Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Chapter 4

Chapter 43,666 wordsPublic domain

»Wer ist auf dem Tische?« fragte der Commerzienrath, plötzlich munter werdend und sich wie aus einem Pistol geschossen in seinem Bette aufrichtend. »Heilige Mutter Gottes!« setzte er dann stöhnend hinzu, als ihm die Erlebnisse der letzten Nacht wieder in der Erinnerung auftauchten, »bin ich nicht am ganzen Leibe wie gerädert und zerschlagen. Und deshalb habe ich die Post weiterziehen lassen, hier eine ordentliche Nachtruhe zu halten, und nun -- aber der Mamsell will ich meine Meinung sagen -- wo ist die Mamsell?«

Der Mann aber, an den er die Frage zu richten gedachte, hatte sich, nachdem er seine Pflicht erfüllt und den curiosen Reisenden geweckt, dessen Kleider gereinigt auf dem Stuhle lagen, dessen Stiefel blank und blitzend vor dem Bette standen, wieder zu seinen andern Geschäften zurückgezogen, und dem Commerzienrath Mahlhuber blieb nichts übrig, als seinen Grimm noch auf kurze Zeit zu verbeißen und sich vor allen Dingen in die Kleider zu werfen. Himmel, wenn er den Postwagen versäumte und am Ende gezwungen gewesen wäre, noch eine Nacht in diesem Hause, in dieser entsetzlichen »grünen Stube« zuzubringen. Aber er hatte noch Zeit genug, und den dienstbaren Geist, der in Erwartung eines Trinkgeldes heute Morgen sehr flink bei der Hand war, wieder heraufrufend, ließ er ihm das Gepäck hinunter ins Packzimmer tragen, damit es gewogen und weiterbefördert werden konnte.

Den Leuten unten aber, und besonders der Mamsell, wollte er einmal tüchtig seine Meinung sagen über eine solche Behandlung -- er hatte sich den Rock schon bis oben hinauf zugeknöpft, recht entschlossen und determinirt auszusehen, und ging wirklich ein paar mal in seinem kleinen Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab, die Zornesworte sich zu wiederholen, die er gegen sie auszuschleudern gedachte. War das eine Behandlung für einen anständigen Mann, den Commerzienrath aus dem Spiele zu lassen? war es nicht niederträchtig einem Kranken den so nöthigen Schlaf förmlich abzustehlen, indem man nicht etwa Hunde zu ihm ins Zimmer that, nein, ihn förmlich in eine ganze Sammlung von kleinen nichtswürdigen winselnden heulenden Kröten hineinsperrte, als wenn man es darauf abgesehen habe ihn zugrunde zu richten? »Sie -- Mamsell, Sie«, wollte er sagen und sie dabei mit einem durchbohrenden Blicke ansehen, »wie dürfen Sie sich unterstehen --«

»Der Kaffee ist fertig«, meldete der Hausknecht wieder, den Kopf über der Treppe zeigend, »und wenn Sie nicht gleich kommen, können Sie keinen mehr trinken.«

Keinen Kaffee trinken -- der ganze Tag wäre ihm verloren gewesen, und rasch seine Reisemütze aufgreifend, stieg er mit schnellen entschlossenen Schritten, die aber vorsichtiger wurden, als er die etwas steile Treppe erreichte, hinunter.

Die Mamsell stand unten an der Treppe, und mit ihrem freundlichen Lächeln und einem verschämten Blicke die Augen niederschlagend -- sie dachte wahrscheinlich des Moments, in dem sie einander gestern Abend zum letzten male gesehen -- sagte verbindlich:

»Wünsche herzlich wohl geruht zu haben und wollen Sie jetzt nicht gefälligst nähertreten und Ihren Kaffee einnehmen?«

Wohl geruht zu haben -- nun auch noch Hohn zu alledem! -- Wohl zu ruhen zwischen siebzehn Hunden, ohne die Alte, das war zu arg, und jetzt sollte sie es bekommen. »Liebe Mamsell«, sagte der Commerzienrath mit einer Stimme, der sich aber Rührung über das erlittene Unrecht beimischte, und die deshalb viel weicher klang als es überhaupt in seiner Absicht gelegen, »liebe Mamsell, ich möchte Sie sehr bitten --«

»Ach, verehrtester Herr Mahlhuber«, unterbrach ihn aber die Mamsell rasch und fast ärgerlich, »Sie haben ja gar nicht um Entschuldigung zu bitten -- ich war ja eigentlich Schuld daran.«

»Um Entschuldigung bitten?« fragte der Commerzienrath, dem in dem wärmern Zimmer die Brille angelaufen war, indem er den Kopf niederbog, über die Gläser wegzusehen, »um Entschuldigung bitten --«

»Ich glaubte Sie hätten sich lange zur Ruhe begeben -- und wagte deshalb --«

»Ruh' begeben?« wiederholte der Commerzienrath und bog sich immer mehr herunter, den Ausdruck in der Wirthin Gesicht zu sehen, »glauben Sie, verehrteste Mamsell, daß man sich überhaupt zur Ruh' begeben kann, wenn man das ganze Zimmer voll Hunde hat?«

»Voll Hunde, Herr Mahlhuber? -- Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, wie so denn voll Hunde?«

»Wenn man berechtigt ist«, sagte der Commerzienrath seinen Grimm jetzt an dem mehr zugänglichen Kaffee auszulassen, indem er zum Tisch trat, sich eine Tasse einschenkte und während des folgenden Gesprächs trank, »fast anderthalb Dutzend mit dem Beiwort "voll" zu belegen, so kann ich verantworten, was ich behaupte; wollen Sie so freundlich sein und mir meine Rechnung geben?«

»Anderthalb Dutzend Hunde? -- aber bester Herr Mahlhuber -- bitte -- 2 Gulden 15 Kreuzer macht das Ganze -- anderthalb Dutzend Hunde? -- wir haben nur einen einzigen kleinen jungen Pudel im Hause, den der Herr Postmeister vorige Woche erst mit von Bamberg gebracht hat.«

»Einen einzigen?« rief Herr Mahlhuber entrüstet, indem er das Geld für sein Abendessen und Nachtquartier auf den Tisch legte, »nennen Sie das einen einzigen? -- siebzehn, sage ich Ihnen, siebzehn habe ich in dieser einen unglückseligen Nacht mit eigenen Händen unter meinem Bette vorgeholt und aus der Thür geworfen, und -- die Alte ist vielleicht noch oben.«

»Siebzehn Hunde?« rief die Mamsell, das Geld erst überzählend und einsteckend und dann die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, »siebzehn junge Hunde?«

Der Commerzienrath nickte durch die Tasse Kaffee durch, die er gerade an den Lippen hielt.

»Aber wir haben nur einen einzigen im Hause, der allerdings immer da oben liegt und den ich gestern ganz vergessen hatte.«

»Wollen Sie mir meine fünf Sinne und die schlaflose Nacht abstreiten?« rief der Reisende.

»Ach du mein Himmel!« rief die Mamsell, der jetzt plötzlich ein Licht über das Ganze aufzugehen schien, »da ist die kleine Kröte immer wieder durch das eingeschnittene Loch ins Zimmer gekommen.«

»Was für ein Loch?« rief der Commerzienrath erschrocken.

»Was der Herr Postmeister hat oben in die Wand schneiden lassen, damit das kleine Thier die Stube nicht verunreinigen soll, wenn die Thür verschlossen wäre.«

»Und Sie haben nur einen Hund?«

»Nur einen einzigen in der Welt.«

»Und da hätt' ich die kleine infernalische Bestie siebzehn verschiedene male zur Thür hinausgeworfen und jedesmal hinter ihr abgeschlossen, während sie zu dem verdammten Loche wieder hereinkam?«

Die Mamsell wollte etwas darauf erwidern, als in dem Augenblick die heranpolternde Post und das fröhliche Blasen des Postillons sie abrief. Froh vielleicht, einem so unangenehmen Gespräch enthoben zu sein, sprang sie rasch hinaus, nach den neuen Passagieren zu sehen, ob sie vielleicht etwas verlangten, und der Commerzienrath hatte ebenfalls keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren, seine Passage und Ueberfracht zu bezahlen und einzusteigen.

Wie er gerade von dem Hausknecht gefolgt, der seine Utensilien trug, aus der Thür treten wollte, saß der kleine Pudel ihm mitten im Wege und kratzte sich mit dem nur zu gut gekannten Winseln den wolligen Pelz. Der Commerzienrath hob auch in der That schon den Fuß, die kleine Bestie wenigstens in etwas für die schlaflose Nacht auszuzahlen, aber seine angeborene Gutmüthigkeit siegte; tief aufseufzend umging er den sich wenig oder gar nicht um ihn bekümmernden Pudel, der seine Beschäftigung ruhig fortsetzte, und bestieg, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, den Postwagen.

6.

+Die verhängnißvollen Schuhe.+

Die vorige unruhige Nacht hatte den sonst an seine ununterbrochenste Ruhe und jede Bequemlichkeit gewöhnten Mann so mitgenommen, daß er seine neue Reisegesellschaft, ohne sich auch nur im mindesten um sie zu bekümmern, kaum begrüßte, sondern sich nur in die Ecke zurücklehnte und die Augen schloß, das Versäumte jetzt wenigstens in etwas und nach besten Kräften nachzuholen. Das Glück war ihm diesmal auch günstiger, seine Mitpassagiere nickten ebenfalls hüben und drüben in den Ecken, und der Commerzienrath schlief fest bis nach Burgkundstadt hinein, wo sie um 2 Uhr Nachmittags eintrafen und etwas später mit dem abgehenden Eisenbahnzuge nach Bamberg befördert werden konnten.

Hier aber begann wirklich ein anderes Leben für den Commerzienrath; in seinem ganzen Leben war er noch auf keiner Eisenbahn gefahren, und auch das Kleinste, Unbedeutendste, was mit derselben in Verbindung stand, bis auf die geflügelten Räder der Knöpfe und Mützenzierrathen hinunter, interessirte ihn. Gerührt schien er ordentlich über die Gefälligkeit der ihm doch wildfremden Menschen, seinen Regenschirm oder was er sonst in der Hand hielt, zu tragen -- wer hätte sich selbst in Gidelsbach so weit um ihn bekümmert, und er streute die Kreuzer nur so um sich her. Er bedurfte aber auch fremder Menschen, ihn und sein Gepäck wieder richtig an Ort und Stelle abzuliefern, daß er die Restauration und das Gepäckzimmer, den Billetverkauf und sein Coupé fand. Behaglich dort in eine Ecke und das weiche Polster gedrückt, hörte er mit einem eigenthümlichen unheimlichen Wohlbehagen das scharfe Pfeifen der Locomotive, fühlte die Wagen anziehen und sah sich gleich darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen mit einer Schnelligkeit fortgerissen, von der er früher allerdings keine Ahnung gehabt.

Das Coupé war ziemlich voll und der Commerzienrath befand sich zwischen einer ganzen Anzahl von Damen, die, schon eine längere Strecke zusammengefahren, miteinander flüsterten und schwatzten und sich heimlicherweise ihre Bemerkungen über den frisch eingestiegenen Mitpassagier in die Ohren flüsterten. Mit ihm zugleich gekommen war ein junges bildschönes Mädchen von vielleicht 18 oder 19 Jahren, und die im Wagen Sitzenden mußten natürlich glauben, wovon Commerzienrath Mahlhuber auch nicht die Ahnung hatte, daß sie Beide zusammengehörten. Die verschiedenen Ansichten boten jetzt ungemeines Interesse, ob sie ein jung verheirathetes Paar oder Vater und Tochter sein könnten.

So unschuldig aber auch Freund Mahlhuber unter diesem förmlichen Schauer von Vermuthungen saß und sich nur für Alles interessirte, was mit der Bewegung und Einrichtung der Bahn und der verschiedenen Wagen selber wie ihrer Fortbewegung in Verbindung stand, so aufmerksam hatte das scharfe Ohr seiner jungen Nachbarin die einzelnen Worte hier und da aufgefangen, und ihre Blicke hafteten mehre male, solange sie das unbemerkt thun konnten, auf ihrem Nachbar.

Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen enganschließenden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitränderigen Strohhut mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm stützte. Sie sah aus wie eine junge Dame, die ein paar Stationen fährt, irgend Verwandte zu besuchen, dort vielleicht ein oder zwei Nächte zu bleiben und dann in demselben Kleide nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im Coupé keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmüthigen Lächeln des Commerzienraths spurlos vorüberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das große dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ängstlich fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wünsche oder ob er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natürlich nicht wäre, frappant ähnlich sähe. Sie drehte jedoch das Köpfchen gleich darauf wieder leise erröthend nach der andern Seite, und er dachte nicht weiter daran.

»Es ist jedenfalls Mann und Frau«, sagte indessen die eine alte Dame auf der andern Seite des Coupé, die sich zu der ihr gegenüber Sitzenden mit dem Oberkörper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu schreien brauche, »sie reden fast gar nicht miteinander und die junge Frau dreht nur manchmal das Köpfchen nach ihm herum, zu sehen was er für ein Gesicht macht.«

»Der alte Esel hätte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so jungen Dinge denken sollen -- wenn's wahr ist --« sagte die Andere.

»Ich möchte nur wissen wie lange das dauern wird«, meinte die Erste wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber augenblicklich anscheinend gleichgültig zum Fenster hinauswarf, als sie deren Auge fest auf sich geheftet fand; »sie kann das doch nicht gehört haben«, setzte sie schnell und leise hinzu.

»Und was wär's?« sagte die Andere, den Kopf hinüberwerfend, »Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung, sollt' ich denken.«

Die dem Commerzienrath gegenübersitzende Dame hatte indessen kaum einen Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit den Füßen unter sich gefühlt und bald ihre Röcke beiseite gedrückt und an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.

»Suchen Sie etwas?« fragte dieser endlich gefällig, und sie hatte wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.

»Ach das ist mir sehr fatal«, sagte die Dame, »ich muß meine Ueberschuhe zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit meinen dünnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten.«

»Wenn Sie mir erlauben«, sagte der Commerzienrath und machte einen verzweifelten, wenn auch völlig erfolglosen Versuch sich zu bücken, »so will ich selber einmal nachsehen.«

»O bitte, bemühen Sie sich nicht -- ach das ist mir doch recht fatal«, sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und blühend aussehende Frau.

»Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt«, sagte der Commerzienrath seufzend, »man muß so Manches entbehren, dessen Nützlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es vermißt.«

»Ja, und besonders wenn man leidend ist«, sagte die junge hübsche Frau mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster hinaussah; »ich kann mir den Tod holen in meinen dünnen Schuhen.«

»Es ist unendlich fatal«, sagte der Commerzienrath und sah noch einmal nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede Aussicht nach unten rettungslos versperrten.

»Ich gehe nie in Zeugstiefeln«, sagte eine dicke Dame in einem papagaigrünen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem Gesichte und einem Paar entsetzlich großer emaillirter Ohrringe, die rechts und links aus dem Hute heraushingen -- sie saß dicht neben der jungen Frau, dem Commerzienrath schräg gegenüber, und hatte indessen eben eine gestrichene Semmel mit Käse beendet, die einen warmen unangenehmen Geruch im Coupé verbreitete --; »ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu heiß. Durch die Ueberschuhe verdirbt man sich die Füße. Männer tragen sie und mögen sie tragen -- Männer rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe für etwas Unweibliches.«

Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte verstanden, nahm das wunderbarerweise für ein ihm gemachtes Compliment, wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:

»Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich mein kränklicher Zustand mich wol dabei würde entschuldigt haben. Dorothee, weiß ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber ich sträubte mich hartnäckig dagegen -- ich habe Frostballen am linken Fuß.«

»Dorothee heißt sie«, sagte die eine Dame an der andern Seite des Coupé leise zu ihrer Freundin.

»Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen kränklichen Zustand hätten«, erwiderte ihm die dicke Dame mit den großen Ohrringen. »Es ist merkwürdig was die Männer immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben.« Und sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein, der wußte, daß er sie zu fodern hatte.

»Nun, ich weiß doch nicht«, meinte der Commerzienrath, und in der Furcht in dem Klappern des Wagens nicht gehört zu werden, schrie er dabei etwas mehr als gerade nöthig gewesen wäre; »ich zum Beispiel leide, nach einer sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im Hintergrunde für mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir große Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat.«

»Ueberdrofi?« fragte die dicke Frau erstaunt, »wer hat schon in seinem Leben von Ueberdrofi gehört? Was sie jetzt für verrückte Namen für alle Krankheiten haben!«

»Es ist eine speckige Entartung der Leber«, sagte der Commerzienrath rasch und sehr erfreut, die Dame mit den großen Ohrringen in etwas belehren zu können, »eine Art Fettleber, die, völlige drei Zoll zu groß für den übrigen Bau meines Körpers, an Rippen, Zwerchfell und Magen anstößt und mir die bedauerlichsten Unbequemlichkeiten veranlaßt. Ein Fahren im Wagen ist mir deshalb von meinem Arzte als eine Art Passivgymnastik besonders empfohlen worden.«

»Als was?« fragte die dicke Dame und sah ihn groß und erstaunt mit ihrem vollen rothen Gesicht an.

»Als eine Art Passivgymnastik.«

»Das Fahren?«

»Ja wol --«

»Nun Gott sei Dank«, sagte die dicke Dame und warf wieder einen Blick umher wie vorher, »und reist ihre Frau auch auf Passif--, wie hieß das Andere?«

»Gymnastik -- meine Frau?« setzte der Commerzienrath überrascht hinzu und die andern Damen steckten die Köpfe zusammen. Ehe er aber noch etwas weiter darauf erwidern konnte, pfiff die Locomotive, der Zug ging langsam und die junge hübsche ihm gegenübersitzende Frau mit den vergessenen Ueberschuhen stand auf, ihr Umschlagetuch, das zurückgefallen war, wieder über die Schultern zu nehmen.

»Sie wollen uns hier schon verlassen?« fragte der Commerzienrath, während die dicke Frau sich von ihm abbog und ihre Nachbarin zur Rechten, in einem Versuch der an der andern Ecke sitzenden Dame etwas zuzuflüstern, fast erstickte.

»Ja, ich gehe nur bis Hochstadt«, lautete die Antwort, während die Sprecherin aus dem Fenster und nach den Wolken schaute; »lieber Gott im Himmel«, setzte sie dabei ängstlich hinzu, »da hinten steigen wirklich schon Wolken auf und wenn wir noch mehr Regen bekommen, bin ich verloren.«

»Sie werden sich ein Paar andere Schuhe kaufen müssen«, sagte der Commerzienrath wohlmeinend, »es wird wirklich das Beste für Sie sein.«

»Ach das viele Geld so hinauswerfen«, sagte die kleine Frau seufzend, »es wird mir aber am Ende nichts Anderes übrigbleiben, und ich glaubte so fest, daß ich sie mithätte.«

»Nun vielleicht finden sie sich noch«, suchte sie Herr Mahlhuber zu trösten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coupé geöffnet wurde, mit freundlichem Gruß aus.

»Station Hochstadt!« sagte der Conducteur. »Der Zug wird gleich wieder fortgehen.«

Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als draußen ein Kellner mit Bier vorüberkam. Herrn Mahlhuber durstete, ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber entschuldigte, fortwährend, und er gedachte nicht eine so gute Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu löschen. Wie er aber ausstieg warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu versäumen, der den Augenblick wieder abgehen würde.

»Nur einmal trinken, lieber Freund«, sagte der Commerzienrath bestürzt, »ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro--«

»Ja von der kommt's«, lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug leerend und sich den Bart wischend, »das weiß der Henker, die ist immer trocken«, und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er seinen Geschäften nach den Zug hinunter.

Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe, sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen Pfiff that, in das Coupé zurück, solche Angst hatte er dagelassen zu werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben noch zum Fenster hinaussah, pfiff es draußen wirklich und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgebäuden vorüberfuhren, sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, draußen nicht weit von den Schienen stehen. In dem Augenblick berührte aber auch zufällig sein Fuß etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch, in der Erregung des freudigen Gefühls, ein gutes Werk zu vollführen, und selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar Knöpfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfaßte wirklich zwei dort stehende große Schuhe.

»Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame!« rief er in vollem Jubel hinaus.

»Ach, ist es möglich?« rief die junge Frau und streckte die Arme danach aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm für seine Gefälligkeit, als er sich noch lächelnd nach ihr hinaus aus dem Fenster bog, dankte.

»Herr, sind Sie des Teufels?« schrie in dem Augenblick die dicke ihm schräg gegenübersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn und Aufregung. »Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen -- halt da! -- halt -- halt!« schrie sie dabei und drängte sich in wilder Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit Keilkraft auseinandertreibend; »halt!« schrie sie, sehr zum Ergötzen der draußenstehenden Bahnwärter und Arbeiter, denn an den Gebäuden waren sie schon vorüber, »halt, meine Schuhe -- ich muß meine Schuhe haben -- ich kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!«

Grinsende Gesichter der Draußenstehenden waren Alles, was man ihr darauf antwortete. »Brrrr!« riefen wol Einige, in boshaftem Spotte die Locomotive mit einem durchgehenden Pferde vergleichend, und ein Anderer stellte sich hin und ahmte mit den Armen das Arbeiten eines Telegraphen nach, der in gewaltiger Eile irgendeine wichtige Botschaft meldet; aber Mitleiden durfte sie von den Leuten nicht erwarten -- noch weniger ihre Schuhe, und wenige Secunden später hatte der Zug die Station weit und unerreichbar hinter sich.

»Herr, Sie sind werth, daß man Sie hinter den Schuhen her würfe«, wandte sich jetzt der Grimm der dicken Frau gegen den entsetzten Commerzienrath, der sich im Anfange noch nicht einmal recht in das Unheil, das er angerichtet, hineindenken konnte, »jetzt kann ich barfußlaufen.«

»Aber ich denke Sie tragen keine Ueberschuhe«, rief der entsetzte Mann, der sich, in der peinlichsten Lage von der Welt, nur noch an diesen letzten Hoffnungsanker klammerte.

»Ueberschuhe -- wer redet von Ueberschuhen!« schrie die Frau, den jungen semmelblonden Mann fest in seine Ecke hineindrückend, »daß der Böse Ihre Ueberschuhe hole; meine Schuhe haben Sie hinausgeworfen.«

»Ihre Schuhe?« fragte der Commerzienrath in unbegrenztem Erstaunen, während die andern Frauen untereinander lachten und kicherten, »aber wie ist das möglich?«

»Möglich?« wiederholte die gereizte Dame mit blitzenden Augen, »möglich? Ich hatte sie abgezogen, weil sie mir zu heiß wurden -- ich leide an heißen Füßen; jetzt sitz ich in Strümpfen.«

»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen!«

»Gehen Sie zum Teufel mit ihren Bitten!« schrie die gereizte Frau und das Gesicht wurde ihr ordentlich braun in der furchtbaren Aufregung; »nun sitz' ich hier barfuß und kann mir den Tod holen, bis ich nach Bamberg komme.«

»Aber ich gebe ihnen mein Ehrenwort --«