Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten

Part 3

Chapter 3 3,742 words Public domain Markdown

Alexandra. Ich nicht, mein feiger Vater schloß den Bund.

Mariamne. So tat er, was dir nicht gefiel?

Alexandra. Das nicht! Sonst wäre ich zuvor mit dir entflohn, Mir stand die Freistatt in ägypten offen, Ich sag nur, der Entschluß ging aus von ihm, Dem ersten Hohenpriester ohne Mut, Und ich bekämpfte bloß den Widerwillen, Mit dem ich anfangs ihn vernahm. Allein Ich tat es, denn ich fand des Feiglings Handel In kurzem gut, und gab für Edoms Schwert Die Perle Zions, als er drängte, hin! Ja, wär' die Schlange, die Cleopatra Um jene Zeit gestochen, eine gift'ge Gewesen, oder wär' Antonius Auch nur auf seinem Zug hieher gekommen, Ich hätte nein gesagt! Nun sagt' ich ja!

Mariamne. Und dennoch--

Alexandra. Ich erwartete von dir, Daß du den Kaufpreis nicht vertändeln würdest, Und daß du den Herodes--

Mariamne. Oh, ich weiß! Ich hätte mir von ihm für jeden Kuß Im voraus einen Kopf, der dir mißfiel, Bedingen und zuletzt, wenn keiner dir Mehr trotzte, als sein eigner, ihn zum Selbstmord Bewegen, oder auch, wenn das nicht ging, An ihm in stiller Nacht die Katzentat Der Judith listig wiederholen sollen, Dann hättst du mich mit Stolz dein Kind genannt!

Alexandra. Mit größerem, als jetzt, ich leugn' es nicht.

Mariamne. Ich zog es vor, dem Mann ein Weib zu sein, Dem du mich zugeführt, und über ihn Die Makkabäerin so zu vergessen, Wie er den König über mich vergaß.

Alexandra. Du schienst dich doch in Jericho auf sie Noch einmal zu besinnen, wenigstens Warst du die erste, die mit einer Klage Hervortrat, als ich selbst sie noch zurückhielt, Um dich zu prüfen. War's nicht so?

Mariamne. In Jericho Verwirrte mich das gräßliche Ereignis, Es kam zu schnell, vom Tisch ins Bad, vom Bad Ins Grab, ein Bruder, ja, mir schwindelte! Doch, wenn ich meinem König und Gemahl Argwöhnisch und verstockt die Tür verschloß, Bereu ich's jetzt, und kann's mir nur verzeihn, Weil es geschehn ist, wie in Fiebers Glut!

Alexandra. In Fiebers Glut!

Mariamne (halb für sich). Auch hätt' ich's nicht getan, Wär' er in Trauerkleidern nicht gekommen! Rot, dunkelrot hätt' ich ihn sehen können, Doch--

Alexandra. Ja, die fand er rasch! Er hatte sie Voraus bestellt, wie andre Mörder sich, Wo möglich, Wasser schöpfen, eh' sie morden--

Mariamne. Mutter, vergiß nicht!

Alexandra. Was? Daß du das Weib Des Mörders bist? Das bist du erst geworden, Und bist es nur so lange, als du willst, Ja, bist's vielleicht, wer weiß! schon jetzt nicht mehr; Des Toten Schwester aber warst du stets Und wirst es bleiben, wirst es dann sogar Noch sein, wenn du--du scheinst dazu geneigt-- Ins Grab ihm nachrufst: Dir ist recht geschehn!

Mariamne. Ich bin dir Ehrfurcht schuldig, und ich möchte Sie nicht verletzen, darum halte ein! Ich könnte sonst--

Alexandra. Was könntest du?

Mariamne. Mich fragen, Wer schuld ist an der Tat, ob der, der sie Vollbrachte, weil er mußte, oder die, Die sie ihm abdrang! Laß den Toten ruhn!

Alexandra. So sprich zu einer, die ihn nicht gebar! Ich trug ihn unterm Herzen, und ich muß Ihn rächen, da ich ihn nicht wecken kann, Daß er sich selber räche!

Mariamne. Räch ihn denn, Doch räch ihn an dir selbst! Du weißt recht gut, Daß es der Hohepriester war, der rings Vom Volk Umjauchzte, selbst schon Schwindelnde, Und nicht der Jüngling Aristobolus, Der gegen sich hervorrief, was geschah. Wer trieb den Jüngling nun, das sag mir an, Aus seiner Selbstzufriedenheit heraus? Es fehlt' ihm ja an bunten Röcken nicht, Die Blicke schöner Mädchen anzuziehn, Und mehr bedurft' er nicht zur Seligkeit. Was sollt' ihm Aarons Priestermantel noch, Den du zum überfluß ihm überhingst? Ihm kam von selbst ja kein Gedanke drin, Als der: wie steht er mir? Doch andre hielten Ihn seit dem Augenblick, daß er ihn trug, Fürs zweite Haupt von Israel, und dir Gelang es bald, ihn selbst so zu betören, Daß er sich für das erste, einz'ge hielt!

Alexandra. Du lästerst ihn und mich!

Mariamne. Ich tu es nicht! Wenn dieser Jüngling, der geboren schien, Der Welt den ersten Glücklichen zu zeigen, Wenn er so rasch ein dunkles Ende fand, Und wenn der Mann, der jeden andern Mann, Wie er sein Schwert nur zieht, zum Weibe macht, Wenn er--ich weiß nicht, ob er's tat, doch fürcht' ich's; Dann tragen Ehrsucht, Herrschgier, zwar die Schuld, Doch nicht die Ehrsucht, die der Tote hegte, Und nicht die Herrschgier, die den König plagt! Ich will dich nicht verklagen, mir geziemt's nicht, Ich will dafür, daß du uns ein Gespenst, Ein blut'ges, in die Ehekammer schicktest, Von dir nicht eine Reueträne sehn, Obgleich wir nie jetzt mehr zu zweien sind, Und mir der Dritte so den Sinn verstört, Daß ich verstumme, wenn ich reden sollte, Und daß ich rede, wenn zu schweigen wär'; Ich will nicht einmal deinen Rachedurst Ersticken, will nicht fragen, was du rächst, Ob deine Pläne oder deinen Sohn: Tu, was du willst, geh weiter, halte ein, Nur sei gewiß, daß du, wenn du Herodes Zu treffen weißt, auch Mariamne triffst; Den Schwur, den ich zurückhielt, als er scheidend Ihn foderte, den leist ich jetzt: Ich sterbe, Wenn er stirbt. Handle denn und sprich nicht mehr!

Alexandra. So stirb! Und gleich! Denn--

Mariamne. Ich verstehe dich Und deshalb glaubtest du, ich brauchte Trost? O nein! Du irrst! Es schreckt mich nicht, Wenn das Gesindel, das die Auserwählten Nur, weil sie menschlich-sterblich sind, erträgt, Ihn mit dem Mund schon totgeschlagen hat. Was bleibt dem Sklaven übrig, wenn der König In Pracht und Herrlichkeit vorüberbraust, Als sich zu sagen: Er muß dran, wie ich! Ich gönn ihm das! Und wenn er an den Thron Ganz dicht ein Schlachtfeld rückt mit tausend Gräbern, So lob ich's, es erstickt in ihm den Neid! Doch, daß Herodes lebt und leben wird, Sagt mir mein Herz. Der Tod wirft einen Schatten, Und der fällt hier hinein!

Vierte Szene

Ein Diener. Der Vizekönig!

Alexandra. Gewiß bewaffnet, wie er immer ist, Wenn er zu uns kommt, seit es ihm mißlang, Durch Schmeichelei den Sinn uns zu betören, Wie er's im Anfang zu versuchen schien. Weißt du, daß Salome in jener Zeit Vor Eifersucht verging?

Mariamne. Sie tut's noch jetzt! Denn lächelnd und vertraulich sag ich ihm, Wenn sie dabei ist, stets die schlimmsten Dinge, Und da sie selbst nicht müde wird, zu spähn, So werde ich nicht müde, sie zu strafen Für ihre Torheit!

(Joseph tritt ein.)

Alexandra (auf Josephs Waffen deutend).

Siehst du?

Mariamne. Mag er doch! Sein Weib verlangt's, damit sie träumen kann, Sie habe einen kriegrischen Gemahl.

Alexandra (zu Joseph). Ich bin noch da!

Joseph. Ein seltsamer Empfang.

Alexandra. Mein Sohn ist auch noch da! Er hat, wie einst, In eine Totenkiste sich versteckt. Jag ihn heraus, ich will's dafür verzeihn, Daß du das einmal ungeheißen tatst. Du mußt die Kiste aber diesmal nicht Auf einem Schiff, das nach ägypten segelt, Du mußt sie suchen in des Kirchhofs Bauch.

Joseph. Ich bin nicht der, der Tote wecken kann!

Alexandra (mit Hohn gegen Mariamne). Wohl wahr! Sonst wärst du sicher mitgezogen, Um deinen Herrn, wenn ihn sein Knien und Flehn Vor dem Liktorenbeil nicht schützen sollte--

Mariamne. Er kniet und fleht!

Joseph (zu Mariamne). Ich kann dir zeigen wie! "Man hat mich des geziehn!" Ich räum es ein. "Des aber nicht!" Ich füg es gleich hinzu, Damit du alles weißt!--So wird er's machen.

Alexandra. Prahlst du für ihn?

Joseph. So hat er's schon gemacht! Ich stand dabei, da ihn die Pharisäer Verklagen wollten beim Antonius. Er hatte es statt ihrer selbst getan, Vorausgeeilt ins Lager, wie er war, Und sagte, als sie kamen, Punkt für Punkt Die Rechnung wiederholend und ergänzend: Sprecht, ob ich etwas ausließ oder nicht! Den Ausfall kennst du, mancher von den Klägern Verlor den starren Kopf, als sie nicht wichen, Er trug des Römers volle Gunst davon.

Alexandra. Da waren beide jünger, wie sie jetzt sind. Des einen übermut gefiel dem andern Und um so mehr; weil er auf fremde Kosten Geübt ward, nicht auf eigne. Kann dem Römer Der Pharisäer denn was sein, des Zunge Beständig Aufruhr predigt gegen Rom? Wer dem den Bart rauft, kürzt sein Ansehn! dachte Antonius und lachte, doch ich zweifle, Ob er das auch geschehn läßt an sich selbst!

Joseph. Du sprichst, als wünschtest du--

Alexandra. Ob unsre Wünsche Zusammengehn, ob nicht, was kümmert's dich? Halt du den deinen fest! Für dich ist's wichtig, Daß er zurückkehrt!

Joseph. Meinst du? Wenn für mich, So auch für dich!

Alexandra. Ich wüßte nicht, warum? Es gab schon einmal eine Alexandra, Die eine Krone trug in Israel, Die zugriff, als sie frei geworden war, Und sie nicht liegen ließ für einen Dieb. Es soll, bei Gott! nicht an der zweiten fehlen, Wenn's wirklich (zu Mariamne) Makkabäerinnen gibt, Die kind'sche Schwüre halten!

Joseph (aushorchend). Es ist wahr! Solch eine Alexandra gab's einmal, Doch, wer ihr Ziel erreichen will, der muß Ihr Beispiel ganz befolgen, nicht nur halb. Sie söhnte sich, als sie den Thron bestieg, Mit allen ihren Feinden aus, nun hatte Niemand von ihr zu fürchten, nur zu hoffen, Kein Wunder, daß sie fest saß bis zum Tod!

Mariamne. Das find ich kläglich! Wozu einen Zepter, Wenn nicht, um Haß und Liebe zu befried'gen? Die Fliegen zu verscheuchen g'nügt ein Zweig!

Joseph. Sehr wahr! (Zu Alexandra.) Und du?

Alexandra. Sie sah im Traum wohl nie Den Ahnherrn ihres Stamms, den großen Judas, Sonst hätt' sie wahrlich keinen Feind gescheut, Denn noch vom Grab aus schützt er seine Enkel, Weil er in keinem Herzen sterben kann. Wie sollt' er auch! Es kann ja niemand beten, Der sich nicht sagen muß: ich dank es ihm, Daß ich noch knieen darf vor meinem Gott Und nicht vor Holz, vor Erz und Stein!

Joseph (für sich). Der König Hat recht gehabt! Ich muß die Tat vollbringen, Und zwar an beiden, oder sie erleiden. Ich muß mir auf das Haupt die Krone setzen, Wenn ich's vorm Beil des Henkers sichern will. Hier starrt mir eine Welt von Haß entgegen! Wohlan, sie sprachen sich das Urteil selbst; Ich hab sie jetzt zum letzten Mal geprüft, Und wäre nur sein Bote da, ich würde Es mitleidslos den Augenblick vollziehn! Jedwede Vorbereitung ist getroffen.

Fünfte Szene

Ein Diener. Der Hauptmann Titus bittet um Gehör!

Joseph. Sogleich! (Will gehen.)

Alexandra. Warum nicht hier?

Der Diener. Da ist er schon!

Titus (tritt ein; zu Joseph, heimlich). Was du befürchtetest, geschieht, das Volk Empört sich!

Joseph. Tu denn rasch, was ich befahl, Stell die Kohorte auf und rücke aus!

Titus. Das tat ich schon. Nun komm ich, dich zu fragen, Ob du Gefangne oder Tote willst? Mein Adler packt so gut, als er zerfleischt, Und du mußt wissen, was dir besser frommt.

Joseph. Blut darf nicht fließen!

Titus. Gut! So hau ich ein, Eh' sie die Steinigung begonnen haben, Sonst tät' ich's später!

Joseph. Sahst du Sameas?

Titus. Den Pharisäer, der sich einst die Stirn An meinem Schild fast einstieß, weil er stets Die Augen schließt, sobald er mich erblickt? Den sah ich allerdings!

Joseph. Und wie? Sprich laut!

Titus. Auf offnem Markt, von Tausenden umringt, Herodes laut verfluchend!

Joseph (zu Alexandra). Sameas Ging erst vor einer Stunde fort von dir!

Alexandra. Sahst du's?

Titus. (zu Joseph). Erscheinst du selbst?

Joseph. Sobald ich kann! Einstweilen--

Titus. Wohl! Ich geh! (Will gehen.)

Alexandra (ruft ihn um). Ein Wort noch, Hauptmann Warum entzogst du uns die Wache?

Mariamne. Fehlt sie?

Alexandra. Seit gestern abend. Ja!

Joseph. Weil ich's gebot!

Titus. Und weil der König, als er ging, mir sagte: Dies ist der Mann, der meinen Willen weiß, Was er gebietet, das gebiet ich selbst! (Ab.)

Alexandra (zu Joseph). Und du?

Joseph. Ich dachte, Judas Makkabäus Wär' Schutz genug für dich und deine Tochter. Im übrigen, du hörst, wie's draußen steht: Ich brauche die Soldaten! (Für sich.) Wenn die Römer So nahe wären, könnt' es mir mißglücken! Heut schickt' ich Galiläer!

Alexandra (zu Mariamne). Meinst du noch, Mein Argwohn habe keinen Grund?

Mariamne. Ich weiß nicht, Doch jetzt steckt er mich an. Dies find ich seltsam! Obgleich--Wenn aus der Wand ein Wurfspieß führe, Es käme mir nicht unerwarteter!

Alexandra. Zwei Stöße, und der Weg zum Thron ist frei; Denn, gibt es keine Makkabäer mehr, So kommen die Herodianer dran.

Mariamne. Ich würde dich noch, jetzt verlachen, wäre Nicht Salome sein Weib!--Bei meinem Bruder, Ihr Kopf ist mein! Ich spreche zu Herodes: Wie du mich rächst an ihr, so liebst du mich! Denn sie, nur sie ist's! Der da nimmermehr!

Alexandra. Du triumphierst zu früh! Erst gilt's zu handeln, Und diesen Aufstand, dächt' ich, nutzten wir!

Mariamne. Mit diesem Aufstand hab ich nichts zu schaffen, Denn wenn Herodes wiederkehrt, so bleibt Mir nichts zu fürchten, und wenn nicht, so kommt Der Tod in jeglicher Gestalt mir recht!

Alexandra. Ich geh! (Will ab.)

Joseph (vertritt ihr den Weg). Wohin?

Alexandra. Fürs erste auf die Zinne Und dann, wohin es mir gefallen wird!

Joseph. Zur Zinne steht der Weg dir frei! Die Burg Ist abgesperrt!

Alexandra. So wären wir Gefangne?

Joseph. Solange, bis die Ruhe hergestellt ist, Muß ich dich bitten--

Alexandra. Was erkühnst du dich?

Joseph. Ein Stein ist blind, ein röm'scher Wurfspieß auch, Sie treffen beide oft, was sie nicht sollen, Drum muß man ihnen aus dem Wege gehn!

Alexandra (zu Mariamne). Ich steig hinauf und suche meinen Freunden Durch Zeichen kundzutun, wie's mit uns steht.

Mariamne. Durch Zeichen--deinen Freunden--Mutter, Mutter! So bist du's wirklich selbst und nicht das Volk? Wenn du dir selbst nur nicht die Grube gräbst!

(Alexandra will gehen.)

Joseph. Du wirst gestatten, daß dich mein Trabant Begleitet. Philo!

Alexandra. Also offner Krieg?

(Philo tritt ein.)

Joseph (redet mit ihm, anfangs leise, dann laut). Du hast verstanden?

Philo. Ja!

Joseph. Im schlimmsten Fall!

Philo. Den wart ich ab, dann--

Joseph. Und mir bürgt dein Kopf! (Für sich.) Mir däucht, Herodes' Geist ist über mir!

Alexandra (für sich). Ich gehe doch! Vielleicht ist der Soldat, Obgleich ein Galiläer, zu gewinnen! Versuchen will ich es! (Ab.)

(Philo folgt ihr.)

Joseph (für sich). Ich kann nicht anders, Wie sehr es mich verdächt'gen mag, der Aufruhr Zwingt mich zu diesem Schritt, ich darf sie jetzt Nicht aus den Augen lassen, wenn ich mir Die Tat nicht selbst unmöglich machen will, Denn jede Stunde kann sein Bote kommen! Ihn selbst erwarte ich schon längst nicht mehr.

Mariamne. Wann starb Herodes?

Joseph. Wann er starb?

Mariamne. Und wie? Du mußt es wissen, da du so viel wagst!

Joseph. Was wag ich denn? Du gibst mir Rätsel auf!

Mariamne. Nichts, wenn du glaubst, ich finde keinen Schutz, Sobald die Römer hören, daß mein Leben Bedroht ist, alles, wenn du darin irrst.

Joseph. Und wer bedroht dein Leben?

Mariamne. Fragst du noch? Du!

Joseph. Ich?

Mariamne. Kannst du das Gegenteil mir schwören? Kannst du's bei deines Kindes Haupt?--Du schweigst!

Joseph. Du hast mir keine Schwüre abzufodern.

Mariamne. Wer so verklagt wird, leistet sie von selbst. Doch weh dir, wenn Herodes wiederkehrt! Ich sag ihm zweierlei vorm ersten Kuß, Ich sag ihm, daß du sannst auf meinen Mord, Ich sag ihm, was ich schwur: ermiß nun selbst, Welch Schicksal dich erwartet, wenn er kommt!

Joseph. Und was--was schwurst du? Wenn's mich schrecken soll, So muß ich's wissen.

Mariamne. Hör's zu deinem Fluch! Daß ich mit eigner Hand mich töten will, Wenn er--Oh, hätt' ich das geahnt! Nicht wahr?-- Dann hätte ich an einen kalten Gruß Mich nie gekehrt, ich hätte fortgefahren, Wie ich begann, und alles stünde wohl! Denn anfangs warst du ein ganz andrer Mann!

Joseph. Ich habe nichts zu fürchten!

Mariamne. Weil du meinst, Es sei unmöglich, daß er wiederkehrt! Wer weiß! Und wenn! Ich halte meinen Schwur, Doch eher nicht, bis ich an dir mich rächte, Bis ich an dir, erzittre, so mich rächte, Wie er mich rächen würde! Zieh doch jetzt Sogleich dein Schwert! Du wagst es nicht? Ich glaub's! Und wie du mich auch hüten magst, ich finde Zum Hauptmann Titus sicher einen Weg! Verloren ist dein Spiel, seit ich's durchschaut.

Joseph (für sich). Wahr, wahr! (Zu Mariamne.) Ich halte dich beim Wort! Du rächst Dich so, ganz so, wie er dich rächen würde! Das hast du mir gelobt! Vergiß es nicht!

Mariamne. So spricht der Wahnwitz! Daß Herodes mich Mehr liebt, wie ich mich selber lieben kann, Wird keiner, wird nicht einmal Salome, Dein tück'sches Weib, bezweifeln, wenn sie mich Auch eben darum doppelt hassen, wenn sie Auch eben darum dir den Mordgedanken Rachsüchtig eingegeben haben mag! Daß er von ihr kommt, weiß ich, und ich will Sie treffen, daß sie's fühlt, ihr Schmerz um dich Soll meine letzte Lust auf Erden sein!

Joseph. Du irrst dich! Doch gleichviel! Ich hab dein Wort!

Mariamne. Du wiederholst es noch einmal? Verruchter, Welch einen Aufruhr nächtlicher Gedanken Weckst du mir in der Brust und welchen Argwohn! Du sprichst, als ob Herodes selber mich Zum Opfertier und dich zum Opferpriester Erkoren hätte. Ist es so? Beim Abschied Entfiel ihm, mit Entsetzen denk ich dran, Ein dunkles Wort. Gib Antwort!

Joseph. Diese geb ich Sobald es nötig ist, sobald ich weiß, Daß er--

Mariamne. Dich nicht mehr Lügen strafen kann, Wenn du ihn feig und schlecht des Schrecklichsten, Des Maßlos-Ungeheuersten verklagtest, Bloß um dich selbst vor mir zu reinigen? Ich sage dir, ich höre dich nur jetzt, Wo er vielleicht, eh' du noch endigtest, Schon in die Tür tritt und dich niederstößt! Schweig denn auf ewig, oder sprich sogleich!

Joseph. Und wenn es wär'? Ich sag nicht, daß es ist! Doch wenn es wär'? Was würd' es anders sein, Als die Bestät'gung dessen, was du fühlst, Als ein Beweis, daß er dich liebt, wie nie Ein Mann sein Weib noch liebte?

Mariamne. Was ist das? Mir deucht, schon einmal hab ich das gehört!

Joseph. Ich dächte doch, es könnte dir nur schmeicheln, Wenn ihm der Tod nicht halb so bitter wär', Als der Gedanke, dich--

Mariamne. Was gilt die Wette, Ich selber bring es jetzt für dich zu Ende! Als der Gedanke, mich zurückzulassen In einer Welt, wo ein Antonius lebt!

Joseph. Nun ja! Ich sag nicht, daß er das gesagt--

Mariamne. Er hat's gesagt! Er hat--Was hat er nicht! Oh, daß er endlich käme!

Joseph. Mariamne!--(Für sich.) Wie hab ich mich verstrickt! Zwar tat ich nichts, Als was ich mußte! Doch mich packt ein Grauen, Daß er--ich seh den Aristobolus. Verflucht die Tat, die einen Schatten wirft, Eh' sie ins Leben tritt!

Mariamne. So war das mehr, Als eine tolle Blase des Gehirns, Wie sie zuweilen aufsteigt und zerplatzt, So war's--Von jetzt erst fängt mein Leben an, Bis heute träumt' ich!

Sechste Szene

Ein Diener tritt ein; ihm folgt Salome.

Salome (zum Diener). Ward's dir untersagt, Hier ungemeldet jemand einzulassen? Ich nehm's auf mich!

Joseph. Du, Salome?

Salome. Wer sonst? Kein böser Geist! Dein Weib! Dein armes Weib, Um das du warbst, wie Jakob warb um Rahel, Und das du nun--(Zu Mariamne.) Verfluchte, war es dir Noch nicht genug, daß du das Herz des Bruders Mir abgewendet hast? Mußt du mir jetzt Auch den Gemahl noch rauben? Tag und Nacht Denkt er an dich, als wärest du schon Witwe, Und ich noch weniger, als das! Bei Tage Folgt er auf Schritt und Tritt dir nach! Bei Nacht Träumt er von dir, nennt ängstlich deinen Namen, Fährt aus dem Schlummer auf--(Zu Joseph.) Hielt ich's dir nicht Noch diesen Morgen vor? Und heut sogar, Wo ganz Jerusalem in Aufruhr ist, Heut ist er nicht bei mir, nicht auf dem Markt, Wo ich, weil er nicht kam, ihn suchen ließ, Er ist bei dir, und ihr--ihr seid allein!

Mariamne. Die ist es sicher nicht! So ist er's selbst! Wenn noch ein Zweifel übrigblieb, so hat Die blöde Eifersucht ihn jetzt erstickt!-- Ich war ihm nur ein Ding und weiter nichts!

Joseph (zu Salome). Ich schwör dir--

Salome. Daß ich blind bin? Nein! Ich sehe!

Mariamne. Der Sterbende, der seinen Feigenbaum Abhauen ließe, weil er seine Früchte Nach seinem Tode keinem andern gönnte, Der Sterbende wär' ruchlos, und er hätte Den Baum vielleicht doch selbst gepflanzt und wüßte, Daß er den Dieb, daß er sogar den Mörder Erquicken müßte, der ihn schüttelte. Bei mir fällt beides weg! Und doch! Und doch! Das ist ein Frevel, wie's noch keinen gab.

Salome (zu Joseph). Du sprichst umsonst! Ein Auftrag! Welch ein Auftrag?

Mariamne. Ein Auftrag! Dies das Siegel!--Wär' es möglich, Jetzt müßt' es doch am ersten möglich sein! Allein es ist nicht möglich! Keine Regung Unedler Art befleckt mein Innerstes, Wie es auch stürmt in meiner Brust! Ich würde Antonius in diesem Augenblick Dieselbe Antwort geben, die ich ihm An unsrem Hochzeitstag gegeben hätte, Das fühl ich, darum trifft's mich, wie's mich trifft, Sonst müßte ich's ertragen, ja verzeihn!

Salome (zu Mariamne). Ich bin für dich nicht da, wie's scheint?

Mariamne.

Doch! Doch! Du hast sogar die größte Wohltat mir Erzeigt, ich, die ich blind war, sehe jetzt, Ich sehe hell und das allein durch dich!

Salome. Verhöhnst du mich? Auch das sollst du mir büßen, Wenn nur mein Bruder wiederkehrt! Ich werde Ihm alles sagen--

Mariamne. Was? Ja so! Das tu! Und hört er drauf--Warum denn nicht? Was lach ich? Ist das denn noch unmöglich?--Hört er drauf, So nimm mein Wort: ich widersprech dir nicht! Ich liebe mich nicht mehr genug dazu!

Siebente Szene

Alexandra (stürzt herein). Der König!

Joseph. In der Stadt?

Alexandra. Schon in der Burg!

Dritter Akt

Burg Zion. Alexandras Gemächer.

Erste Szene

Alexandra. Joseph. Salome. Herodes tritt ein. Sein Gefolge. Soemus.

Herodes. Da wär' ich wieder! (Zu Soemus.) Blutet's noch? Der Stein Hat mir gegolten, und er traf dich nur, Weil du gerade kamst, mir was zu sagen, Dein Kopf war diesmal deines Königs Schild! Wärst du geblieben, wo du warst--

Soemus. So hätt' ich Die Wunde nicht, doch auch nicht das Verdienst, Wenn es ein solches ist. In Galiläa Wird höchstens der gesteinigt, der es wagt, Sich dir und mir, der ich dein Schatten bin, Dein Sprachrohr, oder, was du immer willst, Zu widersetzen.

Herodes. Ja, da sind sie treu! Dem eignen Vorteil nämlich, und weil dieser Mit meinem Hand in Hand geht, meinem auch.

Soemus. Wie sehr, das siehst du daran, daß du mich In deiner Hauptstadt findest.

Herodes. In der Tat, Dich hier zu treffen, hätt' ich nicht erwartet; Denn, wenn der König fern ist, tun die Wächter Den störrigen Provinzen doppelt not! Was trieb dich denn von deinem Posten fort? Doch ganz gewiß was andres, als der Wunsch, Mir zu beweisen, daß er ungefährdet Verlassen werden könne, und die Ahnung, Daß hier ein Steinwurf aufzufangen sei!