Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage

Part 8

Chapter 83,649 wordsPublic domain

„Dies schreibt mir mein Vater,“ fuhr Werner nach einem langen Stillschweigen fort. Henriette sank ihm an das Herz und lispelte: „Theurer, Du bringst mir ein großes Opfer, das Dich gereuen wird; laß ab von mir, ich fühle mich nicht würdig genug, Dir das zu ersetzen, was Du verläßt.“ „Meine Liebe,“ sprach Werner freundlich, „traust Du selbst Dir nicht einmal das zu, was doch mein Vater Dir zutraut? Er sagt, Du werdest mir eine reiche Entschädigung seyn, wenn Du so bist, als ich Dich halte, unschuldig und liebevoll. Und das bist Du! -- Ich war auf diesen Brief gefaßt; meine Hoffnung, daß er anders seyn würde, war so schwach, daß ich ihre Zerstörung für nichts rechnen kann. Ich bin so glücklich, wie zuvor, und hege allen Muth und alle Zuversicht, die ich je gehabt habe, noch frisch und freudig im Herzen. Ja selbst mein Vater, so hoffe ich, wird seinen starren Sinn beugen, wenn die Folge ihn lehren wird, daß seine Grundsätze über Frauentugend und die nothwendigen Eigenschaften einer Gattin durch Dich nicht leiden, sondern strenger befolgt werden, als er in der Wirklichkeit jemals gesehen hat.“ „Ich will Alles thun, was ich vermag, um mir seine Achtung und Liebe zu gewinnen,“ erwiederte Henriette, und legte ihre Hand versprechend in Werners. „Die Gelegenheit dazu, meine Liebe, wird Dir früher werden, als Du denkst, denn wahrscheinlich trifft mein Vater in einigen Wochen hier ein,“ erwiederte dieser, indem er sie zärtlich umarmte. „Ich weiß, daß Geschäfte ihn hieher führen. Vielleicht, daß seine Gegenwart Alles zum Besten wendet. Doch hoffe ich wenig davon, weil ich ihn darin genau kenne, daß kein äußerer Reiz und kein fremdes Urtheil ihn bestechen. Ob er aber selbst Gelegenheit haben wird, redlich zu prüfen, ob es ihm darauf ankommen wird, sie zu suchen, das will ich nicht entscheiden. Laß uns nun für jetzt annehmen, daß nichts in unserer Lage sich ändern werde und darnach unsere Maßregeln treffen.“ Sie besprachen sich jetzt näher über das, was zu thun sey, um die Pläne, die wir im Allgemeinen kennen gelernt haben, auszuführen, und setzten vieles Einzelne, was für uns von geringerem Interesse ist, fest. Das Wesentlichste war, daß der Tag zu Henriettens Concert, in dem sie Abschied vom Publikum nehmen wollte, in drei Wochen festgesetzt wurde. Erst nach diesem wollte sie ihre Verbindung mit Werner öffentlich bekannt machen; bis dahin gab sie nur an, daß dringende Beweggründe sie nöthigten, das Theater zu verlassen.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht durch die Stadt und erregte die verschiedenartigsten Empfindungen. Der größte Theil des Publikums bedauerte es, die treffliche anmuthreiche Künstlerin zu verlieren; doch da auch ihre Persönlichkeit große Theilnahme erregt hatte, so wünschte man von vielen Seiten, daß eine erfreuliche Ursache sie bewegen möchte, der öffentlichen Ausübung der Kunst zu entsagen. Daß es eine Verbindung sey, vermuthete man natürlich. Den angenehmsten Eindruck machte die Nachricht aber auf Carolinen und Augusten, die die verhaßte Nebenbuhlerin verloren. So ließen sie es auch gern geschehen, daß Rennstein, der poetische Kritiker, ein Abschiedssonett an Henrietten dichtete, welches Quark in Musik setzte und es ihr dedicirte. Am seltsamsten wirkte die Nachricht auf zwei unserer Bekannten, Hayfisch und Wicke. Beide hatten schon seit langer Zeit den halben Entschluß mit sich getragen, um Henriettens Hand zu werben. Daß sie vom Theater abging, traf sie wie ein Blitz, denn nun ließ sich vermuthen, daß sie sich irgend einem Glücklichen verlobt habe. Sie riethen hin und her, und kamen endlich auf die seltsame Idee, einander in Verdacht zu haben. Hayfisch hielt Wicken für den Begünstigten, und dieser ihn. Ein Jeder von ihnen glaubte aber, daß er dem Andern den Rang streitig machen dürfe, deshalb kamen Beide auf den Entschluß, den Versuch zu machen, ob sie vielleicht einander ausstechen könnten. Eines Morgens erhielt Henriette daher folgende zwei Briefe, die sie, obwohl sie ihr nicht angenehm seyn konnten, doch nicht ohne Lächeln las. Der erste lautete so:

Angebetete Henriette!

Tausend Qualen hat dies Herz um Sie gelitten, doch die Angst, in der es jetzt schlägt, übersteigt alles Vorige um so viel, als ihre Schönheit alles überstrahlt, was man bisher schön genannt hat. Sie wollen Abschied von uns nehmen? Sie wollen fliehen? Wohin? Wohin? Glauben Sie mir, es giebt keinen sicherern Zufluchtsort für Sie, als meine Brust. Für Sie habe ich das Herz dem mörderischen Stahl Preis gegeben, an jenem Tage, wo das Geschick uns allen mit Vernichtung drohte. So litt ich damals in Strahlheim zwei Mal für Sie den Tod, und jetzt leide ich ihn zum dritten Male, wenn Sie mich verstoßen und vielleicht ein Nebenbuhler mich durch ein vorschnelles Wort überlistet hat. Schwieg ich bisher, so war es meine Bescheidenheit. Daher verwerfen Sie jetzt mein Herz nicht, da es noch nicht zu spät ist, und haben Sie gleich einem Andern früher zugesagt, so ist meine Liebe doch älter, und ich hoffe auf ihr beseligendes Jawort. Lassen Sie sich, dies füge ich noch hinzu, nicht durch den Stand verführen. Was ist ein Rath! Oft weiß er sich selbst nicht zu rathen. Ich aber bin reich und kann Sie glücklich machen.

Ihr getreuester von Hayfisch.

Der zweite kürzere war von Wicke:

Himmlisch süße Henriette!

Ich lese Tod in Ihren Blicken. Sollte es wahr seyn, sollten Sie Ihre Huld an ihn verschenkt haben, der nur Gold für Liebe bieten kann? Ich biete Ihnen Blut und Leben. Fordern Sie, was Sie wollen, nur seyn Sie die Meine. Ich bin Rath, doch ich weiß mir selbst nicht zu rathen! Mein Kopf fiebert, mein Herz bebt, meine Augen weinen, -- -- kurz, ich liebe Sie bis zur Verzweiflung. Retten Sie mich, oder ich sterbe. Was wäre ein übereiltes Wort für eine Fessel, wenn die Rücknahme desselben Sie in das wahre Paradies der Liebe führen könnte? Geben Sie mir ihre Hand und Sie sollen in dies Paradies kommen, denn nur dort blüht

Wicke, Ihr ewiger Anbeter.

Auf beide Briefe antwortete Henriette, daß sie den Freiern nicht angehören könne, und aus Gründen das Theater verlasse, die sie erst in künftiger Zeit enthüllen dürfe. -- Zufällig speisten den Mittag, als sie die Antwort ertheilte, beide zusammen beim Hoftraiteur. Das Unglück macht zu Vertrauten, sie gestanden einander ihr Schicksal, und schwuren, die Sirene zu meiden und zu Carolinen und Augusten zurückzukehren. Auf der Stelle wollten sie ihren Plan ausführen, und fuhren bei Carolinen vor. Doch diese ließ ihnen, da sie sich melden ließen, hinaussagen, sie nähme keinen Besuch an. Höchst betroffen stiegen sie wieder in den Wagen und fuhren zu Augusten, die am Fenster stand, als der Wagen vor der Thür hielt. Als sie die Treppe hinaufkamen, hörten sie die erbitterte Schöne zu ihrem Mädchen sagen: „Wenn der Rath Wicke und Herr von Hayfisch kommen, so bin ich nicht zu Haus.“ Das war genug. Zum Schein gingen Beide eine Treppe höher, fragten nach Jemand, der gar nicht im Hause wohnte, und setzten sich dann wieder in den Wagen. Doch an Augustens satyrischem Lächeln, die, während sie einstiegen, sich dreist wieder an’s Fenster gestellt hatte, merkten sie wol, daß sie durchschaut waren. Voll Verdruß fuhren sie nach Wickes Hause. Hier trat der Bediente dem Rath mit einem Billet, das so eben angekommen seyn sollte, entgegen. Es war von Carolinen und enthielt die lakonischen Zeilen: „Ich habe gehört, Herr Rath, wie Sie und einige andere Herren sich öffentlich über mich geäußert. Meine Würde verbietet mir, Besuche von Herren anzunehmen, die solche Urtheile über mich ins Publikum bringen. Daher werden Sie mich nie mehr zu Haus treffen!“ Wicke las voller Zorn und gab dann den Zettel seinem Freunde, indem er sagte: „Es wird Ihnen die Mühe sparen, den Liebesbrief zu Haus zu öffnen.“ Und er hatte Recht, denn eine wörtliche Kopie war bei Hayfisch und beim Obristlieutenant abgegeben worden. Daß der Vorfall beim Hoftraiteur Carolinen bekannt geworden seyn mußte, ging deutlich daraus hervor. Noch mehr Folgen, deren wir später gedenken werden, hatten sich zum Erstaunen der Residenz daran geknüpft, wurden jedoch erst nach einiger Zeit bekannt.

17. Das Concert. Graf Klammheim. Absagebriefe.

Der Tag, an dem Henriettens Concert gegeben werden sollte, nahte heran. Noch nie war in der Residenz ein ähnlicher Andrang nach Einlaßkarten erhört worden. Die reichsten und vornehmsten Bewohner der Stadt beeiferten sich, der jungen Künstlerin noch einmal ihre Theilnahme zu beweisen, indem sie für die Einlaßkarten die ansehnlichsten Geschenke sandten. In dem Bewußtseyn, zu welchem theuern Zwecke Henriette den Gewinn dieses ihres letzten öffentlichen Auftretens benutzen wollte, erfreute sie sich der über alle Erwartung reichen Einnahme ungemein. Schon drei Tage vor dem Concert war kein Billet mehr zu haben, und sie mußte bekannt machen, daß keine Tageskasse Statt finden werde.

Am Concerttage ließ sich unvermuthet der Graf Klammheim aus W. bei ihr melden. Er stellte sich ihr als ein außerordentlicher Bevollmächtigter des W. Hofes vor, erzählte, er sey gestern Abend spät angekommen, und vernehme mit Schrecken, daß ein Genuß, auf den er sich so sehr gefreut habe, ihm nicht mehr werden solle, nämlich Henriettens Gesang. Er fügte hinzu, daß er auch den vergeblichen Versuch gemacht habe, ein Billet zu ihrem Concert zu erhalten, und bat sie frei um die Erlaubniß, demselben beiwohnen zu dürfen. Henriette versicherte, daß es ihr eine große Ehre seyn würde, daß sie aber nicht ein einziges Billet mehr besitze. „Soll sich also das Vergnügen ganz entbehren, Sie jemals zu hören?“ fragte der Graf. „Ich weiß nur einen Ausweg, Ew. Excellenz,“ erwiederte Henriette. „Und der wäre?“ „Sie müßten mir erlauben, Ihnen gleich etwas vorzusingen.“ Dies sagte sie so anmuthig, daß der Graf eine sichtliche Freude darüber empfand, und ihr, wiewohl er ein Mann nahe an sechszig Jahre zu seyn schien, mit jugendlicher Lebhaftigkeit die Hand küßte. Sie setzte sich darauf an das Fortepiano und sang ihm mehrere Canzonetten mit der ihr eigenen Anmuth vor. Der Graf war entzückt, bat sie aber noch um ein deutsches Lied. Sie wählte ihr Lieblingsgedicht von Schiller: „Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn.“ Dies schien den Grafen innigst zu bewegen, er dankte ihr unverkennbar gerührt, und sprach: „Sie haben mir durch Ihre Güte eine sehr große Freude gemacht. Darf ich nun auch wohl mit den Worten eben jenes Dichters sagen: ‚Empfangen Sie ein Angedenken dieser Stunde?‘“ und dabei überreichte er ihr eine Brillanten-Nadel. Henriette wollte ablehnen, doch er bat so dringend, daß sie endlich nachgab. Jetzt empfahl sich der Graf. Doch in der Thür kehrte er um und sprach: „Noch eins, meine gütige Freundin, Sie erlauben mir wohl, trotz der kurzen Bekanntschaft, dies Wort, ich habe dringende Gründe, meine Anwesenheit noch nicht offiziell bekannt werden zu lassen; versprechen Sie daher, Niemandem, aber auch Niemandem zu sagen, daß ich bei Ihnen gewesen sey.“ Henriette versprach es. Der Graf ging. -- Der Abend kam heran, das Concert war beispiellos voll und glänzend. Ein berühmter Künstler, der so eben angekommen war, begrüßte Henrietten auf dem Orchester, und äußerte mit wahrer Bewegung seine Theilnahme, daß diese Zierde der Musen und der Kunst von nun an nur einem engern Kreise blühen wolle. Ein unaufhörlicher, endloser Beifall folgte jedem Stücke, das sie sang, und als sie zuletzt Abschied nahm, warf man aus allen Logen des Saals Rosen und Myrthen auf sie herab, ein Zeichen, daß man die Ursache, die sie der Bühne entnahm, wohl ahnte. Für ihr empfindendes Gemüth hatte dieses letzte Auftreten etwas erhaben Rührendes; mit Thränen im Auge dankt sie für die Aufnahme, indem ihr der Gedanke eine schmerzliche Empfindung erregte, daß sie nun gewissermaßen den Tempel der Kunst, deren würdige Priesterin sie gewesen war, für immer verließ. Mochte auch das stille Heiligthum der Häuslichkeit ihr einen beglückenden Ersatz bieten, er mußte doch mit einem Opfer erkauft werden. -- Werner führte sie an den Wagen und fuhr mit ihr nach Hause. Als sie ankamen, sanken sie einander in die Arme, und Henriette rief: „Nun bin ich ganz die Deine!“ Nach einer langen seligen Umarmung sprach Werner tief bewegt: „Henriette, weißt Du, wen ich im Concerte gesehen habe?“ und als sie ihn fragend ansah, fuhr er fort: „Meinen Vater! Ich werde ihn Morgen mit dem Frühesten aufsuchen, und Dir dann sagen, wie meine Unterredung, wie Dein Anblick auf ihn gewirkt hat.“ Die Liebenden trennten sich voller Hoffnung des Besten; denn daß der Vater im Concert gewesen war, konnte man für kein böses Zeichen halten. -- Ganz früh am andern Morgen ließ sich ein Pfarrer, Namens Walter, bei Henrietten melden. Ein ehrwürdiger Greis mit silbernem Haar trat ein. Er redete Henrietten mit einer vertrauensvollen Miene an: „Mein Begehr an Sie ist schnell ausgesprochen, und eben so schnell gewährt oder abgeschlagen. Sie haben gestern einen reichen Tag gehabt; Sie sehen wohlwollend und gütig aus. Vielleicht hat Sie die Freude auch mild gestimmt. Ich komme, Sie für eine sehr unglückliche Familie anzuflehen. Eine Mutter, die früher im Wohlstande gelebt hat und eine höhere Bildung genossen, schmachtet mit drei Kindern im Elende. Ihr Mann ist vorgestern in den Schuldthurm, wohin ihn nur Unglücksfälle führten, gesetzt worden. Wenige hundert Thaler könnten ihn retten, der unglücklichen Familie den Vater und Erhalter wiedergeben, allein sie sind schwer zusammenzubringen, und indeß zehren Mangel und Kummer am Leben und Glück des Vaters, der Gattin und der Kinder. Wollen Sie durch einen gütigen Beitrag das Ziel des Unglücks kürzer stecken helfen? Darum bitte ich Sie und habe Vertrauen zu Ihnen.“ Henriette war durch die einfache Erzählung und die Würde des alten Mannes tief gerührt. Sie fragte schüchtern: „Wie groß ist die Schuldsumme?“ „Zweihundert Thaler; und etwa hundert möchten nothwendig seyn, um den dringendsten Bedürfnissen der Familie bis so weit abzuhelfen, daß der Mann von Neuem im Stande wäre, sie durch Thätigkeit, an der es ihm nicht mangelt, zu erhalten.“ „Mein Gott!“ rief Henriette, „war denn der Unglückliche so arm an Freunden, daß er um dieser geringen Summe willen so viel Jammer ausstehen mußte!“ Mit diesen Worten eilte sie an ihren Sekretair und holte dreihundert Thaler, die sie dem Pfarrer mit den Worten gab: „Nehmen Sie, würdiger Mann. Der Himmel hat mich so reich beschenkt in diesen Tagen, daß ich auch nach Abzug dieser Kleinigkeit noch viel reicher bin, als ich hoffte. Ich bitte, nehmen Sie und helfen Sie bald!“ Der alte Mann faßte Henriettens Hand und drückte sie heftig an seine Lippen. „Das wird Ihnen Gott lohnen,“ rief er mit leuchtendem Auge, „gewiß, meine Tochter, vertrauen Sie darauf!“ Es lag etwas prophetisches in seinen Worten, das Henrietten seltsam traf. Sie geleitete ihn an die Thür, und ging mit frohem Herzen zurück in ihr Gemach. -- Eine elegante Equipage fuhr vor. Es war der Graf Klammhaim. „Was kann er so früh wollen,“ dachte Henriette, nahm ihn jedoch an. Er trat mit den Worten ein: „Sie sind betrogen, beste Freundin, ich bin doch in ihrem Konzert gewesen, ein erkrankter Freund hat mir seine Karte gegeben.“ „Das freut mich ungemein,“ erwiederte sie; „ich wünschte, alle Zuhörer wären so gütig und empfänglich als Sie, Herr Graf.“ -- Der Graf schwieg und schien etwas verlegen. Endlich begann er: „Schöne Henriette, viele Worte sind nicht meine Sache; ich kann nicht läugnen, daß ich Ihretwegen nicht allein bei Ihnen, sondern sogar in dieser Stadt bin. Unser Fürst, ein Mann in den besten Jahren, hat es bisher gescheut, sich zu vermählen, weil er die Ehen der Etikette haßt. Doch die Nothwendigkeit heischt endlich dieses Opfer von ihm. Er muß dem Lande eine Fürstin geben. Allein auch sein Herz hat Bedürfnisse. Er kennt Sie,“ -- „Halten Sie ein, Herr Graf, ich bitte Sie,“ erwiederte Henriette, „ich glaube zu ahnen, was Sie sagen wollen, aber ich bitte Sie dringend, es zu verschweigen. Ich dürfte Ihnen dann nicht wieder freundlich begegnen.“ „Sie betrachten das Verhältniß,“ fuhr der Graf zur Erde sehend fort, „vielleicht falsch. Der Fürst wird öffentlich zeigen, daß er Sie nicht nur liebt, sondern auch ehrt. Dürfen Sie ihn tadeln, wenn er über der Staatspflicht nicht verlernen kann, daß er auch ein menschliches Herz hat? Die Gemahlin ist nur die Fürstin, die Mutter des Thronerben, aber nicht seine Gattin. Fürchten Sie die Mißdeutung der Welt? Er wird durch sein Benehmen zeigen, daß er Sie hochachtet. Sie sind, wenn Sie einwilligen, von dieser Minute an, Herrin einer Grafschaft, und im Besitz dieses Titels auch für Ihre Nachkommen. Glauben Sie nicht, daß der Fürst Sie erkaufen will, er will Sie lieben, und seine Liebe giebt Ihnen, was er hofft, daß Ihnen Ehre und Freude gewähren wird. -- Reden Sie!“ „Herr Graf. Ich tadle den Fürsten nicht, und überlasse es ihm zu entscheiden, was er darf; überlassen Sie das aber auch mir. Ich fühle, daß ich Ihren Antrag verwerfen muß, daß er mich kränkt. O hätten Sie geschwiegen, ich hätte besser von Ihnen denken dürfen. Nehmen Sie diese Nadel zurück, ich weiß jetzt, daß Sie“ -- hier hinderten sie die Thränen weiter zu sprechen. Der Graf, sichtlich bewegt, schwieg ebenfalls lange Zeit, endlich aber sprach er: „Nun wohl, so will ich Ihnen denn meinen Auftrag ganz enthüllen.“ „Ich bitte Sie, nein,“ rief Henriette, „ich darf, ich will nicht hören.“ „Sie dürfen, auf mein Wort,“ sprach der Graf fest. „Der Fürst sah Ihre Antwort zuvor und war darauf vorbereitet. Doch er liebt Sie wirklich. Der Staat verbietet ihm Ihre Hand, so lange er herrscht. Er tritt die Regierung seinem Bruder und dessen Nachkommen ab, und begiebt sich in den Privatstand, um durch Ihre Hand, die er als Ihr rechtmäßiger Gemahl empfangen will, ein Glück zu erhalten, was ihm der Thron nicht bietet. Sprechen Sie ein Wort, und ich begrüße Sie als meine Fürstin.“ Henriette schwieg einen Augenblick, dann trat sie mit edler Bescheidenheit auf den Grafen zu: „Herr Graf, ich fühle mich hoch geehrt durch Ihren Antrag; ich glaube, daß Ihr Fürst mich liebt, daß er ein edler Mann ist. Um so mehr würde ich mir vorwerfen, wenn ich solch einen Mann seinem Lande rauben wollte. Ja selbst, wenn er mich zur herrschenden Fürstin machen wollte, -- ich kann nicht, ich darf nicht und -- nur Ihnen sey’s gesagt, ich will und wünsche nicht. Forschen Sie nach keiner Ursach -- genug, daß ich Ihnen versichere, daß mein Weigern mich nicht um mein Glück bringt!“ Der Graf hatte sie lange mit freudig leuchtenden Augen angesehn. Jetzt hielt er sich nicht mehr; er breitete seine Arme aus und rief: „Edles, treffliches Mädchen, komm an mein Herz. Du sollst meine Tochter seyn.“ In seiner Miene lag der Ton väterlicher Liebe. Henriette fühlte sich von einem unbegreiflichen Gefühl hingerissen und sank an seine Brust. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür mit Heftigkeit. Werner stürzte hinein, und mit dem Ruf: „Mein Vater!“ fiel er dem Grafen um den Hals.

Die Lösung ist leicht. Werner war schon seit Jahren unter dem angenommenen Namen und Stand gereist, weil er den Zwang der Etikette, der ihn sein Stand unterwarf, zu vermeiden wünschte. Er hatte dem Vater von seiner Verbindung mit Henrietten geschrieben, die dieser in dem Briefe, den wir kennen, durchaus verwarf. Doch der Ruf ihrer Liebenswürdigkeit hatte ihn schon halb für sie eingenommen, nichts war ihm daher willkommener, als daß ihn Geschäfte an den Hof zu B. riefen, wo er die Braut seines Sohnes prüfen wollte. Daß er dies auf mehr als eine Art gethan, zeigte auch der Eintritt Walters, den wir als Pfarrer kennen gelernt haben, der aber nur der alte Lehrer Werners war und mit der innigsten Zärtlichkeit an dem Schüler hing. Daß Werner Henrietten seinen Stand verschwiegen, geschah anfangs ohne Absicht, später, weil er nicht Hoffnungen bei ihr erregen wollte, die er ihr bei widerstrebender Gesinnung seines Vaters nicht erfüllen konnte, und zuletzt, weil er entschlossen war, für sie dem Stande zu entsagen, in welchem er sich als enterbter Sohn seines Vaters nicht behaupten konnte. -- Jetzt erklärt sichs auch, wie der Lord durch einen Brief des Grafen getäuscht werden konnte. Henriettens Verlobung mit dem jungen Grafen von Klammheim wurde jetzt öffentlich bekannt gemacht. Der Graf wollte sie feierlich begangen wissen, und lud zu dem Ende alle Bekannte Henriettens, die wir im Lauf dieser Erzählung kennen gelernt haben, ein. Doch nicht alle erschienen, sondern mehrere ließen sich entschuldigen. Noch bei Tafel erhielt Henriette folgende Absagebillets:

Nr. 1. Sie entschuldigen, schöne Henriette, daß ich bei Ihrem Feste nicht zugegen seyn kann; denn eine ganz vertrauliche, freundschaftliche Einladung der schönen Caroline beraubt mich dieses Glücks.

~Wicke.~

Nr. 2. Grausame! Sie wollen meiner noch spotten, und mich zum Zeugen bei Ihrer Verlobung machen? Gehn Sie hin; in mir ist ein anderer größrer Geist erwacht. Ich fühle mich stolz auf mein Volk und Vaterland. Aus Westen, prophezeite der große Johannes Müller, werde eine neue Sonne der Kultur für Europa aufgehn. Uns ist sie aufgegangen. Major Noah in Amerika ist der große Held der Geschichte, der das älteste Volk der Welt wieder zu seinem alten Glanz erheben wird. Unter seinen Fahnen denke ich zu fechten. Leben Sie wohl! Seyn Sie immerhin Gräfin! Sie verscherzten Ihr Glück, denn Sie konnten dereinst vielleicht Oberrichterin in Israel seyn!

~von Hayfisch.~

Nr. 3. Die inliegende Karte sagt Ihnen, geehrte Henriette, warum ich die freundliche Einladung zu Ihrem Feste nicht annehmen kann; ich feire ein Gleiches. Mögen Sie so vielen Glücks theilhaft werden, als ich selbst hoffe und genieße.

~Agrippinus.~

Die Karte lautete: Bei ihrer Verlobung empfehlen sich:

~Agrippinus~ und ~Caroline~.

Der Leser wird errathen, daß Agrippinus kühnes Benehmen für Carolinens Sache, welches ihr bekannt geworden war, ihm ihre Gunst zugewendet hatte. Und da sie gesehen, daß er der einzige Treue ihrer Verehrer war, zögerte sie nicht länger, ihm ihre schöne Hand, um die er so redlich geworben, zu reichen.

Die Verlobung wurde mit großer Pracht gefeiert, der Abbe, und viele andere, ja auch Auguste erschienen dabei. Hemmstoff, der ihr eigentlich immer treu geblieben war, wußte die günstige Stimmung, in die sie das Fest setzte, zu nutzen, und erhielt Vergebung und -- ihre Hand, so daß auch gleich bei Tafel das Wohl des neuen Paares getrunken wurde. Der Hanswurst hielt eine Verlobungsrede, und schloß mit den Worten:

„In meiner muntern Laune habe ich manchen zum Besten gehabt, oder vielmehr nur über seine Thorheiten gespottet. Wer sich dazu bekennt, wird auch nicht klagen dürfen, daß man darüber lacht. Wer sich der Thorheit nicht bewußt ist, ist auch nicht gemeint gewesen. Und so hoffe ich, wird mir niemand grollen, denn wie der Dichter sagt:

Keinen hab’ ich kränken wollen. Allen hat es gelten sollen.“

Verbesserungen.