Herr Wenzel auf Rehberg und sein Knecht Kaspar Dinckel
Part 2
Dieses war ein Umstand / der mich sehr in Aufregung brachte / denn ich hatte wohl eingesehen / daß hier am Hofe alles nach einer strengen Ordnung vor sich ging und nichts ohne Bedeutung geschah. Deshalb überlegte ich / es müsse wahrscheinlich kein Geringes sein / wozu mein Oheim Granvella mich ausersehen habe / weil er mich das Quartier solch eines hochgeborenen Herrn beziehen ließ.
Als dann mein Waffenknecht mit dem Reisesack kam / sah ich mich schon als einen Obristen über fünf Fahnen wie den Dux / mit einer breiten Feldschärpen um den Leib / und eine goldene Gnadenkette hatte ich mir auch schon um den Hals gedacht. Während ich auf dem schöngedielten Boden hin und her ging / war ich meinen Hoffnungen völlig dahingegeben / die mich gepackt hatten und all mein Denken in die Ferne schleiften. Ich warf mich endlich gar vor dem Kruzifix / das ob dem Bette hing / in die Knie / um den Heiland anzuflehen / er möge mir soviel Ehre geben / als ein braver Edelmann nur immer in des Kaisers Diensten gewinnen könne / und dabei stand auf einmal der schöne Herr Philippe de Beaume vor meiner Seele. Ich sah ihn mit den blütenweißen Spitzenkragen / den Borten am Kleide / mit seinem munteren / von der Wichtigkeit der Aufwartung angestrafften Gesicht / und ich dachte mir aus / daß es auch mir dereinst könne gewährt sein / dem Kaiser das Federkielchen zu reichen / wenn er gespeist hatte.
Mein Waffenknecht / der ein stiller / unterwürfiger Mann war / ließ mich zufrieden / da er mich so in mich selbst versunken sah / und ordnete nur schweigsam / auf den Fußspitzen hin und her gehend / meine Habseligkeiten. Wie ich aber dann meine Kleider musterte und bekümmert überlegte / daß es doch ein gar zu unansehnlicher Staat sei / unterfing er sich mich anzureden.
»Ein tolles Wesen / hier in Augsburg ... gnädiger Junker« / meinte er leise.
»Schön ist's / lieber Jakob« / sagte ich darauf / so recht aus meiner Freude heraus.
»Hab' dergleichen mein Lebtag nicht gesehen« / ließ er sich wieder vernehmen.
»Dein Herr auch nicht« / gab ich ihm zurück.
»Ich muß den Herrn noch um Verzeihung bitten / daß ich am Tor nicht zur Stelle gewesen« / sprach Jakob weiter. »In dem höllischen Treiben hier hab' ich mich so verwirrt / daß ich nicht aus noch ein wußte... ist aber ein tüchtiger Kerl / der Euer Gnaden Pferd am Zügel hielt.«
Bei diesen Worten erst fiel mir der Fuhrknecht wieder ein / und mit einer seltsamen Rührung mußte ich des zärtlichen Spieles mich erinnern / das er mit seinen Gäulen getrieben.
»Hat er geschwatzt mit Dir und hast ihm was für seine Mühe gegeben?«
»Geschwatzt hat er gar nicht« / berichtete Jakob / »und was ich ihm geben wollte / hat er nicht genommen.«
»Warum nicht?«
»Er lachte mich aus und meinte / für Euer Gnaden sei es gern geschehen.«
»Hättest ihm trotzdem was geben müssen« / schalt ich.
»Ja geben« / erwiderte Jakob. »Er hat sich's nicht aufdrängen lassen. >Den lieben Herrn seh' ich schon wieder< / rief er und war weg.«
Mir war's ordentlich wie eine Freude / daß dieser Bursch mich einen lieben Herrn nannte. Und daß er's dem Jakob nicht gleich aufgebunden hatte / ich wolle ihn zu mir nehmen / erschien mir als eine zarte Handlung. Jetzt aber empfand ich es auch plötzlich sehr stark / daß ich mein Wort bei ihm gelassen und noch mit keinem Gedanken eingelöst hatte und ich wollte sogleich zu ihm senden / damit er mir seinen Hauptmann weise.
»Weißt Du wie der Bursche heißt?« fragte ich Jakob.
»Nein.«
»Also / er heißt Kaspar Dinckel und ist von den Fuhrleuten...«
In diesem Augenblick ward die Türe aufgestoßen / ein Page lief erhitzt herein und rief mir zu: »Der Bischof von Arras läßt Euch zur Tafel bitten. Folgt mir / so schnell Ihr könnt / ich soll Euch hinführen. Aber rasch. Die Herren sind schon bei Tisch.«
Dies neue Ereignis gab mir einen gewaltigen Ruck / daß ich ganz kopflos wurde / an nichts weiter mehr dachte und mich in großer Hast mit dem Knaben des Bischofs hinweg begab.
Wir hatten nur ein paar Schritte zu laufen und langten auch schon vor dem Hause an / wo der von Arras wohnte. Der Page die Treppe hinauf / immer voran / öffnete. Eine lang hingestreckte festliche Tafel schimmerte mir entgegen. Lärm / Gelächter / Rufen füllten den hochgewölbten Saal. Denn es waren gut ihrer vierzig Herren da beisammen. Diener / Mundschänken / Edelknaben huschten hin und her oder standen aufwartend hinter den Stühlen. Der Bischof hieß mich willkommen / hochmütig und kalten Tones wie ich ihn nun schon kannte. Er winkte einem Kavalier / der uns vom Tische her ansah und nun herbeikam: »Das ist mein Bruder Thomas / derselbe / der Euere Base Margarete zur Frau hat.« Herr Thomas Perrenot gab mir artig die Hand und sagte: »Es trifft sich gut / daß ich eben heute in Augsburg bin.« Es war ein vornehmer Herr von etwa dreißig Jahren / der den schwarzen Bart nach der spanischen Mode trug. Er war hochgewachsen / aber ebenso mager und bleich wie der Bischof. Damals diente er dem Erzherzog Max / demselben / der heutzutage als Kaiser über uns regiert. »Wie geht es meiner Base?« fragte ich / und es verdroß mich dabei / daß mir schon wieder vor diesen Enkeln eines Schlossers aus lauter Befangenheit der Atem stockte. »Ich hoffe gut« / sagte Thomas gleichgültig und schaute nach dem Sessel / den er eben verlassen. »Grüßt sie von mir und findet sie in Gesundheit wieder« / sprach ich und zwang mich dabei zu einem weltläufigen / gelassenen Ton. Er nickte kurz und trat von mir weg.
Zum erstenmal in meinem Leben saß ich nun in so erhabener Versammlung / speiste mit großen Herren und hatte eine Weile nichts zu tun / als darauf zu achten / wie sie sich untereinander auf spanisch / lateinisch / deutsch und französisch unterhielten.
»Ihr seid wohl eben erst nach Augsburg gekommen« / sprach mich mein Nachbar zur Linken an. »Ich sah Euch heute zum erstenmal / als der Kaiser tafelte.«
Das war ein blutjunger Mensch; kaum zwanzig / hatte ein fröhliches / vom Wetter ganz verbranntes Gesicht und lachte / wenn er redete / mit den braunen Augen.
»Wißt Ihr schon Euer Regiment?«
Und als ich bekannte / daß ich noch gar nichts wisse / riet er mir: »Macht / daß Ihr zu den Schwadronen des Markgrafen von Kulmbach kommt. Es ist eine Truppe / die der Kaiser liebt.«
»Steht Ihr bei dem Markgrafen?« fragte ich ihn.
Er lachte mit den Augen: »Ich bin ja sein Leutnant. Johann Schnabel von Schönstein / dem Herrn Junker aufzuwarten.«
Ich hielt mich an den Schnabel / weil er hier doch der einzige war / der mir Rede stand. Und er berichtete mir / daß er zwölf schöne Beutepferde besitze / Juwelen und Dukaten genug / daß der Markgraf von Kulmbach ein wilder / rauflustiger Herr sei / unter dessen Fahnen ein tapferer Offizier leichter als irgendwo zu Kriegsruhm und Gold gelangen könne. Mir flößte der Schnabel immer mehr Respekt ein / weil er / soviel jünger als ich / schon Leutnant und im Krieg gewesen war. Am meisten aber / weil er so dreist und mit so lachenden Augen von all den erlauchten Herren / die hier umhersaßen / zu reden wußte.
»Seht Ihr die zwei käsegelben Gesichter dort / die beiden Pfaffen / die neben dem Bischof sitzen / das sind die spanischen Beichtväter des Kaisers. Und dort der spitzschnauzige Kerl / dem das schwarze Haar bis zu den Augen herunterwächst. Das ist der Contarini / der Gesandte von Venedig. Er ist schlau wie ein Fuchs / bissig wie ein Wolf und frech wie ein Dachs. Aber ich mag ihn gerne leiden / denn ich weiß mir keinen andern / der dem Kaiser so ein Maul anzuhängen wagt wie er... Schaut Euch den Mann dort gut an... den alten / mit der Hexennase und dem traurigen Blick. Er hat eine Gewohnheit / sich unterm Tisch in den Hosenlatz zu greifen und zu kratzen / ist aber ein vielerfahrener und berühmter Feldhauptmann: der Wolf Fürstenberg; war lange in Castilien / noch unterm Vater des Kaisers... Der andere auch / der weißhaarige Spanier neben ihm / Gonzalez heißt er... Weiß Gott / wie alt der schon ist / nimmt aber noch jeden Abend einen Buben zu sich ins Bett und es wird einmal von den Pagen einer zu ihm in den Sarg steigen müssen / damit er sich nur überhaupt begraben läßt. Dort drüben sitzen alle die spanischen Kerls beisammen. Seht Ihr... alle ausgedörrt wie geröstete Pflaumen... Das schnappt uns hier die besten Gnaden weg / hat den Vließorden im Handumdrehen / und dabei kann man sterben mit ihnen vor Langeweile / so steif sind sie... Und jener Kleine dort / der aussieht / als wolle er jeden Augenblick vom Sessel rutschen...«
Ich hätte ihm gerne nur immer weiter gelauscht und hatte ein wunderliches Gefühl dabei aus Schrecken / Neugier und aufwachendem Verstehen gemischt. Aber der Bischof hob eben die Tafel auf. Es entstand ein allgemeines Stühlerücken / ein heftiger Lärm / da jeder seine Stimme nur noch lauter erhob / und während sie so miteinander schwatzten / durcheinander liefen / lachten und sich begrüßten, wurden die Tische von einem Dienerschwarm hurtig beiseite geschoben / an die Wand gerückt und die Stühle im Kreise aufgestellt. Man setzte sich wieder / ein jeder wo er gerade mochte / man plauderte in den Fensternischen und jetzt fingen sie wieder an / schweren Wein in hohen Krügen herumzureichen.
Ein stämmiger Mann mit einem feisten Gesicht und lockigem Vollbart überschrie alle anderen / so daß ich näher ging / um zu hören / was es gäbe. Er stand von anderen Generalen umringt und zeterte mit hitzigen Gebärden darauf los:
»Nein! Es paßt nicht für ihn / und es ist nicht gut für uns / diese verfluchte Kopfhängerei...«
Er trank in tiefen Zügen und ich fragte einen jungen Offizier / wer dieser Mann wohl sei.
»Den kennt Ihr nicht? Das ist der Markgraf von Kulmbach.«
Indem hatte ich überhört / was ein anderer dem Markgrafen entgegnet hatte. Der aber riß jetzt heftig den Becher von den Lippen und schaute zornig zur Seite:
»Von Geburt an? Hol' Euch der Teufel! Und warum war er dann bei Pavia so lustig / wenn er von Geburt an die Mieselsucht hat? Er muß nur wieder in den Krieg / versteht Ihr...?«
Der venezianische Gesandte saß gelassen da und mit pfiffigem Lächeln: »Ich hab' ihn in Neapel gesehen / Euern Kaiser« / sagte er / »da ist er auch recht von Herzen fröhlich gewesen / hat mit den Frauen karessiert und sich mit einem silbernen Zänglein die grauen Haare einzeln ausreißen lassen / damit er als ein junger Stutzer gefalle.«
»Nun also!« brüllte der Markgraf. »Krieg muß er haben und schöne Weiber! Gebt ihm beides / dann habt Ihr einen fröhlichen Herrn.«
»Ach was / ich kenn' ihn besser« / fuhr der Herr Philippe de Beaume auf. »Er hat's von seinem Lehrmeister / vom Croy. Der hat ihm als Kind schon das Regieren eingebläut / davon ist er in die Melancholie verfallen.«
»Hofschwatz!« schrie der Markgraf. »Hof- und Kammerschwatz!«
»Sei doch still / Kulmbach« / rief jetzt der alte Fürstenberg mit einer hellen / freundlichen Stimme. »Hat der Kaiser denn nicht Kriegsgloria genug / und kann er nicht grad' soviel Weiber haben wie der Großtürke? Sei nur still / lieber Kulmbach / da ist nichts zu machen. Er hat's von seiner Mutter...«
Der greise Gonzalez hob das kahle / verknitterte / vom Alter braungelbe Antlitz: »Die Königin Johanna...« sagte er mit dünnem / schleifenden Ton / »die Königin Johanna... da bin ich ja damals mit in Arragonien gewesen /... bei der Abgesandtschaft war ich / die für Castilien werben kam.«
»Was denn weiter?« fuhr ihn der Markgraf Kulmbach an.
Gonzalez horchte zu ihm hinüber / als könne er ihn nicht sehen: »Damals war ein großes Fest in Arragonien... da haben sie uns die schöne Prinzessin gebracht / und mitten im Saal ihr den Halsschmuck abgenommen... ja... da konnten wir ihre frischen / runden Brüste sehen... und unserem Herrn Philipp vermelden / daß sie wohlgestaltet sei...«
»Ihr hättet ihr lieber in das Herz schauen sollen / statt auf die Brüste...« meinte der Fürstenberg.
Plötzlich stand der Leutnant Schnabel mitten unter den Generalen: »Ihr habt sie vielleicht gekannt / Herr Graf?« fragte er und lächelte mit den Augen.
»Freilich...« gab ihm der Fürstenberg zurück. »Ich war ja dazumalen lange in Castilien und bin dabei gewesen / als König Philipp starb.«
»Ist es wahr / daß sie selbst ihn vergeben hat?« donnerte der Markgraf dazwischen.
»Wie meint Ihr?« fragte Fürstenberg ruhig.
»Nun / vergiftet soll sie ihn haben...« / schrie der Markgraf.
»Ihr seid sehr töricht / dergleichen laut gegen die Wände zu schmettern« / sagte Contarini spöttisch.
Schnabel ersah mich jetzt und blinzte mich fröhlich an: »Merkt auf! Merkt auf!« rief er zu mir herüber / »hier vernehmt Ihr die Welthistorie aus der Quelle.«
Mir wurde Angst / die Generale könnten es übel ansehen / daß ich so nahe dabei war und lauschte. Achtete aber niemand meiner geringen Person / sondern steckten alle nur die Köpfe zusammen / um den Fürstenberg erzählen zu hören.
»Sie hat's mit dem König arg getrieben« / sagte er halblaut / »und es ist kein Wunder / wenn ihr jetzt nachgeredet wird / sie habe ihn vergiftet. Laßt nur / Herr Contarini« / wandte er sich zu dem Venezianer / »in Castilien sprach damals jeder Mensch davon. Ich selbst habe es auch geglaubt und an den Kaiser Maximilian geschrieben. Denn die Arragonische ist von je eifersüchtig gewesen / und wenn die Wut sie erfaßte / hat sich der muntere Herr Philipp nicht zu helfen gewußt. Damals war ein junges Weibsbild am Hof / ein burgundisches Fräulein / schön... wir schauten alle nach ihr. Eines Tages fängt die Königin an / ihr Gemahl halte es mit der Burgunderin. Sie ist darüber ganz von Sinnen gekommen / hat sich den Kopf gegen die Wand gerennt / die Brüste geschlagen.«
»Die Brüste hab' ich gesehen...« pfiff Gonzalez dazwischen.
»Still... Ruhe...« riefen die anderen. »Weiter.«
»Und am nächsten Morgen« / fuhr der Fürstenberg fort / »am nächsten Morgen war der schöne / heitere Herr Philipp tot / war das burgundische Fräulein unter der Erde.«
»Weiter! Weiter!« Alle rückten näher heran.
»Ich weiß noch / daß ich die Königin jammern hörte / ehe ich noch den Palast betrat. Es war / wie wenn ein gestochenes Tier brüllte / ein Heulen und Winseln und rasendes Kreischen. Die Leute liefen zusammen / standen in den Höfen / auf den Treppen / in den Gängen... sie rührten sich nicht und waren alle versteinert von diesem Schreien.«
»Daß sie aber dann noch den Toten mit sich herumschleppte...« sagte Herr Philippe de Beaume mißbilligend in seiner kleinen / höflichen Weise.
Der Fürstenberg nickte ihm zu. »Die Königin war von Sinnen / denn sie grub sich in den festen Glauben ein / ihr Vater halte sie wie einst gefangen / um sie vom König Philipp zu trennen. Dann wieder kehrte sich all ihr Toben gegen Philipp: >Er lebt / er lebt< / schrie sie / >und buhlt mit einer anderen... deshalb werde ich hier eingesperrt!< So heftig kam die Raserei über sie / daß man für ihr Leben fürchtete. Da verfiel jemand / um sie zu retten / auf den Gedanken / man solle vor ihren Augen die Gruft öffnen / damit sie selber nachschauen könne / in wessen Armen ihr schöner Philipp ruhe. Also wurde sie nach Burgos geführt und alle glaubten / jetzt werde sie geheilt sein / jetzt werde sie endlich auf eine christliche Weise trauern. Sie aber fiel nur aus dem einen Wahn in den anderen. Kaum hatte sie den König durch die Glaswand des Sarges erblickt / als sie zu schreien anfing: >Herauf! Herauf! Du nicht allein dort unten / und ich hier oben nicht allein!< Und sie ruhte nicht / bis der Sarg gehoben und in ihr Zimmer getragen wurde. Dann lebte sie stiller / war getröstet / und man konnte zu ihr sprechen.«
»Habt Ihr das auch mit angesehen?« wollte der Schnabel wissen.
»Ja... Ich kam etliche Wochen später zur Königin / und fand sie in ihrer Stube mit dem Leichnam. Ich hab' damals geglaubt / mein Verstand gehe zum Teufel / wie ich sie so mit dem Toten Zwiesprache halten hörte. >Ach / der Fürstenberg ist da< / rief sie / als ich eintrat. >Er kommt vom Kaiser.< Dann vergaß sie mich wieder / und redete von anderen Dingen zu dem Toten. Der König lag da / in seinen Staatskleidern / wie lebendig. Seine Wangen waren frisch / seine Lippen rot / denn sie hatte ihn schminken lassen / und mich schauderte ... wirklich / mir wurde heiß und kalt / wie sie verliebt zu ihm redete / von den Heimlichkeiten ihres Bettes zu ihm flüsterte / ihm Vorwürfe machte / ihn bat und flehte / und wie er nicht hören wollte...«
»Nicht hören wollte« / lachte der Markgraf / »wenn er doch mausetot war...«
»Ihr habt gut lachen / mein lieber Kulmbach« / sprach der Fürstenberg darauf. »Hättet Ihr nur den König gesehen / wie er auf seinen Kissen lag / als ob er atmen würde. Seine Augenlider standen noch ein wenig auf / und es schien / als spähe er von der Seite her / lauernd nach der Königin / und auf seinen Lippen schwebte ein lebendiges / ein spöttisches Lächeln... da war es / als wollte er sich jetzt an ihr rächen / als sei er hart und grausam und unerbittlich gegen all das Schluchzen und Weinen ... da war es / als müsse es ihm ganz leicht sein / das Haupt zu wenden und ihren sehnsüchtigen Klagen ein gutes Wort zu geben. Aber als wolle er einfach nicht / und als zeige er ihr / daß er sie in Zeit und Ewigkeit verschmähe... Ja / mein lieber Kulmbach / ich hab' doch all' meine Vernunft zusammennehmen müssen / um mir vorzustellen / daß dieser Mann dort vor zwei Monaten gestorben / daß er weit / weit von uns entfernt ist / daß er nicht hört und nicht sieht und nicht fühlt und nicht denkt / und daß ich eigentlich mit der Königin ganz allein im Zimmer sei...«
»Einmal bin auch ich ihr so begegnet« / fing Gonzalez mit seiner dünnen / verknitterten Stimme an. Er saß tief in seinem Stuhl versunken / blickte ins Leere und redete nur vor sich hin: »Das war lange nach Philipps Tod... Jahre ... Mitten in der Nacht bin ich ihr begegnet / als ich mit meinen Truppen durch die galizischen Wälder von Orense her nach Astorga ritt... oder war es Braganza / wohin wir damals mußten? ... Ganz finster war es / und da kam sie auf einmal angejagt... die Fackeln leuchteten ... man konnte das Zaumzeug ihrer Maultiere sehen... am hellsten aber sprühten die Fackeln um den gläsernen Sarg... das war / als komme der König in Qualm und Feuer dahergezogen ... Meine Soldaten mußten sich am Wegrand aufstellen / daß der rasche Zug vorbei könne... alle bekreuzten sich und beteten laut... Ich aber ritt herzu und grüßte die Königin... da ließ sie die Bahre niedersetzen / ließ die Fackelträger herbeikommen / neigte sich zu dem Toten und erzählte ihm / daß ich da sei... Ich habe ihn angeschaut... er sah aus wie eine alte Puppe... ein wenig schadhaft war er schon... zwei Zähne lagen ausgefallen auf seiner Brust... die Halskrause war schmutzig und die Farbe auf seinen Wangen hatte Trockensprünge... >Er schläft< / sagte die Königin zu mir... >er schläft noch immer und das ist gut / denn er wird alle vergessen... im Schlafe ... alle anderen wird er vergessen haben / wenn er dann aufwacht... Wir müssen weiter...< meinte sie zum Abschied... >er will nach Miranda. Ich weiß / daß er nach Miranda will. Dort war auch einmal eine... und jetzt muß er dort schlafen / um auch die in Miranda zu vergessen...< Hernach ließ sie den Sarg heben. Sie lächelte gnädig / als sie mich entließ / und wir schauten ihr noch lange nach wie ihre Fackeln den finsteren Wald hinter uns ganz erleuchteten...«
»So ein Satan von einem Weibe...«
»Nein« / widersprach der Fürstenberg. »Es war nur eine Traurigkeit in ihrem Gemüt von jeher... Gott hatte die Pforten ihrer Seele verschlossen / daß sie verdunkelt blieb wie eine Kammer ohne Fenster / nur schwarze Gedanken krochen darin umher und ein Argwohn mit blinden Augen...«
»Trotzdem« / meinte einer / »die Arragonische wird schon im Recht gewesen sein / als sie das Weibsstück aus Burgund beiseite schaffen ließ...«
Da sagte der Fürstenberg laut: »Nein! Ihr irrt Euch! Das burgundische Fräulein starb ohne Schuld. Die war mit einem deutschen Offizier verlobt. Ich hab' ihn gut gekannt. Er hat sich umgebracht / am selben Tage noch. Und das Schlimmste daran / daß er gemeint hat / sie sei ihm wirklich mit dem König untreu gewesen. Die Wut der Königin hatte ihn angesteckt. Daß man seine Braut getötet hatte / galt ihm schon als Beweis und als Strafe ihrer Schuld.«
Der Venezianer sah scharf auf den Fürstenberg: »So denkt Ihr / all die Greuel seien um nichts geschehen... und der König war gleichfalls schuldlos?«
Auch der Fürstenberg maß den Italiener: »Das denke ich so wenig wie Ihr. Denn ich weiß es anders. Aber die arragonische Johanna hat es nie erfahren / wen König Philipp geliebt hat. Bei all ihrer Eifersucht / bei all ihrer Wachsamkeit... niemals...«
»Wißt Ihr es?« riefen einige zugleich.
»Ich weiß es...« sprach er leise. »Sie konnte keine Ruhe finden / als die Königin ihren Gatten aus der Gruft holte. Und wie dann Johanna mit dem Sarg in der Welt umherirrte / ist sie immer hinterdrein gefahren / kreuz und quer / ohne Rast. Jahrelang. Dann aber traf sie es besser und war als Reitbursche verkleidet heimlich im Gefolge der Johanna.«
»Warum denn? Was wollte sie...?« fragten etliche. Und andere wieder drangen in Fürstenberg: »Wer war sie? Wie hat sie geheißen? Sagt uns doch / wer sie war!«
»Das werde ich niemals verraten...« sprach der Fürstenberg und tauschte wieder einen Blick mit dem Contarini. »Aber was sie wollte / das war / den toten Geliebten nicht bei der anderen allein lassen... ihn sehen / solange die andere ihn auch noch sah. Und dann: wenn die andere den Leichnam mit verbuhlten Reden schändete / ihn mit Gebeten wieder reinigen.«
»Ja / konnte sie ihn denn immer sehen...?« fragte Herr Philippe de Beaume.
Und der Venezianer sagte plötzlich: »Immer! Von den vier Maultieren / die den Sarg trugen / ritt sie rückwärts das linke. Da hatte sie des Königs Antlitz stets vor sich...«
Der Fürstenberg aber wandte sich zu dem Markgrafen: »Da seht Ihr / mein lieber Kulmbach / von welch einer Mutter der Kaiser stammt...«
In der andern Ecke des Saales hoben jetzt die Musikanten ihr Spiel an und es stimmten auch von den deutschen Offizieren etliche mit Gesang ein. Die große Türe ward geöffnet und kamen etwa zwanzig junge Mädchen in den Saal. In lang herabschleifende / bunte Tücher gehüllt / schritten sie paarweise bis in die Mitte der leeren Runde. Sogleich entstand ein Gelächter / ein Zujauchzen / Schreien und Getöse an den Wänden ringsum. Die Hübschlerinnen grüßten lächelnd nach allen Seiten. Die Musik schwieg still. Da warfen sie sämtlich zugleich die Arme in die Höhe / daß die Tücher von ihnen abglitten / und nun standen sie nackend / so wie Gott sie geschaffen / vor der aufbrüllenden Versammlung.
In mir dröhnten noch all die neuen Worte / die düsteren Geschichten und dreisten Reden / die ich eben vernommen hatte. Jetzt blendete der jähe Anblick all der nackenden Mädchen meine Augen / und das Blut fing mir an in den Schläfen zu pochen. Es war nicht anders / als ob ein schwerer Nebel vor mir herabsinke / aber ich sah durch die Verschleierung meiner Sinne hindurch die weißen Leiber glänzen / die runden Hüften / die vollen Brüste mit den roten Beeren darauf / ich sah das Lächeln dieser Dirnen / ihre heißen Augen / und noch viel mehr / und ich begann mit den anderen zu lärmen / als nun die Mädchen beim Schall der Pauken und beim Tönen der Zimbeln ihren Tanz aufführten.
»Merkt auf / jetzt nehmen die spanischen Pfaffen Reißaus!« hörte ich den Schnabel flüstern.