hierher zurückkehren. Finden sie mich als Mitschuldigen aus, kann ich mir gratuliren, denn daß ich an der ganzen verdammten Geschichte so unschuldig bin wie ein neugeborenes Kind, wird mir natürlich gar Niemand glauben. Und wie hab' ich mich selber der Polizei gegenübergestellt? Gott im Himmel, wenn das später in die öffentlichen Blätter käme und Dorothee kriegte es zu sehen, ich wäre ein geschlagener Mann.«

Der Commerzienrath blieb noch eine ganze Weile, mit seinen eben nicht sehr erfreulichen Gedanken beschäftigt, an dem Tische sitzen; da die Nacht aber indessen mehr und mehr einbrach und der Tabacksqualm in dem engen Raum immer unerträglicher wurde, beschloß er lieber wieder in sein Zimmer zu gehen. Er ließ sich deshalb unten ein Licht geben, stieg langsam die Treppe hinauf, ging über den Gang hinüber nach seiner Stubenthür, öffnete sie und wollte eben gähnend eintreten, als er Licht darin und am Tisch einen Fremden sitzen sah.

»O bitte tausend mal um Entschuldigung«, rief der Commerzienrath, vor der unerwarteten Entdeckung zurückfahrend, »ich habe die Thür verwechselt.«

Der Fremde machte eine leichte gleichgültige Bewegung mit dem Kopfe, als ob er hätte sagen wollen: Sie sind vollkommen entschuldigt, und studirte dann in den vor ihm liegenden Papieren weiter. Der Commerzienrath dagegen drückte die Thür leise und artig ins Schloß zurück, den Fremden da drinnen nicht weiter zu stören und sein eigenes Zimmer zu suchen. Aber wo war das? In den vielen Thüren des Corridors fand er sich gar nicht mehr zurecht, und wo er eine Thür anfaßte, traf er entweder schon Jemanden im Zimmer oder sie war verschlossen. Noch einmal ging er jetzt an die Treppe zurück, um von da aus in einer gewissen Art von Instinct die rechte Thür zu finden; sein Weg führte ihn wieder an dasselbe Schloß, hinter dem der Mann neben dem Tische saß und las, und es blieb ihm jetzt nichts weiter übrig als hinunterzugehen und seine Nummer zu erfragen.

»Nummer vom Herrn Commerzienrath -- welche Nummer hat der Herr Commerzienrath?«

»Nummer 7.«

»Nummer 7, Herr Commerzienrath!« wiederholte der Wirth.

»Nein, das ist nicht möglich«, sagte Herr Mahlhuber, »in dem Zimmer wohnt ein anderer Herr; Nummer 17 vielleicht.«

»Nein, Nummer 7«, drückte sich der Wirth jetzt mit einer etwas verlegenen Verbeugung vor, »ach bester Herr Commerzienrath, Sie dürfen es nicht übelnehmen --«

»Aber in Nummer 7 wohnt schon Jemand«, sagte dieser bestimmt; »ich habe mir Nummer 7 bestimmt angesehen.«

»Ich weiß wohl, Herr Commerzienrath«, sagte der Wirth mit seinem freundlichsten Lächeln, »aber die entsetzlich vielen Gäste, die gerade heute Abend angekommen sind --«

»Ja, dagegen habe ich ja gar nichts, sagen Sie mir nur meine Nummer.«

»Ich bin genöthigt gewesen, den Herrn mit in Ihr Zimmer einzuquartieren«, brach der Mann in einem verzweifelten Entschlusse heraus.

»In mein Zimmer?« rief der Commerzienrath, und beinahe hätte er das Licht, das er in der Hand trug, fallen lassen, jedenfalls fiel die Lichtschere hinunter.

»Es war wahrhaftig nicht anders möglich.«

»Ich soll mit dem Fremden in einem Zimmer schlafen?«

»Nur für die eine Nacht, bester Herr Commerzienrath; es ist Sie ein ganz anständiger Herr und ein guter Freund von mir.«

»Aber zum Teufel, Herr, warum nehmen Sie ihn da nicht in Ihr Zimmer?« fragte der Commerzienrath in nicht unrichtiger Folgerung.

»Bester Herr Commerzienrath, ich habe eine Frau und vier Würmer darin«, entschuldigte sich der Wirth, ihm dabei wie besänftigend an der Schulter herunterstreichend, »Alles was recht ist --«

»Frau und vier Kinder in Einem Zimmer«, sagte der Commerzienrath kopfschüttelnd, »doch was geht das mich an? Ich habe von Ihnen das Zimmer heute Nachmittag für mich allein gemiethet und bin willens Ihnen dasselbe Geld dafür zu zahlen, das Sie von Beiden fodern können; schaffen Sie mir nur den fremden Menschen da hinaus; ich kann nicht zu Zweien in Einem Zimmer schlafen, es widerstreitet meiner Natur.«

»Sind Sie verheirathet?« fragte der Wirth.

»Nein -- wie so?«

»Nun, ich meinte nur -- aber ich kann doch den Herrn da nicht wieder hinauswerfen, verehrter Herr Commerzienrath«, klagte der Wirth, »und in der ganzen Stadt ist kein Platz mehr zu haben. Ich weiß Sie sind in Ihrem vollen Rechte, Sie können das Zimmer für sich allein verlangen, und wenn Sie es durchaus wollen, muß der andere Herr hinaus, aber Sie glauben gar nicht was Sie mir für eine Freundschaft erweisen, wenn Sie ihn darin behielten. In ein anderes Zimmer kann ich ihn schon gar nicht mehr stecken, denn in keinem liegen unter Vier und Fünf, in manchem noch mehr, das war das einzige leere Bett, und so ein lieber Mensch.« -- Und nun erging sich der beredte Wirth in einer Masse von Bitten und Beschwörungen und Schilderungen des liebenswürdigen Schlafkameraden, den er bekommen hätte, daß der gutmüthige Commerzienrath, der überhaupt kaum einem Menschen in der Welt eine Bitte abschlagen konnte, endlich einwilligte und seufzend mit dem Licht wieder umdrehte nach Nummer 7 zu.

Dort angekommen, klopfte er höflich an die Thür, und auf das mürrische »Herein« seines aufgedrungenen Stubengenossen trat er mit einem schüchternen »Guten Abend -- Sie entschuldigen« in sein eigenes Zimmer.

Zu seiner wirklichen Entschuldigung muß ich dem Leser nochmals bemerken, daß er ein deutscher Commerzienrath war.

»Guten Abend«, sagte der im Besitz sich Befindliche, den Kopf zurückbiegend und mit der flachen, nach auswärts gedrehten Hand seine Augen vor dem Lichte schützend, den Eintretenden besser erkennen zu können; »wollen Sie auch hier schlafen?«

»Ich hatte allerdings die Absicht«, erwiderte der Commerzienrath, doch etwas über die Frage frappirt; »ich wohne seit heute Mittag in diesem Zimmer.«

»Ah ja, ich weiß«, sagte der Fremde, »ich sah die Sachen hier stehen, als ich hereinkam. Der Wirth wollte es möglich zu machen suchen, Ihnen ein anderes Schlafzimmer anzuweisen.«

»Mir?« rief der Commerzienrath, in der That etwas betroffen über die kaltblütige Ruhe des Mannes, der sich doch eigentlich hätte -- er fühlte das unbestimmt -- bei ihm entschuldigen müssen. Der Fremde brach aber diese Gedanken kurz ab und sagte freundlicher als er bisher gesprochen: »Nun wir müssen sehen, wie wir uns einrichten, Herr Schlafkamerad; der geduldigen Schafe gehen viele in einen Stall. Außerdem ist es ja nur für eine Nacht, wir werden uns schon vertragen und es ist mir immer lieber, als daß mich der Wirth mit zu einem der Frommen hineingesteckt hätte. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Der Fremde rückte sich dann das Licht etwas bequemer zurecht, stützte den Kopf in die linke Hand und vertiefte sich aufs neue in die vor ihm liegenden Briefe oder Papiere, von denen er von da ab kein Auge mehr verwandte.

Es war ein noch junger, und wie es schien schlanker Mann, von etwa 24--26 Jahren, anständig und modern gekleidet, aber mit auffallend langem dunklen Haupthaar, zwei vorn in die Höhe gedrehten Jupiter-Ammon-Locken und spitzen, aber ebenfalls vollem langen Bart, jedenfalls ein Fremder, und zwar seinem Dialekt nach ein Oesterreicher. An dem linken Zeigefinger trug er einen großen Siegelring mit einem rothen geschnittenen Stein, auch einen vielleicht echten Brillant im schwarzen Halstuch (der Commerzienrath war kein Kenner von Steinen) und den Rock mit einer Reihe Knöpfen bis oben an die Tuchnadel zugeknöpft.

Der Commerzienrath Mahlhuber saß auf dem Sopha, sein dunkelbrennendes Talglicht mit einer großen Schnuppe daran vor sich, und starrte in tiefen Gedanken auf den Lesenden, der seiner gar nicht weiter achtete. Das vor ihm brennende Licht warf dabei einen röthlichen zitternden Schein auf ihn, der den Umrissen des Körpers ordentlich Bewegung gab und wie ein leises Zucken aussah, und die tiefen Seufzer, die er zu gleicher Zeit nur mühsam zu unterdrücken schien, bis er sie nicht mehr bewältigen konnte, wurden dem kleinen gutmüthigen Manne zuletzt selber unheimlich.

Der Fremde war gewiß recht unglücklich -- hatte vielleicht einen schmerzlichen Brief aus der Heimat erhalten und saß nun brütend darüber. -- Aber, lieber Gott, er konnte ihm nicht helfen, er hatte seine Hände schon in mehr fremden Affairen als ihm lieb war, und der arme Teufel mochte sehen, wie er selber mit seinem Antheil Leiden fertig würde. Jeder Mensch hat überhaupt sein Pack zu tragen, der eine schwerer, der andere leichter -- er schleppte die Leber- und Balggeschwulst, wenigstens die Folgen davon -- sein +vis-à-vis+ wand sich wahrscheinlich unter anderm Kummer.

Ueber dem Denken wurde er müde, bezwang sich aber doch noch und würde eigentlich am liebsten abgewartet haben, daß der Fremde zuerst zu Bett gegangen wäre. Da fing dieser auf einmal an zu gähnen und der Commerzienrath sah kaum die Bewegung, als auch bei ihm die Kinnladen an zu arbeiten fingen und er sich gar nicht wieder zufriedengeben konnte.

»Sie werden schläfrig«, sagte der Fremde.

»Ich? Bitte um Verzeihung, es zog mir nur so --«, wieder unterbrach das Gähnen jede vielleicht beabsichtigte Bemerkung, »es zog mir nur so durch die Kinnbacken. Das kommt aber von einer Erkältung, die ich mir neulich zugezogen; auf Leber und Kinnbacken wirft sich bei mir Alles, ich leide an der Leber.«

»So?« sagte der Fremde, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen.

»Ja«, sagte der Commerzienrath seufzend, »meine Leber ist drei Zoll zu groß -- sie paßt mir nicht mehr und trägt sich auch nicht ab -- sie wird immer größer, bis sie mir einmal das Herz abdrückt.«

Der Fremde stieß einen tiefen kläglichen Seufzer aus, erwiderte aber nichts, bis Herr Mahlhuber, der sich doch späterer Reiseerinnerungen wegen davon in Kenntniß zu setzen wünschte, mit wem er eigentlich eine Nacht in ein und demselben Zimmer geschlafen, sehr höflich sagte:

»Apropos, verehrter Herr, mit wem habe ich denn eigentlich das Vergnügen so naher Nachbarschaft?«

»Doctor Wickendorf aus Wien«, sagte der Fremde, ohne von seinen Papieren aufzusehen.

»Aus Wien -- ih sehen Sie einmal an!« rief der Commerzienrath, von einem neuen Gedanken ergriffen; »ich habe in der That schon einmal daran gedacht, nach Wien zu reisen, um -- hm, das träfe sich ja wirklich ganz ausgezeichnet und könnte als ein gütiger Wink der Vorsehung gelten, die uns hier so glücklich zusammengeführt. Darf ich mir eine Frage an Sie erlauben?«

»Was wünschen Sie?« fragte der Fremde langsam über das Licht hinwegsehend, erstaunte aber nicht wenig, als sein Schlafkamerad, der vom Sopha aufgestanden war, mit niedergebeugtem Kopfe, als wenn er ihn hätte widderartig vom Stuhle stoßen wollen, auf ihn zukam.

»Bitte, fühlen Sie einmal hierher«, sagte der Commerzienrath, als er dem Fremden so nahegekommen war, daß dieser schon von seinem Stuhle aufspringen wollte, indem er ihm den niedergedrehten Kopf hinhielt und mit seinem rechten Zeigefinger in die Nähe seines Scheitels deutete. »Thun Sie mir die Liebe und fühlen Sie einmal hierher.«

»Aber was wollen Sie nur?«

»Hierher, wenn ich bitten darf -- noch ein wenig mehr rechts -- so, das ist der Platz, fühlen Sie da nichts?«

»Nein.«

»Gar nichts, keine Erhöhung?«

»Nein, eher ein Loch --«, sagte Doctor Wickendorf. »Sie haben sich wol im Heraufkommen an die Treppe gestoßen?«

Der Commerzienrath stöhnte tief auf.

»An die Treppe gestoßen?« wiederholte er seufzend, »gäbe Gott, es wäre weiter nichts als das, aber ich wollte schon lange einmal einen der berühmten wiener Aerzte consultiren, und das Schicksal scheint mir jetzt günstig zu sein. Meine Leber ist nämlich drei Zoll zu groß«, fuhr der Commerzienrath, als ihn der junge Mann unterbrechen wollte, rasch fort. »Ich leide an einer speckigen Entartung der Leber, die ich an Rippen, Zwerchfell und Magen anstoßen fühle. Das Schlimmste aber dabei, was mir mein Hausarzt nicht zugestehen will, ist eine damit in Verbindung getretene, früher operirte Balggeschwulst.«

»Herr, thun Sie mir den Gefallen und seien Sie still«, rief Doctor Wickendorf, indem er ein Gesicht schnitt, als ob er Aloe verschluckt hätte -- »ich kann so etwas nicht hören, es wird mir immer gleich übel.«

»Uebel?« rief der Commerzienrath -- »ein Arzt und übelwerden -- fühlen Sie nur hier -- die Balggeschwulst war etwa von der Größe eines Taubeneis, leicht beweglich unter den Fingern, und --«

»Aber was geht das mich an!« rief der junge Mann im Ekel abgewandt, »ich bin ja doch kein Arzt, daß Sie mich mit solchen höchst fatalen Dingen quälen.«

»Kein Arzt?« rief der Commerzienrath wirklich überrascht, »sagten Sie mir denn nicht selber, daß Sie ein Doctor wären?«

»Ich bin Doctor der Philosophie, aber kein Arzt«, brummte der junge Mann ärgerlich vor sich hin.

»O da bitte ich tausend mal um Entschuldigung «, sagte der kleine Mann sehr erschreckt und glitt, während der misverstandene Doctor über seinen Scripturen weiterbrütete, in seine Sophaecke zurück.

Es wurde ihm aber unheimlich, auch vielleicht langweilig, dem stillen düstern Gesellen gegenüber so dazusitzen und nicht einmal von seiner Leber reden zu dürfen. »Doctor -- kein Mensch sollte eigentlich die Erlaubniß bekommen, sich Doctor nennen zu dürfen, wenn er nicht wirklich Arzt ist, denn das muß ja zuletzt eine sträfliche Confusion geben. Und der Mensch hatte gar kein Gefühl für Anderer Leiden«, setzte er in seinen Gedanken, dabei ernstlich mit dem Kopfe schüttelnd, hinzu, »ekelt sich, wenn ihm ein Mitmensch Das erzählt, was ihn drückt -- und ist noch grob dazu. Ich werde zu Bette gehen.« Und mit einem tief aus der Brust heraufgeholten Seufzer beschloß er diesen guten Vorsatz auch augenblicklich auszuführen.