Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage

Part 6

Chapter 63,377 wordsPublic domain

Unsere Duellanten saßen gerade beim Versöhnungsfrühstück, als der Wagen vor das Wirthshaus rollte, und Henriette in einem leichten weißen Sommeranzug, anmuthig wie eine Grazie, aus dem Gebüsch des Einganges trat, und an Werners Arm den Gartenpfad hinaufwandelte. Man war höchst überrascht, doch es war keine Zeit die Trinkanstalten aus dem Wege zu räumen, denn noch ehe man sich besonnen hatte, öffnete sich schon die Saalthüre und Henriette trat ein. Man sprang auf, um sie zu begrüßen; sie erstaunte sehr, die Herren schon hier zu finden. Noch höher aber stieg ihre Verwunderung, als sie die Waffen und anderes Duellgeräth auf einem Tische liegen sah. „Mein Gott, meine Herren!“ rief sie, „ich trete hier wol ganz unvermuthet und störend ein? Was ist hier vorgegangen, oder was soll geschehen? Ich bin zu einer Landparthie geladen, von der ich mir, den schönen Vormittag zu genießen, einige Stunden vorausgenommen habe.“ „Eben das,“ entgegnete der Obristlieutenant, „haben auch wir gethan; es erfreut mich ungemein, daß wir uns auf gleichen Gedanken begegnen. Darf man Sie, meine Schönste, zum Frühstück einladen?“ „Ich danke Ihnen sehr,“ entgegnete Henriette, „ich ziehe es vor, noch einen Morgenspatziergang mit meiner Begleitung zu machen. In kurzer Zeit komme ich zurück; lassen Sie sich indeß durchaus nicht stören.“ Mit diesen Worten verließ sie den Saal. Draußen wandte sie sich an Werner: „Um Gottes Willen, lieber Werner, ich habe Waffen gesehen; erzeigen Sie mir die Freundschaft und suchen Sie zu erfahren, was hier vorgeht oder vorgehen soll.“ „Nach meiner Kenntniß der Dinge -- vorgegangen ist,“ erwiederte Werner, „und wahrscheinlich ganz glücklich abgelaufen; doch will ich das Nähere zu erfahren suchen.“ „Wenn nur ich nicht wieder die unschuldige Ursache gewesen bin; das beunruhigt mich so sehr,“ entgegnete Henriette. Werner tröstete sie darüber, und versprach ihr, noch Vormittag Nachricht deßhalb zu schaffen. Man schlug jetzt einen schattigen Weg nach einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese ein, die rings von dem Strom umschlossen wurde. Auf ihrer Mitte stand, von alten ehrwürdigen Bäumen umgeben, die Dorfkirche, welche dem Ort eine fromme heimliche Stille verlieh. Hier setzten sich unsre Wandernden auf den Rasen und erfreueten sich an dem lieblichen Gemälde, das durch die heiterste Beleuchtung und den reinen Hintergrund des blauen wolkenlosen Himmels noch an Reiz gewann. Werner und Henriette sahen sich stumm an, doch ihre Blicke sprachen die ganze Seligkeit der innigst Vereinigten aus. Indem hörte man das Gras rauschen, und siehe da, die Herren von der Gesellschaft im Wirthshause hatten sich aufgemacht, um den Spatzierenden zu folgen. Jetzt entspann sich unter ihnen ein Gespräch, das wir mittheilen wollen, wenn wir zuvor die lagernde Gruppe gezeichnet haben. Die Hauptfigur, um die sich die andern gruppirten, war natürlich Henriette. Sie saß auf einem dicht mit Moos bedeckten Steine, am Fuße einer alten breitästigen Linde; neben ihr zur Linken die stille schüchterne Wilhelmine etwas niedriger; rechts, halb zu ihren Füßen, hatte Werner seinen Platz genommen, nämlich so, daß er ihr, ohne sich merklich zu wenden, in das liebe Angesicht schauen konnte. Bescheiden zurückgezogen, hinter Henrietten, hatte sich die alte Wärterin mit einem Strickstrumpf niedergelassen, und lehnte sich seitwärts an den Stamm der Linde. Wicke, Hayfisch, der Obristlieutenant und die feindliche Parthei, aus dem Sekundanten, dem Arzt und dem Verwundeten bestehend, waren jetzt nachgekommen und suchten sich, nach guter Malerordnung, der Hauptfigur so nahe als möglich anzuschmiegen. Wicke traf es gut, indem er zunächst neben Wilhelminen Platz nahm; Hayfisch und der Obristlieutenant reiheten sich hinter ihm an. Denn Keiner mochte hinüber zu Werner, der ihnen mehr als ein Dorn im Auge war. Doch Agrippinus, der ihn nicht kannte, ihm zunächst der Sekundant, und als starker Beschützer des Flügels, der große schwarzaugige und schwarzlockige Arzt, schlossen sich an die gegenüberstehende Seite an. So lagerten die Duellanten also fast wie zwei feindliche Armeen einander gegenüber. Doch in der Mitte thronte die anmuthige Göttin der Schönheit und hielt die wilden Horden im Zaum. Wicke nahm nach der ersten Begrüßung so das Wort: „Ein glücklicher Gedanke von Ihnen, schönste Henriette, daß Sie so früh hinaus in die Arme der reizenden Natur geeilt sind. Doch Ihre Erscheinung im Saale war so flüchtig, so überraschend, daß wir kaum Fassung gewinnen konnten, Sie zu begrüßen, viel weniger ich dazu kam, Ihnen noch meine mündliche Entschuldigung über das Mißverständniß“ --

~Henriette.~ Lassen wir das, Herr Rath. Die Gegend ist hier zu ländlich, das Wetter zu schön, um die Welt mit Allem, was sie Lästiges und Drückendes hat, nicht von Herzen gern zu vergessen. Erzählen Sie uns lieber, was Sie und die Herren so früh herausgeführt hat.

~Wicke.~ Die Sehnsucht nach dem Genuß der Natur.

~Der Arzt.~ Der Wunsch, uns eine kleine Bewegung zu machen. Auch der Körper will ein Recht.

~Werner.~ Es wird ihm hoffentlich bekommen?

~Arzt.~ O, vortrefflich. Bewegung und Aderlaß sind das Gesundeste für den Städter.

~Werner.~ Auch Aderlaß? So!

Der Römer erröthete; Hayfisch sah stolz aus.

~Der Obristlieutenant.~ Wer wird noch Alles von der Parthie seyn? Wir sind so früh gefahren, daß wir nicht einmal wissen, wie das Fest arangirt ist. Ich war auch heute nach P--m und Ch--burg geladen. Aber wer kann überall seyn!

~Werner.~ Ja, das ist eine Kunst, die man üben muß. Nicht wahr, Herr Obristlieutenant?

~Obristlieut.~ Freilich, _ars longa, vita brevum est_.

~Arzt.~ Freilich! Und Sie führen gleich den Beweis.

~Obristlieut.~ Beweis! Wie so?

~Arzt.~ Fragen Sie nur den Römer. Agrippinus, nicht so?

~Agrippinus~ (aus einer Abwesenheit zurückkommend) O, ganz natürlich. Es ist außerordentlich!

~Sekundant.~ Wo warst Du?

~Arzt.~ Vermuthlich am jenseitigen Ufer.

~Werner.~ Oder in der Stadt.

~Agrippinus.~ Verzeihen Sie. Ein Vorfall, der mir gestern Abend begegnete, hat mich beschäftigt.

~Arzt.~ O ja, ich glaube, schon den ganzen Vormittag.

~Henriette.~ Ei meine Herren, lassen Sie doch dem Herrn seine Weise. Ich finde den Tag und die Gegend ganz geeignet, sich seinen Gedanken zu überlassen. Ich selbst habe eine Neigung dazu.

~Wicke.~ Sie haben ~sie~ auch mit Recht; allein wer bei Ihnen abwesend ist, wo sollte der anwesend seyn?

~Hayfisch.~ Gewiß, der Rath sagt wahr. Ganz meine Meinung.

~Henriette.~ Meine Herren, die Artigkeiten, die man auf Kosten Anderer hört, sind verdächtig; es deucht mir, man hört sie nur, weil man eben da ist, die andern abwesend.

~Sekundant.~ Das wäre nicht unbillig. Der Lebende hat Recht, sagt Schiller.

~Wicke.~ O erhabener Dichter! Wie wahr!

~Arzt.~ Es hat seine Seiten. Die meisten Lebenden glauben zwar, Recht zu haben, beschweren sich aber immer, daß sie’s nicht bekommen.

~Henriette.~ Ist die Aussicht hier nicht recht schön? Man spricht so viel von der dürftigen Landschaft hier rings umher; ein genügsamer Sinn findet doch manche liebe Stelle.

~Arzt.~ Ja, ein Genügsamer.

~Hayfisch.~ Dort das Erlengebüsch am jenseitigen Ufer macht sich reizend.

~Sekundant.~ Vielleicht knüpft sich manche interessante Erinnerung für Sie daran.

~Arzt.~ Sie haben vielleicht dort oft auf dem schwellenden Rasen gelegen.

~Obristlieut.~

Wohl dem, der vergißt, Was nicht zu ändern ist.

~Hayfisch.~ Sie sind reich an Stellen aus Dichtern. Erlauben sie mir auch eine:

Die That, nicht sein Geschick, bewährt den Mann.

~Arzt.~ Das schlimmste Geschick ist das Ungeschick!

~Henriette.~ Die Herren sprechen ja so räthselhaft!

~Arzt.~

Der Mensch versuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig verhüllen mit Nacht und mit Grauen.

~Sekundant~ (halb laut). Mit Nadel und grauem Zwirn.

~Henriette.~ O, ich will nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Aber sehen Sie Herrn Agrippinus; er ist wirklich schon wieder tausend Meilen von uns.

~Arzt.~ Nicht ganz so weit, glaub ich. Doch ich kenne einen Zauber, mit dem ich ihn zu uns banne. (Er singt): _Un troubador_ --

~Agrippinus~ (fährt auf).

~Arzt.~ Sehen Sie! Das wirkt so rasch, wie Blausäure.

~Agrippinus.~ Ich habe wirklich um Verzeihung zu bitten, es ist so manches -- ich dachte --

~Henriette.~ Mein Gott, warum denn Entschuldigungen? Sie sollten aber ihre Freunde anklagen, die nicht ganz ohne Schelmerei gegen Sie zu verfahren scheinen. Wir sind ja hier auf dem Lande; der ängstliche Zwang der Gesellschaften muß hier wegfallen. Wie wäre es, wenn wir ein wenig auf der Wiese umhergingen! Das zerstreut vielleicht die trüben Wolken von der Stirn unsers nachdenkenden Gesellschafters.

Man nahm den Vorschlag mit Vergnügen auf. Die Ruhenden erhoben sich und begleiteten die reizende Henriette, die muntern Schrittes voran über die Wiese hüpfte. Sie sah heiter aus, wie der Frühling. Das leichte Gewand flatterte im frischen Zuge der Luft, die braunen Locken fielen reizend über ihren Nacken, und sie nahm den schirmenden Sommerhut ab, um die Lüfte frei um die lieblich blühenden Wangen spielen zu lassen. „Sie ist ein Engel!“ flüsterte Wicke dem Obristlieutenant in’s Ohr. „Ja, für sie,“ fiel Hayfisch ein, „wäre es noch der Mühe werth gewesen, das Leben zu wagen.“ Dabei brüstete er sich und sah stolz umher. -- Es wurde indeß nach und nach wärmer, ja sogar ziemlich heiß. Alles war in leichten Sommerkleidern und empfand daher die Wärme nicht so sehr. Doch Wicke und Hayfisch, deren Vorsicht sie zu dreihäutigen Schlangen gemacht hatte, bewegten sich keuchend in ihren winterlichen Gewändern. Sie waren daher froh, als Henriette ihren raschen Schritt einigermaßen anhielt und langsamer den Weg zurück nach dem Dörfchen einschlug. Werner hatte sich ihr genähert, sie nahm seinen Arm und lehnte sich recht vertraulich auf ihn, indem sie ihn mit einem unbeschreiblich holden Blick ansah.

Wicke, Hayfisch und der Obristlieutenant gingen hinterher. „Der verdammte Musikant,“ fing der Letztere an, „ich wollte, der Teufel holte den Geigenkratzer, oder was er sonst seyn mag. Ist er denn nicht immer der Nächste an ihr? Und unser einer muß demüthig nachziehen!“ „Ja, es ist zum Verzweifeln!“ rief Wicke. „Sehen Sie, die Kleine ist heut so allerliebst, daß ich im Stande wäre, mich ernsthaft in sie zu verlieben! Ja wahrhaftig, ich glaube, ich könnte ihr meine Hand antragen, wenn ich nicht fürstlicher Rath wäre!“ „Wahrhaftig, Rath,“ sprach Hayfisch, „ich hab’s auch still bei mir gedacht; sie ist so verführerisch, die kleine Kokette, daß, wenn ich eine Messaliance thun könnte, sie die einzige wäre, die mich dazu zu verleiten im Stande wäre.“ „Sacht, sacht, meine Herrn,“ erwiederte der Obrist-Lieutenant, „wenn es der Musikant hört, so ist der Teufel los, und man könnte sich doch mit dem nicht schlagen.“ Unter diesen Gesprächen waren sie ins Dorf gekommen und langten bald vor dem Wirthshause an. Da noch niemand von den erwarteten Herrschaften angelangt war, gingen die Herrn ein wenig auf den großen Weg hinaus, um den Ankommenden zu begegnen, während Henriette, Wilhelmine und die Pflegerin sich hinauf begaben, um ein wenig zu ruhen. Als die Herrn vors Dorf kamen, bemerkten sie einen Zug Artillerie, der aus mehreren Wagen und Geschützen bestand, und die Chaussee hinab nach der Stadt fuhr. Sie freuten sich der schönen Ordnung der Bespannung und der wohlgebauten Fahrzeuge. Der Offizier, ein schöner stattlicher Mann, der den Zug zu Pferde begleitete, kannte den Obrist-Lieutenant, sie begrüßten sich, und der Hauptmann hielt sein Pferd an, um mit den Herrn einige Worte zu sprechen.

Indessen marschirte der Zug weiter. Die Herrn verwickelten sich in ein Gespräch, das wohl zehn Minuten gedauert haben mochte, so daß die Kanonen ihnen schon fast aus dem Gesichte gekommen waren. Jetzt sah sich der Hauptmann um, und fand für gut, seiner Mannschaft eiligst nachzusprengen, nachdem er zuvor versprochen hatte, noch nach Strahlheim heraus zu kommen, um an der Landparthie Theil zu nehmen. Im vollen Gallopp ritt er davon, daß der Staub hinter ihm hoch aufstieg. Unsere Freunde wandelten indeß die Chaussee noch etwa hundert Schritte weiter hinauf bis an eine Stelle, wo sie sich theilte und in zwei Armen nach zwei verschiedenen Stadtthoren führte. Hier setzten sie sich auf eine am Wege stehende Bank, um abzuwarten, wenn die ersten Wagen der Gesellschaft ankommen würden.

13. Die Wette. Die Ankommenden. Das Mittagsessen.

Nach einigen Minuten hörten sie das Gerassel eines Pferdes, und sahen Staub auf der Straße aufsteigen, die die Artillerie nicht gefahren war. Bald erkannte man einen Reuter, der in vollem Carriere daher sprengte. Als er näher kam, sah man, daß es der Rittmeister Holm von der fürstlichen Leibgarde war, der ebenfalls zu den Verehrern der schönen Henriette gehörte. Er parirte auf dem Punkt, wo die Straßen zusammen kamen, und sein erstes Wort war: „Ist der Lord Monday schon hier?“ „Nein,“ war die Antwort. „So habe ich hundert Flaschen Champagner gewonnen, und die hat mein Schimmel verdient, dafür soll er auf Ehre das ganze Jahr reinen Hafer fressen! Aber zum Teufel, der Lord kommt ja noch nicht? Zu sehn müßte er doch wenigstens seyn.“ „Was hats denn gegeben, lieber Rittmeister?“ fragte der Obrist-Lieutenant. „Wir haben gewettet, wer der Erste hier seyn würde. Vom A. Platz sind wir zugleich ausgeritten. Ich durchs F-- Thor, er durch St-- Thor. Sein Weg ist etwa hundert Schritt länger als der meinige, aber die hat er auf seine braune Stute gerechnet. Hier war das Ziel der Wette. Wer zuerst ankäme, sollte den andern hier erwarten. Ich kann mir nicht anders denken, als daß er gestürzt seyn muß, denn ich hoffte auf meine Ehre nicht die Wette zu gewinnen, weil die Stute ein kapitales Pferd ist. Mein Schimmel ist auch keine Kuh, im Gegentheil ein äußerst braves Pferd, aber die Stute!“ Hier unterbrach ihn Werner: „Da es wahrscheinlich ist, daß der Lord gestürzt sey, so dächt ich, machten wir uns auf den Weg ihm entgegen!“

„Ja, auf Ehre, Sie haben Recht, mein Liebster,“ sprach der Rittmeister, „der arme Kerl hat vielleicht ein Unglück gehabt. Ich werde sacht voraus traben, mein Pferd darf sich so nicht rasch abkühlen. Sie sind doch meine Zeugen, daß ich zuerst hier gewesen bin?“ Damit trabte er die Chaussee hinunter. Doch ehe er noch hundert Schritte geritten war, sah man schon den Lord um die Ecke des Weges reiten. Sein Pferd jagte ebenfalls _ventre à terre_. Als er den Rittmeister ansichtig wurde, parirte er und ritt ihm im Schritt entgegen. Beide kehrten zusammen um, und der Rittmeister schien vor Lachen bersten zu wollen. Denn er saß auf dem Pferde und hielt sich beide Seiten, indem er den Oberleib immer auf und nieder beugte. Endlich vereinigten sich die Reuter mit der Gesellschaft, und nun erzählte der Lord sein Unglück. „Goddam,“ rief er, „die verteufelte Artillerie. Ich kam wie ein Wetter die Chaussee herunter geritten, da versperrte mir die Kolonne den Weg. Ich schrie. Platz! Platz! Aber alle Kanonier sind taub wie Holz. Ich wollt’ es wagen und an der Seite vorbei reiten, obwohl ich einen Fuß dabei lassen konnte, allein meine verwünschte Stute scheute sich vor den Kanonen, denn ich habe sie einmal beim Maneuvre zu nah in den Schuß geritten, sie prallte zurück, bäumte sich, überschlug sich, und da lag ich im Staube. Die Leute halfen mir dann wieder auf und klopften mir den Staub ab. Aber die Wette ist verloren.“ Der Obrist-Lieutenant äußerte sein Bedauren über dieses Mißgeschick, und fragte, woher denn der Lord die rothen und blauen Streifen im Gesichte habe, die sogar an einigen Stellen ein wenig mit Blut unterlaufen zu seyn schienen? „Ich muß mit dem Gesicht durch die Pappelzweige gestreift seyn,“ erwiederte der Lord und wurde etwas roth; Werner maß die Höhe, in der die Zweige anfingen und schüttelte den Kopf. Der Rittmeister konnte nicht aufhören zu lachen, und rief, einmal über das andere: „Die Artillerie soll leben!“ Ein Reitknecht des Lords, der mittlerweile nachgekommen war, nahm ihm und dem Rittmeister die Pferde ab. Darauf setzte die ganze Gesellschaft sich wiederum auf die Bank an der Ecke, um die Theilnehmer der Landparthie ankommen zu sehn. Zuerst rollte ein Whisky herbei, auf welchem Regenbogen in der zierlichsten Sommerkleidung saß. Die untere Hälfte seines eleganten Ichs war weiß, die obere hellgrün; ein silbergrauer Pariser Strohhut schützte ihn vor der Sonne; eine Badine spielte nachläßig in seiner Hand. Man konnte die Toilette nicht geschmackvoller wählen. Dies Zeugniß hatte er sich, als er vor dem Einsteigen noch einmal in den Spiegel schaute, selbst gegeben, indem er ausrief: „Regenbogen, du siehst aus wie die Grazie der ländlichen Gefilde!“ Hinter diesem rollten der Hanswurst und Hemmstoff, auf deren neugierigen Gesichtern man die Frage nach dem Duell las. Die stolze Miene des Siegers Hayfisch, denn dafür hielt er sich, bezeugte ihnen, daß ihm kein Haar gekrümmt sey. Jetzt fuhr der Director Brückbauer mit seiner Gemahlin und Augusten an den Herrn vorüber und ins Dorf hinein. Wicke und Hemmstoff grüßten höflichst beflissen, doch Auguste erwiederte das Kompliment sehr kalt. Nach einigen Minuten rollte auch der Regisseur mit zwei Damen vom Theater herbei, und rasselte vor das Wirthshaus. Mehrere uns unbekannte Familien mögen unbekannt bleiben. Ganz zuletzt kam unser Freund, der Abbe, der ein Frühstück, zu dem er bei einer alten Freundin, der Frau von W. geladen war, nicht hatte im Stich lassen wollen. Als man ihn deshalb neckte, sprach er: _que voulez vous? Est ce que le prêtre doit être le premier dans l’eglise?_ -- Wir lassen nun die vereinigte Gesellschaft gemächlich ins Wirthshaus gehn und sich an die Tafel setzen. Der Lord wollte Henrietten zu Tisch führen, allein sie erwiederte ihm ausweichend: „Ihro Herrlichkeit, ich darf nicht vergessen, daß ich Gäste habe,“ nahm Werners Arm, der auch Wilhelminen führen mußte, und ließ zur Linken ihre alte Pflegerin sitzen. Wicke hatte Augusten den Arm geboten, doch sie entschuldigte sich damit, daß sie zu Brückbauer gehöre, und ließ ihn stehn. Hemmstoff wußte, daß es ihm nicht besser gehen würde, daher fürchtete er sich einen Versuch zu machen. Er hielt sich also zum Abbe, der sich wieder an das Essen und die Flasche zu halten dachte. Sie paßten überhaupt beide vortrefflich zusammen. Nicht allein wegen ihrer ähnlichen Neigungen und gastronomischen Bestrebungen, sondern auch weil von beider Haupt ein lichter Mondschein (der Heiligenschein der Lebemänner) herabdämmerte. Da der Lord mit dem Gestirne seiner Liebe nicht in Conjunktion kommen konnte, so hatte er die Stellung im Gegenschein für die vortheilhafteste gehalten, und sich gerade gegenüber gesetzt. Von diesem Platze bestrahlte er sie mit feurigem Blicke und strömte eine Lavafluth von begeisterten Reden aus, die das Herz seiner Göttin bei ihm erwärmen sollte. Doch Werner wußte geschickt mitunter einen Eiszapfen in des Lords glühenden Busen zu stecken, der ihn sichtlich fast erstarren machte. So fragte er ihn z. B. einmal mitten in der Rede, ob nicht der Graf Klammheim aus W. angekommen sey; er habe gestern eine Equipage mit der Livree desselben fahren sehn. Der Lord, mochte er nun glauben, daß er angeführt worden sey, oder daß ein Mißverständniß obgewaltet habe, mußte diese Erinnerung höchst verdrießlich empfinden. Denn er hatte eine halbe Ahnung, daß er doch vielleicht ein wichtiges Gespräch versäumt haben möge, und fühlte sich nicht vorwurfsfrei, indem er weder, wohin er geritten war, in seinem Hotel hinterlassen, noch sich näher erkundigt hatte, ob der Graf wirklich angekommen sey. Deshalb stockte plötzlich der Strom seiner Rede, und er antwortete nur kurz: „Ich habe auch davon gehört, es mag aber ein Mißverständniß seyn; bei mir ist er noch nicht gewesen.“ Nach einigen Minuten richtete er wieder eine starke Apostrophe an Henrietten. Plötzlich fuhr Werner dazwischen. „Ach, Sie wissen noch gar nichts von dem Unglück Ihrer Herrlichkeit! Sehen Sie, Sie haben eine Wette verloren und sind noch dazu vom Pferde geworfen worden, und was das schlimmste ist, in die Zweige der Pappeln hinein. Sehn Sie nur die rothen Striche auf Ihrer Herrlichkeit Antlitz; das sind die Spuren davon!“ „Das thut mir leid,“ sagte Henriette aufrichtig, „nur begreife ich nicht,“ fügte sie unschuldig hinzu, „wie sie in die Pappelzweige gerathen sind. Die scheinen mir doch viel höher zu seyn als ein Reuter.“ „Ei,“ rief Werner, „das Pferd hat ihre Herrlichkeit vermuthlich erst hoch in die Luft geworfen!“ „Das muß ein schrecklicher Fall gewesen seyn,“ bedauerte Henriette. „Eine Kleinigkeit, _passons la dessus_,“ erwiederte der Lord, „Sie sehn, ich bin ganz wohl.“ Doch dies schien nicht wahr zu seyn, denn plötzlich wurde er blaß und roth, und kam fast außer Faßung. Unmöglich konnte die Ursach davon die seyn, daß der Artillerie-Hauptmann, der noch nach Strahlheim zu kommen versprochen hatte, eben unvermuthet in den Saal trat. Doch ließ sich nichts anders ersinnen, was Sr. Herrlichkeit so in Unruhe hätte setzen können; es mußte daher wohl die Erinnerung an den Fall, und den damit verknüpften Verlust und Aerger seyn, die durch die Erscheinung des Artillerie-Offiziers aufs neue höchst lebhaft erweckt wurde. Auch der Hauptmann war erstaunt, erwähnte indeß nichts von dem Vorfall (vermuthlich aus Delikatesse) und nahm neben dem Obrist-Lieutenant Platz. Die letzt erzählte Agitation hatte den Lord ganz einsilbig gemacht, und es ist eben weiter nicht viel von ihm zu erzählen. Die ganze Tafelzeit verstrich überdies unter unbedeutenden Gesprächen, so daß wir sie kurz überspringen können. Den Kaffee nahm die Gesellschaft auf dem Balkon ein.

14. Spiele auf der Wiese. Die Wasserfahrt.