Hermann und Dorothea

Part 4

Chapter 4 3,841 words Public domain Markdown

Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wut nun, Das Verlorne zu rächen und zu verteid'gen die Reste. Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke. Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke, Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wut auf. Schnell verwandelte sich des Feldbaus friedliche Rüstung Nun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense. Ohne Begnadigung fiel der Feind und ohne Verschonung; Überall raste die Wut und die feige, tückische Schwäche. Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wieder sehn! Das wütende Tier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb."

"Trefflicher Mann!" versetzte darauf der Pfarrer mit Nachdruck, "Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nicht schelten; Habt Ihr doch Böses genug erlitten vorn wüsten Beginnen! Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen, Würdet Ihr selber gestehen, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet. Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen, Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Not nicht den Menschen, Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott."

Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter. "Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des Hauses Man den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert, Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt. Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich; Und der Verarmte gräbet ihm nach und freut sich des Fundes. Und so kehr ich auch gern die heitern Gedanken zu jenen Wenigen guten Taten, die aufbewahrt das Gedächtnis. Ja, ich will es nicht leugnen, ich sah sich Feinde versöhnen, Um die Stadt vom Übel zu retten; ich sah auch der Freunde, Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen; Sah, wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward, sah, wie der Greis sich Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte. Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird, Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes. Und so laßt mich vor allen der schönen Tat noch erwähnen, Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau, Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurückblieb; Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen. Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels, Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen. Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen Jungfrau Und die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen. Da ergriff sie wilde Begier, sie stürmten gefühllos Auf die zitternde Schar und aufs hochherzige Mädchen. Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel, Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen. Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen, Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode. Dann verschloß sie den Hof und harrte der Hülfe, bewaffnet."

Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen, Stieg die Hoffnung sogleich für seinen Freund im Gemüt auf, Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie geraten? Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde? Aber da trat herbei der Apotheker behende, Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte: "Hab ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden, Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen; Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören!" Und sie kehrten sich um, und weg war gerufen der Richter Von den Seinen, die ihn, bedürftig des Rates, verlangten. Doch es folgte sogleich dem Apotheker der Pfarrherr An die Lücke des Zauns, und jener deutete listig. "Seht Ihr", sagt' er, "das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt, Und ich erkenne genau den alten Kattun und den blauen Kissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat. Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke. Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle; Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen, Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an; Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut; Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund, Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt; Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe Und den blauen Rock, der, vielgefaltet, vom Busen Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel. Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen, Ob sie gut und tugendhaft sei, ein häusliches Mädchen."

Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend: "Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr, es ist mir kein Wunder, Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe. Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab! Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling. Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen, Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet. Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden, Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert, Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisteht. So ein vollkommener Körper gewiß verwahrt auch die Seele Rein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter."

Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich: "Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Äußern nicht trauen, Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden: 'Eh' du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret, Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser, Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.' Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umtun, Denen das Mädchen bekannt ist und die uns von ihr nun erzählen."

"Auch ich lobe die Vorsicht", versetzte der Geistliche folgend; "Frein wir doch nicht für uns! Für andere frein ist bedenklich." Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen, Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam. Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht: "Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächst hier Unter dem Apfelbaum sitzt und Kindern Kleider verfertigt Aus getragnem Kattun, der ihr vermutlich geschenkt ward. Uns gefiel die Gestalt, sie scheint der Wackeren eine. Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht."

Als, in den Garten zu blicken, der Richter sogleich nun herzutrat, Sagt' er: "Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählte Von der herrlichen Tat, die jene Jungfrau verrichtet, Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte -- Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren, Aber so gut wie stark; denn ihren alten Verwandten Pflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinriß Über des Städtchens Not und seiner Besitzung Gefahren. Auch, mit stillem Gemüt, hat sie die Schmerzen ertragen Über des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, im ersten Feuer des hohen Gedankens nach edler Freiheit zu streben, Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand; Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke." Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten, Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des Beutels War vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet, Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn), Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: "Teilet den Pfennig Unter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!" Doch es weigerte sich der Mann und sagte: "Wir haben Manchen Taler gerettet und manche Kleider und Sachen, Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh es verzehrt ist."

Da versetzte der Pfarrer und drückt' ihm das Geld in die Hand ein: "Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemand Weigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten! Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet; Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherzieht Und des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret."

"Ei doch!" sagte darauf der Apotheker geschäftig, "Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Ihr's haben, Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's. Unbeschenkt doch laß ich Euch nicht, damit Ihr den Willen Sehet, woferne die Tat auch hinter dem Willen zurückbleibt." Also sprach er und zog den gestickten ledernen Beutel An den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war, Öffnete zierlich und teilte; da fanden sich einige Pfeifen. "Klein ist die Gabe", setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß. "Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen." Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.

Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vom Richter. "Eilen wir!" sprach der verständige Mann; "es wartet der Jüngling Peinlich. Er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft." Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnet An den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampften Wild den Rasen; er hielt sie im Zaum und stand in Gedanken, Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher, Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben. Schon von ferne begann der Apotheker zu sprechen; Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der Pfarrherr Seine Hand und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg: "Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treues Herz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend! Deiner ist sie wert; drum komm und wende den Wagen, Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen, Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute."

Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der Freude Hört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich, Seufzete tief und sprach: "Wir kamen mit eilendem Fuhrwerk, Und wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause; Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen, Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herz kränkt. Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchen uns folgen, Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht? Armut selbst macht stolz, die unverdiente. Genügsam Scheint das Mädchen und tätig; und so gehört ihr die Welt an. Glaubt Ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen? Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe? Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer Beschämung Sachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte, Irgendein Jüngling besitzt dies Herz, und die wackere Hand hat Eingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen. Ach! da steh ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet."

Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon; Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein: "Freilich! so wären wir nicht vorzeiten verlegen gewesen, Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward. Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen, Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen; Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den Eltern Der erkorenen Braut, der dann in stattlichem Putze Sonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte, Freundliche Worte mit ihm im allgemeinen zuvörderst Wechselnd und klug das Gespräch zu lenken und wenden verstehend. Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet, Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von dem man gesandt war. Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge Gesandte Merkte den Willen gar bald und konnte sich weiter erklären. Lehnte den Antrag man ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich. Aber gelang es denn auch, so war der Freiersmann immer In dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste; Denn es erinnerte sich durchs ganze Leben das Ehpaar, Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen. Jetzt ist aber das alles mit andern guten Gebräuchen Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber. Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen, Der ihm etwa beschert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!"

"Sei es, wie ihm auch sei!" versetzte der Jüngling, der kaum auf Alle die Worte gehört und schon sich im stillen entschlossen; "Selber geh ich und will mein Schicksal selber erfahren Aus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte Vertrauen Hege, das irgendein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat. Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich. Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmal Diesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen; Drück ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und die Schultern Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret; Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. Begebet Euch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren, Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es wert ist das Mädchen. Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den Hügel An dem Birnbaum hin und unsern Weinberg hinunter Geh ich näher nach Hause zurück. Oh, daß ich die Traute Freudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich ich alleine Jene Pfade nach Haus und betrete froh sie nicht wieder."

Also sprach er und gab dem geistlichen Herrn die Zügel, Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend, Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.

Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest: "Gerne vertrau ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist und Gemüt an; Aber Leib und Gebein ist nicht zum besten verwahret, Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt." Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest: "Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele; Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen, Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen. Denn wir waren in Straßburg gewohnt, den Wagen zu lenken, Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Tor durch, Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden, Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt."

Halb getröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen, Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet; Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles. Aber die Wolke des Staubs quoll unter den mächtigen Hufen. Lange noch stand der Jüngling und sah den Staub sich erheben, Sah den Staub sich zerstreun; so stand er ohne Gedanken.

Erato

Dorothea

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne Sie noch einmal ins Auge, die schnell verschwindende, faßte, Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet, Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben: So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des Mädchens Sanft sich vorbei und schien dem Pfad ins Getreide zu folgen. Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsam Nach dem Dorfe sich zu und staunte wieder; denn wieder Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen. Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war es Selber. Den größeren Krug und einen kleinern am Henkel Tragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen. Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr Anblick Mut und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also: "Find ich dich, wackeres Mädchen, so bald aufs neue beschäftigt, Hülfreich andern zu sein und gern zu erquicken die Menschen? Sag, warum kommst du allein zum Quell, der doch so entfernt liegt, Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen? Freilich ist dies von besonderer Kraft und lieblich zu kosten. Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?"

Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling, Sprach: "So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet, Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat; Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich. Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen, Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten. Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen, Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt, Sag ich Euch dies: es haben die unvorsichtigen Menschen Alles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und Ochsen Gleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern. Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alle Tröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt; Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste Bedürfnis Schnell zu befriedigen und rasch, und nicht des Folgenden denkt er."

Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunter Mit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setzten Beide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen; Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über. Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des Himmels Schwanken und nickten sich zu und grüßten sich freundlich im Spiegel. "Laß mich trinken", sagte darauf der heitere Jüngling; Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulich Auf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde: "Sage, wie find ich dich hier? und ohne Wagen und Pferde Ferne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?"

Denkend schaute Hermann zur Erde; dann hob er die Blicke Ruhig gegen sie auf und sah ihr freundlich ins Auge, Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen, Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe, Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden. Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen: "Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern. Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen? Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach. Alle Felder besorg ich, der Vater waltet im Hause Fleißig, die tätige Mutter belebt im ganzen die Wirtschaft. Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das Gesinde Bald durch Leichtsinn und bald durch Untreu plaget die Hausfrau, Immer sie nötigt zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen. Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause, Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihr hülfe, An der Tochter Statt, der leider frühe verlornen. Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit, Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder, Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen, Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die Fremde Rühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm ich dir aber zu sagen, Was sie wünschen wie ich. -- Verzeih mir die stotternde Rede."

"Scheuet Euch nicht", so sagte sie drauf, "das Weitre zu sprechen; Ihr beleidigt mich nicht, ich hab es dankbar empfunden. Sagt es nur grad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken: Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter, Zu versehen das Haus, das wohlerhalten Euch dasteht; Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden, Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte. Euer Antrag war kurz, so soll die Antwort auch kurz sein. Ja, ich gehe mit Euch und folge dem Rufe des Schicksals. Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wieder Zu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung; Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden. Alle denken gewiß, in kurzen Tagen zur Heimat Wiederzukehren, so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln, Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen Traurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen: Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder Als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht! Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernähren Unter den Augen der trefflichen Frau, so tu ich es gerne; Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendem Rufe. Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den Freunden Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten. Kommt! Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen."

Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Entschließung, Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen. Aber es schien ihm das beste zu sein, in dem Wahn sie zu lassen, In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst. Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens; Und so ließ er sie sprechen und horchte fleißig den Worten.

"Laßt uns", fuhr sie nun fort, "zurücke kehren! Die Mädchen Werden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen; Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen." Also standen sie auf und schauten beide noch einmal In den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.

Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel, Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben. Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu teilen. "Laßt ihn", sprach sie; "es trägt sich besser die gleichere Last so. Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen. Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich! Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung! Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen, Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet den Eltern, Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre. Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zu sauer Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden des Tages, Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt, Daß sie sich ganz vergißt und leben mag nur in andern! Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle, Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehret Von der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen. Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn."

Also sprach sie und war mit ihrem stillen Begleiter Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune, Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen, Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld. Beide traten hinein; und von der anderen Seite Trat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein. Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren; Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte. Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen, Sich des Bruders zu freun, des unbekannten Gespielen! Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich, Brot verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken. Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder, Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern, so trank auch der Richter. Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.