Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten

Part 6

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Mariamne. Das Leben! Freilich! Das muß man sich sichern! Der Schmerz hat keinen Stachel ohne das!

Alexandra. So gib der Stunde wenigstens ihr Recht! Du gibst ein Fest, so zeig auch deinen Gästen Ein festliches Gesicht, wie sich's gebührt!

Mariamne. Ich bin kein Instrument und keine Kerze, Ich soll nicht klingen, und ich soll nicht leuchten, Drum nehmt mich, wie ich bin! Nein! Tut es nicht! Treibt mich, das Beil für meinen Hals zu wetzen, Was red ich, treibt mich, daß ich mit euch juble-- Soemus, auf! (Zu Salome, die eben eintritt und ihr entgegenschreitet.)

Du, Salome? Willkommen Vor allem mir, trotz deiner Trauerkleider! Das hätt' ich kaum gehofft!

Sechste Szene

Salome. Ich muß ja wohl, Wenn ich erfahren will, wie's steht! Ich werde Zu einem Fest geladen, doch man sagt Mir nicht, warum das Fest gegeben wird! Zwar kann ich's ahnen, doch ich muß es wissen! Nicht wahr: Herodes kehrt zurück? Wir werden Ihn heut noch sehn? Die Kerzen sagen ja, Die lustige Musik! Tu du es auch! Ich frag nicht meinetwegen! Doch du weißt-- Nein, nein, du weißt es nicht, du hast's vergessen, Du hast vielleicht geträumt, sie sei begraben, Sonst hättst du ihr die Kunde nicht verhehlt, Allein dein Traum hat dich getäuscht, sie sitzt Noch immer in der Ecke, wo sie saß, Als sie dich segnete--

Mariamne. Was redest du?

Salome. Genug! Herodes hat noch eine Mutter, Die bangt um ihren Sohn und härmt sich ab. Und ich, ich bitt dich: laß sie das Verbrechen, Daß sie auch mich gebar, nicht länger büßen, Gib ihr den Trost, nach dem ihr Herz verlangt!

Mariamne. Ich hab für seine Mutter keinen Trost!

Salome. Du hast Herodes heut nicht zu erwarten?

Mariamne. Nichts weniger! Ich hörte, er sei tot!

Salome. Und feierst dieses Fest?

Mariamne. Weil ich noch lebe! Soll man sich denn nicht freun, daß man noch lebt?

Salome. Ich glaub dir nicht!

Mariamne. Viel Dank für deinen Zweifel!

Salome. Die Kerzen--

Mariamne. Sind sie nicht zum Leuchten da?

Salome. Die Zimbeln--

Mariamne. Müssen klingen, weißt du's anders?

Salome (deutet auf Mariamnens reiche Kleidung). Die Edelsteine--

Mariamne. Stünden dir zwar besser--

Salome. Das alles deutet--

Mariamne. Auf ein Freudenfest!

Salome. Das über einem Grabe--

Mariamne. Es ist möglich!

Salome. Dann--Mariamne, hör ein ernstes Wort! Ich hab dich stets gehaßt, doch immer blieb mir Ein Zweifel, ob es auch mit Recht geschah, Und reuig hab ich oft mich dir genähert, Um--

Mariamne. Mich zu küssen! Einmal tatst du's gar!

Salome. Jetzt aber seh ich, du bist--

Mariamne. Schlecht genug, Dich stehnzulassen und mich in die Schar Zu mischen, welche dort den Tanz beginnt! Soemus!

Soemus (reicht ihr den Arm). Königin!

Mariamne. So hat Herodes Mich ganz gewiß gesehen, als er dir Den blutigen Befehl gab. Wunderbar! Es ist nun wirklich alles so gekommen! (Im Abgehen zu Salome.) Du siehst doch zu?

(Von Soemus in den Hintergrund geführt, wo sie beide nicht mehr gesehen werden.)

Salome. Dies Weib ist noch viel schlechter, Als ich's mir dachte! Das will etwas sagen! Drum hat sie auch die bunte Schlangenhaut, Mit der sie alles ködert!--ja, sie tanzt! Nun, wahrlich, jetzt ist mein Gewissen ruhig, Der kann kein Mensch auf Erden unrecht tun!

(Sie sieht Mariamnen zu.)

Siebente Szene

Alexandra kommt mit Titus.

Alexandra. Titus, du siehst, wie meine Tochter trauert!

Titus. Sie hat wohl neue Botschaft von Herodes?

Alexandra. Die Botschaft, daß es mit ihm aus ist! Ja!

Titus (sieht nach Mariamnen). Sie tanzt!

Alexandra. Als wäre sie, statt Witwe, Braut! Titus, sie trug bis heute eine Maske, Und, merk dir das, sie tat es nicht allein!

Titus. Sehr gut für sie! Dann bleibt sie, was sie ist! Gehört sie zu den Feinden des Herodes, So wird sie nicht mit seinen Freunden büßen!

Alexandra. Um das zu zeigen, gibt sie ja dies Fest! (Entfernt sich von Titus.)

Titus. Es schaudert mir vor diesen Weibern doch! Die eine haut dem Helden, den sie erst Durch heuchlerische Küsse sicher machte, Im Schlaf den Kopf ab, und die andre tanzt, Um sich nur ja die Krone zu erhalten, Wie rasend, auf dem Grabe des Gemahls! Um das zu sehn, ward ich gewiß geladen (Er sieht wieder nach Mariamnen.) Ja, ja, ich seh's und will's in Rom bezeugen-- Doch trinke ich hier keinen Tropfen Wein!

Salome. Was sagst du, Titus? Steht es mit dem König So schlecht, daß die schon alles wagen darf?

Titus. Wenn er nicht gleich sich zum Octavian Geschlagen und dem Marc Anton vorm Fall Den letzten Stoß noch mitgegeben hat, Und das bezweifle ich, so steht's nicht gut!

Salome. O hätt' er's doch getan!--Wenn die den Kopf Behält, so weiß ich nicht, warum der Herr Das Blut der üpp'gen Jesabel den Hunden Zu lecken gab! (Verliert sich unter die übrigen.)

Titus. Sie tanzt noch fort! Doch scheint's Ihr nicht ganz leicht zu sein! Sie müßt' erglühen, Doch sie erbleicht, als ob sie in Gedanken Was andres täte und nur unwillkürlich Dem Reigen folgte! Nun, auch diese Judith Hat wohl nicht ohne Angst ihr Werk vollbracht! Und die da muß den letzten Kuß des Mannes, Den sie hier jetzt vor mir so feierlich Verleugnet, noch auf ihrer Lippe fühlen, Auch sah sie ihn ja noch nicht tot!--Sie kommt!

(Mariamne erscheint wieder. Alexandra und Soemus folgen ihr.)

Alexandra (zu Mariamne). Ich sprach mit Titus!

Mariamne (erblickt bei einer plötzlichen Wendung ihr Bild im Spiegel).

Ha!

Alexandra. Was hast du denn?

Mariamne. So hab ich mich ja schon im Traum gesehn!-- Das also war's, was mich vorhin nicht ruhn ließ, Bis der verlorene Rubin sich fand, Der jetzt auf meiner Brust so düster glimmt: Das Bild hätt' eine Lücke ohne ihn!-- Auf dieses folgt das letzte bald!

Alexandra. Komm zu dir!

Mariamne. So laß mich doch!--Ein Spiegel, ganz, wie der! Zu Anfang angelaufen, wie vom Hauch Des Atmenden, dann, wie die Bilder, die Er nacheinander zeigte, sanft sich klärend Und endlich leuchtend, wie geschliffner Stahl. Ich sah mein ganzes Leben! Erst erschien ich Als Kind, von zartem Rosenlicht umflossen, Das immer röter, immer dunkler ward: Da waren mir die eignen Züge fremd, Und bei der dritten Wandlung erst erkannt' ich Mich in dem gar zu jungen Angesicht. Nun kam die Jungfrau und der Augenblick, Wo mich Herodes in den Blumengarten Begleitete und schmeichelnd zu mir sprach: So schön ist keine, daß sie deine Hand Nicht pflücken dürfte!--Ha, er sei verflucht, Daß er's so ganz vergaß! So ganz! Dann ward's Unheimlich, und ich mußte wider Willen Die Zukunft schaun. Ich sah mich so und so, Und endlich, wie ich hier steh! (Zu Alexandra.) Ist es denn Nicht seltsam, wenn ein Traum ins Leben tritt?-- Nun trübte sich der helle Spiegel wieder, Das Licht ward aschenfarbig, und ich selbst, Die kurz zuvor noch Blühende, so bleich, Als hätt' ich unter diesem Prachtgewand Schon längst aus allen Adern still geblutet. Ein Schauder packte mich, ich rief: Jetzt komme Ich als Geripp, und das will ich nicht sehn! Da wandt' ich mich-- (Sie wendet sich vom Spiegel ab.)

Stimmen im Hintergrund. Der König!

(Allgemeine Bewegung.)

Alexandra. Wer?

Achte Szene

Herodes tritt ein, kriegerisch angetan. Joab. Gefolge.

Mariamne. Der Tod! Der Tod! Der Tod ist unter uns! Unangemeldet, wie er immer kommt!

Salome. Der Tod für dich! jawohl! So fühlst du's selbst? Mein Bruder! (Will Herodes umarmen, er drängt sie zurück.)

Herodes. Mariamne! (Er nähert sich ihr.)

Mariamne (weist ihn mit einer heftigen Gebärde zurück). Zieh das Schwert! Reich mir den Giftpokal! Du bist der Tod! Der Tod umarmt und küßt mit Schwert und Gift!

Herodes (kehrt sich nach Salome um). Was soll das heißen? Tausend Kerzen riefen Mir aus der Ferne durch die Nacht schon zu: Dein Bote ward nicht von den Arabern Ergriffen, er kam an, du wirst erwartet, Und jetzt--

Salome. Die Kerzen haben dich betrogen, Hier ward gejubelt über deinen Tod! Dein Bote kam nicht an, und deine Mutter Zerriß schon ihr Gewand um dich!

(Herodes sieht um sich, bemerkt Titus und winkt ihm.)

Titus (tritt heran). So ist's! Hier war kein Mensch darauf gefaßt, ich selbst Nicht einmal ganz, daß du noch vor der Schlacht Bei Aktium den Antonius verlassen Und, wie's die Klugheit freilich riet, zum Cäsar Hinübergehen würdest! Daß du's tatest, Beweist mir deine Wiederkunft. Nun wohl! Ich--wünsch dir Glück!

Mariamne (tritt herzu). Und ich beklage dich, Daß die Gelegenheit sich dir nicht bot, Den Marc Anton mit eigner Hand zu schlachten. So hättst du deinem neuen Herrn am besten Gezeigt, daß dir am alten nichts mehr lag; Du hättst ihm deines Freundes Kopf gebracht, Er hätt' ihn mit der Krone dir bezahlt!

Herodes. Pfui, Titus, pfui! Auch du denkst so von mir? Ich zog hinunter nach Arabien, Wie mir's Antonius geboten hatte, Allein ich fand dort keinen Feind! Nun macht' ich Mich auf nach Aktium, und meine Schuld War's nicht, wenn ich zu spät kam. Hätt' er sich Gehalten, wie ich glaubte, daß er's würde, So hätt' ich (gegen Mariamne) die Gelegenheit gesucht, Ihm mit dem Kopfe des Octavian Die Krone zu bezahlen! (Zu Titus.) Er tat's nicht! Er war schon tot, als ich erschien. Nun tat ihm Der Freund nicht weiter not, und ich begab Mich zum Octavian; zwar nicht als König-- Die Krone legt' ich ab--doch darum auch Als Bettler nicht. Ich zog mein Schwert und sprach: Dies wollt' ich brauchen gegen dich, ich hätt' es Vielleicht mit deinem eignen Blut gefärbt, Wenn's hier noch besser stünde. Das ist aus! Jetzt senke ich's vor dir und leg es ab! Erwäge du nun, welch ein Freund ich war, Nicht, wessen Freund; der Tote gab mich frei: Ich kann jetzt, wenn du willst, der deine sein!

Titus. Und er?

Herodes. Er sprach "Wo hast du dien Krone? Ich setz noch einen Edelstein hinein, Nimm die Provinz hin, die dir fehlt bis heute, Du sollst es nur an meiner Großmut fühlen, Daß ich der Sieger bin, nicht Marc Anton, Er hätt' sie Cleopatren nie genommen, Die sie bisher besaß, ich schenk sie dir!

Titus. Das--hätt' ich nie gedacht. Auch preis ich nichts, Als deinen Stern!

Herodes. Titus! O preis ihn nicht! Ich ward zu schwerem Werk gespart! Soemus! (Soemus bleibt stehen, wo er steht und antwortet nicht.) Verrietst du mich? Du schweigst! Ich weiß genug! Oh! Oh! Hinweg mit ihm!

Soemus (indem er abgeführt wird). Ich leugne nichts! Doch, daß ich dich für tot hielt, magst du glauben! Jetzt tu, was dir gefällt! (Ab.)

Herodes. Und nach dem Tode Hört alles auf, nicht wahr? Ja! Ja! Mein Titus, Hättst du den Mann gekannt, wie ich--du würdest Nicht so gelassen, nicht so ruhig dastehn, Wie ich hier steh, du würdest schäumen, knirschen Und wütend sprechen: (Gegen Mariamne.) Weib, was tatst du alles, Um den so weit zu bringen?--Salome, Du hattest recht, ich muß mich waschen, waschen-- Blut her! Sogleich beruf ich ein Gericht! (Gegen Mariamne.) Du schweigst? Du hüllst dich noch in deinen Trotz? Ich weiß warum! Du hast's noch nicht vergessen, Was du mir warst! Auch jetzt noch riss' ich leichter Das Herz mir aus der Brust--Titus, so ist's!-- Als (wieder zu Mariamne) dich mir aus dem Herzen! Doch ich tu's!

Mariamne (wendet sich kurz). Ich bin Gefangne?

Herodes. Ja!

Mariamne (zu den Soldaten). So führt mich ab! (Wendet sich. Auf Herodes' Wink folgt ihr Joab mit Soldaten.) Der Tod kann mein Gemahl nicht länger sein! (Ab.)

Herodes. Ha! Ha! Zu der hab ich einmal gesprochen: Zwei Menschen, die sich lieben, wie sie sollen, Können einander gar nicht überleben, Und wenn ich selbst auf fernem Schlachtfeld fiele: Man brauchte dir's durch Boten nicht zu melden, Du fühltest es sogleich, wie es geschehn, Und stürbest ohne Wunde mit an meiner! Titus, verlach mich nicht! So ist's! So ist's! Allein die Menschen lieben sich nicht so! (Ab.)

Fünfter Akt

Großer Audienzsaal, wie im ersten Akt.

Man erblickt Thron und Richtertafel.

Erste Szene

Herodes und Salome.

Herodes. Hör auf, hör auf! Ich habe das Gericht Bestellt und werde seinen Spruch vollziehn! Ich, der ich sonst vor jedem Fieber bebte, Wenn's auch nur ihre Kammerfrau befiel, Ich selbst bewaffne gegen sie den Tod! Das sei genug! Wenn dich dein Eifer noch Nicht ruhen läßt, wird er sein Ziel verfehlen, Ich werde denken, daß der Haß allein Aus deinem Munde spricht, und dich als Zeugin Verwerfen, wenn ich jede Kerze auch Als solche gelten lasse, die geflammt, Und jede Blume, die geduftet hat!

Salome. Herodes! Leugnen will ich's nicht, ich habe Nach ihren Fehlern einst gespäht und sie Vergrößert, wie du selbst die Tugenden, Die du an ihr entdecktest. War der Stolz, Womit sie mir und deiner Mutter immer Begegnete, war er ein Grund zur Liebe? Sie gab sich als ein Wesen höhrer Art, Das niemals einen anderen Gedanken, Als den, in mir erregte: wozu ist Das dicke Buch, das von den Heldentaten Der Makkabäer uns erzählt, nur da? Die trägt ja selbst die Chronik im Gesicht!

Herodes. Du willst mich widerlegen und besiegelst Den Spruch, den ich gefällt!

Salome. Hör mich nur aus! So war's, ich leugn' es nicht. Doch wenn ich jetzt Mehr sagte, als ich weiß und denk und fühle, Ja, wenn ich nicht aus schwesterlichem Mitleid Die Hälfte dessen, was ich sagen könnte, Noch in der Brust verschloß, so soll mein Kind-- Ich liebe es ja wohl?--so viele Jahre Erleben, als sein Scheitel Haare zählt, Und jeder Tag ihm so viel Schmerzen bringen, Als er Minuten, ja Sekunden hat!

Herodes. Der Schwur ist fürchterlich!

Salome. Und dennoch fällt er Mir leichter, als das Wort: die Nacht ist schwarz! Mein Auge könnte krank sein, doch unmöglich Ist mit dem Auge krank zugleich das Ohr, Ja, der Instinkt, das Herz und jegliches Organ, das meine Sinne unterstützt! Und alle stimmen diesmal so zusammen, Als könnten sie sich gar nicht widersprechen. Ja, hätte Gott in jener Festesnacht Mir aus des Himmels Höhen zugerufen: Von welchem übel soll ich eure Erde Befrein, du hast die Wahl, so hätt' ich nicht Die Pest, ich hätt' dein böses Weib genannt! Mir schauderte vor ihr, mir war zumut, Als hätt' ich einem Dämon aus der Hölle Im Finstern meine Menschenhand gereicht, Und er verhöhnte mich dafür, er träte In seiner eignen schrecklichen Gestalt Aus dem gestohlnen Leib von Fleisch und Blut Hervor und grinste mich durch Flammen an. Auch schauderte mir nicht allein, der Römer Sogar, der eh'rne Titus, war entsetzt!

Herodes. Jawohl, und der wiegt schwerer, als du selbst, Denn, wie er keinen liebt, so haßt er keinen Und ist gerecht, wie Geister ohne Blut. Verlaß mich jetzt, denn ich erwarte ihn!

Salome. Nein, niemals werd' ich diesen Tanz vergessen, Bei dem sie nach dem Takte der Musik Den Boden trat, als wüßte sie's gewiß, Daß du darunter lagst! Bei Gott, ich wollte, Ich müßte das nicht sagen! Denn ich weiß, Wie tief es dich, der du ihr Mutter, Schwester, Und was nicht, opfertest, empören muß! Allein, so war es! (Ab.)

Zweite Szene

Herodes (allein). Titus sagte mir Das nämliche! Auch sah ich selbst genug! Und die hat recht! Ich habe ihr die Schwester Und fast die Mutter auch geopfert: wögen Die nicht den Bruder auf, den sie verlor? In ihren Augen nicht!

Dritte Szene

Titus tritt ein.

Herodes. Nun, Titus, nun? Bekennt Soemus?

Titus. Was du weißt! Nicht mehr!

Herodes. Nichts von--

Titus. O nein! Er fuhr, wie rasend, auf, Als ich von fern nur darauf deutete!

Herodes. Ich konnte es erwarten!

Titus. Niemals hätte Ein Weib, wie deins, gelebt, und niemals sei Ein Mann des Kleinods, das ihm Gott beschieden, So wenig wert gewesen--

Herodes. Als ich selbst! Ja, ja!--"Er wußte nicht, was Perlen sind, Drum nahm ich ihm sie weg!" So sprach der Dieb. Ich weiß nicht, half's ihm was?

Titus. Ihr Herz sei edler Als Gold--

Herodes. So kennt er es? Er ist berauscht Und lobt den Wein! Ist das nicht ein Beweis, Daß er getrunken hat? Was schützte er Denn vor? Warum verriet er meinen Auftrag An sie?

Titus. Aus Abscheu, wie er sagt!

Herodes. Aus Abscheu? Und diesen Abscheu sprach er mir nicht aus?

Titus. Wär' das ihm wohl bekommen? Hättest du Den starren Diener leben lassen können, Der den Befehl einmal von dir empfing Und ihn zurückwies?

Herodes. War's in solchem Fall Denn nicht genug, ihn unvollführt zu lassen?

Titus. Gewiß! Doch wenn er weiter ging, so tat er's Vielleicht, weil du ihm schon verloren schienst, Und weil er nun die Gunst der Königin Auf deine Kosten sich erkaufen wollte, In deren Händen seine Zukunft lag.

Herodes. Nein, Titus, nein! Soemus war der Mann, In eigener Person den Griff zu wagen, Der uns die fremde Gunst entbehrlich macht! Nur darum übertrug ich's ihm, ich dachte: Er tut's für sich, wenn er's für dich nicht tut! Ja, wär' er ein Geringrer, als er ist, Und hätt' er nicht in Rom die vielen Freunde, So wollt' ich's glauben, aber jetzt--Nein, nein! Es gab nur einen Grund!

Titus. Und dennoch räumt Er den nicht ein!

Herodes. Er wär' nicht, was er ist, Wenn er es täte, denn er weiß gar wohl, Was folgen wird, und hofft nun, durch sein Leugnen In meiner Brust noch einen letzten Zweifel Zu wecken, der, wenn nicht sein eignes Haupt, So doch das ihrige, vorm Tode schützt! Allein er irrt, dem Zweifel fehlt der Stachel, Denn hätt' ich nichts zu strafen, was sie tat, So straft' ich, was sie ward, und was sie ist! Ha! Wär' sie je gewesen, was sie schien: Sie hätte so sich nie verwandeln können, Und Rache nehm ich an der Heuchlerin! Ja, Titus, ja, ich schwör es bei dem Schlüssel Zum Paradies, den sie in Händen hält; Bei aller Seligkeit, die sie mir schon Gewährte und mir noch gewähren kann; Ja, bei dem Schauder, der mich eben mahnt, Daß ich in ihr mich selbst vernichten werde: Ich mach ein Ende, wie's auch stehen mag!

Titus. Es ist zu spät, dir warnend zuzurufen: Gib den Befehl nicht! und ich kenne selbst Kein Mittel, das zur Klarheit führen kann, Drum wag ich nicht zu sagen: halte ein!

Vierte Szene

Joab tritt ein.

Herodes. Sind sie versammelt?

Joab. Längst! Aus dem Gefängnis Muß ich dir melden, was mir wichtig scheint! Man kann den Sameas nicht so weit bringen, Daß er sich selbst entleibt!

Herodes. Ich gab Befehl, Daß man ihn martern soll, bis er es tut! (Zu Titus.) Der hat geschworen, hört' ich, sich zu töten, Wenn er mich nicht zu seinesgleichen machen, Den Heidensinn in mir, wie er es nennt, Nicht brechen könne. Da ihm das mißlang, So zwinge ich ihn, seinen Schwur zu halten, Er hat den Tod wohl tausendfach verdient!

Titus. Ich hätte selbst auf seinen Tod gedrungen, Denn er hat mich beschimpft und Rom in mir, Und das kann überall verziehen werden, Nur hier nicht, wo das Volk so störrig ist!

Herodes (zu Joab). Nun denn!

Joab. Man tat getreu nach deinen Worten, Allein es half zu nichts. Der Henker hat Fast jede Qual ihm angetan, er hat Ihm obendrein, ergrimmt ob seinem Trotz, Den er für Hohn nahm, Wunden beigebracht, Doch ist's, als hätt' er einen Baum gegeißelt, Als hätte er in Holz hineingeschnitten: Der Alte steht so da, als fühlt' er nichts, Er singt, anstatt zu schrein und nach dem Messer Zu greifen, das ihm vorgehalten wird, Er singt den Psalm, den die drei Männer einst Im feur'gen Ofen sangen, er erhebt Bei jedem neuen Schmerz die Stimme lauter Und, wenn er einhält, prophezeit er gar!

Herodes (für sich). So sind sie! Ja!--Und wird sie anders sein?

Joab. Dann ruft er aus, als hätt' er für geheime Und wunderbare Dinge so viel Augen Bekommen, als er Wunden zählt, nun sei Die Zeit erfüllt, und in die Krippe lege Die Jungfrau-Mutter aus dem Stamme Davids In diesem heil'gen Augenblick ein Kind, Das Throne stürzen, Tote wecken, Sterne Vom Himmel reißen und von Ewigkeit Zu Ewigkeit die Welt regieren werde. Das Volk indes, zu Tausenden versammelt, Harrt draußen vor den Toren, hört das alles Und glaubt, daß sich Elias' Flammenwagen Herniedersenken wird, um ihn, wie den, Emporzutragen. Selbst ein Henkersknecht Erschrak und hielt, anstatt ihm neue Wunden Zu schlagen, ihm die alten zu!

Herodes. Man soll Ihn auf der Stelle töten, und dem Volk Ihn zeigen, wenn er tot ist!--Laß dann auch Die Richter kommen und--

Joab. Die Königin! (Ab.)

Herodes. Du, Titus, wirst an meiner Seite sitzen! Auch ihre Mutter habe ich geladen, Damit es ihr nicht an der Zeugin fehlt.

Fünfte Szene

Aaron und die übrigen fünf Richter treten ein. Alexandra und Salome folgen. Joab erscheint gleich darauf.

Alexandra. Mein König und mein Herr, sei mir gegrüßt!

Herodes. Ich danke dir!

(Er setzt sich auf seinen Thron. Titus setzt sich ihm zur Seite. Die Richter setzen sich dann auf seinen Wink im Halbkreis um die Tafel)

Alexandra (während dies geschieht). Vom Schicksal Mariamnens Scheid ich das meinige, und spare mich, Wie eine Fackel, für die Zukunft auf!

(Sie setzt sich neben Salome.)

Herodes (zu den Richtern). Ihr wißt, warum ich euch berufen ließ!

Aaron. In tiefstem Schmerz erschienen wir vor dir!

Herodes. Nicht zweifl' ich! Mir und meinem Hause seid Ihr alle eng befreundet und verwandt, Was mich trifft, trifft euch mit! Euch wird es freun' Wenn ihr die Königin, die--(Er stockt.) Schenkt mir das! Euch wird es freun, wenn ihr sie nicht verdammen, Wenn ihr, anstatt nach Golgatha hinaus, Zurück mir in das Haus sie schicken dürft, Doch werdet ihr auch vor dem äußersten Nicht mutlos zittern, wenn' es nötig wird, Denn, wie ihr Glück und Unglück mit mir teilt, So teilt ihr Schmach und Ehre auch mit mir. Wohlan denn!

(Er gibt Joab ein Zeichen. Joab geht ab. Dann erscheint er wieder mit Mariamne.--Es entsteht eine lange Pause.)

Aaron!

Aaron. Königin! Uns ward Ein schweres Amt! Du stehst vor deinen Richtern!

Mariamne. Vor meinen Richtern, ja, und auch vor euch!

Aaron. Erkennst du dies Gericht nicht an?

Mariamne. Ich sehe Ein höhres hier! Wenn das auf eure Fragen Die Antwort mir gestattet, werd' ich reden, Und schweigen werd' ich, wenn es sie verbeut!-- Mein Auge sieht euch kaum! Denn hinter euch Stehn Geister, die mich stumm und ernst betrachten, Es sind die großen Ahnen meines Stamms. Drei Nächte sah ich sie bereits im Traum, Nun kommen sie bei Tage auch, und wohl Erkenn ich, was es heißt, daß sich der Reigen Der Toten schon für mich geöffnet hat Und daß, was lebt und atmet, mir erbleicht. Dort, hinter jenem Thron, auf dem ein König Zu sitzen scheint, steht Judas Makkabäus: Du Held der Helden, blicke nicht so finster Auf mich herab, du sollst mit mir zufrieden sein!

Alexandra. Sei nicht zu trotzig, Mariamne!

Mariamne. Mutter! Leb wohl!--(Zu Aaron.) Weswegen bin ich hier verklagt?

Aaron. Du habest deinen König und Gemahl Betrogen--(Zu Herodes.) Nicht?

Mariamne. Betrogen? Wie? Unmöglich! Hat er mich nicht gefunden, wie er mich Zu finden dachte? Nicht bei Tanz und Spiel? Zog ich, als ich von seinem Tode hörte, Die Trauerkleider an? Vergoß ich Tränen? Zerrauft' ich mir das Haar? Dann hätt' ich ihn Betrogen, doch ich hab es nicht getan Und kann es dartun. Salome, sprich du!

Herodes. Ich fand sie, wie sie sagt. Sie braucht sich nicht Nach einem andern Zeugen umzusehn. Doch niemals, niemals hätte ich's gedacht!

Mariamne. Niemals gedacht? Und doch verlarvt den Henker Dicht hinter mich gestellt? Das kann nicht sein! Wie ich beim Scheiden stand vor seinem Geist, So hat er mich beim Wiedersehn gefunden, Drum muß ich leugnen, daß ich ihn betrog!