Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage

Part 7

Chapter 73,430 wordsPublic domain

Die Sonne war jetzt allmählig tiefer gesunken, und man fand die Zeit sehr passend, um auf der Wiese einige Spiele zu veranstalten. Wicke und Hayfisch schlugen dagegen eine Wasserfahrt vor, allein der Obrist-Lieutenant widersprach ihnen, und meinte die Wasserfahrt müsse gemacht werden, wenn sich die Sonne fast zum Untergang neigte, weil dann erstlich die Landschaft am schönsten beleuchtet sey, und zweitens das Blenden und Stechen der Sonne, was auf dem Wasser unerträglich sey, aufhöre. „Zudem,“ fügte er in einer bei ihm seltenen Begeisterung hinzu, „was läßt sich reizenderes denken, als in der lieblichen Abendkühle auf den purpurn sich brechenden Wellen zu treiben und den Mond abzuwarten, der heut voll wird, und herrlich aufgehn muß? Entscheiden Sie, schöne Henriette, habe ich nicht Recht?“ Henriette erwiederte: „Ich habe hier nur ~eine~ Stimme zu geben, und die ist mit Vergnügen die Ihrige, doch behaupte ich, daß die Damen einzeln befragt werden müssen, ob sie die Kühle des Abends nicht fürchten. Wenn das wäre, so müßten wir lieber jetzt fahren und die Spiele aufgeben.“ Dies geschah, doch alle entschieden sich für den Obrist-Lieutenant. Man konnte eigentlich nicht recht begreifen, was Wicke und Hayfisch gegen die Gesellschaftsspiele hatten, doch der Obrist-Lieutenant schien es geahnt zu haben, und wußte sie nachher in die Enge zu treiben. Es war nämlich nichts anders, als ihre vorsichtige Kleidung, in der sie schon Hitze genug ausstanden, die sie nicht durch Springen und Laufen vermehren mochten. Als man daher auf die Wiese gegangen war und berathschlagte, was man spielen könnte, schlug er zuerst das Spiel: ~Katze~ und ~Maus~ vor, welches mit Beifall angenommen wurde. Unter den Damen wurde durchs Loos die Maus, unter den Herrn die Katze bestimmt. Der Obrist-Lieutenant, der alles anordnete, wußte es so einzurichten, daß Wicke die Katze spielen mußte. Er machte tausend Entschuldigungen, allein es half ihm nichts. Der Zufall wollte, daß Henrietten das Loos der Maus zugefallen war. Es war jetzt Wickes Aufgabe, die niedliche Maus zu haschen, und unter andern Umständen hätte ihm nichts willkommener seyn können, auch ward der Lord förmlich eifersüchtig auf ihn: doch jetzt, wo er vor Hitze schon fast umkommen wollte, schien es ihm eine förmliche Pein. Er hätte sich gerne langsam und träge benommen, allein das würde ihm solche Neckereien gebracht haben, daß er dachte, „thue dein Möglichstes, sie rasch zu greifen, so ist der Scherz bald vorbei.“ Der Kreis wurde jetzt geschlossen, und der Katze ein Durchgang angewiesen, während die Maus überall den Freipaß des Aus- und Einganges erhielt. Wicke stand außerhalb des Kreises, Henriette inwendig. Das Signal wurde gegeben, und der Rath sprang, wie ein Löwe auf die Beute, mit einem ungeheuren Satz auf Henrietten zu. Doch sie bückte sich leicht und war außerhalb des Kreises. Jetzt versuchte Wicke die Mauer zu durchbrechen. Er rannte sich dreimal als Mauerbrecher gegen den Lord und den Obrist-Lieutenant, doch vergeblich. Jetzt wandte er sich zur List. Durch verstellten Angriff suchte er Henrietten in die Nähe der Stelle zu treiben, wo ihm der Ausgang offenstand. Dies gelang ihm, doch floß der Schweiß schon in großen Tropfen von seiner Stirn. Jetzt plötzlich wandte er sich und schoß hinaus. Die überraschte Henriette, der nicht mehr Zeit genug blieb, sich in den Kreis zu begeben, floh wie eine Taube rings um denselben herum, und Wicke hinterdrein, wie Achill hinter Hektor. Da er aber schon fast athemlos war, konnte er die leichtfüßige Grazie nicht einholen, und als sie dies bemerkte, hüpfte sie ohne Anstrengung vor ihm her, dreimal um den Kreis herum, während der Rath schwer keuchend nachsetzte. Ein helles Gelächter brachte den armen Teufel noch mehr in Wuth, und er beschloß nun alles daran zu setzen, um sich den Fang nicht entgehen zu lassen. Allein die Jugend war auch eben nicht sein Fehler, und er fing jetzt erst an, das erste Mal zu bemerken, daß er eigentlich schon das sey, was der französische Lustspieldichter einen alten Jüngling nennt, denn die Glieder wollten dem Willen nicht mehr gehorchen, und fast brachen schon die Kniee unter ihm zusammen. Henriette schlüpfte jetzt in den Kreis und verschaffte ihm dadurch Luft, indem er nun nicht mehr nöthig hatte, sie zu verfolgen, sondern sie sich (man verzeihe den Jagdausdruck) stellen konnte. Mit einem Male ging es ihm wie ein Blitz auf. Daß Agrippinus seiner Wunde wegen nicht eben fest halten konnte, war natürlich, zugleich stand neben diesem die schüchterne Wilhelmine. Napoleon hat nie einen so glücklichen Operationsplan entworfen als Wicke in dem Augenblick machte. Dort, nirgend anders, war der Schlüssel zur Position. Durch Scheinangriffe trieb er Henrietten auf die morsche Stelle in der Mauer. Kaum hatte er sie daselbst, so rannte er an wie eine Schneelavine, brach glücklich durch, und -- plumpte lang auf den Rasen nieder, während Henriette durch eine behende Bewegung entrann. Durch den Chok waren ihm sämmtliche Westenbänder geplatzt, auch hatten die Tragbänder einen starken Riß bekommen; daher mußte er nun die Sache aufgeben, und bekannte mit verzweifelter Miene, er könne nicht mehr. Der Oberst-Lieutenant, der Sekundant und der Arzt, die die Sache ahnen mochten, lachten innerlichst vergnügt über das unwillkührliche russische Bad, welches Wicke nehmen mußte. --

Man schlug jetzt ein anderes Spiel vor, nämlich: den dritten abzujagen. Ich beschreibe das Spiel nicht weil es jedermann kennt. Werner war zuerst der Führer des Plumpsacks; er schien durch eine glückliche Divinationsgabe zu ahnen, daß Hayfisch eben so wenig zum Laufen angekleidet seyn möchte als Wicke, daher lauerte er ihm auf und traf ihn glücklich. Er hatte sich nicht geirrt, denn Hayfisch schien in einer Art von Verzweiflung, daß das Unglück ihn so verfolgte. Kleinmüthig nahm er das linnene Zepter seiner Würde, und setzte sich in Lauf. Er kalkulirte richtig, daß Wicke der Erschöpfteste seyn müßte, und glaubte ihn daher am leichtesten zu haschen; deshalb richtete er sein Auge auf ihn. Dieser, der sich kaum erholt hatte, sah sein Geschick nahen; die Furcht gab ihm Flügel zum Entweichen. Er hüpfte wie ein Gemsbock und Hayfisch schoß hinterdrein. Wie Tantalus nach der Frucht, strebte der Mäcen nach dem Rath. Die Hoffnung, sein entsetzliches Amt los zu werden, gab ihm nach jedem mißlungenen Versuch neue Kräfte, und Wicke strengte die seinigen bis aufs äußerste an, um nur dem schrecklichen Verderben zu entrinnen. Wie zwei glühende Bolzen sahen die beiden Duellanten aus. Doch ihre gegenseitige Hoffnung und Furcht hielt sich so die Wage, daß sie sich gegen eine Viertelstunde jagten, ohne dem Ziele näher zu kommen. Endlich keuchte Hayfisch: Ich kann nicht mehr, ich muß bitten mich abzulösen, oder ein andres Spiel anzufangen. Das letzte wurde angenommen, und der Obrist-Lieutenant schlug das Wittwerspiel vor, wo hintereinander stehende Paare sich trennen, eine Strecke laufen, und sich wieder vereinigen müssen, ohne von einem heirathssüchtigen Wittwer, der sich eine Frau greifen will, geschieden zu werden. Bei diesem Spiel, wo freilich nicht jede Bewegung streng abgemessen werden kann, hoffte der Lord das gegen Henrietten auszuüben, was er ländliche Freiheiten nannte. Er ließ es sich daher gerne gefallen der erste Wittwer zu seyn. Henriette stand mit Werner gepaart; ein Grund mehr für den Lord, dem verhaßten Musikus die schöne Spiel-Verlobte abzunehmen. Er ließ daher alle Paare ziemlich ruhig vorbeilaufen, ohne sich sehr anzustrengen, und merkte sich nur, wenn Werner und Henriette kommen würden. Doch Werner brauchte die erlaubte List, zu der der Hanswurst ihm behülflich war, seinen Platz zu tauschen, und ließ diesen, der mit dem langen hagern Sekundanten gepaart stand (denn es fehlte an Damen, um die bunte Reihe vollständig zu machen) an seiner Stelle laufen. Der Lord, der sich nicht umsehen durfte, glaubte gewiß Henrietten zu greifen, sprang daher wie ein Pfeil nach der Seite herum, wo die Dame ankommen mußte, und hielt -- den Hanswurst in seinen Armen, der ihn sogleich Mylady anredete und sich seiner glücklichen Verbindung freuete, die zum Verdruß des Lords auch glücklich bis ans Ende des Spiels fortdauerte. --

Jetzt war der Abend so weit vorgerückt, daß man die Wasserfahrt beginnen wollte. Ein geschmückter Nachen, der die ganze Gesellschaft aufnehmen konnte, lag bereit; in einem zweiten folgten mehrere Spielleute mit Blasinstrumenten, die Werner bestellt hatte. Der Strom lag licht und eben wie ein Spiegel; die Sonnenstrahlen fielen schon röthlich in die Wellen und umzogen die Stadt, deren Thürme sich in der Fluth spiegelten, mit einem goldnen wunderbaren Duft. Denn grade hinter der Residenz ging die Sonne unter. Hatte man in dieses Prachtgemälde eine Zeitlang hineingeschaut, so erquickte sich dagegen der Blick nach der andern Seite durch die ruhige, tiefe dämmernde Bläue in der der Horizont lag, und durch die frischgrünen Ufer und Inseln, die der dunkelblaue Strom zierlich umschloß. Der Nachen wiegte sich sanft auf den leise bewegten Wellen, die die angenehmste Kühlung aushauchten; der Himmel spannte sich klar und blau über die Erde; die ganze wehmüthig feierliche Stille des Abends herrschte auf der Flur und dem Gewässer. Durchdrungen von der Schönheit des Anblicks, von dem wonnigen Hauch der lauen Abendlüfte selig erquickt, überdrängt von den Gefühlen der eigenen Brust traten die Thränen in Henriettens Auge, und wie von einer höhern Macht begeistert, ergriff sie eine Guitarre und sang dazu mit ihrer seelenvollen Stimme ein Lied, das in Aller Brust die wunderbarsten Gefühle weckte.

Werner saß neben ihr, und drückte ihr, als sie geendigt hatte, in tiefster Bewegung die Hand. Wie entzückt würde er ihr ans Herz gesunken seyn, wenn er jetzt gedurft hätte! So trug er seine Wonne in sich, und nur durch den leisen Druck der Hand und durch begegnende Blicke verständigten sich die Liebenden. Der Lord hatte dies so halb und halb gesehn, und ergrimmte innerlichst darüber. „Ich glaube wahrhaftig,“ sagte er leise zum Obrist-Lieutenant, „der unverschämte Musikant wird dreist gegen den kleinen Engel. Wenn ich das wüßte, sollte ihn der Teufel holen. Ich wäre im Stande und peitschte ihn aus.“ Diese Worte hörte der Artillerie-Hauptmann, und fragte ziemlich laut: „Ew. Herrlichkeit sprechen vom Auspeitschen? Wie kommen Sie darauf?“ Der Lord schwieg, der Hauptmann lächelte ziemlich unverholen; dies fiel allgemein auf. -- Man ruderte indeß den Strom hinauf, um sich bei Mondenschein sanft von der Welle zurück treiben zu lassen. Es war nicht zu verhindern, daß die rudernden Schiffsleute die Lustfahrenden bisweilen etwas besprützten. Auch den Lord traf dies einige Mal. Roh, wie er war, äußerte er sich laut darüber gegen die Ruderer. Diese, die sich wenig um den Engländer kümmerten, trieben es jetzt absichtlich und bespritzten ihn so, daß ihm der ganze Nacken naß wurde. Er suchte sein Tuch, um sich abzuwischen, fand es aber nicht, weil er es vermuthlich bei den Spielen verloren hatte. Ohne sich zu bedenken, griff er nach dem Hut des Obrist-Lieutenants, der neben ihm lag, zog dessen Federbusch heraus, und kehrte damit sowohl den Sitz als den Nacken ab. Das durfte man dem Obrist-Lieutenant nicht bieten. Entrüstet stand er auf und sprach: „Ew. Herrlichkeit, was thun Sie dort, das ist ja mein Federbusch?“ „Bagatelle,“ erwiederte der Lord, „ich kaufe Ihnen morgen einen bessern.“ „Höll und Teufel,“ fuhr der Obrist-Lieutenant auf, „Herr, was erdreisten Sie sich? Glauben Sie, Ihre Lordschaft gebe Ihnen das Recht, einen Offizier so zu beleidigen? Das soll Ihnen theuer zu stehn kommen!“ Zugleich fuhr auch der Artillerie-Hauptmann auf. „Herr,“ rief dieser, „Sie wagen es einen Offizier auf diese Art zu beleidigen? Sie, der Sie ihm gar keine Genugthuung geben können?“ Mit diesen Worten sprang er auf den Lord zu; mehrere Herrn thaten ein gleiches, dadurch kam der Nachen auf die Seite zu liegen, die Damen schrieen laut auf, mußten aber doch unwillkührlich auf die tiefere Seite hinüber, das Uebergewicht wurde zu groß, der Kahn schlug um, und die ganze Gesellschaft lag im Wasser.

15. Die Entdeckungen. Die Maskerade.

Angstgeschrei und Hülferuf tönte von allen Seiten. Werner hatte Henrietten gefaßt, und ein rüstiger Schwimmer, wie er war, erreichte er bald mit ihr das Ufer, wo er sie sogleich in ein Zimmer des Wirthshauses bringen ließ und eiligst zurück kehrte, um zur Rettung der Uebrigen behülflich zu seyn. Zum Glück war der Nachen mit den Spielleuten gleich zur Hand gewesen, und auch ein andrer Kahn auf das Geschrei um Hülfe schnell herbei gekommen. So fand Werner die meisten Personen schon in Sicherheit; nach den andern wurde sogleich gesucht. Henriettens alte Pflegerin und Wilhelmine hatten sich an dem umgestürzten Fahrzeug fest gehalten, und wurden jetzt von Werner in den Fischerkahn, auf dem er gekommen war, aufgenommen. Auch Wicke und Hayfisch waren noch im Wasser und schrien jämmerlich um Hilfe. Werner versuchte sie in den Kahn zu ziehen, allein es war unmöglich, weil ihre siebenfache Garderobe so viel Wasser eingesogen hatte, daß sie zu schwer wogen. Er bedeutete sie daher sich noch einige Minuten zu gedulden, bis er mit Hilfe zurück gekehrt sey, und fuhr ab. Obgleich sie sich in gar keiner Gefahr mehr befanden, und das laue Bad nicht anders als angenehm seyn konnte, so schrien sie doch entsetzlich nach Hilfe und Rettung. Werner beeilte sich daher aufs möglichste, Wilhelminen und die Alte zu Henrietten zu bringen, um rasch zurück zu kehren. Dies geschah auch sogleich, indem er noch zwei Schiffleute annahm, die ihm halfen die Verunglückten in den Nachen zu heben. Als sie endlich herein waren, betheuerte der Schiffer, zwei so schwere Menschen seyen ihm noch niemals vorgekommen.

Am Ufer traf man jetzt die ganze Gesellschaft beisammen; ertrunken war zwar niemand, doch einige Damen und der Lord lagen in Ohnmacht. Die erste Sorge bestand jetzt darin, trockne Kleider anzuschaffen. Der Wirth brachte herbei, was möglich war, und führte die Herrn in einen großen Saal, wo sie sämmtlich Toilette machten und sich in Bauer- und Schifferkleidung stecken mußten. Alle waren fertig bis auf Wicke, Hayfisch und den Lord, der jetzt erst seine Besinnung erhalten hatte. Diesen stand aber eine bittere Lektion bevor. Denn als man sie entkleidete, fand sich zuerst, wie vielerlei Hülsen die beiden Duellanten übereinander gezogen hatten. Wie Zwiebeln wurden sie abgehäutet, und unter jeder Haut steckte eine neue. Der Hanswurst rief endlich: „Hört auf, Kinder, ich bitte Euch, denn am Ende bleibt nichts von den beiden Leuten übrig. Vier Paar wollene Beinkleider habe ich dem Rath allein abgestreift!“ Vor allem aber lachten der Sekundant, Agrippinus und der Arzt; Wicke und Hayfisch hätten vor Aerger bersten mögen, doch sie mußten ihr Geschick nun einmal ertragen, und entschuldigten sich durch Kränklichkeit. Bei der Enthäutung des Lords that sich aber noch ein ganz anderes Schauspiel dar. Er würde sich gewiß in einem besondern Zimmer umgekleidet haben, wenn er nicht besinnungslos gewesen wäre. Doch jetzt war das zu spät, und so wurde, was er verbergen wollte, Allen offenbar. Vergeblich suchte er einen Vorwand, das Hemd anzubehalten, der Arzt drang darauf, daß er trockene Wäsche anziehen müsse. Geschah es nun aus Bosheit oder Zufall, aber der Wirth brachte ihm ein Hemd, welches durchaus nicht auf seinen Körper passen wollte, und so mußte der Lord es endlich, nachdem er sich lange damit herumgequält und es halb zerrissen hatte, zurückgeben, und war nun, bis ein neues angeschafft wurde, aller Augen im adamitischen Paradieskleide preisgegeben. Da entdeckten sich auf seinem Rücken noch viel bedeutendere und zahlreichere Streifen, als auf seinem Gesichte. „Sind das auch Pappelzweige?“ fragte Werner. „Was Teufel, Lord,“ schrie der Hanswurst, „Sie sehen ja aus wie ein Zebra! Oder sind Sie ein Obelisk, oder eine Pyramide? Denn Hieroglyphen ohne Zahl sind hier auf Ihrem Rücken geschrieben.“ „Es muß von dem Fall seyn,“ stotterte der Lord. Doch der Hauptmann von der Artillerie trat hinzu und sprach: „Ich bin zwar kein Champollion, aber diese Hieroglyphen vermag ich zu lesen. Ich würde geschwiegen haben, wenn Se. Herrlichkeit sich nicht mit ihrer englischen Anmaßung so unverschämt gegen den Herrn Obristlieutenant benommen hätten. So aber muß ich Ihnen sagen, daß die Streifen von den Kantschuhhieben meiner Kanoniere herrühren, die der edle Lord überreiten wollte, weil sie ihm nicht so schleunig Platz machen konnten, als er befahl.“ Auf diese Nachricht zogen sich die Herren von dem Lord zurück. Der Rittmeister sagte: „Zum Donnerwetter, so ist meine Wette hin, denn von dem kann ich sie nicht mehr annehmen,“ und der Obristlieutenant äußerte, er müsse jetzt einen andern Ausweg für seine Ehrensache suchen. Man ließ nun den Lord allein, und bekümmerte sich auch nicht sonderlich um Hayfisch und Wicke, die sich indeß bald möglichst der andern Gesellschaft anzuschließen suchten. Der Lord verschwand, und man sah ihn nicht wieder.

Da auch die Damen nunmehr ihre Toilette vollendet hatten, kam die Gesellschaft in dem Saal, wo man zu Mittag gegessen hatte, wieder zusammen. Von dem Schreck hatte man sich erholt, Niemand hatte Schaden gelitten, und so freute man sich doppelt, sich nach dem Unfall wiederzusehen. Ueberdies waren die drolligsten Figuren entstanden, da der Zufall die Garderobe auf das Wunderlichste vertheilt hatte. Henriette sah in dem Sonntagskleide eines Bauermädchens allerliebst aus, auch Auguste schien die Tracht einer Gärtnerin, die ihr zugefallen, gar nicht übel zu finden. Der Hanswurst war in des Küsters schwarze Sonntagslivree gefahren, und ruhte nicht, bis er auch die Perücke dazu hatte. Nur Regenbogen fühlte sich höchst unglücklich, da er in einem grauen leinenen Kittel und weiten manschesternen Beinkleidern allerdings kein eben elegantes Ansehen hatte, besonders da sein sonst so sauber gekräuseltes Haar ihm in langen nassen Faden herabhing. Man kam überein, nun noch eine Zeit lang fröhlich zusammen zu bleiben, und dann gemeinschaftlich den Rückweg anzutreten. Nach dem Lord fragte Niemand, denn im Grunde war Jeder froh, daß er fehlte. Ein ländliches Abendmahl, wobei sich’s vorzüglich der Abbe und Hemmstoff wohlschmecken ließen, beschloß diese an Begebenheiten reiche Landparthie. Niemand war dabei lustiger, als Brückbauer, der da schwur, er wolle in einer Nußschale über das Weltmeer schiffen, denn ihm sei es nicht verhängt, zu ertrinken. Schon einmal sey er auf dem nämlichen Flecke mit dem Kahne umgeschlagen, ohne zu verunglücken, und auch heute habe der Himmel sich besonders gnädig gegen ihn gezeigt, da er nicht einmal den Kopf unter Wasser gehabt habe, sondern nur etwas eingetaucht worden sey. Der Hanswurst bemerkte, daß er demnach von Glück sagen könne, daß er kein Zwieback sey, weil sonst seine untere Hälfte abgeweicht seyn würde, und rieth ihm, eine Rede über das Thema auszuarbeiten: „Was hängen soll, ersäuft nicht.“ In dieser lustigen Stimmung brach die Gesellschaft endlich auf und fuhr nach Hause.

16. Trübe Wolken. Die verschmähten Liebhaber.

Indeß waren mehrere Wochen verstrichen, während unsere Bekannte ihr altes Treiben fortsetzten. Sie flogen bei Henrietten aus und ein, nur der Lord erschien nicht; man erzählte, er sey ins Bad gereist. Werner und Henriette blieben im stets vertrauten Einverständniß und bereiteten im Stillen alles zu ihrer häuslichen Einrichtung vor; denn nur noch wenige Wochen, und Henriettens Verpflichtungen waren abgelaufen. Bisweilen schien Werner unruhig; doch wich er Henriettens Nachforschungen aus. Eines Morgens kam er indeß ganz früh zu ihr, und zeigte ihr an, daß er ihr etwas Wichtiges zu entdecken habe. Sie war gespannt zu hören, und er erzählte ihr Folgendes: „Ich hegte bisher die Hoffnung, theuere Henriette, Dir in Beziehung auf Deine äußere Lage mehr erfüllen zu können, als ich Dir versprochen, denn mein Vater ist ein sehr reicher Mann. Ich wollte Dir das nicht entdecken, weil ich Dir nicht eitle Hoffnungen rege machen wollte, denn diese wären es, wie die Erfahrung mir bestätigt hat, gewesen. Mein Vater hat eine entschiedene Abneigung gegen den Stand, den Du selbst nicht liebst, und glaubt an keine völlige Reinheit der Gesinnung unter den Mitgliedern desselben. Daher hat er sich entschieden gegen unsere Verbindung erklärt. Seine Worte lauten fest und unwiderruflich, denn ich kenne ihn, so:“ (Hier nahm er einen Brief aus dem Busen und las Henriette folgende Stelle vor.)

„Was Deine Verbindung anbetrifft, so bist Du mündig, und kannst thun, was Du willst. Daß ich entschieden dagegen bin, konntest Du wissen; ebenso aber weißt Du auch, daß nicht die gewöhnlichen Vorurtheile vom Unterschied der Stände und des Vermögens mich bestimmen. Meine Entscheidung gründet sich auf eine reife Ansicht und auf feste Grundsätze der Sittlichkeit, besonders in Beziehung auf den weiblichen Charakter. Willst Du, trotz meines väterlichen Rathes, den Träumereien der unbesonnenen Jugend folgen, so thust Du es auf eigene Gefahr; die Familie soll dadurch aber, dies ist mein unabänderlicher Wille, nicht im mindesten gekränkt oder beeinträchtigt werden. Ich ersuche Dich also, Dich mit Deiner künftigen Frau fern von uns zu halten, auch keine Ansprüche an mein Vermögen machen zu wollen, was ich Deinen Geschwistern, denen der Wunsch und der Wille ihres Vaters theurer war, als Dir, zuwenden will. Uebrigens zürne ich Dir nicht, sondern will nur, daß Du auch alle Folgen Deines Schrittes zugleich mit tragen sollest. Liebst Du wirklich, und ist Deine Erwählte das, wofür Du sie hältst, so wirst Du reichlich entschädigt seyn. Sollte uns das Geschick zusammenführen, so werde ich ~Dich allein~ nicht mit Widerwillen sehen, denn ich schätze Vieles an Dir, selbst die eigensinnige Festigkeit, die mirs gewiß macht, daß meine Antwort Deinen Entschluß nicht ändern wird. Anbei erfolgen die Papiere, die Dich in den unbeschränkten Besitz Deines mütterlichen Vermögens setzen.“ --