Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage
Part 2
~Caroline.~ „Ich bin ja so selig, so glücklich, so fröhlich!“ O Du falsche Freundin! Man sieht, daß Du eine Schauspielerin bist. Ach ich bin freilich nur eine Sängerin, die bringen es nicht so weit in der Verstellungskunst.
~Auguste.~ Liebe, ich begreife Dich nicht.
~Caroline.~ Das ist mir zu arg. Nein für so falsch, so ohne Zutrauen gegen deine beste Freundin, hatte ich Dich nicht gehalten. -- Riegle die Thür zu, daß uns niemand stören kann. -- Auguste, willst Du mich wircklich glauben machen, der gestrige Abend brächte Dich nicht aus Deinem Gleichmuth?
~Auguste.~ Ach Du meinst den Triumph der kleinen Sängerin, die, wie heißt sie doch gleich, Henriette, glaub’ ich. Was thut das mir? Wir haben so verschiedene Fächer --
~Caroline.~ Aber ihr habt nicht so verschiedene Liebhaber. Glaubst Du, daß Dir die Deinigen treu sind? -- Ha, hab ich den reizbaren Fleck getroffen? Sieh wie Du roth und blaß wirst. Auguste, komm an meine Brust, sey offen gegen mich; wir wollen unsern Herzenskummer gegen einander ausschütten. Ich bin in Verzweiflung! (Sie weint.)
~Auguste.~ Ja Caroline, ich muß gestehen, auch ich habe Erfahrungen gemacht. O wir unglücklichen Frauen! O die falschen leichtsinnigen Männer!
~Caroline.~ So gefällst Du mir, so bist Du meine Leidensgefährtin. Laß uns gegenseitig alles erzählen, und dann überlegen, was zu thun ist. Schon vorgestern, stell Dir vor, kam kein einziger meiner täglichen Verehrer zu mir. Alle waren sie in die Probe gegangen, wo die Henriette zum erstenmal sang.
~Auguste.~ Ach, mein Leiden fing schon einen Tag früher an. Denke Dir, ich spiele die Julie. In den Sperrsitzen sehe ich meine alten treuen Verehrer, die Räthe Wicke und Hemmstoff und den Abbe. Sie wenden kein Auge von mir. Jede meiner Bewegungen, ich machte den stummen Knaben, wurde beklatscht. Aber im zweiten Akt, was geschieht? Das Gerücht verbreitet sich, die neue Sängerin sey angekommen, sie sitze oben im ersten Rang. Von dem Augenblick an sind alle Perspective, die bis dahin auf mich gezielt hatten, nach der Loge gerichtet. Kein Mensch achtet mehr auf mich, und die größten Effecte meiner Rolle gingen unbeachtet vorüber. Ich war außer mir!
~Caroline.~ Nun höre mein Schicksal. Vorgestern, wie gesagt, kam niemand. Aber gestern! Schon um Eilf ließ sich der Major Longtrain bei mir melden. Ich empfing ihn mit den Worten: Schon so früh Herr Major? Ein recht willkommenes unverhofftes Ereigniß. Ich vermuthete Sie erst um Zwölf! O meine schöne Caroline, erwiederte er, wer kann die Zeit erwarten, zu Ihnen zu kommen. Apropos, werden Sie heut im Theater seyn? Die neue Sängerin ist ganz bezaubernd.
~Auguste.~ Wie, das sprach er so rasch hinter einander fort?
~Caroline.~ Das war eben mein Aerger! Ich merkte ihm auch an, daß er zerstreut war, und endlich bricht er gar schon nach einer Viertelstunde auf, er den ich sonst nie los werden konnte!
~Auguste.~ Unerhört!
~Caroline.~ Sein Wagen hielt vor der Thür. Unter einem Vorwand schicke ich meine Jungfer herunter, schärfe ihr aber ein, abzulauschen, wohin der Major fahren will. Und denke Dir, er bestellt den Kutscher nach der A.... Straße No. 70., wo sie wohnt.
~Auguste.~ Richtig! Als ich vorbeiging, sah ich den Wagen dort halten.
~Caroline.~ Um welche Zeit war das?
~Auguste.~ Gegen zwei Uhr.
~Caroline.~ O ich Unglückliche, so ist er dritthalb Stunden bei ihr gewesen, und bei mir eine Viertelstunde! Das überlebe ich nicht. Und wenn er der einzige gewesen wäre! Aber gleich nach ihm fuhr der Lord Monday vorbei, grüßte herauf, und fuhr weiter. Abends in der Loge sagte er mir, er habe einen delicieusen Vormittag bei der allerliebsten Henriette verlebt. Der Baurath Rahmer, der sonst gar kein Visitenmacher ist, macht sich ebenfalls das abscheuliche Vergnügen, mir zu erzählen, daß er anderthalb Stunden bei ihr zugebracht habe. Der trippelfüßige Graf Sellin, der Justiz-Rath Udorf, der Banquier Rehlinger, sein langer Sohn mit der Brille und dem Carbonari Mantel, alle diese sind auch dort gewesen, denn mein Bedienter hat den ganzen Morgen vor ihrem Hause stehen und mir rapportiren müssen, wer aus und ein ginge. Ach! Ich könnte noch ein Dutzend nennen, wenn michs nicht so angriffe!
~Auguste.~ Glaubst Du denn, daß es mir um ein Haar besser gegangen ist? Meinst Du, ein einziger meiner Anbeter habe sich bei mir sehen lassen? Selbst Brückbauer, der sonst so ungemein zuvorkommend gegen mich war, scheint mich beinahe nicht zu kennen. Aber was das Schlimmste ist, heut Abend, wo ich im Opernhause auftrete, wird es leer seyn; denn jetzt um 1 Uhr, als ich mich im Büreau erkundigte, war noch kein Drittel der Sperrsitze verkauft. O wir Unglücklichen! Alles läuft nach ihr.
~Caroline.~ Aber was zu thun? Was kann uns retten? Wie könnten wir die Feindin bekämpfen?
~Auguste.~ Höre, mir fällt etwas ein. Mag sie uns auch hier in der Stadt eine Zeitlang verdunkeln, denn ewig wird es hoffentlich nicht dauern, so wollen wir ihr doch auswärts den Triumph schmälern, so viel wir können. Es müssen Kritiken gegen sie erscheinen.
~Caroline~. Richtig, herrlich Auguste! Und Gedichte auf uns.
~Auguste~. Vortrefflich! Ich will meinen ganzen Einfluß dazu in Bewegung setzen.
~Caroline.~ Laß uns einmal unsere Bekanntschaft mustern. An wen können wir uns wohl wenden?
~Auguste.~ Da ist z. B. der Recensent Schillibold Avecça; der muß mir eine Kritik gegen die Henriette schreiben. Er könnte z. B. sagen: „Er würde sehr gern etwas an ihr loben, wenn er nur nicht bei ihrem Spiel und Gesang eingeschlafen wäre.“
~Caroline.~ Recht so! Aber wir müssen sie recht gründlich und musikalisch durchhecheln lassen; dazu paßt niemand besser als der Redacteur Quark. Kennst Du ihn?
~Auguste.~ Nein, wer ist er?
~Caroline.~ Er giebt hier eine Zeitung heraus, und hat eine verrückte Oper geschrieben, eigentlich ein Capriccio fürs Orchester.
~Auguste.~ Ach jetzt besinne ich mich. Geht er nicht immer in Schuhen und weißen Strümpfen so hübsch einwärts vor sich hin?
~Caroline.~ Richtig, derselbe: in einem Coffesurrogatfarbenen Ueberrock. Man muß ihm einige Artigkeiten sagen, so ist er in unserm Dienst.
~Auguste.~ Das sind aber noch nicht genug Leute. Du mußt noch mehrere vorschlagen, besonders auch Dichter, um Verse auf uns machen zu lassen.
~Caroline.~ Da fällt mir eben einer ein; der ist wahrlich zu brauchen, ein intimer Freund vom Redakteur Quark, der Critikus und Poet Rennstein.
~Auguste.~ Den kenn ich ja gar nicht.
~Caroline.~ O besinne Dich nur, ein dicker Jüngling mit einem Schnurrbart und einer großen Brille.
~Auguste.~ Ach ja, ich entsinne mich jetzt. Er thut etwas weise, und rümpft über alles die Nase.
~Caroline.~ Derselbe; doch läßt sich mit der Nase eben nicht viel rümpfen, da sie etwas breit gerathen ist. Das ist ein Mann, wie wir ihn brauchen. Er und Quark sind vertraute Freunde; sie könnten in der musikalischen Zeitung etwa eine Reihe von Critiken und Gegenkritiken drucken lassen, in welcher einer zwar dem andern im Ganzen immer Recht giebt, jedoch stets etwas hinzufügt, was der andere zu tadeln vergessen hat.
~Auguste.~ Herrlich! Und solch ein Streit macht Aufsehen. Könnte man nun noch außerdem die Person dieser Henriette, und einige unserer ungetreuen Anbeter lächerlich machen, so nähme das Publikum den lebhaftesten Antheil. Denn nichts hört man so gern mit an, als wenn über andere gespöttelt wird, oder zwei sich heftig zanken.
~Caroline.~ Du bringst mich auf den rechten Gedanken. Rennstein muß eine kritische Fehde mit irgend einem Lobhudler anfangen.
~Auguste.~ Wahrhaftig, ich weiß auch schon ein Blatt dazu, es kommt jetzt eine neue Zeitschrift von Saffian heraus.
~Caroline.~ Wie? eine Zeitschrift von Saffian? Wie ist das zu verstehen?
~Auguste.~ Je nun, der Redacteur heißt Saffian, ein äußerst witziger, scharfsinniger Kopf. Das Blatt heißt, die Höllenpost. Diese Post soll der übermüthigen Henriette schlechte Neuigkeiten bringen!
~Caroline.~ Mädchen, Du entzückst mich. O sie soll auch empfinden, was es heißt, gekränkt werden. Doch liebe Auguste, trotz aller dieser Anstalten geschieht noch nicht genug. Erstlich müssen noch mehrere Schriftsteller von Gewicht für uns arbeiten, und zweitens muß man der Uebermüthigen noch ernsthafte Händel erregen.
~Auguste.~ Freilich! Laß uns nur überlegen. Schriftsteller von Gewicht! Hm, was meinst Du zu dem finstern Raupenbach? Wenn ich dem verspreche, in einem seiner Werke aufzutreten, so thut er alles was ich haben will.
~Caroline.~ Gut! Raupenbach soll einen ernsten Aufsatz verfassen, in dem er die Geringfügigkeit ihrer Talente recht scharf und beißend darstellen mag. Wen hätten wir denn sonst noch? Ja, nicht zu vergessen, Puckbulz, Dein bester Freund, ist gewiß auf unsrer Seite; und seine Critiken werden von den größten Männern, wenn auch nicht gelesen, doch gelobt. Die werden gewiß Aufsehen erregen.
~Auguste.~ Ruhwitz muß in seinem Blatte der Menschenscheue ein Sonnett auf uns drucken lassen.
~Caroline.~ Arion Sirius, dieser einzige wandelnde Fixstern, muß ein Spottgedicht auf die Henriette in irgend einer Gesellschaft improvisiren.
~Auguste.~ Und Quintus Curtius Rufus könnte eine neue parodirte Lebensgeschichte des Alexander auf diesen Phönix des A. -- Platzes schreiben.
~Caroline.~ Nun wüßte ich keinen bedeutenden Genius mehr in diesen Mauern, den wir nicht zur Hülfe aufgeboten hätten. Das wären die Geschäfte der Feder. Wenn man nun noch einen rüstigen Kämpfer mit dem Degen auftreiben könnte, um die Anbeter dieser neuen Heiligen etwas in Schrecken zu setzen! Aber ach, hier fühle ich wieder die ganze Tiefe meines Unglücks; ich weiß keinen, der sich jetzt noch für mich schlagen würde, und vor acht Tagen hätte ich eine Armee ins Feld stellen können.
~Auguste.~ Halt! mir fällt etwas ein. Sollte Dir auch Dein zärtlichster Verehrer untreu geworden seyn? Wie? wäre auch jener bleiche Jüngling, dessen schmachtendes, halb erloschenes Auge so unverwandt, wenn gleich hoffnungslos, nach Deinen Fenstern blickt, wäre auch er verschwunden, seit Henriettens Reiz alle Männer bezaubert?
~Caroline.~ Nein der ist treu! das ist wahr, den hatte ich vergessen. O er wird nicht weit seyn. Laß uns einmal geschwind ans Fenster. Siehst Du, dort geht er im blauen Ueberrock, gleich wird er umdrehen, denn über 50 Schritte entfernt er sich nicht vom Hause. Jetzt wendet er sich. Sieh nur, wie verstohlen sehnsüchtig er zu mir aufblickt. Das ist ein Freund in der Noth, der soll für uns fechten.
~Auguste.~ Werden seine bleichen Wangen aber nicht ein Hinderniß seyn, die Feinde in Schrecken zu setzen?
~Caroline.~ Gewiß nicht. Heut Abend, wenn ich nach Hause komme, steht er gewiß im Dunkel unter der Laterne und sieht mich aus dem Wagen steigen, dann will ich ihm einen so freundlichen Blick zuwerfen, daß das glühendste Roth seine Wangen überdecken soll. Und wenn ich oben bin, werde ich mit dem Licht noch einigemal ans Fenster kommen, als sucht ich etwas, und so nach den Bäumen, unter denen er zuverlässig steht, hinabwinken, daß ihm das Herz vor Freude schlagen soll. O lehre mich nicht, wie ich diesen Jüngling in ein Bild der Gesundheit und Kraft verwandle. In drei Tagen soll Mars selbst vor ihm davon laufen.
~Auguste.~ Herrlich! Wahrhaftig! Jetzt aber rasch ans Werk. Ich will sogleich einen Schritt thun. Schillibold Avecça hat mit der Direction zu sprechen, und dabei kann ich ihm gleich mein Anliegen eröffnen.
~Caroline.~ Und ich will meinen blaßen Anbeter ein paarmal freundlich anlächeln.
~Auguste.~ Leb also herzlich wohl, und sey treu und verschwiegen.
~Caroline.~ Bis in den Tod.
Auguste ging, Caroline setzte sich ans Fenster und sah mit ihren schönen Augen die Promenade hinunter, um dem auserkornen Ritter einige stärkende Blicke zu den bevorstehenden Kämpfen zuzuwerfen.
4. Henriette.
So zerfiel die Bewegung, welche unsere Sängerin in der Residenz hervorgebracht, in zwei Hauptempfindungen: Bewunderung und Neid. Mit Vergnügen verlassen wir diese, theils seicht lobpreisende, theils kleinlich, neidisch herabsetzende Klasse, und wenden uns zu einem interessanteren Gegenstande. Wer könnte dieß anders seyn, als unsere reizende Henriette selbst? Ihrem jungen, rein und schuldlos fühlenden Herzen war eigentlich das Aufsehen, welches sie erregte, zuwider. Sie empfand, daß etwas Unschickliches, jede zartere Weiblichkeit Verletzendes darin liege, so der Oeffentlichkeit sich Preis zu geben. Doch die Verhältnisse, eine längere Gewohnheit, und ein gewisser unschuldiger Glaube, daß es nicht anders seyn könne, halfen ihr diese Empfindung überwinden. Manches indeß, was ihr dennoch und immer lästig fiel, stand in so naher Beziehung zu ihren Verhältnissen, daß es sie täglich auf’s Neue höchst unangenehm daran erinnerte, daß ihr Loos mehr den Schein eines neidenswerthen habe, als es in der That sey. Dahin gehörten vorzüglich zweierlei Dinge. Erstlich die lästigen, oft unverschämt lobpreisenden Kritiken, die nie bei der Sache stehen blieben, sondern (weil die Recensenten davon am wenigsten zu verstehen pflegen) sich meist an zufällige Nebendinge hielten, und oft in einem unschicklichen Grade ihre eigene Persönlichkeit berührten. Denn nicht allein, daß ihr Haar, ihre Augen, Wangen, Zähne, Hände gelobt oder bekrittelt wurden; nein, man ging noch weiter und stellte förmliche Untersuchungen über ihre Schönheit an, die eine so specielle Richtung nahmen, daß das reine und sittlich fühlende Mädchen darüber erröthen mußte. Das Zweite waren die zahllosen überlästigen Besuche, die sie täglich erhielt und leider empfangen mußte. Alle Zeit wurde ihr dadurch gewaltsam geraubt. Denn die jungen, reichen, schamlosen Roue’s der Residenz hielten es nicht für nöthig, sich bei einer Sängerin an eine bestimmte schickliche Stunde zu binden, sondern kamen ohne Unterschied zu jeder Tageszeit, wo sie sich eben gestimmt fühlten, albern zu schwatzen. Ein Mann kann sich leichter mit Stolz gegen beleidigende Unverschämtheit mancher Personen aufrichten; einer Frau ist es fast nur dann möglich, wo es ihr Pflicht wird, nämlich im Fall man ihrer Ehre zu nahe tritt. So weit wagten jedoch selbst die Dreistesten dieses Gelichters nicht zu gehen, denn die Gewalt der Unschuld hält selbst die zügellosesten Wüstlinge eine Zeit lang im Zaum. So empfand also die liebenswürdige Henriette mehr eine Unbequemlichkeit von diesen Herren, als sie wirklich darunter gelitten hätte. Uebrigens empfing sie alle freundlich und gütig, weil es ihr Herz so mit sich brachte, offen und wohlwollend gegen Jeden zu seyn, der sich dessen nicht bestimmt unwürdig gemacht hatte. Allein sie war es früher gewohnt gewesen, einen großen Theil der Zeit, den die eifrige Uebung der Kunst ihr ließ, zur Beschäftigung mit sich selbst zu verwenden, und einsam im Genuß eines guten Buchs, oder in der stillen Behaglichkeit einer angenehmen häuslichen Thätigkeit sich glücklich zu fühlen. Dieß war aber jetzt fast ganz vorüber, denn die Theaterproben, die Aufführungen, die sich drängenden Einladungen, welche sie erhielt, verbunden mit den unaufhörlichen Besuchen, die sie täglich belagerten, ließen ihr kaum einige wenige Morgenstunden, die sie dem Einüben ihrer Rolle widmen mußte. Anfangs hoffte sie, aus der Mannigfaltigkeit der Bekanntschaften, die sie machte, einigen Nutzen zu ziehen, indem sie durch die Verschiedenheit und Uebereinstimmung, die sich in den Urtheilen zeigte, auf das Richtige gewiesen zu werden hoffte. Allein es zeigte sich bald, wie sehr sie sich darin geirrt hatte. Ein Theil wollte in ihr gar nicht die Künstlerin, sondern nur das schöne Mädchen bewundern. Die Mitglieder dieser Klasse wetteiferten mit einander in jeden Artigkeiten und oft unschicklichen Bemerkungen, durch die sie ihrer Bewunderung Luft zu machen suchten. Ja selbst die mancherlei Geschenke, die diese Leute ihr zu überreichen sich glücklich schätzten, waren ihr zuwider. Denn ihr feiner Blick entdeckte gar leicht die eigentlichen Quellen einer solchen scheinbaren Freigebigkeit und Güte. Ein Theil gab, um reicher wieder zu empfangen; gewissermaßen war dieß der verächtlichste, denn er muthete ihr, streng genommen, ein gemeines Verkaufen ihrer Gunst und Zuneigung zu. Ein anderer Theil schenkte ihr aus Eitelkeit, theils um sich als reich oder freigebig zu zeigen, theils um mit beiläufig scheinender Gleichgültigkeit am dritten Orte zu äußern: heute habe ich der kleinen Sängerin ein Cadeau gemacht, worüber das Kind entzückt war. Ich kann von dieser Gewohnheit gar nicht lassen. Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Ein dritter Theil glaubte, durch Geschenke die Erlaubniß des Zutritts zu ihr bezahlen zu müssen. Ein vierter gar meinte, die Künstlerin damit belohnen zu dürfen, wenn sie aus gütiger Gefälligkeit vielleicht in seinem Hause gesungen hatte. Aber nicht ein einziger fand sich, der aus wirklichem Wohlwollen gegen das Bessere in Henrietten ihr seine Zuneigung zu erkennen gegeben hätte. Dieß zeigte sich auch an der gedankenlosen Wahl der Geschenke. Alle beschränkten sie sich darauf, den Putztisch der schönen Sängerin durch tausend einfältige, gänzlich unnöthige Kleinigkeiten zu meubliren, die leider heut zu Tage so in der Mode sind, daß die ganze Raffinerie eines Mannes von Ton sich darauf beschränkt, etwas neues Unsinniges in diesem Gebiete zu entdecken. Hielte uns nicht der Verfolg der Geschichte unserer Sängerin ab, wir hätten hier schöne Gelegenheit, ein Kapitel besonders darüber zu schreiben, wie diese Thorheit auch ihre ernsthaft schlechte Seite habe, und wie selbst die Entschuldigung vieler Frauen, die einen Tisch mit diesen glänzenden Narrheiten überfüllen und behaupten, diese Sammlung entstände ohne ihr Zuthun, ja gegen ihren Wunsch zufällig, ganz eitel und nichtig ist. Hättet Ihr nicht Eure Freude darüber, so würde Euch niemand damit belästigen; und warum stellt Ihr denn das lächerliche Spielwerk so sorgfältig auf, und weidet Euch an den staunenden Blicken weniger begünstigten Frauen, ja Freundinnen, wenn sie Euch besuchen, oder Ihr sie gar zu einer eitlen Gesellschaft eingeladen habt? Warum findet sich bei häuslichen, das Bessere in Herz und Geist pflegenden Frauen nie ein solcher Markt von Thorheit zusammen? Was sollte man von einem Weisen sagen, der täglich von Narren umlagert wäre? Er heuchle Weisheit. So die Frauen, die solche Thorheiten um sich sammeln, sie aufstellen und sie zu verachten scheinen wollen. Es sind Thörinnen, die sich bestreben, Vernunft zu heucheln; sie werden aber nur ähnliche Thoren täuschen.
5. Der Hanswurst. Der Recensent.
Ein Kreis von Anbetern versammelte sich täglich bei unserer schönen Sängerin. Einzelne derselben haben wir schon früher kennen gelernt. Ein Blick in das Besuchzimmer kann unsere Kenntniß darin noch bedeutend erweitern. Ich hoffe, wir thun ihn nicht unbelohnt. Denn welchen Naturforscher sollte es nicht erfreuen, wenn man dabei Gelegenheit fände, das Verzeichniß der ~Schaal~thiere auf eine leichte Art um ein Bedeutendes vollständiger zu machen? So mischen wir uns denn als schweigende Beobachter unter die Versammlung der Bewunderer Henriettens. Daß unsere Bekannte, die Räthe Wicke und Hemmstoff, der Abbe, der graue Jüngling von Obristlieutenant, der Regisseur des Theaters, und viele Andere, die wir im Laufe der Geschichte schon genannt haben, nicht fehlten, läßt sich denken. Weniger war es zu vermuthen, daß auch jener junge Mann, den alle Obigen so wenig kannten, als wir, sich zuweilen daselbst einstellte, und, obwohl er wenig sprach, nie ein Geschenk machte, sondern nur häufig sarkastisch lächelte, beständig von Henrietten gut, doch mit Verdruß von den Andern aufgenommen wurde, die nur eine Art von Scheu vor seinen festen Wesen hinderte, ihn grob zu behandeln, wozu sie nicht übel Lust hatten, da man es nicht anders wußte, als daß er ein junger Musikus, Namens Werner, sey, und sein Aeußeres, obwohl er sich anständig hielt, doch keinen reichen Mann zu verrathen schien. Außerdem lernen wir aber auch einen jungen Mann kennen, den wir nicht anders, als mit dem Namen des muthwilligen Hanswurst bezeichnen können, denn in der That gab er Narrenstreiche aller Art an, und schien ein Vorrecht dazu zu haben, Jedermann zu necken, ohne daß es ihm übel genommen wurde. Selbst Werner mußte manches von seiner geläufigen Zunge leiden, was er indeß lächelnd hinnahm, obwohl er sonst entschlossen genug zu antworten pflegte. Man unterhielt sich eben über die neuen Tagesblätter und die Kritiken, die sie enthielten. Zu vermuthen ist es, daß die Anstalten der beiden gekränkten Gegnerinnen Henriettens schon wirksam wurden, denn es schien mancher Tadel, ja mancher Spott mit eingeflossen zu seyn. Jeder Eintretende brachte ein Blatt mit, zog es hervor, und las und äußerte seinen Unwillen oder seine Zufriedenheit mit den Recensenten. Der Hanswurst hüpfte dabei im Zimmer umher, äußerte seine Empfindungen in grotesker Manier und machte allerlei unsinnige Bemerkungen dazwischen. Jetzt hatte auch Wicke ein sauber geheftetes Journal aus dem Busen gezogen, und begann folgendermaßen: „O schönste Henriette, Sie sanfter Strahl, der in die Nacht unserer Kunst gefallen ist, wie entzückt es diese weiche, leicht gerührte Brust, daß die öffentliche Stimme auch meine eigene ist!“ „Oder umgekehrt,“ schrie der Hanswurst dazwischen, „Ihre eigene Stimme ist auch die öffentliche, denn ich wollte wetten, Sie sind der Verfasser des Aufsatzes, den Sie lesen wollen. Gestehen Sie nur, Rath! Sie sind es! Umarmen Sie mich, Edler! O welch köstlichen Mann halte ich an meiner Brust!“ Wicke machte sich mühsam los, und sprach etwas mit bedrängtem Athem, denn der Hanswurst hatte ihn fest umschlossen: „Gütigster, Sie beschämen mich und zerdrücken mir die Halskrause; aber ich bin nicht der Verfasser!“ „O leugnen Sie doch nicht. Jedermann weiß ja, daß Sie an der Aurora arbeiten, daß die rührenden, empfindungsvollen Sonette im Hesperus stets von Ihnen sind, warum wollen Sie länger leugnen? Ja, meine Freunde, ich darf es behaupten, denn ich weiß es aus sicherer Quelle, der Rath ist gewiß der Verfasser! Er ist eben so großer Dichter, als Rath, und seine Talente halten seinem Enthusiasmus die Waage. Lesen Sie also, ruhmwürdigster Schriftsteller!“ Der Rath war nicht der Verfasser des Artikels; doch da er ihn überlesen hatte, schien er ihm so schön geschrieben und so schmeichelhaft für Henrietten, daß er es jetzt für eine gute Kriegslist hielt, um in die Festung ihrer Gunst einzudringen, wenn er sich dem Einfall des Hanswurst bequemte und sich für den Verfasser ausgab. Er sprach also mit einem verblümten Lächeln: da unser scherzhafter Freund mich denn verrathen hat, so wage ich es mit der schüchternen Empfindung eines jungfräulichen Herzens, das die erste Liebe gesteht, zu bekennen, -- „daß Sie selbst stets Ihre erste Liebe waren, sind und seyn werden!“ fiel der Hanswurst ein. -- „Spottvogel!“ fuhr der Rath fort, „wage, sag’ ich, zu bekennen, daß ich freilich im Drang meines überfüllten Herzens mich nicht enthalten konnte, meine Empfindungen öffentlich auszusprechen!“ „Lesen Sie, lesen Sie,“ unterbrach ihn die Gesellschaft. Wicke zupfte sich den Hemdkragen zurecht, räusperte sich und schob die Brille gerade. Dann begann er mit seiner sanften schmachtenden Stimme:
„Meiner Pflicht als Correspondent zufolge berichte ich Ihnen, theurer Freund, Folgendes über die neu erworbene Sängerin Henriette. Wir haben das Palladium erobert. Das kostbarste Juwel schmückt jetzt die Krone der Kunst in unserer Stadt; das theuerste Kleinod, es ist gewonnen, es ist unser.“
„O lassen Sie es gut seyn, lieber Rath,“ unterbrach ihn Henriette. „Ich ehre ihre dichterische Begeisterung, doch ich wünsche ihr einen bessern Gegenstand!“