Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten
Part 5
Herodes. Wahr ist's, ich ging zu weit. Das sagte ich Mir unterwegs schon selbst. Doch wahr nicht minder, Wenn sie mich liebte, würde sie's verzeihn! Wenn sie mich liebte! Hat sie mich geliebt? Ich glaub es. Aber jetzt--Wie sich der Tote Im Grabe noch zu rächen weiß! Ich schaffte Ihn fort, um meine Krone mir zu sichern, Er nahm, was mehr wog, mit hinweg: ihr Herz! Denn seltsam hat sie, seit ihr Bruder starb, Sich gegen mich verändert, niemals fand Ich zwischen ihr und ihrer Mutter noch Die kleinste Spur von ähnlichkeit heraus, Heut glich sie ihr in mehr als einem Zug, Drum kann ich ihr nicht mehr vertraun, wie sonst! Das ist gewiß! Doch, muß es darum auch Sogleich gewiß sein, daß sie mich betrog? Die Bürgschaft, die in ihrer Liebe lag, Ist weggefallen, aber eine zweite Liegt noch in ihrem Stolz, und wird ein Stolz, Der es verschmäht, sich zu verteidigen, Es nicht noch mehr verschmähn, sich zu beflecken? Zwar weiß sie's! Joseph! Warum kann der Mensch Nur töten, nicht die Toten wieder wecken, Er sollte beides können, oder keins! Der rächt sich auch! Er kommt nicht! Dennoch seh ich Ihn vor mir! "Du befiehlst?"--Es ist unmöglich! Ich will's nicht glauben! Schweig mir, Salome! Wie es auch kam, so kam es nicht! Vielleicht Fraß das Geheimnis, wie verschlucktes Feuer, Von selbst sich bei ihm durch. Vielleicht verriet er's, Weil er mich für verloren hielt und nun Mit Alexandra sich versöhnen wollte, Bevor die Kunde kam. Wir werden sehn! Denn prüfen muß ich sie! Hätt' ich geahnt, Daß sie's erfahren könnte, nimmer wär' ich So weit gegangen. Jetzt, da sie es weiß, Jetzt muß ich weiter gehn! Denn, nun sie's weiß, Nun muß ich das von ihrer Rache fürchten, Was ich von ihrer Wankelmütigkeit Vielleicht mit Unrecht fürchtete, muß fürchten, Daß sie auf meinem Grabe Hochzeit hält! Soemus kam zur rechten Zeit. Er ist Ein Mann, der, wär' ich selbst nicht auf der Welt, Da stünde, wo ich steh. Wie treu er denkt, Wie eifrig er mir dient, beweist sein Kommen. Ihm geb ich jetzt den Auftrag! Daß sie nichts Aus ihm herauslockt, weiß ich, wenn sie ihn Auf Menschenart versucht!--Verrät er mich, So zahlt sie einen Preis, der--Salome, Dann hast du recht gehabt!--Es gilt die Probe! (Ab.)
Vierter Akt
Burg Zion. Mariamnens Gemächer.
Erste Szene
Mariamne. Alexandra.
Alexandra. Du gibst mir Rätsel auf. Zuerst der Schwur: Ich töte mich, wenn er nicht wiederkehrt! Dann bittre Kälte, als er kam, ein Trotz, Der ihn empören mußte, wie er mich Erfreute! Nun die tiefste Trauer wieder! Den möcht ich sehn, der dich begreifen kann.
Mariamne. Wenn das so schwer ist, warum plagst du dich?
Alexandra. Und dann die widerwillig-herbe Art, Mit der du den Soemus ferne hältst! Man sieht's ihm an, er hat was auf dem Herzen--
Mariamne. Meinst du?
Alexandra. Gewiß! Auch möcht' er's uns vertraun, Allein er wagt es nicht, er würde sich, Wenn er dich in den Jordan stürzen sähe, Vielleicht bedenken, ob er dich vom Tod Auch retten dürfe, und er hätte recht, Denn maßlos schnöde bist du gegen ihn!
Mariamne. Nicht wahr, Herodes wird nicht sagen können, Ich hätte seinen Freund versucht, ich hätte Ihm sein Geheimnis, wenn er eines hat, Mit Schmeicheln abgelistet. Nein, ich stell's Dem Himmel heim, ob ich's erfahren soll! Mir sagt's mein Herz, ich wage nichts dabei!
Zweite Szene
Sameas (tritt ein; er trägt Ketten an den Händen). Der Herr ist groß!
Mariamne. Er ist's!
Alexandra. Du frei und doch In Ketten? Noch ein Rätsel!
Sameas. Diese Ketten Leg ich nicht wieder ab! Jerusalem Soll Tag für Tag daran erinnert werden, Daß Jonas' Enkel im Gefängnis saß!
Alexandra. Wie kamst du denn heraus? Hast du die Hüter Bestochen?
Sameas. Ich? Die Hüter?
Alexandra. Zwar, womit! Dein härenes Gewand hast du noch an, Und daß sie für ein Nest voll wilder Bienen, Wie du's, mit jedem hohlen Baum vertraut, An sie verraten konntest, dich entließen, Bezweifle ich, denn Honig gibt's genug!
Sameas. Wie fragst du nur? Soemus selbst hat mir Die Pforten aufgemacht!
Mariamne. Er hätt's gewagt?
Sameas. Was denn? Hast du es ihm denn nicht geboten?
Mariamne. Ich?
Sameas. Nein? Mir deucht doch, daß er so gesagt! Ich kann mich irren, denn ich sagte just Rückwärts den letzten Psalm her, als er eintrat, Und hörte nur mit halbem Ohr auf ihn! Nun wohl! So hat's der Herr getan, und ich Muß in den Tempel gehen, um zu danken, Und habe nichts in Davids Burg zu tun!
Mariamne. Der Herr!
Sameas. Der Herr! Saß ich mit Recht im Kerker?
Mariamne. Die Zeiten sind vorbei, worin der Herr Unmittelbar zu seinem Volke sprach. Wir haben das Gesetz. Das spricht für ihn! Die Dampf--und Feuersäule ist erloschen, Durch die er unsern Vätern in der Wüste Die Pfade zeichnete, und die Propheten Sind stumm, wie er!
Alexandra. Das sind sie doch nicht ganz! Es hat erst kürzlich einer einen Brand Vorhergesagt, und dieser traf auch ein!
Mariamne. Jawohl, doch hatt' er selbst um Mitternacht Das Feuer angelegt.
Sameas. Weib! Lästre nicht!
Mariamne. Ich lästre nicht, ich sag nur, was geschehn! Der Mensch ist Pharisäer, wie du selbst, Er spricht, wie du, er rast, wie du, der Brand Hat uns beweisen sollen, daß er wirklich Prophet sei und das Künftige durchschaue, Doch ein Soldat ertappt' ihn auf der Tat.
Sameas. Ein röm'scher?
Mariamne. Ja!
Sameas. Der log! Er war vielleicht Gedungen! War gedungen vom Herodes, Gedungen von dir selbst!
Mariamne. Vergiß dich nicht!
Sameas. Du bist sein Weib, du bist das Weib des Frevlers, Der sich für den Messias hält, du kannst Ihn in die Arme schließen und ihn küssen, Drum kannst du auch was andres für ihn tun!
Alexandra. Er hielte jetzt für den Messias sich?
Sameas. Er tut's, er sagt' es mir ins Angesicht, Als er mich in den Kerker führen ließ. Ich schrie zum Herrn, ich rief: Sieh auf dein Volk Und schicke den Messias, den du uns Verheißen für die Zeit der höchsten Not, Die höchste Not brach ein! Darauf versetzt' er Mit stolzem Hohn: Der ist schon lange da, Ihr aber wißt es nicht! Ich bin es selbst!
Alexandra. Nun, Mariamne?
Sameas. Mit verruchtem Witz Bewies er dann, wir sei'n ein Volk von Irren Und er der einzige Verständige, Wir wohnten nicht umsonst am Toten Meer, Dem die Bewegung fehle, Ebb' und Flut, Und das nur darum alle Welt verpeste, Es sei ein treuer Spiegel unsrer selbst! Er aber wolle uns lebendig machen, Und müss' er uns auch Mosis dummes Buch-- So ruchlos sprach er--mit Gewalt entreißen; Denn das allein sei schuld, wenn wir dem Jordan Nicht glichen, unserm klaren Fluß, der lustig Das Land durchhüpfe, sondern einem Sumpf!
Alexandra. So ganz warf er die Larve weg?
Sameas. Jawohl! Doch galt ich ihm, als er es tat, vielleicht Für einen Toten schon; denn meinen Tod Befahl er gleich nachher.
Mariamne. Er war gereizt! Er fand den Aufruhr vor!
Sameas. Dich mahn ich nun An deine Pflicht! Sag du dich los von ihm, Wie er sich losgesagt von Gott! Du kannst Ihn dadurch strafen, denn er liebt dich sehr! Als mich Soemus freiließ, mußt' ich glauben, Du hättst es schon getan. Tust du es nicht, So schilt den Blitz, der aus den Wolken fährt, Nicht ungerecht, wenn er dich trifft, wie ihn! Ich geh jetzt, um zu opfern!
Alexandra. Nimm das Opfer Aus meinem Stall!
Sameas. Ich nehm's, wo man's entbehrt! Das Lamm der Witwe und das Schaf des Armen! Was soll dein Rind dem Herrn! (Ab.)
Dritte Szene
Soemus (kommt). Verzeiht!
Mariamne.
Ich wollte Dich eben rufen lassen! Tritt heran!
Soemus. Das wär' zum ersten Mal geschehn!
Mariamne. Jawohl!
Soemus. Du wichst mir aus bisher!
Mariamne. Hast du mich denn Gesucht, und hast du was an mich zu suchen? Ich mag's nicht denken!
Soemus. Wenigstens das eine: Sieh mich als deinen treusten Diener an!
Mariamne. Das tat ich, doch ich tu's nicht mehr!
Soemus.
Nicht mehr?
Mariamne. Wie kannst du dem Empörer, den Herodes Gefangensetzen ließ, den Kerker öffnen? Ist er noch König, oder ist er's nicht?
Soemus. Die Antwort ist so leicht nicht, wie du glaubst!
Mariamne. Fällt sie dir schwer, so wirst du's büßen müssen!
Soemus. Du weißt noch nichts von der verlornen Schlacht!
Mariamne. Die Schlacht bei Aktium, sie wär' verloren?
Soemus. Antonius fiel von seiner eignen Hand! Cleopatra desgleichen!
Alexandra. Hätte die Den Mut gehabt? Sie konnte sonst ein Schwert Nicht einmal sehn und schauderte vor seinem Zurück, da er es ihr als Spiegel vorhielt!
Soemus. Dem Hauptmann Titus ward es so gemeldet! Octavianus flucht, daß man es nicht Verhindert hat! Ich selber las den Brief!
Mariamne. Dann hat der Tod auf lange Zeit sein Teil Und jedes Haupt steht fester, als es stand, Eh' das geschah!
Soemus. Meinst du?
Mariamne. Du lächelst seltsam!
Soemus. Du kennst, wie's scheint, Octavianus nicht! Der wird den Tod nicht fragen, ob ihn ekle, Er wird ihm aus den Freunden des Antonius Noch eine Mahlzeit richten, und auch die Wird nicht ganz arm an leckern Bissen sein!
Mariamne. Gilt das Herodes?
Soemus. Nun, wenn er das hält, Was er sich vornahm--
Mariamne. Was war das?
Soemus.
Er sprach: Ich liebe den Antonius nicht mehr, Ich hasse ihn weit eher, doch ich werde Ihm beistehn bis zum letzten Augenblick, Obgleich ich fürchte, daß er fallen muß. Ich bin's mir selber schuldig, wenn nicht ihm!
Mariamne. Echt königlich!
Soemus. Gewiß! Echt königlich! Nur ist Octav der Mann nicht, der's bewundert, Und tut Herodes das--
Mariamne. Wer wagt, zu zweifeln?
Soemus. So ist er auch verloren, oder arg Hat man Octavian beleidigt, als man Die große Schlächterei nach Cäsars Tod Auf seine Rechnung setzte!
Mariamne. Daß du fest An diesen Ausgang glaubst, daß du Herodes Schon zu den Toten zählst, ist klar genug, Sonst hättst du nicht gewagt, was du gewagt. Auch schaudert's mir, ich will es dir gestehn, Vor deiner Zuversicht, du bist kein Tor, Und wagst gewiß nicht ohne Grund so viel. Doch, wie's auch stehen möge, immer bin Ich selbst noch da, und ich, ich will dir zeigen, Daß ich ihm auch im Tode noch Gehorsam Zu schaffen weiß, es soll nicht ein Befehl, Den er gegeben, unvollzogen bleiben, Das soll sein Totenopfer sein!
Soemus. Nicht einer? Ich zweifle, Königin!--(Für sich.) Jetzt falle, Schlag!
Mariamne. So wahr ich Makkabäerin, du schickst Den Sameas zurück in seinen Kerker!
Soemus. Wie du es willst, so wird's geschehn, und wenn Du mehr willst, wenn er sterben soll, wie's ihm Der König drohte, sprich, und er ist tot! Doch nun gestatte eine Frage mir: Soll ich auch dich, damit das Totenopfer, Das du zu bringen denkst, vollkommen sei, Soll ich auch dich mit meinem Schwert durchstoßen? Ich hab auch dazu den Befehl von ihm!
Mariamne. Weh!
Alexandra. Nimmermehr!
Mariamne. So ist das Ende da! Und welch ein Ende! Eins, das auch den Anfang Verschlingt und alles! Die Vergangenheit Löst, wie die Zukunft, sich in nichts mir auf! Ich hatte nichts, ich habe nichts, ich werde Nichts haben! War denn je ein Mensch so arm!
Alexandra. Welch eine Missetat du vom Herodes Mir auch berichten möchtest, jede glaubt' ich, Doch diese--
Mariamne. Zweifle nicht! Es ist gewiß!
Alexandra. So sprichst du selbst?
Mariamne. O Gott, ich weiß, warum!
Alexandra. Dann wirst du wissen, was du tun mußt!
Mariamne. Ja! (Sie zuckt den Dolch gegen sich.)
Alexandra (sie verhindernd). Wahnsinnige, verdient er das? Verdient er's, Daß du den Henker an dir selber machst?
Mariamne. Das war verkehrt! Ich danke dir! Dies Amt Ersah er für sich selbst! (Sie schleudert den Dolch weg.)
Versucher, fort!
Alexandra. Du wirst dich in der Römer Schutz begeben!
Mariamne. Ich werde keinen, dem an sich was liegt, Verhindern, das zu tun!--Ich selbst, ich gebe Zur Nacht ein Fest!
Alexandra. Ein Fest?
Mariamne. Und tanze dort!-- Ja, ja, das ist der Weg!
Alexandra. Zu welchem Ziel?
Mariamne. He, Diener! (Diener kommen.) Schließt die Prunkgemächer auf Und ladet alles ein, was jubeln mag! Steckt alle Kerzen an, die brennen wollen, Pflückt alle Blumen ab, die noch nicht welkten, Es ist nicht nötig, daß was übrigbleibt! (Zu Moses.) Du hast uns einst die Hochzeit ausgerichtet, Heut gilt's ein Fest, das die noch übertrifft, Drum spare nichts! (Sie tritt vor.) Herodes, zittre jetzt! Und wenn du niemals noch gezittert hast!
Soemus (tritt zu ihr heran). Ich fühle deinen Schmerz, wie du!
Mariamne. Dein Mitleid Erlaß ich dir! Du bist kein Henkersknecht, Ich darf nicht zweifeln, denn du hast's gezeigt; Doch dafür ein Verräter, und Verrätern Kann ich nicht danken, noch sie um mich dulden, Wie nützlich sie auch sind auf dieser Welt. Denn das verkenn ich nicht! Wärst du der Mann Gewesen, der du schienst, so hätte Gott Ein Wunder tun, so hätte er der Luft Die Zunge, die ihr mangelt, leihen müssen, Das sah er gleich voraus, als er dich schuf, Drum macht' er zu der Heuchler erstem dich!
Soemus. Der bin ich nicht! Ich war Herodes' Freund, Ich war sein Waffenbruder und Gefährte, Eh' er den Thron bestieg, ich war sein Diener, Sein treuster Diener, seit er König ist. Doch war ich's nur, solange er in mir Den Mann zu ehren wußte und den Menschen, Wie ich in ihm den Helden und den Herrn. Das tat er, bis er, heuchlerisch die Augen Zum ersten Mal unwürdig niederschlagend, Den Blutbefehl mir gab, durch den er mich Herzlos, wie dich, dem sichern Tode weihte, Durch den er mich der Rache deines Volks, Dem Zorn der Römer und der eignen Tücke Preisgab, wie dich der Spitze meines Schwerts. Da hatt' ich den Beweis, was ich ihm galt!
Mariamne. Und drücktest du ihm deinen Abscheu aus?
Soemus. Das tat ich nicht, weil ich dich schützen wollte! Ich übernahm's zum Schein, ich heuchelte, Wenn dir's gefällt, damit er keinem andern Den Auftrag gäbe und mich niederstäche; Ein Galiläer hätt' die Tat vollbracht!
Mariamne. Ich bitt dir ab. Du stehst zu ihm, wie ich, Du bist, wie ich, in deinem Heiligsten Gekränkt, wie ich, zum Ding herabgesetzt! Er ist ein Freund, wie er ein Gatte ist. Komm auf mein Fest! (Ab.)
Alexandra. So wartetest du auch auf deine Zeit, Wie ich!
Soemus. Auf meine Zeit? Wie meinst du das?
Alexandra. Ich sah es immer mit Verwundrung an, Wie du vor diesem König, der der Laune Des Römers seine Hoheit dankt, dem Rausch Des Schwelgers, nicht dem Stamm und der Geburt, Den Rücken bogst, als hättest du's, wie er, Vergessen, daß du seinesgleichen bist; Doch jetzt durchschau ich dich, du wolltest ihn Nur sicher machen!
Soemus. Darin irrst du dich! Ich sprach in allem wahr. Für seinesgleichen Halt ich mich nicht und werd' es niemals tun! Ich weiß, wie manchen Wicht es gibt, der ihm Bloß darum, weil er nicht sein Enkel ist, Mit Murren dient; ich weiß, daß andre ihm Die Treu' nur Mariamnens wegen halten: Doch ich gehöre nicht zu dieser Schar, Die lieber einem Kinderschwert gehorcht, Wenn's nur ererbt ward, als dem Heldenschwert, Das aus dem Feuer erst geschmiedet wird. Ich sah den Höhern immer schon in ihm Und hob dem Waffenbruder seinen Schild, Wenn er ihn fallen ließ, so willig auf, Wie je dem König seinen Herrscherstab! Die Krone, wie das erste Weib: ich gönnte Ihm beides, denn ich fühlte seinen Wert!
Alexandra. Du bist doch auch ein Mann!
Soemus. Daß ich das nicht Vergessen habe, das beweis ich jetzt! So groß ist keiner, daß er mich als Werkzeug Gebrauchen darf! Wer Dienste von mir fodert, Die mich, vollbracht und nicht vollbracht, wie's kommt, Schmachvoll dem sichern Untergange weihn, Der spricht mich los von jeder Pflicht, dem muß Ich zeigen, daß es zwischen Königen Und Sklaven eine Mittelstufe gibt, Und daß der Mann auf dieser steht!
Alexandra. Mir gilt Es gleich, aus welchem Grund: genug, du tratst Zu mir herüber!
Soemus. Fürchte keinen Kampf mehr, Er ist so gut, als tot! Octavian Ist kein Antonius, der sich das Fleisch Vom Leibe hacken läßt und es verzeiht, Weil er die Hand bewundert, die das tut! Er sieht nur auf die Streiche.
Alexandra. Was sagt Titus?
Soemus. Der denkt, wie ich! Ich ließ den Sameas Nur darum frei, weil ich zur Rechenschaft Gezogen werden wollte. Konnt' ich doch Nicht anders an die Königin gelangen! Jetzt weiß sie, was sie wissen muß, und ist Der Todesbotschaft, wenn sie kommt, gewachsen. Das war mein Zweck! Welch edles Weib! Die schlachten! Es wär' um ihre Tränen schad gewesen!
Alexandra. Gewiß, ein zärtlicher Gemahl!--Such sie Nur zu bereden, daß sie sich dem Schutz Der Römer übergibt und komm aufs Fest, Durch das sie mit Herodes bricht, er mag Nun tot sein oder leben! (Ab.)
Soemus (ihr folgend). Er ist tot!
Vierte Szene
Diener treten auf und ordnen das Fest an.
Moses. Nun, Artaxerxes? Wieder in Gedanken? Flink! Flink! Du stellst bei uns die Uhr nicht vor!
Artaxerxes. Hättst du das jahrelang getan, wie ich, So würd' es dir auch ganz so gehn, wie mir! Besonders, wenn du alle Nächte träumtest, Du hättst das alte Amt noch zu versehn! Ich greif ganz unwillkürlich mit der Rechten Mir an den Puls der Linken, zähl und zähle Und zähle oft bis sechzig, eh' ich mich Besinne, daß ich keine Uhr mehr bin!
Moses. Merk dir es endlich denn, daß du bei uns Die Zeit nicht messen sollst! Wir haben dazu Den Sonnenweiser und den Sand! Du selbst Sollst, wie wir andern, in der Zeit was tun! Faulenzerei, nichts weiter!
Artaxerxes. Laß dir schwören!
Moses. Schweig! Schweig! Beim Essen zähltest du noch nie! Im übrigen: man schwört auch nicht bei uns, Und (für sich) wär' der König nicht ein halber Heide, So hätten wir auch den fremden Diener nicht! Da kommen schon die Musikanten! Flink! (Geht zu den übrigen.)
Jehu. Du, ist das wirklich wahr, was man von dir Erzählt?
Artaxerxes. Wie sollt' es denn nicht wahr sein? Soll ich's vielleicht noch hundertmal beteuern? Am Hofe des Satrapen war ich Uhr Und hatt' es gut, viel besser, wie bei euch! Nachts ward ich abgelöst, dann war's mein Bruder, Und auch bei Tage, wenn's zum Essen ging. Ich dank es wahrlich eurem König nicht, Daß er mich mit den andern Kriegsgefangnen Hiehergeschleppt! Zwar ward mein Dienst zuletzt Ein wenig schwer! Ich mußte mit ins Feld, Und wenn man links und rechts die Pfeile fliegen, Die Menschen fallen sieht, verzählt man sich Natürlich leichter als in einem Saal, Wo sie zusammenkommen, um zu tanzen. Ich schloß die Augen, denn ich bin kein Held, Wie es mein Vater war. Den traf ein Pfeil Auf seinem Posten--er war Uhr, wie wir, Ich und mein Bruder, alle waren Uhren-- Er rief die Zahl noch ab und starb! Was sagst du? Das war ein Mann! Dazu gehörte mehr, Als nötig war, den Pfeil ihm zuzuschicken!
Jehu. Habt ihr denn keinen Sand bei euch zu Hause, Daß ihr das tun müßt?
Artaxerxes. Wir? Wir keinen Sand? Genug, um ganz Judäa zu bedecken! Es ist ja nur, weil der Satrap bei uns Es besser haben soll, wie's andre haben! Der Puls des Menschen geht doch wohl genauer, Wenn er gesund ist und kein Fieber hat, Wie euer Sand durch seine Röhre läuft? Und nützen euch die Sonnenweiser was, Wenn es der Sonne nicht gefällt zu scheinen? (Zählt.) Eins--Zwei--
Moses (kommt zurück). Fort! Fort! Die Gäste kommen schon!
Artaxerxes. Das ist das Fest? Da sah ich andre Feste! Wo keine Frucht gegessen ward, die nicht Aus einem fremden Weltteil kam! Wo Strafe, Oft Todesstrafe, darauf stand, wenn einer Nur einen Tropfen Wasser trank. Wo Menschen, Die man mit Hanf umwickelt und mit Pech Beträufelt hatte, in den Gärten nachts Als Fackeln brannten--
Moses. Höre auf! Was hatten Die Menschen dem Satrapen denn getan?
Artaxerxes. Getan? Gar nichts! Bei uns ist ein Begräbnis Viel prächtiger, wie eine Hochzeit hier!
Moses. Vermutlich freßt ihr eure Toten auf! Es paßte gut zum übrigen!
Artaxerxes. Dann ist's Auch wohl nicht wahr, daß eure Königin Im Wein einst eine Perle aufgelöst, Kostbarer, als das ganze Königreich, Und daß sie diesen Wein an einen Bettler Gegeben hat, der ihn, wie andern, soff?
Moses. Das ist es nicht! Gott Lob!
Artaxerxes (zu Jehu). Du sagtest's aber!
Jehu. Weil es mir eine Ehre für sie schien, Und weil man's von der ägypterin erzählt!
Moses. Hinweg!
Artaxerxes (deutet auf die Rosen, die Jehu trägt). Wirkliche Rosen! Die sind billig, Bei uns sind's silberne und goldene! Die soll man dahin schicken, wo die Blumen So kostbar sind, wie Gold und Silber hier!
(Diener zerstreuen sich. Die Gäste, unter ihnen Soemus, haben sich während der letzten Hälfte dieser Szene versammelt. Musik. Tanz. Silo und Judas sondern sich von den übrigen und erscheinen im Vordergrund.)
Silo. Was soll das heißen?
Judas. Was das heißen soll? Der König kehrt zurück! Und das noch heut!
Silo. Meinst du?
Judas. Wie kannst du fragen! Gibt's denn wohl Noch einen andern Grund für solch ein Fest? üb dich auf einen neuen Bückling ein!
Silo. Es hieß ja aber--
Judas. Lug und Trug, wie immer, Wenn's hieß, ihm sei was Schlimmes widerfahren, Und ganz natürlich, da's so viele gibt, Die ihm das Schlimme wünschen! Wird getanzt In einem Haus, wo man um Tote klagt?
Silo. Da wird denn bald viel Blut vergossen werden, Die Kerker stecken seit dem Aufruhr voll!
Judas. Das weiß ich besser, als du's wissen kannst, Ich habe manchen selbst hineingeschleppt. Denn dieser Aufruhr war so unvernünftig, Daß jeder, der nicht eben darauf sann, Sich selbst zu hängen, ihn bekämpfen mußte. Du weißt, ich liebe den Herodes nicht, Wie tief ich mich auch immer vor ihm bücke, Doch darin hat er recht: die Römer sind Zu mächtig gegen uns, wir sind nicht mehr, Als ein Insekt ist in des Löwen Rachen, Das soll nicht stechen, denn es wird verschluckt!
Silo. Mir tut's nur leid um meines Gärtners Sohn, Der einen Stein nach einem röm'schen Adler Geworfen und ihn auch getroffen hat!
Judas. Wie alt ist der?
Silo. Wie lange ist es doch, Daß ich den Fuß brach?--Da ward er geboren, Denn seine Mutter konnte mich nicht pflegen, Ja, richtig--zwanzig!
Judas. Da geschieht ihm nichts! (Mariamne und Alexandra erscheinen.) Die Königin! (Will gehen.)
Silo. Wie meinst du das? Ein Wort noch!
Judas. Wohl! Im Vertraun denn! Weil er zwanzig ist, Geschieht ihm nichts! Doch wenn er neunzehn wär' Und einundzwanzig, ginge es ihm schlecht! Im künft'gen Jahr steht's anders!
Silo. Spaße nicht!
Judas. Ich sage dir, so ist's! Und willst du wissen Warum? Der König selbst hat einen Sohn Von zwanzig Jahren, doch er kennt ihn nicht! Die Mutter hat ihm, als er sie verließ, Das Kind entführt und feierlich geschworen, Es zu verderben--
Silo. Greuelhaftes Weib! Heidin?
Judas. Vermutlich! Zwar, ich weiß es nicht!-- So zu verderben, daß er's töten müsse, Verstehst du mich? Ich halt's für Raserei, Die sich gelegt hat nach der ersten Wut, Doch ihn macht's ängstlich, und kein Todesurteil Ward je an einem Menschen noch vollzogen, Der in dem Alter seines Sohnes stand. Tröst deinen Gärtner! Doch behalt's für dich!
(Verlieren sich wieder unter die übrigen.)
Fünfte Szene
Alexandra und Mariamne erscheinen im Vordergrund.
Alexandra. So willst du dich nicht zu den Römern flüchten?
Mariamne. Wozu nur?
Alexandra. Um das Leben dir zu sichern!