Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage

Part 3

Chapter 33,611 wordsPublic domain

„Wie!“, schrie der Hanswurst, „Sie wollten, Theuerste, uns des Entzückens berauben, Sie von dem begeisterten Wicke dithyrambisch, hymnisch, feurig, sprudelnd besingen zu hören? Hier zu ihren Füßen (dabei warf er sich auf’s Knie) schwöre ich, nicht eher Mittagbrod zu essen, bis ich Wickes begeisterte Ode in Ihrer Gegenwart vernommen habe. Wollen Sie mich Hungers sterben sehen? Ich schwöre Ihnen, gegen die Festigkeit meines beharrlichen Willens ist der standhafte Prinz ein gaukelnder Schmetterling.“ Henriette wollte lächelnd abwehren, doch die Gesellschaft drang in sie, bestürmte den Rath, kurz ließ ihr nicht eher Ruhe, bis Wicke also fortfuhr:

„Das innerste Geheimniß der Kunst ist nun entdeckt, die goldene Zeit, die lang erwartete, ist da, und alle schwelgen wir in dem seligen Gefühl des höchsten Kunstgenusses, ja des höchsten Glücks. Was ist unsere Bühne, was unsere Oper seit wenigen Tagen geworden! O wir Armen! Wußten wir denn, was Gesang, was Spiel, was Anmuth, Reiz, Lieblichkeit, Seele war?“

„Nein, Rath, ich bitte Sie, hören Sie auf,“ sagte Henriette, sichtlich verdrießlich; „ich muß das für Spott halten!“ „Göttlichste, es ist die Stimme meines Herzens, die unbedingteste Wahrheit!“ „Wahrheit! Wahrheit!“ schrie die Versammlung. „Bravo, Rath, wahrhaftig!“ „O ungeheurer Frevel des Selbstmordes, den Sie an Ihren Verdiensten begehen,“ schrie der Hanswurst, „wenn Sie das für Spott halten wollen. Nein, der Rath ist das Organ der Welt. Weiter, Organ!“ „Weiter, wir bitten,“ sagte der junge Unbekannte, und lächelte sarkastisch. „Verschwören auch Sie sich gegen mich?“ sprach Henriette, „das hätte ich nicht geglaubt!“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete der junge Mann, „jedes Wort eines solchen Kunstrichters ist wichtig. Man lernt daraus, und deßhalb bitte ich nochmals dringend, daß der Herr Rath fortfahren möge.“ Henriette schwieg, wie es schien, verlegen. Der Rath, der sich bisher lächelnd und wohlgefällig umgesehen hatte, und den glücklichen Zufall im Stillen nicht genug preisen konnte, der ihn bewegte, sich für den Kritiker auszugeben, nahm jetzt das Blatt wieder vor und begann von neuem:

„Dieß ist die Stimme des ganzen Publikums, vom Ersten bis zum Letzten, vom Minister und Gesandten bis zu der Kammerjungfer hinunter, wenn nicht der Neid einen bittern Tropfen in das Urtheil mischt. Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der tollen Menge“ --

Hier stotterte der Rath und wurde blutroth. „Tolle Menge,“ half der Unbekannte sarkastisch ein, und warf einen Blick auf Henrietten, die in der That etwas verlegen schien. „Rath! Sind Sie wahnsinnig? Flimmerts Ihnen vor den Augen?“ schrie der Hanswurst. „Tolle Menge! Unmöglich steht das da!“ „In der That,“ stotterte Wicke, „es ist ein höchst unangenehmer Druckfehler. Meine Handschrift ist etwas flüchtig.“ -- „Wie soll es denn heißen?“ fragte der Abbe. „Erlauben Sie, -- ja, ich glaube -- richtig -- es soll heißen, ~volle~ Menge!“ erwiederte Wicke. „_Aha c’est une autre chose, bitte, continuez!_“ Der Rath las sichtlich zitternd:

„Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der vollen Menge nicht mit fortgerissen worden ist, sondern sich einige Ruhe bewahrt hat.“

„Volle Menge!“ rief der Unbekannte, „das Beiwort ist in der That recht passend. Aber weiter.“

Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: „das Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß -- Sie möchten -- der Aufsatz ist etwas lang --“ „Nein, guter Freund,“ rief der Hanswurst, „so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen ~Sie~ weiter, oder ~ich~ fahre fort.“ „Ich bitte selbst darum,“ sprach Henriette, „ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt, da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst interessant.“ Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:

„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man --“

Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,

„man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen --“

„ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie“ -- damit hielt er sich das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. „Das Blatt,“ rief ihm der Unbekannte nach, „wir bitten um das Blatt.“ Doch Wicke war zur Thür hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: „Aus welchem Blatt war der Aufsatz?“ „Aus dem ~Menschenscheuen~,“ erwiederte der Hanswurst, „und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern hindrückt.“ „O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß noch nicht gelesen,“ sprach der Unbekannte. „Erlauben Sie, so vollende ich die Lektüre.“ Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte, sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:

„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur _vox populi, vox dei_, aber nicht _vox plebis, vox dei_. Demnach erlaubt sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so: Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen mit unterdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme, die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold haben könnte?“

„Ich begreife nicht,“ unterbrach Henriette, „warum der Rath sich so gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig mit ihm; er hat ganz Recht!“ „_Ah! vous êtez un nage de bonté_,“ exclamirte der Abbe. „~Edle Seele~“ rief Hemmstoff, „hätte mein Freund das ahnen können!“ „Nein,“ schrie der Hanswurst, „der Recensent ist ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.“ Der Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem Fenster gesehen, und rief: „Meine Herrschaften, der Lord Monday.“

6. Lord Monday. Die Arche Noah. Der Regenbogen. Das Duell. Die Ohnmacht.

Diese Unterbrechung machte der Lektüre ein Ende. Lord Monday kam lärmend die Treppe herauf. Man hörte ein Goddam nach dem andern, ohne die Ursache zu errathen. Ungemeldet brach er ziemlich stürmisch durch die Thür, und trat mit dem Staubmantel auf den Schultern ins Zimmer. „Guten Morgen, Vortrefflichste, wie geschlafen?“ „Recht gut, Ew. Herrlichkeit,“ entgegnete die etwas verlegene Henriette, „ich danke Ihrer theilnehmenden Nachfrage. Einen Stuhl, Luise, sey so gütig.“ Die Kammerjungfer, die am andern Fenster mit Nähen beschäftigt war, sprang auf. Doch Lord Monday rief: „Schon gut mein Kind, ich setze mich aufs Kanapee,“ und wollte sich, indem er den Mantel noch immer auf der Schulter hatte, eben darauf hinstrecken. Werner bemerkte ziemlich accentuirt: „der Mantel wird Er. Herrlichkeit hinderlich seyn.“ „Goddam,“ erwiederte der Lord, „das ist wahr,“ und warf den Mantel unvorsichtig auf einen Stuhl, neben welchem eine Servante mit Tassen stand. Durch den Schwung des Mantels wurde ein Theil derselben herabgeschleudert, und zerbrach klirrend. „Goddam! der verteufelte Mantel,“ rief der Lord, und stampfte mit dem Fuß. „Mein Gott,“ rief die erschrockene Henriette, und eilte hinzu. Alles sprang auf, um die Trümmer zu sammeln. Der Lord stampfte und fluchte. Werner schien höchst aufgebracht, doch sagte er nichts. Henriette, die die zerbrochenen Tassen mit aufnehmen half, ließ plötzlich ein halb verhaltenes: „o weh!“ hören, und man sah, daß sie eine Thräne, die ihr ins Auge trat, zu verbergen suchte. „Was ist Ihnen?“ fragte Werner. „O nichts,“ erwiederte sie, „die Tasse mit dem Bilde meiner jüngern verstorbenen Schwester ist auch zerbrochen, und das thut mir nur leid,“ fügte sie leiser hinzu. Der Lord, der es gehört haben mochte, rief: „Trösten Sie sich, schöne Henriette, ich bezahle die Tassen dreifach, Sie sollen ein Dutzend schönere dafür haben.“ Werner fuhr auf; doch Henriette, die es sogleich bemerkte, wandte sich zu ihm, und sprach: „Herr Werner! ein Wort! Ich bitte.“ Er folgte ihr einige Schritte bei Seite. „Thun Sie mirs zu Gefallen,“ sprach sie dringend, „seyn Sie ruhig, es könnte Ihnen übel zu stehen kommen, und das würde mir höchst traurig seyn; ich bitte Sie, sagen Sie dem Lord nichts. Das Geschehene ist ja nun doch geschehen.“ „Ich gehorche,“ entgegnete Werner, „allein seyn Sie überzeugt, daß nur Rücksichten für Sie, keine für mich, mich abhalten, diesem rohen Gesellen das zu sagen, wovor er sich durch seinen Stand bei Ihnen geschützt glaubt.“

Die Scherben waren weggeräumt, man wollte sich so eben setzen, als der Hanswurst überlaut rief: „die Arche Noah! die Arche Noah! Hahaha. Wie die Thiere aus dem Kasten steigen!“ „Was giebts denn?“ fragte der Obrist-Lieutenant, und sah, so wie die übrige Gesellschaft, ihn mit fragenden Blicken an. „Kommen Sie nur her, und sehen Sie, so bedarf es keiner Antwort mehr,“ rief der Hanswurst. Alle folgten ihm ans Fenster bis auf den Lord, welcher auf dem Kanapee in der bequemsten Stellung, die er finden konnte, zurück blieb, und _God save the King_, trällerte. Die Ursache des Geschreies, welches der Hanswurst gemacht hatte, waren einige Wagen, aus denen mehrere, uns dem Namen nach schon bekannte Personen stiegen. Es waren jene Mäcene der Bühne, Wolf, Hirsch, Bär, Gans, Eber, nebst den dazu gehörenden _femininis_, Wölfin u. s. w. „Mein Gott, schrie der Hanswurst, von jeder Gattung ein Paar, ein Männlein und ein Weiblein!“ „Nur die Taube fehlt,“ bemerkt der Obrist-Lieutenant. „Nein, wahrhaftig nicht,“ betheuerte Johannes Wurst, „sie ist auch dabei. Die Tochter der Madam Gans heißt Täubchen! Sehn Sie, eben hüpft das Täubchen aus dem Schlage. Tuck, tuck, tuck, tuck! Komm’, mein Täubchen, komm, komm! So wahr ich lebe, da ist auch der Regenbogen!“ rief er aus. „Ja, ja, dort unten! Schauen Sie nur gefälligst hin.“ Eben wölbt er sich über den Rinnstein. Er kann gar nicht gelegener kommen! „Ach der Kammerherr Graf von Regenbogen,“ sagte der Obrist-Lieutenant, nachdem er das Perspectiv auf ihn gerichtet hatte. „Es konnte sich gar nicht besser treffen! Goldnen Dank bin ich ihm schuldig,“ jubelte der Hanswurst und sprang im Zimmer umher. -- Indeß waren die noachischen Herrn heraufgekommen und wurden gemeldet. Henriette ging ihnen entgegen, und empfing sie mit Freundlichkeit. Doch jetzt erhob sich im Zimmer ein Geschnatter und Geschnarre, daß man hätte verzweifeln mögen. Das Männer Quintett aus Jerusalem erschöpfte ein ganzes Lexicon von lobpreisenden Beiwörtern über Henrietten, welche das weibliche Echopersonale sogleich duplicirte, bis sie sich in ein brausendes Verhallen auflösten, wie dies ja bei einem guten Echo immer der Fall ist. Ein neues Intermezzo fuhr indeß rasch dazwischen. Graf Regenbogen trat ein. Er galt für den feinsten Cavallier am Hofe. Niemand in der Residenz hatte sauberer gekräuseltes Haar als er; seine Parfüms waren immer direct aus Paris verschrieben; seine Schuhe ließ er in Wien, seine Fracks in Paris, die Unterkleider und Ueberröcke in London machen. Schon an frühesten Morgen, das heißt gegen zwölf Uhr, wenn er sich eben aus dem Bette erhoben hatte, war er elegant. Ja es ging das nicht unwahrscheinliche Gerücht, daß er stets in zwei Gilets und mit der feinsten Cravatte _à l’ineroyable_ schlafe, und sich Nachts, da das Liegen die Coeffure derangirte, selbst eigenhändig frisiere, wozu er der Bequemlichkeit halber, einen großen Spiegel an der Decke seines Himmelbetts hatte anbringen lassen. Auch wußte man von seinem Justiz-Commissarius, daß er in seinem Testament eine Verordnung gemacht hatte, nach der er _en habit habillé_ begraben seyn wollte, weil er es mit Recht für unschicklich hielt, am Tage des jüngsten Gerichts unordentlich angezogen zu seyn. Dieser geistvolle Mann war, wie gesagt, eingetreten. Durch ~eine~ kunstreiche Verbeugung, die gleich der Sonne in Osten begann, sich langsam westwärts bewegte, vor der schönen Henriette durch den Meridian gieng, und sich denn endlich beim Lord Monday völlig in Adent niedersenkte, begrüßte er mit erstaunenswerther Kunst die ganze Gesellschaft zugleich, und hatte dabei noch die Feinheit gehabt, jeden nach der Würde seines Standes zu behandeln. Denn bei Werner, dem unbedeutenden Musikus, begann er und beugte den Kopf anderthalb Pariser Zoll vorwärts (er rechnete immer nach französischem Maß, weil dieses als ausländisches Fabrikat viel feiner und eleganter seyn mußte als das deutsche), darauf senkte er sich in schräg absteigender Linie durch die fünf Zeichen des Thierkreises, die zwischen Werner und der schönen Henriette standen. Diese halbirte die Kurve seines Bücklings. Dann gelangte er, immer tiefer sich verneigend über den Hanswurst, den Abbe, den Rath Hemmstoff und den Obrist-Lieutenant, endlich beim Lord als dem Vornehmsten an, und befand sich dort genau in der (nach den ersten Ceremonienmeistern) schönsten Stellung der Ehrfurcht, in welcher sich das Haupt und ein anderer Theil des Körpers im Niveau befinden, oder gleichsam als die beiden Schaalen der Waage an dem krummen Waagebalken des Rückens schweben. An diesem bildete beim Grafen Regenbogen der Kammerherrn-Schlüssel, der sich durch die veränderte Lage nach Newtons Gesetz der Schwere ganz richtig vertikal mit dem Bart nach dem Himmel deutend, gestellt hatte, nicht ungeschickt des Zünglein. In dieser Stellung also befand sich der Graf; doch zu seinem Mißgeschick eine Sekunde zu lange. Denn urplötzlich öffnete sich unvermuthet die Thür, und Brückbauer trat rasch ein. Das Unglück wollte, daß die der Hirnschaale entgegengesetzte Schaale der Waage, in welcher Graf Regenbogen stand, sich um einen Pariser Zoll zu nah an der Thür befand, und so durch einen Stoß lädirt werden konnte, den man mit vollem Rechte im eigentlichsten Sinne hinterrücks nennen mußte, denn er traf wirklich eine Gegend, die sich in dem angenommenen _statu quo_ noch hinter dem Rücken befand. Ein geschickter Mechaniker wird die Folgen dieses Ereignisses leicht berechnen können; doch da so gründliche Gelehrsamkeit nicht von allen Lesern zu fordern ist, so muß ich es hier berichten. Der Graf wurde durch den Choc beträchtlich aus dem schwebenden Gleichgewicht gebracht. Die vordere Schaale senkte sich, die correspondirende stieg, das Zünglein schlug über, und das Toupet, dieses achte Wunderwerk der Haarbaukunst, wurde zwischen den Fußteppich des Zimmers und der Hirnschale des Kammerherrn entsetzlich zermalmt. „Goddam,“ schrie Monday: „o weh,“ Henriette, „äh wai“ der zehnstimmige Chor, (der, nach diesem Beispiele zu urtheilen, gleich wie bei den Alten, sich anderer Dialektformen zu bedienen schien,) „_ah mon dieu_“ der Abbe, „alle Teufel,“ der Obrist-Lieutenant. -- Hemmstoff und Werner sprangen den Unglücklichen zu Hülfe. Am erstauntesten schien Brückbauer; er stand mit offnem Munde in der Thür, und konnte sich nicht entscheiden, ob er vorwärts schreiten, um Verzeihung bitten, oder zurückspringen und verschwinden sollte. Endlich vermochte ihn die zurufende Henriette, das erstere zu wählen. Allein so wie man ihn ansichtig wurde, ertönte ein plötzlicher Schrei des Entsetzens, und der eben aufgerichtete Graf prallte drei Schritte zurück und rief: „blutbefleckter Mörder, hebe dich weg von mir!“ In der That sah Brückbauer auch etwas blaß aus, und seine Kleider waren mit Blut besprützt. „Um Gottes willen, was ist geschehen?“ fragte Henriette, „woher dieses verstörte Ansehen?“ „Goddam! ein Duell!“ rief der Engländer. „Lassen Sie mich nur zu Athem kommen, meine Allertheuerste,“ sprach Brückbauer mit sichtbarer Anstrengung; „Sie sollen gleich erfahren, welches entsetzlichen Auftritts Zeuge ich gewesen bin.“ Während dieser Unterredung war der gestürzte Graf vor den Spiegel getreten, und erblickte die völlige Vernichtung seines Toupets. Leichenblaß sank er zurück, und fiel dem Hanswurst in die Arme. Dieser rief erschüttert: „Regenbogen, Sie verlieren die Farbe. Fassen Sie sich! Theurer Regenbogen, soll ich Sie mit Wasser besprengen? O, richten Sie sich auf, Vortrefflicher!“ Matt sagte endlich der Graf: „Es ist nun vorüber! Fahren Sie fort Director Brückbauer, ich bin sehr gespannt auf Ihre Neuigkeit, denn ich muß sogleich zu Sr. Durchlaucht, der ich alle Mittag bei Tafel einiges Neue mitzutheilen suche.“ Regenbogen sprach den Wunsch der ganzen Versammlung aus, und Brückbauer begann nun folgendermaßen.

„Nie ist ein Director zugleich freudiger und erschreckter gewesen als ich. Stellen Sie sich vor! So eben war ich im Büreau bei meinem Kassirer, und befragte ihn, wie es mit dem Verkauf der Billets zu der morgenden Vorstellung, in der Sie, theure Henriette, zum ersten Male in der Rolle der Amande auftreten werden, beschaffen sey. Ich erhalte die freudige Antwort, daß nur noch ein einziges Billet zu haben ist. In diesem Augenblick treten zwei Offiziere, der Lieutenant Spitzdegen, ein gewandter Tänzer und Fechter, und der Lieutenant Maulbeer, sein Busenfreund, zugleich ein. Beide fragen wie aus einem Munde, ob sie noch Billets zu der Amande haben können. Der Kassirer zeigt achselzuckend das letzte vorhandene. Wie Harpyen auf das Königsmahl stürzen beide darauf los. Streit erhebt sich; wir wollen vermitteln; vergeblich! die Degen blinken schon in der Hand beider gewandten Fechter; umsonst springen wir dazwischen. Schnell wie der Blitz fallen die Hiebe, wie Hagel so dicht; -- und ehe eine Minute verflossen war, lag Maulbeer von einem furchtbaren Hiebe getroffen, blutend am Boden, und Spitzdegen, der auch nicht ohne Wunde davon gekommen war, spießte triumphirend das Billet auf den Degen, und schritt mit der theuren Beute hinaus.“ Und der Verwundete? fragte Henriette zitternd und fast in Thränen. „Wird sogleich nach seiner Kaserne gebracht werden,“ antwortete der Director. „Goddam!“ rief der Lord, „die Geschichte verdiente in London passirt zu seyn!“ „Ja, in Bedlam!“ sprach Werner stark betonend. „Eine delicieuse Neuigkeit!“ rief der Graf Regenbogen entzückt, und schien über den Verlust seines Toupets ganz getröstet. Der Lord war im sichtlichen Aerger, daß er keine Antwort für Werner bereit hatte; doch sicher wäre er wenigstens mit einer Grobheit bei der Hand gewesen, wenn nicht eine andere Begebenheit plötzlich alles aus der Fassung gebracht hätte. Die schöne Sängerin, die, um ihre Unruhe zu verbergen, sich gegen das Fenster gewandt hatte, sank nämlich mit dem Rufe: „Ums Himmelswillen!“ ohnmächtig nieder. Alles sprang ihr zu Hülfe; auch der Lord wollte sich auf eine dreiste Art thätig zeigen und rief: „Man muß ihr das Corset öffnen!“ Doch Werner stieß ihn ziemlich unsanft bei Seite, und brachte mit Luisens, des Kammermädchens, Hülfe, die Ohnmächtige, in das Nebenzimmer. Nach einer Minute kam er zurück und sprach zur Gesellschaft: Die Kranke ist der Obhut ihres Mädchens und ihrer alten Pflegerin, einer erfahrnen Frau anvertraut. Auch ist nach einem Arzt gesandt. Ihre Güte, meine Herrn, ist daher unnütz. Für den guten Willen ist Fräulein Henriette gewiß dankbar. Da aber Ruhe jetzt das erste ist, dessen sie bedarf, so hoffe ich, Sie werden meinem Beispiele folgen und das Haus verlassen! Bei diesen Worten griff er nach seinem Hut und ging. Der Lord fragte Regenbogen: „Sagen Sie mir, wer ist der unverschämte Mensch, der hier thut, als sei er Herr des Hauses?“ Wer kann alle _mauvais sujets_ kennen, antwortete Regenbogen. Aber kommen Sie, mein Bester. Wir speisen wahrscheinlich zusammen bei der Durchlaucht? -- „Versteht sich,“ erwiederte Monday. Sie gingen, die übrige Gesellschaft folgte. Vor der Thür sahn sie die Ursach von Henriettens Ohnmacht. Der verwundete, ganz mit Blut bedeckte Offizier wurde die Straße hinab getragen. Man sah, daß Werner die Bahre begleitete.

7. Die ausgewetzte Scharte. Das Krankenzimmer.

Die Gesellschaft nahm ihren Weg nach verschiedenen Richtungen. Hemmstoff und der Hanswurst fuhren zusammen zum Hof-Traiteur um dort zu Mittag zu essen. Als sie ins Zimmer traten, erblickten sie in einer Ecke desselben Wicken, der schwermüthig und düster vor sich hin starrte, und das Beefsteck, welches vor ihm stand, kaum zu beachten schien. „Nun Rath, wie gehts?“ fragte der Hanswurst. „Denken Sie über eine neue Kritik nach?“ „Ha Sie Abscheulicher!“ fuhr Wicke auf. „Sie sind die Ursach meines Unglücks; denn Sie haben zuerst behauptet, ich sey der Verfasser dieses Pamphlets.“ „Nun sind Sie’s denn nicht?“ entgegnete der erstaunte Hanswurst. „Ei mag der Teufel! Heut früh erhielt ich das Blatt und stieß auf den verwünschten Artikel, dessen Anfang so höchst schmeichelhaft und geistreich verfaßt zu seyn schien. Natürlich glaubt ich, das Ding geht auch so zu Ende, denn wer Henker mag vermuthen, daß sich der Wind so dreht. Ich war froh über den Fund, steckte das Blatt ein, und freute mich, es der Henriette vorzulesen. Und nun stachelt Sie der lebendige Teufel, mich mit Gewalt zum Verfasser des Aufsatzes zu machen, welches ich nur zugab, um nicht mit Ihnen zu streiten. Jetzt steckt der Karren im Koth, wer zieht ihn nun heraus?“

„Ha, ha, ha, ha! Göttlich, delicieus, unnachahmlich!“ rief der Hanswurst. „Nicht mit Gold zu bezahlen! Also hat meine Tollheit Ihre Eitelkeit verführt, und Sie sind in Teufels Küche gerathen? Das ist auf Ehre eine sublime Geschichte!“ Und Sie wollen noch lachen? fragte Wicke halb weinend. „Bis ich platze, ha, ha, ha, ha!“ „Das ist zu viel!“ rief Wicke entrüstet, „wäre ich nicht von der Justiz, ich würde Sie fordern. So erlauben es mir die Gesetze nicht!“ „Aber beruhige Dich doch Freund,“ sprach Hemmstoff, „dein Beefsteck wird kalt, und der Aerger verdirbt Dir überdies den Appetit!“ „Was soll ich aber machen? Ich bin lächerlich vor der halben Stadt,“ rief Wicke, „und er ist Schuld!“ „Ich mag den Teufel Schuld seyn, ich glaubte wirklich, Sie wären der Verfasser. Leugnen können Sie’s ja doch nicht, daß Sie oft schriftstellern. Aber Sie nehmen die Sache auch zu schlimm. Nichts ist leichter, als das Ding zu redressiren. Sie schreiben der schönen Henriette ein zartes Billet, worin Sie erklären, daß ein boshafter Feind die zweite Hälfte Ihres Aufsatzes zugesetzt habe, und schicken ihr das Manuscript des Dinges, wozu Sie den Anfang so weit abschreiben, als Sie ihn brauchen können. Das verbreiten wir weiter, und in 3 Tagen hält man Sie sogar für einen Märtyrer! So gewinnen Sie noch bei der Sache.“ „Das ist wahr,“ sprach Wicke und trocknete sich seine Thränen ab; „Ihr Rath ist gut.“ „Bezahlen Sie ihn mit hundert Austern?“ „Mit Vergnügen,“ rief Wicke, und bestellte sie. Hemmstoff lobte jetzt diese Art, die Sache in’s Gleiche zu bringen, auch, und man setzte sich beruhigt und guter Dinge zu Tische.

Indeß müssen wir auch Henrietten in ihrem bedenklichen Zustande wieder besuchen.