Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage
Part 5
Wir hatten unsere Bekannten, die Räthe Wicke und Hemmstoff, so wie den Hanswurst bei einer wohlbesetzten Tafel im eleganten Lokal des Hoftraiteurs verlassen. Dort hatten sich noch mehrere Freunde zusammen gefunden. Ihr Gespräch war, wie natürlich, Henriette. Wicke, der den Namen nicht nennen hören konnte, ohne sich seines verdießlichen Unfalls zu erinnern, schlich abseits, ließ sich von einem der Kellner Feder, Tinte und Papier geben, und schrieb den Brief und Aufsatz, den wir im vorigen Kapitel gelesen haben. Allein ehe er ihn absendete, las er ihn noch in der Gesellschaft vor, indem er vorgab, er habe ihn so eben aus seiner Wohnung geholt. Natürlich fand er allgemeinen Beifall, so daß Wicke fast seinen Stern prieß, dessen Einfluß ihn auf diese Art zum Schriftsteller gemacht hatte. Er wurde darauf dem Kellner übergeben, der die Besorgung übernahm. Durch Wickes Vorlesung hatte sich das Gespräch auf die Kritiken des Tages gewendet, und jedermann, der die letzten Flugblätter verschiedener Art gelesen hatte, fand, daß sie sich offenbar in zwei Partheien theilten, deren eine absichtlich hämische Angriffe auf Henrietten that, die andere dagegen sie kräftig beschirmte und vertheidigte. Der Redakteur des Menschenscheuen, der Professor Ruhwitz, mußte nach der Meinung der Gesellschaft offenbar bestochen worden seyn, um Wickes Kritik so schändlich zu Henriettens Nachtheil zu verdrehen. „Doch wer könnte,“ fragte der Rath Hemmstoff, „wohl dazu Anlaß gegeben haben?“ „Wie?“ fiel Wicke ein, „können Sie noch zweifeln? Ich wette, es ist die neidische Caroline gewesen!“ „Sie haben Recht,“ rief der wohlbekannte Obrist-Lieutenant, der auch dabei war, „ich bin diesen Morgen, ehe ich zu Henrietten ging, einen Augenblick bei ihr gewesen, da konnte sie ihre Wuth kaum unterdrücken. Ich neckte sie absichtlich ein wenig, indem ich Henrietten in den Himmel erhob, und jedes Mal, daß sie selbst von sich und einer ihrer Rollen anfing, sprang ich ab, und kam wieder auf Henriettens Vorzüge. Sehn Sie, die kleine neidische hübsche Person hätte beinah geweint vor Aerger.“ „Deliciös,“ rief ein uns noch nicht bekannter Mann, Namens ~von Hayfisch~, (ebenfalls ein Mäcen des Theaters und Jerusalemitischer Abkunft,) „auf Ehre, lieber Obrist-Lieutenant, deliciös. Ich hätte mögen dabei seyn. Aber morgen will ich hin und es eben so machen. Man muß den übermüthigen Sängerinnen zeigen, daß man sie nach Gefallen absetzen kann. Sie ist lang genug meine Göttin gewesen; morgen soll sie einmal statt des Weihrauchs bittre Pillen schlucken!“ Ein junger blaßer Mann, der bisher einsam und ohne zu sprechen an einem Tische gesessen hatte, stand jetzt auf und näherte sich den etwas laut Sprechenden. Der Hanswurst erkannte ihn und flüsterte: „Seht da die Leiche, die Carolinens Schatten bildet; es ist ihr blaßer Verehrer. Nun, wenn er Eure Rede gehört hat, und er wird nicht roth wie ein gesottener Krebs, so erlebe ich, daß ein Mohr blaß wird, wie der steinerne Gast.“ Wirklich überzog eine leise Röthe des Verdrußes die Wangen des bleichen hagern Jünglings. Er schien zweifelhaft, ob er der Gesellschaft näher treten solle, oder nicht, doch endlich machte er, wie einer der einen plötzlichen Entschluß gefaßt hat, eine Wendung, schritt gerade auf den Tisch zu, und redete folgender maßen:
„Meine Herrn! Ich höre hier so eben einige ganz unschickliche und ungeziemende Reden, die eine Dame, welche sie alle kennen, beleidigen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie ausgesprochen hat, doch ich erkläre Ihnen hierdurch, daß ich die Redner, falls sie das nicht unleugbar beweisen können, was sie gesagt haben, für Männer ohne Ehre halte. Könnten sie es aber auch beweisen, so muß ich dennoch die Art, wie sie über eine Dame hinter dem Rücken derselben sprechen, für niedrig und unter der Würde eines Mannes von Stande erklären. Darnach haben Sie sich zu richten. Ich bin ein Römer, heiße ~Agrippinus Coloniensis~, meine Wohnung ist in der Roßmariengaße.“ Mit diesen Worten schritt er stolz zur Thür hinaus. Die Gesellschaft saß mit offenem Munde, und wußte nicht was sie sagen sollte. Endlich fing Hayfisch an furchtsam zu fragen: „Hat denn jemand von uns etwas gesagt, was den Herrn beleidigen könnte?“ „Daß ich nicht wüßte,“ erwiederte der Rath Wicke. Der Obrist-Lieutenant sah höchst verdrießlich aus und sprach kein Wort. Während dieser Pause traten mehrere Herren ein, die jedermann auf den ersten Blick an ihren Gesichtern für Kritiker erkannte. Es waren unter andern ~Raupenbach~, der Redacteur ~Quark~, der Poet und Kritikaster ~Schillibold Avecça~, desgleichen ~Rennstein~, ~Ruhwitz~, ~Puckbulz~, ~Huhn~ und andere; sie schienen im lebhaftesten Gespräch mit einander, setzten sich an einen etwas entlegenen Tisch und forderten Wein. Man hätte gewiß wenig von ihrem Wechselgespräch verstehen können, wenn nicht in der ersten Gesellschaft gerade eine so tiefe Stille eingetreten wäre. So hörte man ab und zu folgendes:
~Quark.~ Das wird Aufsehn machen, lieber Rennstein, glauben Sie mir; besonders, wenn Sie, lieber Schillibold, und Sie, theurer Huhn, uns Ihren Beistand nicht entziehen.
~Schillibold Avecça.~ Freilich! Wir halten uns zu keiner Parthei, aber unserm Humor wollen wir Luft machen.
~Huhn.~ Mir braust es im Gehirn wie Champagner! Wenn ich nur Luft für alle Gedanken hätte!
~Quark.~ Mir geht es eben so! Ha, wie wird das die Zeitung heben! Ich widerlege mich zehn Mal selbst, und immer gröber. Ja ich wäre im Stande und sagte mir selbst Injurien, und verklagte mich auch selbst beim Kammergericht.
~Rennstein.~ Quark! der Gedanke ist kostbar. Wie, wenn ich dagegen das Blatt umdrehte, mich selbst in einem halben Dutzend Antikritiken immer mehr und unbegränzter lobte, nur stets meine Bescheidenheit tadelte?
~Raupenbach.~ Auch gut! Nur nicht so vortheilhaft für den Absatz; bittre Kritik lockt die Menge an. Nichts konnte mir daher lieber seyn, als der Auftrag, den mir Caroline gegeben.
~Ruhwitz.~ Gut, wir dienen ihr, aber lassen uns doch das Recht nicht nehmen, auch den andern dienstbar zu seyn. Hören Sie, mir fällt etwas ein! Ich habe ein kleines Epigramm auf beide. Sie müssen ein jeder eine Preisfrage thun, der sie ihren Namen unterzeichnen, und der unterzeichnete Name könnte immer gleich eine scharf satyrische Antwort enthalten, z. B. so: Henriette fragt und unterzeichnet sich.
~Preisfrage.~
Wer sänge eitel gern mit jedem in die Wette?
~Henriette.~
Darauf antwortet Caroline.
~Preisfrage.~
Wer zieht zu bösem Spiele gute Miene?
~Caroline.~
~Puckbulz.~ Schön; mir fällt auch eins ein.
~Preisfrage.~
Wer zahlet gut für lobende Sonette?
~Henriette.~
~Preisfrage.~
Wer wäre gerne die erste auf der Bühne?
~Caroline.~
~Preisfrage.~
~Huhn.~ Wer ist, frag ich, die listigste Kokette?
~Henriette.~
~Preisfrage.~
Kennt ihr die böse reizende Cocquine?
~Caroline.~
~Quark.~ Ha! Ha! Ha! Lassen sie uns nur nachsinnen, so bringen wir ein Dutzend heraus! -- Aber still, ich glaube wir werden behorcht.
Sie sprachen jetzt leiser, denn der andere Tisch war wirklich aufmerksam geworden. Rennstein strich sich den Schnurrbart und schob die Brille zurecht, Raupenbach nahm eine Prise, Quark lächelte und verdrehte die Augen, halb nach dem Himmel, Puckbulz hustete, Schillibold stand auf und ging überzwerg auf dem Teppich umher. Damit wollten sie den Schein geben, als hätten sie gar kein eifriges Gespräch geführt. Die tiefe Stille, die seit der Ausforderung an dem andern Tisch herrschte, wurde jetzt zuerst wieder einigermaßen unterbrochen. Der Obrist-Lieutenant nämlich äußerte: „Meine Herrn, ich habe mir die Sache überlegt. Wir können die Rede des blassen Mannes nicht unbeachtet lassen. Offenbar war er über das ergrimmt, was wir, nämlich ich, Herr Rath Wicke und unser Freund Hayfisch über Carolinen gesagt haben. Wir müssen also alle drei zu ihm und uns näher mit ihm besprechen.“ „Freilich,“ rief der Hanswurst! „Wicke, ich bin Ihr Sekundant. Wir wollen den Blassen erblassen machen!“ Doch Wicke saß stumm und ängstlich, und Hayfisch zitterte an allen Gliedern. Als der Hanswurst dies bemerkte fuhr er fort: „Seht, das ist männlich, Kinder, daß Euch der Grimm so blaß macht, und ihr vor Zorn kein Wort hervor bringen könnt. Ja wir wollen sehen, was der Blasse sagen wird, wenn ihn der Hayfisch angähnt! aber hört, schont des armen Menschen. Die Liebe treibt ihn zu dem Wahnsinn. Bedenkt seine Angehörigen und Verwandte, die sich schon über die Verirrung des Jünglings so betrüben; wie würden sie nicht erst trauern, wenn er verstümmelt würde, oder gar todt auf dem Platz bliebe.“ „Nun meine Herrn,“ unterbrach der Obrist-Lieutenant, „wann gehen wir zu dem Ausforderer? Ich bin der Meinung, daß es morgen in aller Frühe geschehen müsse, und zwar gemeinschaftlich. Ich werde Sie um sieben Uhr abholen, da ich bei ihnen vorbei muß, um nach der Roßmaringaße zu kommen. Sind sie dies zufrieden?“ „Ja Bester,“ stammelten beide und sahen betrübt gen Himmel.
11. Lord Mondays Vorschlag. Das Duell.
Der Hanswurst wollte eben seiner spottenden Laune Luft machen, als Lord Monday mit Geräusch eintrat, und sich im ganzen Zimmer suchend umsah, darauf ging er ins anstoßende Gemach und so weiter bis an das äußerste Kabinet. Von dort kehrte er zurück in das Zimmer, wo unsere Freunde saßen, und fragte: „Meine Herrn, hat Einer von Ihnen vielleicht den Grafen Klammheim aus W. gesehn?“ „Ei, lieber Lord,“ antwortete der Obrist-Lieutenant, „der wird ja, wie ich höre, erst in sechs Wochen erwartet. Sie meinen doch den, der als Geschäftsträger aus W.... herkommen soll?“ „Freilich,“ rief der Lord. „Aber Goddam weiß, wie es zugeht, vor einer halben Stunde erhalte ich bei unserer kleinen Henriette, wo ich den Abend zubringen wollte, einen Brief, den mir ein Bedienter des Grafen brachte, der auch die Livree trug, die ich von W. aus genau kenne. Er war mit des Grafen Wappen gesiegelt, und er schreibt mir darin, er sey so eben angekommen und habe sogleich Affairen von der äußersten Wichtigkeit mit mir zu besprechen. Ich solle ihn beim Hoftraiteur treffen, von dort wollten wir zusammen zum Fürsten fahren. Natürlich mache ich mich spornstreichs auf, -- allein, wen ich nicht treffe, ist mein Graf Klammheim, und von wem Niemand etwas wissen will, ist, Goddam, wieder der Graf! So weiß ich zum Teufel nicht, was ich machen soll.“
„Je nun, wenn er Ew. Herrlichkeit herbeschieden hat,“ entgegnete der Hanswurst, „so dächte ich, Sie erwarteten ihn hier, und verschmähten es nicht, solange an unserem Tische Platz zu nehmen.“ Der Lord nahm die Einladung an setzte sich und begann: „Goddam, ich bin höchst verdrießlich. Ich war so im Zuge bei der Kleinen! Ich wollte wetten, daß ich heut zum Ziel gekommen wäre. So allein mit ihr im Kabinet, bei Abend, die Lampe brannte nicht zu hell, ich der Lord, sie die Sängerin, ich versichere Ihnen, meine Herren, daß ich schon im Begriff war, Sturm zu laufen, als der Teufel den verwünschten Bedienten des Grafen Klammheim herbeiführte. Indeß habe ich jetzt einen andern Plan. Mit den Visiten kommt man zu nichts. Ich bin der Meinung, man müsse Landparthien, Bälle und dergleichen arrangiren, da macht die Gelegenheit sich immer besser.“ „Freilich, freilich,“ fiel der Hanswurst ein, „es ist immer besser, daß Sie die Gelegenheit abwarten, als Gewalt brauchen.“ Der Lord merkte, als Ausländer, die Anspielung durch die sprichwörtliche Redensart nicht, doch die Andern lachten. Er zog es auf das Verhältniß überhaupt und verzog seine Miene gleichfalls zum Lachen, wobei er einem Satyr nicht unähnlich sah. „Doch wieder auf die Landparthie zu kommen,“ lenkte er ein: „wie wäre es, wenn die Herren auf Morgen meinen Vorschlag annähmen? Wir laden die schöne Henriette ein, nach Strahlheim zu fahren. Dort machen wir eine Wasserfahrt, vielleicht einen _bal champêtre_, dann natürlich müssen noch mehrere Damen dazu eingeladen werden, wir spielen kleine Spiele im Freien, z. B. Haschens, Versteckens, Anschlag, Reifen u. s. w., und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man auf einer solchen Parthie sich nicht eine ländliche Freiheit erlauben dürfte! Was meinen Sie, meine Herren?“ Alle fanden den Vorschlag vortrefflich; nur der Obristlieutenant äußerte, daß er vielleicht Geschäfte habe, die ihn, den Rath Wicke und Herrn von Hayfisch abhalten könnten. Die letztern Beiden schnitten dazu so sauere Gesichter, als hätten sie auf Holzäpfel gebissen. Doch der Obristlieutenant schien die Ausforderung des Römers so verdammt ernsthaft zu nehmen, daß sie nicht sahen, wie sie geschickt davon kommen konnten. Es knüpften sich nun noch manche Gespräche über die Art und Weise an, wie man das bevorstehende Vergnügen recht aus dem Grunde genießen könne; man verabredete Dies und Jenes, wie man fahren, reiten, zu Abend essen wollte, wer alles Theil nehmen solle und dergl. mehr, so daß es zuletzt ziemlich spät darüber wurde. Der Graf Klammheim war indeß nicht gekommen, und der Lord hielt es endlich für das Gerathenste, nach Haus zu fahren, worin die andern Herren seinem Beispiele folgten.
Wicke hatte eine schlaflose Nacht und der Hayfisch wäre gern in die nächste See untergetaucht, wenn nur das verdammte Duell aus dem Lauf der Dinge hätte gestrichen werden können. Doch die Sachen waren einmal nicht zu ändern, und so mußte er in den sauern Apfel beißen. Mit dem Schlage sieben Uhr pochte der Obristlieutenant an seine Thür. Er hatte sich schon angekleidet, um es zu verbergen, daß er, trotz der warmen Sommerzeit, drei Paar Unterbeinkleider, davon eins von dickem Rehleder, und eine gleiche Anzahl wollener Nachtkamisole angezogen hatte. Mit gleicher Vorsicht hatte er ein dichtes seidenes Tuch um den Hals gewickelt und darüber eine Kravatte gebunden, die stärker war, als ein homerischer Schild von neun Stierhäuten. Gern würde er auch eine wattirte Perrücke aufgesetzt haben, wenn er eine gehabt hätte. In diesem magen-wärmenden Anzuge folgte er dem Obristlieutenant, der heute in Uniform erschien, wiewohl er sonst nie anders, als im blauen Frack zu gehen pflegte. Sie riefen Wicke ab. Dieser trat ihnen blaß entgegen, anscheinend ebenfalls mit Vorsicht gekleidet. „Liebe Freunde,“ sprach er, „ich weiß wahrhaftig nicht, ob es recht gehandelt ist, daß wir, Staatsdiener von Ansehen, unser Leben gegen einen so jungen Menschen auf ein gewagtes Spiel setzen wollen, der in der Verzweiflung unglücklicher Liebe der Teufel selbst im Fechten seyn kann. Das Landrecht spricht sich deutlich gegen die Duellanten aus. Ich bin wahrhaftig in einer ordentlichen Gewissensangst!“ „Sehr wahr!“ bekräftigte Hayfisch, „auch ich bin mit meinem Gewissen nicht einig, denn ich habe Religion, und diese verbietet mir, meinem Nächsten feindselig gegenüber zu treten.“ „Donnerwetter,“ fuhr der Obristlieutenant heraus, „ich schlage mich auch nicht zum Spas, denn ich bin ein alter Kerl, aber Ausflüchte, meine Herren, gestatte ich nicht. Entweder Siemmen mit, oder ich erkläre Sie öffentlich --“ „Ja, mein Bester,“ fiel Wicke unterbrechend ein, „wir äußerten ja nur eine Ansicht. Wir sind ja ganz bereit! Es denkt ja Niemand an Ausflüchte. Ich analysirte nur die traurige Nothwendigkeit.“ -- „Hier wohnt er,“ rief der Obristlieutenant, „lassen Sie uns hinauf.“ Sie stiegen die Treppe hinauf und traten ein. Agrippinus saß auf dem Sopha und hatte ein Miniaturgemälde in der Hand, das er seufzend betrachtete. Vor ihm stand der Kaffee noch unberührt, links auf dem Tisch waren Schreibmaterialien zu sehen, rechts lag ein Damenhandschuh. Einige Aktenstücke auf einem Stuhl waren dicht bestäubt, ein Zeichen, daß sie lange nicht berührt worden. Angefangene Sonette sah man wie Streusand auf der Diele verbreitet. Alles verrieth den Liebenden und Dichter. Als er die Fremden eintreten sah, erhob er sich langsam feierlich von seinem Sitz und fragte nach ihrem Begehr. Der Obristlieutenant that ihm Bescheid, er entgegnete, daß er erwartet habe, man würde ihm Sekundanten schicken; er sey indeß zu jeder Zeit bereit. Darauf erklärte der Obristlieutenant, daß er es keineswegs den Gesetzen der Ehre gemäß finde, wenn drei gegen Einen aufträten, und schlug ihm vor, durch das Loos zu wählen, wer sich mit ihm schlagen, schießen oder stechen sollte. Dies geschah, das Loos fiel auf Hayfisch. Wicke that einen Luftsprung und schwur, es thue ihm leid, daß er nicht der Kämpfer seyn dürfe. Hayfisch glaubte davon so viel er wollte, fand aber das Lotto fürchterlich. Man kam überein, daß es ein Duell auf den Hieb geben solle. Es wurde nach einem Arzt, nach Wagen und nach einem Sekundanten für Agrippinus geschickt. Die beiden Ersten kamen in einer Viertelstunde, der Letztere bald darauf auch. Der Arzt war ein großer Mann mit schwarzem Haar, dunkeln Augen, hoher Stirn und von lebhafter, fast dunkelrother Gesichtsfarbe; er sprach langsam aber entschlossen, und hatte in seinem dunkeloliven farbenen Ueberrock etwas Imponirendes. Hayfisch freuete sich innigst, daß er es nicht mit ihm zu thun habe. Der Sekundant unsers Agrippinus dagegen war fast eben so blaß, als er, noch viel schmäler von Gesicht und länger von Gestalt. Doch gab ihm etwas gekräuseltes braunes Haar und ein munterer Blick ein zierliches Ansehen. Er schien sein Amt gern zu verwalten und benahm sich genau und pünktlich. Beide waren Landsleute des Blassen. In zwei Wagen fuhren die beiden Partheien nach Strahlheim, wo der Zweikampf sogleich vor sich gehen sollte. Der Obristlieutenant und Wicke waren Sekundanten des kleinmüthigen Gegners, der indeß alle mögliche Fassung zu zeigen suchte. Strahlheim lag eine Stunde von der Residenz an dem Ufer des dort breiteren schönen Stromes. Gegenüber dem Dorfe befand sich ein anderer anmuthiger Flecken, hinter dem sich ein dunkles Erlengebüsch ausbreitete. Dieses hatte man zum Kampfplatz ausersehen, und setzte, nachdem man in Strahlheim abgestiegen war, mit einem kleinen Nachen dahin über. Auf einem mit Rasen bedeckten Fleck, der einen festen ebenen Boden für die Fechter bot, wurde die Mensur genommen und Alles zum Kampf bereitet. Der Obristlieutenant hatte, das muß ich noch bemerken, diesen Ort vorgeschlagen, weil er dadurch der auf heute verabredeten Landparthie noch theilhaft zu werden hoffte; sonst war es eben nicht der gebräuchlichste Platz zu Unternehmungen dieser Art. Die Kämpfer legten nun die Röcke ab und traten auf die Mensur. Hayfisch zupfte seine Halsbinde bis an die Unterlippe hinauf und suchte seine Ohren in derselben zu verbergen. In den Hut, der aufgesetzt wurde, legte er zur Vorsicht noch sein großes Taschentuch und drückte sich dann den filzenen Helm tief ins Gesicht. Agrippinus, der der Sache gewohnter seyn mochte, als der Mäcen aus dem Morgenlande, stand kalt auf der Mensur, ohne weder Furcht noch Zorn zu vermuthen. Die Sekundanten lächelten indeß, als sie den hohen Wall sahen, den Hayfisch um seinen Hals gethürmt hatte, und der Arzt bemerkte: der Herr scheine die Rose oder den Ziegenpeter zu haben, weil er sich so warm halte. Jetzt legte man sich aus; der Mäcen zitterte wie die Blätter der Erlen hinter ihm, mit denen der Wind spielte. Die Klingen wurden gebunden, der erste Hieb geschah. Hayfisch, der sonst nicht übel focht, suchte sich nur zu decken, und duckte mit dem Kopfe unter, wie eine Ente beim Wetterleuchten. „Teufel, Herr! So hauen Sie doch!“ schrie sein Sekundant, der Obristlieutenant, „Sie lassen sich ja den Filz Centner weise vom Deckel hauen, und Ihr Stulp wird auch nächstens ein Hachee abgeben.“ Auf diese Rede wollte Hayfisch ausfallen, wie Falstaff, und führte seine Klinge mit halb zugedrücktem Auge zu einem mächtigen Streich, indem er mit dem rechten Fuß einen guten Schritt vorwärts that. Doch diese blinde Begeisterung hatte die Folge, daß der Mäcen etwas zu schräg zu stehen kam, und auf dem Rasen, der von einem Morgenregen etwas schlüpfrig war, ausglitt und vorwärts auf seinen Gegner stürzte. Dieser hatte a Tempo zum Hieb ausgeholt, und traf nun den Hebräer gerade über den Rücken bis an den Ort, wo dieser seinen ehrlichen Namen verliert, so, daß die Weste und das schenkelverhüllende Gewand von einander platzten, und die Unterhaut, bestehend aus einem wollenen Kamisol und gelben rehledernen Beinschalen, in einem länglichen Ritz sichtbar wurde. Doch der Römer kam schlimmer dabei weg, denn der ungeschickt Fallende streifte ihm beim Sturz den Oberarm mit dem Schläger, und, halb Stich, halb Stoß, traf die Klinge die Hüfte, und drang ziemlich tief ins Fleisch. Die Sekundanten schrien Halt! Hayfisch brüllte Hülfe, Agrippinus fluchte: Verdammtes Pech. Der Arzt sprang ein und untersuchte die Wunde des Römers; sie war nicht gefährlich, hinderte ihn aber doch am Fechten, und daher mußte der Kampf aufgehoben werden, wiewohl die Kampfrichter ihn nicht für beendet erklären konnten. Nachdem Agrippinus verbunden war, trat der aufgeschlitzte Mäcen zu ihm heran und sprach: „Herr Doktor, haben Sie doch die Güte und sehen Sie zu, ob ich bin verwundet; es könnte doch seyn, ich hätte eine Wunde und möchte mich verbluten.“ Alle lachten, und der Mediziner erklärte: „Nein Herr, ~Ihre~ Wunden übersteigen meine Kunst; die muß ein Schneider verbinden. Wir Chirurgen nähen zwar auch, aber ein so langer Schlitz, wie der Ihrige, braucht eine geschicktere Hand.“ Damit hatte das Duell ein Ende. Man setzte sich wieder auf den Nachen und fuhr nach Strahlheim über. Hayfisch, der die Wiederholung des Schauspiels eben nicht wünschte, ließ den Römer durch Wicke fragen, ob er nicht Satisfaktion annehmen wolle. Dieser erklärte sich bereit, falls Hayfisch schriftlich erklären wolle, daß er ihn erstlich nicht verwundet habe, zweitens Alles zurücknehme, was er gegen Carolinen gesagt hatte, und drittens gelobte, nie wieder einen Fuß über Carolinens Schwelle zu setzen. Der Mäcen erklärte sich zu Allem bereit, schrieb die Akte nieder, ließ sich die Wunde zunähen, und die Sache war somit abgethan. Man versöhnte sich demnach, und ein Frühstück in Strahlheim sollte das Siegel des neuen Bundes werden.
12. Die Landparthie.
Lord Monday war am andern Morgen zur schönen Henriette gefahren und hatte sie zu der von ihm projektirten Fahrt auf’s Land eingeladen. Sie nahm es unter der Bedingung an, daß sie als ihre eigene Wirthin dabei erscheinen wolle, und behielt sich das Recht vor, selbst einige Gäste mitzubringen. Monday hatte sich zwar andre Pläne gemacht, doch er mußte nachgeben. Brückbauer, mehrere Schauspielerinnen, unter denen auch Auguste und noch einige andere Familien, nahmen Theil. Daß Hemmstoff, der Abbe, auch Regenbogen und der Hanswurst nicht fehlten, läßt sich denken. Henriette theilte, so wie Monday fort war, Wernern, der im andern Zimmer gesessen hatte, sogleich mit, was der Lord gewollt habe. Sie bat ihn, ihr Begleiter zu seyn, um sie gegen Zudringlichkeiten, die sie fürchtete, zu schützen, auch lud sie, um nicht ohne weibliche Begleitung zu seyn, die Tochter ihrer Wirthin, Wilhelmine, ein stilles, bescheidenes Mädchen, zur Theilnahme ein, und redete ihrer alten Pflegerin zu, mitzufahren, um die schöne Sommerluft zu genießen. Um drei Uhr sollte in Strahlheim zu Mittag gegessen werden. In der Hoffnung, dort einige angenehme Morgenstunden zuzubringen, ehe die lärmende Gesellschaft nachkäme, schlug Henriette vor, sogleich zu fahren. Werner besorgte den Wagen; in einer Viertelstunde war man auf dem Wege.