Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten
Part 4
Soemus. Ich kam herüber, um dem Vizekönig Entdeckungen von wunderbarer Art In schuld'ger Eile mündlich mitzuteilen. Ich wollt' ihm melden, daß die Pharisäer Sogar den starren Boden Galiläas, Wenn auch umsonst, zu unterhöhlen suchen, Doch meine Warnung kam zu spät, ich fand Jerusalem in Flammen vor und konnte Nur löschen helfen!
Herodes (reicht ihm die Hand). Und das tatest du Mit deinem Blut!--Sieh, Joseph, guten Tag! Dich hätt' ich anderswo gesucht!--Schon gut! Jetzt aber geh und schaff den Sameas, Den Pharisäer, den der Hauptmann Titus Auf Skythenart gefangenhält, hieher. Der starre Römer schleppt ihn, an den Schweif Des Rosses, das er reitet, festgebunden, Mit sich herum, weil er im heil'gen Eifer Auf offnem Markt nach ihm gespieen hat. Nun muß er rennen, wie er niemals noch Gerannt sein mag, wenn er nicht fallen und Geschleift sein will. Ich hätte ihn sogleich, Wie ich vorüberkam, erlösen sollen! Verdanke ich's doch sicher ihm allein, Daß ich jetzt alle Schlangen, die bisher Sich still vor mir verkrochen, kennenlernte! Nun kann ich sie zertreten, wann ich will! (Joseph ab,--Herodes zu Alexandra.) Ich grüße dich! Und vom Antonius Soll ich dir melden, daß man einen Fluß Nicht vor Gericht ziehn kann, und einen König In dessen Land er fließt, noch weniger, Weil er ihn nicht verschütten ließ! (Zu Soemus.) Ich wär' Längst wieder hier gewesen, doch wenn Freunde Zusammenkommen, die sich selten sehn, So halten sie sich fest! Das wird auch dir, Ich sag es dir voraus, bei mir geschehn, Nun ich dich endlich einmal wieder habe. Du wirst mit mir die Feigen schütteln müssen, So wie ich dem Antonius die Muränen, Pfui, Schlemmerei! in Strömen von Falerner Ersticken helfen und für manchen Schwank Aus unsrer frühern Zeit ihm das Gedächtnis Auffrischen mußte! Mach dich nur gefaßt, Mir gleichen Dienst zu leisten. Hab ich auch Vom Triumphator nicht genug in mir, Daß ich dich so zu mir entboten hätte, Wie er mich selbst zu sich entbot, zum Schein Auf eine abgeschmackte Klage hörend, Die Stirn, wie Cäsar, runzelnd und den Arm Mit Blitz und Donnerkeil zugleich bewaffnend, Bloß um gewiß zu sein--dies war der Grund, Warum er's tat--daß ich auch wirklich käme, So mach ich mir den Zufall, der dich heute Mir in die Hände liefert, doch zunutz, Und sprech, wie er, wenn du von deinem Amt Zu reden anfängst: Führst du's, wie du sollst, So braucht es dich nicht jeden Augenblick! Du kommst so selten, daß es scheint, als wärst Du hier nicht gern,
Soemus. Du tust mir unrecht, Herr, Doch hab ich Ursach', nicht zu oft zu kommen!
Herodes (zu Salome). Auch du bist hier?--So lerntest du es endlich Dir einzubilden, wenn du Mariamnen Begegnest, daß du in den Spiegel siehst Und deinen eignen Widerschein erblickst? Oft riet ich's dir, wenn du ihr grolltest, niemals Gefiel der Rat dir! Nimm den Scherz nicht krumm! Man kann nichts übles in der Stunde tun, Wo man sich wiedersieht! Doch, wo ist sie? Man sagte mir, sie sei bei ihrer Mutter, Drum kam ich her!
Salome. Sie ging, als sie vernahm, Daß du dich nähertest!
Herodes. Sie ging? Unmöglich! Doch wohl! Sie tat es, weil die Einsamkeit Dem Wiedersehen ziemt!--(Für sich.) Willst du ihr zürnen Statt abzubitten, Herz?--Ich folge ihr, Denn ihr Gefühl hat recht!
Salome. Belüg dich nur, Und leg den Schreck, dich auferstehn zu sehn, Die Scham, an deinen Tod geglaubt zu haben, Die größere, kaum Witwe mehr zu sein, Leg ihr das alles aus, als wär's die Scheu Des Mägdleins, das noch keinen Mann erkannt, Nicht die Verwirrung einer Sünderin! Sie ging aus Furcht!
Herodes. Aus Furcht?--Sieh um dich her, Wir sind hier nicht allein!
Salome. Das ist mir recht, Bring ich vor Zeugen meine Klage an, So wird sie um so sicherer gehört, Und um so schwerer unterdrückt!
Herodes. Du stellst Dich zwischen mich und sie? Nimm dich in acht, Du kannst zertreten werden!
Salome. Diesmal nicht, Obgleich ich weiß, was dir die Schwester gilt, Wenn's um die Makkabäerin sich handelt, Diesmal--
Herodes. Ich sag dir eins! Wär' an dem Tag, An dem ich sie zum ersten Mal erblickte, Ein Kläger aufgestanden wider sie, Er hätt' nicht leicht Gehör bei mir gefunden, Doch leichter noch, wie heut! Das warne dich! Ich bin ihr so viel schuldig, daß sie mir Nichts schuldig werden kann, und fühl es tief!
Salome. So hat sie einen Freibrief?
Herodes. Jede Larve Zu tragen, die ihr gut scheint, dich zu täuschen, Wenn sie sich Kurzweil mit dir machen will!
Salome. Dann--ja, dann muß ich schweigen! Wozu spräch' ich! Denn, was ich dir auch sagen möchte, immer Wär' deine Antwort fertig: Mummerei! Nun diese Mummerei ist gut geglückt, Sie hat nicht mich allein, sie hat die Welt Mit mir berückt und kostet dir die Ehre, Wie mir die Ruh', ob du auch schwören magst, Daß Joseph nur getan, was er gesollt, Wenn er--Sieh zu, ob es ein Mensch dir glaubt!
Herodes. Wenn er--Was unterdrückst du? Endige! Doch nein--Noch nicht! (Zu einem Diener.) Ich laß die Königin Ersuchen zu erscheinen!--Ist es nicht, Als wär' die ganze Welt von Spinnen rein, Und alle nisteten in meinem Hause, Um, wenn einmal für mich der blaue Himmel Zu sehen ist, ihn gleich mir zu verhängen Und Wolkendienst zu tun? Zwar--seltsam ist's, Daß sie nicht kommt! Sie hätt' mich küssen müssen, Der Allgewalt des Augenblicks erliegend, Und dann die Lippen sich zerbeißen mögen, Wenn das Gespenst denn noch nicht von ihr wich! (Zu Salome.) Weißt du, was du gewagt hast? Weißt du's, Weib? Ich freute mich! Verstehst du das? Und nun-- Die Erde hat mir einmal einen Becher Mit Wein verschüttet, als ich durstig war, Weil sie zu zucken anfing, eh' ich ihn Noch leerte, ihr verzieh ich, weil ich mußte, An dir könnt' ich mich rächen!
Zweite Szene
Mariamne tritt auf.
Herodes. Wirf dich nieder Vor ihr, die du vor so viel Zeugen kränktest, Dann tu' ich's nicht!
Salome. Ha!
Alexandra. Was bedeutet das?
Herodes. Nun, Mariamne?
Mariamne. Was befiehlt der König? Ich bin entboten worden und erschien!
Alexandra. Ist dies das Weib, das schwur, sich selbst zu töten, Wenn er nicht wiederkehrte?
Herodes. Dies dein Gruß?
Mariamne. Der König ließ mich rufen, ihn zu grüßen? Ich grüße ihn! Da ist das Werk vollbracht!
Alexandra. Du irrst dich sehr! Du stehst hier vor Gericht!
Herodes. Man wollte dich verklagen! Eh' ich noch Die Klage angehört, ließ ich dich bitten, Hieherzukommen, aber wahrlich nicht, Daß du dich gegen sie verteidigtest, Nur, weil ich glaube, daß sie in sich selbst Ersticken wird vor deiner Gegenwart!
Mariamne. Um das zu hindern, sollt' ich wieder gehn!
Herodes. Wie, Mariamne? Nie gehörtest du Zu jenen Seelen jammervoller Art, Die, wie sie eben Antlitz oder Rücken Des Feindes sehn, verzeihn und wieder grollen, Weil sie zu schwach für einen echten Haß Und auch zu klein für volle Großmut sind. Was hat dich denn im Tiefsten so verwandelt, Daß du dich ihnen jetzt noch zugesellst? Du hast doch, als ich schied, ein Lebewohl Für mich gehabt; dies deucht mir, gab mir Anspruch Auf dein Willkommen und du weigerst das? Du stehst so da, als lägen Berg und Tal Noch zwischen uns, die uns so lange trennten? Du trittst zurück, wenn ich mich nähern will? So ist dir meine Wiederkunft verhaßt?
Mariamne. Wie sollte sie? Sie gibt mir ja das Leben Zurück!
Herodes. Das Leben? Welch ein Wort ist dies!
Mariamne. Du wirst nicht leugnen, daß du mich verstehst!
Herodes (für sich). Kann sie's denn wissen? (Zu Mariamne.) Komm! (Da Mariamne nicht folgt.) Laßt uns allein! (Zu Alexandra.) Du wirst verzeihn!
Alexandra. Gewiß!
(Ab. Alle andern folgen ihr.)
Mariamne. So feig!
Herodes. So feig?
Mariamne. Und auch--Wie nenn ich's nur?
Herodes. Und auch?--(Für sich.) Das wär' Entsetzlich! Nimmer löscht' ich's in ihr aus!
Mariamne. Ob ihm sein Weib ins Grab freiwillig folgt, Ob sie des Henkers Hand hinunterstößt-- Ihm gleich, wenn sie nur wirklich stirbt! Er läßt Zum Opfertod ihr nicht einmal die Zeit!
Herodes. Sie weiß es!
Mariamne. Ist Antonius denn ein Mensch, Wie ich bisher geglaubt, ein Mensch, wie du, Oder ein Dämon, wie du glauben mußt, Da du verzweifelst, ob in meinem Busen Noch ein Gefühl von Pflicht, ein Rest von Stolz Ihm widerstehen würde, wenn er triefend Von deinem Blut als Freier vor mich träte Und mich bestürmte, ihm die Zeit zu kürzen, Die die ägypterin ihm übrigläßt?
Herodes. Doch wie? Doch wie?
Mariamne. Er müßte dich ja doch Getötet haben, eh' er werben könnte, Und wenn du selbst dich denn--ich hätt' es nie Gedacht, allein ich seh's!--so nichtig fühlst, Daß du verzagst, in deines Weibes Herzen Durch deines Männerwertes Vollgehalt Ihn aufzuwägen, was berechtigt dich, Mich so gering zu achten, daß du fürchtest, Ich wiese selbst den Mörder nicht zurück? O Doppelschmach!
Herodes (ausbrechend). Um welchen Preis erfuhrst Du dies Geheimnis? Wohlfeil war es nicht! Mir stand ein Kopf zum Pfand!
Mariamne. O Salome, Du kanntest deinen Bruder!--Frage den, Der mir's verriet, was er empfangen hat, Von mir erwarte keine Antwort mehr! (Wendet sich.)
Herodes. Ich zeig dir gleich, wie ich ihn fragen will! Soemus!
Dritte Szene
Soemus tritt ein.
Herodes. Ist mein Schwäher Joseph draußen?
Soemus. Er harrt mit Sameas.
Herodes. Führ ihn hinweg! Ich gab ihm einen Brief! Er soll den Brief Alsbald bestellen! Du begleitest ihn Und sorgst, daß alles treu vollzogen wird, Was dieser Brief befiehlt!
Soemus. Es soll geschehn! (Ab.)
Herodes. Was du auch ahnen, denken, wissen magst, Du hast mich doch mißkannt!
Mariamne. Dem Brudermord Hast du das Siegel der Notwendigkeit, Dem man sich beugen muß, wie man auch schaudert, Zwar aufgedrückt, doch es gelingt dir nie, Mit diesem Siegel auch den Mord an mir Zu stempeln, der wird bleiben, was er ist, Ein Frevel, den man höchstens wiederholen, Doch nun und nimmer überbieten kann!
Herodes. Ich würde nicht den Mut zur Antwort haben, Wenn ich, was ich auch immer wagen mochte, Des Ausgangs nicht gewiß gewesen wäre, Das war ich aber, und ich war es nur, Weil ich mein alles auf das Spiel gesetzt! Ich tat, was auf dem Schlachtfeld der Soldat Wohl tut, wenn es ein Allerletztes gilt, Er schleudert die Standarte, die ihn führt, An der sein Glück und seine Ehre hängt, Entschlossen von sich ins Gewühl der Feinde, Doch nicht, weil er sie preiszugeben denkt: Er stürzt sich nach, er holt sie sich zurück, Und bringt den Kranz, der schon nicht mehr dem Mut Nur der Verzweiflung noch erreichbar war, Den Kranz des Siegs, wenn auch zerrissen, mit. Du hast mich feig genannt. Wenn der es ist, Der einen Dämon in sich selber fürchtet, So bin ich es zuweilen, aber nur, Wenn ich mein Ziel auf krummem Weg erreichen, Wenn ich mich ducken und mich stellen soll, Als ob ich der nicht wäre, der ich bin. Dann ängstigt's mich, ich möchte mich zu früh Aufrichten, und um meinen Stolz zu zähmen, Der, leicht empört, mich dazu spornen könnte, Knüpf ich an mich, was mehr ist, als ich selbst, Und mit mir stehen oder fallen muß. Weißt du, was meiner harrte, als ich ging? Kein Zweikampf und noch minder ein Gericht, Ein launischer Tyrann, vor dem ich mich Verleugnen sollte, aber sicher nicht Verleugnet hätte, wenn--Ich dachte dein, Nun knirscht' ich nicht einmal--und was er auch Dem Mann und König in mir bieten mochte, Von Schmaus zu Schmaus mich schleppend und den Freispruch Mir doch, unheimlich schweigend, vorenthaltend, Geduldig, wie ein Sklave, nahm ich's hin!
Mariamne. Du sprichst umsonst! Du hast in mir die Menschheit Geschändet, meinen Schmerz muß jeder teilen, Der Mensch ist, wie ich selbst, er braucht mir nicht Verwandt, er braucht nicht Weib zu sein, wie ich. Als du durch heimlich-stillen Mord den Bruder Mir raubtest, konnten die nur mit mir weinen, Die Brüder haben, alle andern mochten Noch trocknen Auges auf die Seite treten Und mir ihr Mitleid weigern. Doch ein Leben Hat jedermann und keiner will das Leben Sich nehmen lassen, als von Gott allein, Der es gegeben hat! Solch einen Frevel Verdammt das ganze menschliche Geschlecht, Verdammt das Schicksal, das ihn zwar beginnen Doch nicht gelingen ließ, verdammst du selbst! Und wenn der Mensch in mir so tief durch dich Gekränkt ist, sprich, was soll das Weib empfinden, Wie steh ich jetzt zu dir und du zu mir?
Vierte Szene
Salome (stürzt herein). Entsetzlicher, was sinnst du? Meinen Gatten Seh ich von hinnen führen--er beschwört mich, Dich um Erbarmung anzuflehn--ich zaudre, Weil ich ihm grolle und ihn nicht verstehe-- Und nun--nun hör ich grause Dinge flüstern-- Man spricht--Man lügt, nicht wahr?
Herodes. Dein Gatte stirbt!
Salome. Eh' er gerichtet wurde? Nimmermehr!
Herodes. Er ist gerichtet durch sich selbst! Er hatte Den Brief, der ihn zum Tod verdammt, in Händen, Eh' er sich gegen mich verging, er wußte, Welch eine Strafe ihn erwartete, Wenn er es tat; er unterwarf sich ihr Und tat es doch!
Salome. Herodes, höre mich! Weißt du das denn gewiß? Ich habe ihn Verklagt, ich glaubte es mit Recht zu tun, Ich hatte Grund dazu--Daß er sie liebte, War offenbar, er hatte ja für mich Nicht einen Blick mehr, keinen Händedruck-- Er war bei Tage um sie, wann er konnte, Und nachts verrieten seine Träume mir, Wie sehr sie ihn beschäftigte--Das alles Ist wahr, und mehr--Doch folgt aus diesem allen Noch nicht, daß sie ihn wieder lieben mußte, Noch weniger, daß sie--O nein! o nein! Mich riß die Eifersucht dahin--vergib! Vergib auch du. (Zu Mariamne.) Ich habe dich gehaßt! O Gott, die Zeit vergeht! Man sprach--Soll ich Dich lieben, wie ich dich gehaßt? Dann sei Nicht länger stumm, sprich, daß er schuldlos ist Und bitt für ihn um Gnade, wie ich selbst!
Mariamne. Er ist's!
Herodes. In ihrem Sinn--in meinem nicht!
Mariamne. In deinem auch!
Herodes. Dann müßtest du nichts wissen! Jetzt kann ihn nichts entschuldigen! Und wenn ich Den Tod ihm geben lasse, ohne ihn Vorher zu hören, so geschieht's zwar mit, Weil ich dir zeigen will, daß ich von dir Nicht niedrig denke und das rasche Wort, Das mir im ersten Zorn entfiel, bereue, Doch mehr noch, weil ich weiß, daß er mir nichts Zu sagen haben kann!
Fünfte Szene
Soemus. Das blut'ge Werk Ist abgetan! Doch ganz Jerusalem Steht starr und fragt, warum der Mann, den du Zu deinem Stellvertreter machtest, als du Von hinnen zogst, bei deiner Wiederkehr Den Kopf verlieren mußte!
Salome (taumelt). Wehe mir! (Mariamne will sie auffangen.) Fort! Fort! (Zu Herodes.) Und die?
Herodes. Gib dich zufrieden, Schwester! Dein Gatte hat mich fürchterlich betrogen--
Salome. Und die?
Herodes. Nicht so, wie du es meinst--
Salome.
Nicht so? Wie denn? Sie willst du retten? Wenn mein Gatte Dich fürchterlich betrog, so tat sie's auch, Denn wahr ist, was ich sagte, und ein jeder Soll's wissen, der es noch nicht weiß! Du sollst In ihrem Blut dich waschen, wie in seinem, Sonst wirst du niemals wieder rein! Nicht so!
Herodes. Bei allem, was mir heilig ist--
Salome. So nenne Mir sein Verbrechen, wenn es das nicht war!
Herodes. Wollt' ich es nennen, würde ich's vergrößern! Ich hatt' ihm ein Geheimnis anvertraut, An dem mein alles hing, und dies Geheimnis Hat er verraten, soll auch ich das tun?
Salome. Elende Ausflucht, die mich schrecken wird! Meinst du, daß du mich täuschen kannst? Du glaubst An alles, was ich sagte, doch du bist Zu schwach, um deine Liebe zu ersticken, Und ziehst es vor, die Schande zu verhüllen, Die du nicht tilgen magst. Doch wenn du mich, Die Schwester, nicht, wie meinen Gatten tötest, So wird dir das mißlingen! (Zu Mariamne.) Er ist tot, Nun kannst du schwören, was du willst, er wird Nicht widersprechen! (Ab.)
Herodes. Folg ihr nach, Soemus, Und such sie zu begütigen! Du kennst sie, Und eh'mals hat sie gern auf dich gehört!
Soemus. Die Zeiten sind vorüber! Doch, ich geh! (Ab.)
Mariamne (für sich). Für den, der mich ermorden wollte hätt' ich Wohl nicht gebeten! Dennoch schaudre ich, Daß mir nicht einmal Zeit blieb, es zu tun!
Herodes (für sich). Er mußte doch daran! Im nächsten Krieg Hätt' er den Platz des Urias bekommen! Und dennoch reut mich diese Eile jetzt!
Sechste Szene
Ein Bote (tritt auf). Mich schickt Antonius!
Herodes. So weiß ich auch, Was du mir bringst. Ich soll mich fertigmachen, Der große Kampf, von dem er sprach, beginnt!
Bote. Octavianus hat nach Afrika Sich eingeschifft, ihm eilt Antonius Entgegen, mit Cleopatra vereint, Um gleich bei Aktium ihn zu empfangen--
Herodes. Und ich, Herodes, soll der Dritte sein! Schon gut! Ich zieh noch heut! Soemus kann, So schlecht es hier auch stehn mag, mich ersetzen. Gut, daß er kam!
Mariamne. Er zieht noch einmal fort! Dank, Ew'ger, Dank!
Herodes (sie beobachtend). Ha!
Bote. Großer König, nein! Er braucht dich nicht bei Aktium, er will, Daß du die Araber, die sich empörten, Verhindern sollst, dem Feind sich anzuschließen! Das ist der Dienst, den er von dir verlangt.
Herodes. Er hat den Platz, wo ich ihm nützen kann, Mir anzuweisen!
Mariamne. Noch einmal! Das löst Ja alles wieder!
Herodes (wie vorher). Wie mein Weib sich freut! (Zum Boten.) Sag ihm--du weißt's ja schon!-- (Für sich.) Die Stirn entrunzelt, Die Hände, wie zum Dankgebet, gefaltet-- Das ist ihr Herz!
Bote. Sonst hast du nichts für mich?
Mariamne. Jetzt werd' ich's sehn, ob's bloß ein Fieber war, Das Fieber der gereizten Leidenschaft, Das ihn verwirrte, oder ob sich mir In klarer Tat sein Innerstes verriet! Jetzt werd' ich's sehn!
Herodes (zum Boten). Nichts! Nichts! (Bote ab.--Herodes zu Mariamne.) Dein Angesicht Hat sich erheitert! Aber hoffe nicht Zu viel! Man stirbt nicht stets in einem Krieg, Aus manchem kehrt' ich schon zurück!
Mariamne (will reden, unterbricht sich aber). Nein! Nein
Herodes. Zwar gilt es diesmal einen hitz'gern Kampf, Wie jemals, alle andern Kämpfe wurden Um etwas in der Welt geführt, doch dieser Wird um die Welt geführt, er soll entscheiden, Wer Herr der Welt ist, ob Antonius, Der Wüst--und Lüstling, oder ob Octav, Der sein Verdienst erschöpft, sobald er schwört, Daß er noch nie im Leben trunken war, Da wird es Streiche setzen, aber dennoch Ist's möglich, daß dein Wunsch sich nicht erfüllt, Und daß der Tod an mir vorübergeht!
Mariamne. Mein Wunsch! Doch wohl! Mein Wunsch! So ist es gut Halt an dich, Herz! Verrat dich nicht! Die Probe Ist keine, wenn er ahnt, was dich bewegt! Besteht er sie, wie wirst du selbst belohnt, Wie kannst du ihn belohnen! Laß dich denn Von ihm verkennen! Prüf ihn! Denk ans Ende Und an den Kranz, den du ihm reichen darfst, Wenn er den Dämon überwunden hat!
Herodes. Ich danke dir! Du hast mir jetzt das Herz Erleichtert! Mag ich auch an deiner Menschheit Gefrevelt haben, das erkenn ich klar, An deiner Liebe frevelte ich nicht! Drum bettle ich denn auch bei deiner Liebe Nicht um ein letztes Opfer mehr, doch hoff ich, Daß du mir eine letzte Pflicht erfüllst. Ich hoffe das nicht meinetwegen bloß, Ich hoff es deinetwegen noch viel mehr, Du wirst nicht wollen, daß ich dich nur noch Im Nebel sehen soll, du wirst dafür, Daß ich den Mund des Toten selbst verschloß, Den deinen öffnen und es mir erklären, Wie's kam, daß er den Kopf an dich verschenkte, Du wirst es deiner Menschheit wegen tun, Du wirst es tun, weil du dich selber ehrst!
Mariamne. Weil ich mich selber ehre, tu ich's nicht!
Herodes. So weigerst du mir selbst, was billig ist?
Mariamne. Was billig ist! So wär' es also billig, Daß ich, auf Knieen vor dir niederstürzend, Dir schwüre: Herr, dein Knecht kam mir nicht nah! Und daß du's glauben kannst--denn auf Vertraun Hab ich kein Recht, wenn ich dein Weib auch bin-- So hör noch dies und das! O pfui! pfui! Herodes, nein! Fragt deine Neugier einst, So antwort ich vielleicht! Jetzt bin ich stumm!
Herodes. Wär' deine Liebe groß genug gewesen, Mir alles zu verzeihn, was ich aus Liebe Getan, ich hätt' dich niemals so gefragt! Jetzt, da ich weiß, wie klein sie ist, jetzt muß ich Die Frage wiederholen, denn die Bürgschaft, Die deine Liebe mir gewährt, kann doch Nicht größer sein, wie deine Liebe selbst, Und eine Liebe, die das Leben höher Als den Geliebten schätzt, ist mir ein Nichts!
Mariamne. Und dennoch schweig ich!
Herodes. So verdamm ich mich, Den Mund, der mir, zu stolz, nicht schwören will, Daß ihn kein andrer küßte, selbst nicht mehr Zu küssen, bis er es in Demut tut; Ja, wenn's ein Mittel gäbe, die Erinnrung An dich in meinem Herzen auszulöschen, Wenn ich, indem ich beide Augen mir Durchstäche und die Spiegel deiner Schönheit Vertilgte, auch dein Bild vertilgen könnte, In dieser Stunde noch durchstäch' ich sie.
Mariamne. Herodes, mäß'ge dich! Du hast vielleicht Gerade jetzt dein Schicksal in den Händen Und kannst es wenden, wie es dir gefällt! Für jeden Menschen kommt der Augenblick, In dem der Lenker seines Sterns ihm selbst Die Zügel übergibt. Nur das ist schlimm, Daß er den Augenblick nicht kennt, daß jeder Es sein kann, der vorüberrollt! Mir ahnt, Für dich ist's dieser! Darum halte ein! Wie du dir heut die Bahn des Lebens zeichnest, Mußt du vielleicht sie bis ans Ende wandeln: Willst du das tun im wilden Rausch des Zorns?
Herodes. Ich fürchte sehr, du ahnst nur halb das Rechte, Der Wendepunkt ist da, allein für dich! Denn ich, was will ich denn? Doch nur ein Mittel, Womit ich böse Träume scheuchen kann!
Mariamne. Ich will dich nicht verstehn! Ich hab dir Kinder Geboren! Denk an die!
Herodes. Wer schweigt, wie du, Weckt den Verdacht, daß er die Wahrheit nicht Zu sagen wagt und doch nicht lügen will.
Mariamne. Nicht weiter!
Herodes. Nein, nicht weiter! Lebe wohl! Und wenn ich wiederkehre, zürne drob Nicht allzusehr!
Mariamne. Herodes!
Herodes. Sei gewiß, Ich werde dir nicht wieder so, wie heute, Den Gruß entpressen!
Mariamne. Nein, es wird nicht wieder Vonnöten sein! (Gen Himmel.) Lenk, Ewiger, sein Herz! Ich hatt' ihm ja den Brudermord verziehn, Ich war bereit, ihm in den Tod zu folgen, Ich bin es noch, vermag ein Mensch denn mehr? Du tatest, was du nie noch tatst, du wälztest Das Rad der Zeit zurück, es steht noch einmal, Wie es vorher stand; laß ihn anders denn Jetzt handeln, so vergeß ich, was geschehn; Vergeß es so, als hätte er im Fieber Mit seinem Schwert mir einen Todesstreich Versetzt und mich genesend selbst verbunden. (Zu Herodes.) Seh ich dich noch?
Herodes. Wenn du mich kommen siehst, So ruf nach Ketten! Das sei dir Beweis, Daß ich verrückt geworden bin!
Mariamne. Du wirst Dies Wort bereun!--Halt an dich, Herz!--Du wirst! (Ab.)