Herodes und Mariamne: Eine Tragödie in fünf Akten

Part 2

Chapter 2 3,813 words Public domain Markdown

Herodes. Heut nicht! Doch morgen, oder übermorgen!-- Sie will mir nach dem Tode Gutes tun! Spricht so ein Weib? Zwar weiß ich's, daß sie oft, Wenn ich sie schön genannt, ihr Angesicht Verzog, bis sie es nicht mehr war. Auch weiß ich's, Daß sie nicht weinen kann, daß Krämpfe ihr, Was andern Tränengüsse sind! Auch weiß ich's, Daß sie mit ihrem Bruder kurz vorher, Eh' er im Bad den Tod fand, sich entzweit Und dann die Unversöhnliche gespielt, Ja, obendrein, als er schon Leiche war' Noch ein Geschenk von ihm erhalten hat, Das er beim Gang ins Bad für sie gekauft. Und doch! Spricht so ein Weib in dem Moment, Wo sie den, den sie liebt, und wenigstens Doch lieben soll--Sie kehrt nicht wieder um, Wie einst, als ich--Sie ließ kein Tuch zurück, Das ihr als Vorwand--Nein, sie kann es tragen, Daß ich mit diesem Eindruck--Wohl, es sei! Nach Alexandria--ins Grab--Gleichviel! Doch eins zuvor! Eins! Erd' und Himmel, hört's! Mir schwurst du nichts, dir will ich etwas schwören: Ich stell dich unters Schwert. Antonius, Wenn er mich deinetwegen fallen läßt, Und deiner Mutter wegen tut er's nicht! Soll sich betrügen, sei's auch zweifelhaft, Ob mir das Kleid, das mich im Sterben deckt, Mit in die Grube folgt, weil mir ein Dieb Es ja noch stehlen kann, du sollst mir folgen! Das steht nun fest! Wenn ich nicht wiederkehre, So stirbst du! Den Befehl laß ich zurück! Befehl! Da stößt ein böser Punkt mir auf: Was sichert mich, daß man mir noch gehorcht, Wenn man mich nicht mehr fürchtet? Oh, es wird Sich einer finden, denk ich, der vor ihr Zu zittern hat!

Fünfte Szene

Ein Diener. Dein Schwäher!

Herodes. Ist willkommen! Das ist mein Mann! Dem reiche ich mein Schwert Und hetz ihn dann durch Feigheit in den Mut So tief hinein, bis er es braucht, wie ich!

Joseph (tritt ein). Ich höre, daß du gleich nach Alexandrien Zu gehen denkst, und wollte Abschied nehmen!

Herodes. Abschied! Vielleicht auf Nimmerwiedersehn!

Joseph. Auf Nimmerwiedersehn?

Herodes. Es könnte sein!

Joseph. Ich sah dich nie, wie jetzt!

Herodes. Das sei dir Bürge, Daß es noch nie so mit mir stand, wie jetzt!

Joseph. Wenn du den Mut verlierst--

Herodes. Das werd' ich nicht, Denn, was auch kommt, ich trag es, doch die Hoffnung Verläßt mich, daß was Gutes kommen kann.

Joseph. So wollte ich, ich wäre blind gewesen Und hätte Alexandras Heimlichkeiten Nie aufgespürt!

Herodes. Das glaube ich dir gern!

Joseph. Denn hätte ich das Bildnis nicht entdeckt, Das sie vom Aristobolus geheim Für den Antonius malen ließ, und hätt' ich Ihr Botensenden an Cleopatra Nicht ausgespäht, und noch zuletzt den Sarg, Der sie und ihren Sohn verbarg, im Hafen Nicht angehalten und die Flucht verhindert, Die schon begonnen war--

Herodes. Dann hätte sie Dir nichts zu danken, und mit Ruhe könntest Du ihre Tochter auf dem Throne sehn, Den sie, die kühne Makkabäerin, Gewiß besteigt, wenn ich nicht wiederkehre, Und wenn vor ihr kein andrer ihn besetzt.

Joseph. So mein ich's nicht. Ich meine, manches wär' Dann unterblieben!

Herodes. Manches! Allerdings! Doch manches andre wär' dafür gekommen. Das gilt nun gleich.--Du zähltest vieles auf, Eins hast du noch vergessen!

Joseph. Und das wäre?

Herodes. Du warst doch mit im Bade, als--

Joseph. Ich war's!

Herodes. Du rangst doch auch mit ihm?

Joseph. Im Anfang. Ja.

Herodes. Nun denn!

Joseph. In meinen Armen hat der Schwindel Ihn nicht erfaßt und wäre es geschehn, So hätt' ich ihn gerettet, oder er Mich mit hinabgezogen in den Grund.

Herodes. Ich zweifle nicht daran. Doch wirst du wissen, Daß keiner, der dabei war, anders spricht, Und da der böse Zufall will, daß du Ihn nicht bloß hinbegleitet, sondern auch Mit ihm gerungen hast--

Joseph. Was hältst du ein?

Herodes. Mein Joseph, du und ich, wir alle beide Sind hart verklagt!

Joseph. Ich auch?

Herodes. Mein Schwäher freilich Nicht bloß, auch mein vertrauter Freund bist du!

Joseph. Des schmeichl' ich mir!

Herodes. Oh, wärst du's nie gewesen, Hätt' ich, wie Saul, den Spieß nach dir geworfen, Könntst du durch Todeswunden das beweisen, Dir wäre besser, die Verleumdung hätte Kein gläubig Ohr gefunden, und du würdest Für eine Bluttat, die du nicht begingst, Auch nicht enthauptet werden!

Joseph. Ich? Enthauptet?

Herodes. Das ist dein Los, wenn ich nicht wiederkehre Und Mariamne--

Joseph. Aber ich bin schuldlos!

Herodes. Was hilft es dir? Der Schein ist gegen dich! Und sind denn nicht, gesetzt, daß man dir glaubte, Die vielen, vielen Dienste, die du mir Erwiesen hast, in Alexandras Augen So viel Verbrechen gegen sie? Wird sie Nicht denken: Hätte der mich fliehen lassen, So lebte noch, der jetzt im Grabe liegt?

Joseph. Wahr! Wahr!

Herodes. Kann sie denn nicht mit einer Art Von Recht dein Leben für ein andres fodern, Das sie durch deine Schuld verloren glaubt, Und wird sie's nicht durch ihre Tochter tun?

Joseph. O Salome! Das kommt von jenem Gang Zum Maler! Jahr für Jahr will sie von mir Ein neues Bild!

Herodes. Ich weiß, wie sie dich liebt!

Joseph. Ach, wär' es weniger, so stünd' es besser! Hätt' ich das Bild des Aristobolus Entdeckt, wenn ich--Nun kann sie denn ja bald Mein letztes haben, ohne Kopf!

Herodes. Mein Joseph, Den Kopf verteidigt man!

Joseph. Wenn du den deinen Verloren gibst?

Herodes. Das tu ich doch nur halb, Ich werd' ihn dadurch noch zu retten suchen, Daß ich ihn selbst, freiwillig, in den Rachen Des Löwen stecke!

Joseph. Einmal glückt' es dir! Als dich die Pharisäer--

Herodes. Jetzt steht's schlimmer, Doch, was mit mir auch werde, dein Geschick Will ich in deine eignen Hände legen: Du warst schon stets ein Mann, sei jetzt ein König! Ich hänge dir den Purpurmantel um Und reiche dir den Zepter und das Schwert, Halt's fest und gib es nur an mich zurück!

Joseph. Versteh ich dich?

Herodes. Und daß du den Besitz Des Throns dir und mit ihm dein Leben sicherst, So töte Mariamne, wenn du hörst, Daß ich nicht wiederkehre.

Joseph. Mariamne?

Herodes. Sie ist das letzte Band, das Alexandra Noch mit dem Volk verknüpft, seit ihr der Fluß Den Sohn erstickte, ist der bunte Helmbusch, Den die Empörung tragen wird, wenn sie Sich gegen dich erhebt--

Joseph. Doch Mariamne!

Herodes. Du staunst, daß ich--Ich will nicht heucheln, Joseph! Mein Rat ist gut, ist gut für dich, bedarf's Der Worte noch? Doch geb ich dir ihn freilich Nicht deinetwegen bloß--Grad aus, ich kann's Nicht tragen, daß sie einem andern jemals-- Das wär' mir bittrer, als--Sie ist zwar stolz-- Doch nach dem Tod--Und ein Antonius-- Und dann vor allem diese Schwiegermutter, Die Toten gegen Toten hetzen wird-- Du mußt mich fassen!

Joseph. Aber--

Herodes. Hör mich aus! Sie ließ mich hoffen, daß sie selbst den Tod Sich geben würde, wenn ich--Eine Schuld Darf man doch einziehn lassen, wie?--Man darf Selbst mit Gewalt--Was meinst du?

Joseph.

Nun, ich glaube!

Herodes. Versprich mir denn, daß du sie töten willst, Wenn sie sich selbst nicht tötet! übereil's nicht, Doch säum auch nicht zu lange! Geh zu ihr, Sobald mein Bote, denn ich schicke einen, Dir meldet, daß es mit mir aus ist, sag's ihr Und sieh, ob sie zu einem Dolche greift, Ob sie was andres tut. Versprichst du's?

Joseph. Ja!

Herodes. Ich lasse dich nicht schwören, denn man ließ Noch keinen schwören, daß er eine Schlange Zertreten wolle, die den Tod ihm droht. Er tut's von selbst, wenn er bei Sinnen bleibt, Da er das Essen und das Trinken eher Gefahrlos unterlassen kann, als dies. (Joseph macht eine Bewegung.) Ich kenn dich ja! Und dem Antonius Werd' ich dich als den einzigen empfehlen, Dem er vertrauen darf. Du wirst ihm das Dadurch beweisen, daß die Blutsverwandte Dir nicht zu heilig ist, um sie zu opfern, Wenn es Empörung zu ersticken gilt. Denn dies ist der Gesichtspunkt für die Tat, Aus dem du ihm sie zeigen mußt. Ihr wird Ein Straßenauflauf folgen, und du meldest Ihm, daß ein Aufruhr ihr vorhergegangen, Und nur durch sie bezwungen worden sei. Was dann das Volk betrifft, so wird es schaudern, Wenn es dein blut'ges Schwert erblickt, und mancher Wird sprechen: Diesen kannt' ich doch nur halb! Und jetzt--

Joseph. Ich seh dich noch! Und nicht bloß heut, Ich weiß gewiß, du kehrst, wie sonst, zurück.

Herodes. Unmöglich ist es nicht, darum noch eins!-- (Lange Pause.) Ich schwur jetzt etwas in bezug auf dich! (Er schreibt und siegelt.) Hier steht's! Nimm dieses Blatt versiegelt hin! Du siehst, die Aufschrift lautet--

Joseph. An den Henker!

Herodes. Ich halte dir, was ich dir drin versprach, Wenn du vielleicht ein Stück von einem König Erzählen solltest, der--

Joseph. Dann gib mir auf, Dies Blatt dem Henker selbst zu überreichen! (Ab.)

Sechste Szene

Herodes (allein). Nun lebt sie unterm Schwert! Das wird mich spornen, Zu tun, was ich noch nie getan; zu dulden, Was ich noch nie geduldet, und mich trösten, Wenn es umsonst geschieht! Nun fort!--(Ab.)

Zweiter Akt

Burg Zion. Alexandras Gemächer.

Erste Szene

Alexandra und Sameas.

Alexandra. Dies weißt du nun!

Sameas. Es überrascht mich nicht! Nein, vom Herodes überrascht mich nichts! Denn, wer als Jüngling dem Synedrium Schon Krieg erklärt, wer mit der blanken Waffe Vor seinen Richter hintritt und ihn mahnt, Daß er der Henker ist, und daß der Henker Kein Todesurteil an sich selbst vollzieht, Der mag als Mann--Ha, ich erblick ihn noch, Wie er, dem Hohenpriester gegenüber, Sich an die Säule lehnte und, umringt Von seinen Söldnern, die im Räuberfangen Sich selbst in Räuber umgewandelt hatten, Uns alle überzählte, Kopf für Kopf, Als stünde er vor einem Distelbeet Und sänne nach, wie es zu säubern sei.

Alexandra. Ja, ja, es war ein Augenblick für ihn, An den er sich mit Stolz erinnern mag! Ein junger Tollkopf, der die Zwanzig kaum Erreicht, wird vors Synedrium gestellt, Weil er in frevelhaftem übermut Sich einen Angriff aufs Gesetz erlaubt, Weil er ein Todesurteil, das von euch Noch nicht gesprochen ward, vollzogen hat. Des Toten Witwe tritt ihm an der Schwelle Mit ihrem Fluch entgegen, drinnen sitzt, Was alt und grau ist in Jerusalem. Doch weil er nicht im Sack kommt und mit Asche Sein Haupt bestreut, so wird's euch schwach zumut; Ihr denkt nicht mehr daran, ihn zu bestrafen, Ihr denkt nicht einmal dran, ihn zu bedräuen, Ihr sagt ihm nichts, er lacht euch aus und geht!

Sameas. Ich sprach!

Alexandra. Als es zu spät war!

Sameas. Hätt' ich's eher Getan, so wäre es zu früh gewesen, Ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Hohenpriester, Dem stand das erste Wort zu, mir das letzte, Er war der Alteste, der Jüngste ich!

Alexandra. Gleichviel! Wenn ihr in jenem Augenblick Den schlichten Mut der Pflicht bewiesen hättet, So würde jetzt kein größrer nötig sein! Doch nun seht zu, ob ihr--Ei was, euch bleibt Auch wohl ein andrer Ausweg noch! Wenn ihr Mit ihm nicht kämpfen wollt, und in der Tat, Es wär' gewagt, ich rat euch ab, so braucht Ihr mit dem Löwen oder mit dem Tiger Den Kampf nur einzugehn, den er befiehlt!

Sameas. Was redest du?

Alexandra. Du kennst die Fechterspiele Der Römer doch?

Sameas. Gott Lob, ich kenn sie nicht! Ich halt es für Gewinn, nichts von den Heiden Zu wissen, als was Moses uns erzählt; Ich mache jedesmal die Augen zu, Wenn mir ein römischer Soldat begegnet, Und segne meinen Vater noch im Grabe, Daß er mich ihre Sprache nicht gelehrt.

Alexandra. So weißt du nicht, daß sie die wilden Tiere Aus Afrika zu Hunderten nach Rom Hinüberschaffen?

Sameas. Nein, ich weiß es nicht!

Alexandra. Daß sie sie dort in steinerner Arena Zusammentreiben, daß sie ihnen Sklaven Entgegenhetzen, die auf Tod und Leben Mit ihnen kämpfen müssen, während sie Im Kreis herum auf hohen Bänken sitzen Und jubeln, wenn die Todeswunden klaffen, Und wenn das rote Blut den Sand bespritzt?

Sameas. Das hat der wildeste von meinen Träumen Mir nicht gezeigt, doch freut's mich in der Seele, Wenn sie es tun, es schickt sich wohl für sie! (Mit erhobenen Händen.) Herr, du bist groß! Wenn du dem Heiden auch Das Leben gönnst, so muß er dir dafür Doch einen gräßlichen Tribut bezahlen, Du strafst ihn durch die Art, wie er es braucht! Die Spiele möcht' ich sehn!

Alexandra. Der Wunsch wird dir Erfüllt, sobald Herodes wiederkehrt, Er denkt sie einzuführen!

Sameas. Nimmermehr!

Alexandra. Ich sagt' es dir! Warum auch nicht? Wir haben Der Löwen ja genug! Der Berghirt wird Sich freuen, wenn sich ihre Zahl vermindert, Er spart dann manches Rind und manches Kalb.

Sameas. Vom übrigen noch abgesehn, wo fände Er Kämpfer? Sklaven gibt es nicht bei uns, Die ihm auf Tod und Leben pflichtig sind.

Alexandra. Den ersten--seh ich vor mir!

Sameas. Wie?

Alexandra. Gewiß! Du wirst, wie jetzt, dein Angesicht verziehn, Du wirst vielleicht sogar die Fäuste ballen, Die Augen rollen und die Zähne fletschen, Wenn du den großen Tag erlebst, an dem Er feierlich, wie Salomo den Tempel, Die heidnische Arena weihen wird. Das wird ihm nicht entgehn, und des zum Lohn Wird er den Wink dir geben, einzutreten Und allem Volk zu zeigen, was du kannst, Wenn du dem Löwen gegenüberstehst, Der tagelang vorher gehungert hat. Denn, da es uns an Sklaven fehlt, so sollen Die todeswürdigen Verbrecher sie Ersetzen, und wer wär' noch todeswürdig, Wenn der nicht, der dem König offen trotzt!

Sameas. Er könnte--

Alexandra. Zweifle nicht! Es wäre schlimm Wenn ihm zu früh der Kopf genommen würde, Es würden Pläne mit ihm untergehn, Die selbst Pompejus, der doch heidenkeck Ins Allerheiligste zu treten wagte, Vielleicht--

Sameas (ausbrechend). Antonius, wenn du ihn packst, So will ich dich ein Jahr lang nicht verfluchen! Und tust du's nicht, so--Nun, wir sind bereit!

Alexandra. Er meint, wenn unser Volk sich mit den andern Nicht mischen sollte, würden wir den Erdball Von Gott für uns allein erhalten haben!

Sameas. Meint er?

Alexandra. Da dem nun aber nicht so sei, So tu es not, die Dämme zu durchstechen, Die uns, wie einen stehnden See vom Meer, Von allen übrigen noch immer trennten, Und das geschehe dadurch, daß wir uns In Brauch und Sitte ihnen anbequemten.

Sameas. In Brauch und--(Gen Himmel.) Herr! wenn ich nicht rasen soll, So zeig mir an, wie dieser sterben wird! Zeig mir den Tod, der jedem andern Tod Die Schrecken abborgt und verkünde mir, Daß es Herodes ist, für den er's tut!

Alexandra. Mach du den Todesengel!

Sameas. Wenn an ihm nicht, So an mir selbst! Ich schwör's! Wenn ich den Greuel Nicht hindern kann, so will ich meine Ohnmacht Durch Selbstmord strafen, (Mit einer Bewegung gegen die Brust)

eh' der Tag noch kommt, Den er zum ersten Mal beflecken soll! Das ist ein Schwur, der eine Missetat Mir abdringt, wenn ich einer Heldentat Nicht fähig bin. wer schwur noch Größeres?

Alexandra. Wohl! Nur vergiß nicht: wenn der eigne Arm Nicht stark genug ist, um den Feind zu stürzen, So muß man einen fremden nicht verschmähn!

Samea. Und diesen fremden?

Alexandra. Waffnest du dir leicht!

Sameas. Sprich deutlicher

Alexandra. Wer setzte den Herodes Zum König ein?

Sameas. Antonius! Wer sonst?

Alexandra. Weswegen tat er's?

Sameas. Weil er ihm gefiel! Vielleicht auch bloß, weil er uns nicht gefiel! Wann hat ein Heide einen bessern Grund?

Alexandra. Und weiter! Was erhält ihn auf dem Thron?

Sameas. Des Volkes Segen nicht! Vielleicht sein Fluch! Wer kann es sagen?

Alexandra. Ich! Nichts, als der Pfiff, Den Zins, den wir dem Römer zahlen müssen, Alljährlich vorm Verfalltag einzuschicken Und ihn sogar freiwillig zu verdoppeln, Wenn sich ein neuer Krieg entzündet hat. Der Römer will nur unser Gold, nicht mehr, Er läßt uns unsern Glauben, unsern Gott, Er würde ihn sogar mit uns verehren, Und neben Jupiter und Ops und Isis Ihm auf dem Capitol den Winkel gönnen, Der unbesetzt geblieben ist bis heut, Wär' er nur auch, wie die, von Stein gemacht.

Sameas. Wenn dem so ist, und leider ist es so, Was hast du von Antonius zu hoffen? In diesem Punkt, du selber sprachst es aus, Versäumt Herodes nichts. Noch jetzt--ich habe Ihn ziehen sehn! Dem einen Maultier brach Der Rückgrat, eh' es noch das Tor erreichte! Für jeden Tropfen Bluts in seinen Adern Bringt er ihm eine Unze Goldes dar: Glaubst du, er weist es deinethalb zurück?

Alexandra. Gewiß nicht, führt' ich meine Sache selbst! Allein das tut Cleopatra für mich, Und hoffentlich tut's Mariamne auch. Du staunst? Versteh mich recht! Nicht in Person, Da kehrt sie sich wohl eher gegen mich, Nur durch ihr Bild, und nicht einmal durch das, Nein, durch ein andres, das ihr freilich gleicht. Denn wie ein wilder Wald nicht bloß den Löwen Beherbergt, auch den Tiger, seinen Feind, So nistet auch in dieses Römers Herzen Ein ganzes Wurmgeschlecht von Leidenschaften, Die um die Herrschaft miteinander ringen, Und wenn Herodes auf die erste baut, Ich baue auf die zweite, und ich glaube, Daß die der andern überlegen ist.

Sameas. Du bist--

Alexandra. Kein Hirkan, wenn auch seine Tochter! Doch, daß du nicht mißdeutest, was ich tat: Ich bin auch Mariamne nicht! Und wenn Antonius den Gemahl, der sie besitzt, Vertilgt, um sich den Weg zu ihr zu bahnen: Sie bleibt die Herrin ihrer selbst und kann Sich hüllen in ein ew'ges Witwenkleid. Des aber halt ich mich gewiß, schon hat er Die Hand ans Schwert gelegt, und wenn er's noch Nicht zog, so hielt ihn nur die Rücksicht ab, Daß dieser glückliche Soldat Herodes Den Römern für den Ring von Eisen gilt, Der alles hier bei uns zusammenhält. Schaff du ihm den Beweis des Gegenteils, Erreg Empörung, stör den schlaffen Frieden, So wird er's ziehn!

Sameas. Den schaffe ich ihm leicht! Schon schlug das Volk ihn in Gedanken tot, Es wird erzählt--

Alexandra. Drück du dein Siegel drauf, Und dann eröffne rasch sein Testament! Den Inhalt kennst du jetzt, die Fechterspiele Stehn obenan, und wenn ein jeder sich Durch seinen Tod um hundert Rutenstreiche Verkürzt glaubt, oder um das Marterkreuz, So glaubt ein jeder, was er glauben darf. Denn Dinge stehen Israel bevor, Die manchem Herzen den Verzweiflungswunsch Abdringen werden, daß das Rote Meer Das ganze Volk, die heiligen zwölf Stämme, Verschlungen hätt', und Moses selbst zuerst.

Sameas. Ich geh! Und eh' der Mittag kommt--

Alexandra. Ich weiß, Was du vermagst, wenn du den Sack ergreifst Und Wehe! rufend, durch die Gassen ziehst, Als wär' dein Vorfahr Jonas wieder da. Es wird sich zeigen, daß es nützlich ist, Zuweilen bei dem Fischer vorzusprechen, Und mit dem Herrn Gevatter zu verzehren, Was er sich selbst gönnt, weil es niemand käuft.

Sameas. Es wird sich zeigen, daß wir Pharisäer Die Schmach, die wir erlitten, nicht vergaßen, Wie du zu meinen scheinst. Vernimm denn jetzt, Was du erst durch die Tat erfahren solltest: Wir sind schon längst verschworen gegen ihn, Wir haben ganz Judäa unterwühlt, Und in Jerusalem,--damit du siehst, Wie fest wir auf das Volk zu zählen haben,-- Ist selbst ein Blinder mit in unserm Bund!

Alexandra. Was nützt euch der?

Sameas. Nichts! Und er weiß es selbst! Doch ist er so von Haß und Grimm erfüllt, Daß er das Unternehmen mit uns teilen Und lieber sterben, als in dieser Welt, Wenn es mißlingt, noch länger leben will. Ich denke doch, daß dies ein Zeichen ist! (Ab.)

Zweite Szene

Alexandra (allein). Schon schlug das Volk ihn in Gedanken tot! Ich weiß! Ich weiß! Und daran kann ich sehn, Wie sehr man's wünscht, daß er nicht wiederkehrt. Es traf sich gut, daß ihn der Heuschreckschwarm. Bedeckte, als er fortzog, denn das gilt Als Omen, daß man's nicht vergebens wünscht. Auch ist es möglich, daß er wirklich jetzt Schon ohne Kopf--Das nicht! Sprich, wie du denkst, Der Pharisäer lauscht nicht vor der Tür! Antonius ist zwar Antonius, Doch auch ein Römer, und ein Römer fällt Das Urteil langsam, wie er's schnell vollzieht. Gefangner mag er sein, wenn er auch nicht Im Kerker sitzt! Und wenn man das benutzt, Kann's weiter führen. Darum ist es gut, Wenn jetzt ein Aufstand kommt, obgleich ich weiß, Was es an sich bedeutet, und nicht minder, Was es für Folgen haben wird, wenn er Doch noch zurückkehrt. Wenn! Es kann geschehn, Bedenk es wohl! Er schickte, als er ging, Dir einen abgeschlagnen Kopf zum Abschied, Das zeigt dir--pfui, ich sprech ja, wie mein Vater! Es zeigt mir, daß er rasch ist, wie Tyrannen Es sind, und auch, daß er mich schrecken möchte. Das eine wußt' ich längst, das andre soll Ihm nicht gelingen! Wenn das Schlimmste käme, Wenn alles mir mißglückte, und wenn er, Trotz seiner Leidenschaft für Mariamne, Die eher steigt, als fällt, und die mich schützt, Sobald sie selbst nur will, das ärgste wagte-- Was wär's? Um Rache setzt' ich alles ein, Und Rache würde mir im Tode noch, Rache an ihm, der's täte, und an ihr, Die es geschehen ließe, nimmer sähe Das Volk, und nimmer Rom, geduldig zu. Und was mich selbst betrifft, so würde ich In diesem blut'gen Fall nur um so besser Zu meinen Ahnen passen! Mußten doch Die meisten meines Stamms, die ältermütter, Wie älterväter, ohne Kopf die Welt Verlassen, weil sie ihn nicht beugen wollten, Ich teilte dann ihr Los, was wär' es mehr?

Dritte Szene

Mariamne tritt ein.

Alexandra (für sich). Sie kommt! Ja, wär' sie von ihm abzuziehn Und zu bewegen, mir nach Rom zu folgen, Dann--Doch, sie haßt und liebt ihn jetzt zugleich! Wag ich noch einen letzten Sturm? Es sei! (Sie eilt auf Mariamne zu.) Du suchst den Trost, wo er zu finden ist! Komm an mein Herz!

Mariamne. Den Trost?

Alexandra. Brauchst du ihn nicht? Dann hab ich dich verkannt! Doch hatt' ich Grund, Dich für ein Weib, wie du keins bist, zu halten, Du warst bei mir verleumdet!

Mariamne. Ich? Bei dir?

Alexandra. Man sprach mir von Umarmungen und Küssen, Die du dem brudermördrischen Gemahl Gleich nach dem Mord--Verzeih, ich hätte es Nicht glauben sollen.

Mariamne. Nicht?

Alexandra. Nein! Nimmermehr! Aus mehr als einem Grund nicht! Hättest du Dem blut'gen Schatten deines Bruders auch Das schwesterliche Opfer einer Rache Herzlos entziehen können, die du nicht Durch Judiths Schwert und nicht durch Rahabs Nagel, Nein, einzig durch ein Wenden deines Mundes Und durch ein stilles Kreuzen deiner Arme Dir nehmen und dem Toten weihen solltest: Er selbst, der Mörder, hätte nicht gewagt, Sich dir zu nähern, denn du gleichst dem Toten, Du wärst ihm vorgekommen, wie der Leichnam Des Aristobolus, den man geschminkt, Er hätt' sich schaudernd von dir abgewandt.

Mariamne. Er tat das eine nicht, noch ich das andre!

Alexandra. So sei--Doch nein! Vielleicht blieb dir ein Zweifel An seiner Schuld noch. Willst du den Beweis?

Mariamne. Ich brauch ihn nicht!

Alexandra. Du brauchst--

Mariamne. Er gilt mir nichts!

Alexandra. Dann--Doch ich halt den Fluch auch jetzt zurück, Es hat dich ja ein andrer schon getroffen! Du gehst noch in den Ketten einer Liebe, Die niemals ruhmvoll war--

Mariamne. Ich dächte doch, Ich hätt' mir den Gemahl nicht selbst gewählt, Ich hätte mich nur in das Los gefügt, Das du und Hirkan über mich, die Tochter Und Enkelin, mit Vorbedacht verhängt.