Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1826 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche sowie inkonsistente Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Passagen in französischer Sprache wurden dem Original entsprechend übernommen.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in deren Umschreibung dargestellt (Ae, Oe, Ue). Die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß) weicht vom heutigen Gebrauch teilweise deutlich ab; dennoch wurde die Schreibweise des Originals beibehalten, sofern der Sinn des Textes dadurch nicht verloren geht.
Die im Abschnitt ‚Verbesserungen‘ am Ende des Buches angeführten Korrekturen wurden bereits in den Text eingearbeitet. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_
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Henriette,
oder
die schöne Sängerin.
Eine Geschichte unserer Tage
von
Freimund Zuschauer.
Leipzig, bei F. L. Herbig,
1826.
Inhalt.
1. Die Abendgesellschaft. 1
2. Die Urtheile. 9
3. Kabale und Liebe. 20
4. Henriette. 33
5. Der Hanswurst. Der Recensent. 39
6. Lord Monday. Die Arche Noah. Der Regenbogen. Das Duell. Die Ohnmacht. 50
7. Die ausgewetzte Scharte. Das Krankenzimmer. 63
8. Bekenntnisse. 69
9. Pläne für die Zukunft. Die Rechtfertigung. 81
10. Die Epigrammatisten. Die Ausforderung. 87
11. Lord Mondays Vorschlag. Das Duell. 96
12. Die Landparthie. 109
13. Die Wette. Die Ankommenden. Das Mittagsessen. 123
14. Spiele auf der Wiese. Die Wasserfahrt. 132
15. Die Entdeckungen. Die Maskerade. 143
16. Trübe Wolken. Die verschmähten Liebhaber. 150
17. Das Concert. Graf Klammheim. Absagebriefe. 161
1. Die Abendgesellschaft.
Die Oper war zu Ende. Doch der rauschende Beifall, der die Talente der jungen Sängerin Henriette, die als neu engagirtes Mitglied zum erstenmal aufgetreten war, anerkennend ehren sollte, schien kein Ende nehmen zu wollen. Immer neu wiederholte sich das schallende Getöse tausend bewegter Hände, und dazwischen tönte der unablässige Ruf des Namens der Schönen. Endlich rollte der Vorhang wieder auf; die Holdselige erschien in aller der Anmuth, durch die sie den ganzen Abend über entzückt hatte. Gegen den Lärmen, der sich jetzt erhob, war das vorige Getöse eine Todtenstille zu nennen. Jeder überließ sich dem lautesten Ausbruch seines Entzückens. Die junge Sängerin allein kam nicht zu Worte, und mußte mit stummen Verbeugungen zurücktreten; doch ihre vor Freude glänzenden Blicke sagten deutlich, was sie empfand. Allein fast noch deutlicher sprachen die Blicke sämmtlicher jungen und alten Herren im Schauspiel; keiner, dem nicht der Liebesgott spöttisch aus den Augen gesehen hätte. Sogar der alte Feldmarschall von Rauwitsch, auf dessen unter Feldzügen ergrautem Haupt kaum noch einiges Haar zu zählen war, sogar der schien noch im späten Alter von einem Pfeil getroffen worden zu seyn, gegen den er sich vielleicht zu sicher gepanzert glaubte. Denn nicht nur die Brust hatte er mit hartem Erz gegen Amors Schüsse zu waffnen gesucht, nein, seine Vorsicht ging weiter, sogar das Gesicht, die Nase nicht ausgeschlossen, hatte er mit Bachus Hülfe, der in Kupfer besser zu arbeiten versteht, als Vulkan, mit einem purpurartigen Ueberzug jenes röthlichen Metalles gedeckt. Die Augen, um auch dort sicher zu seyn, hatte ihm derselbe gütige Gott Bachus verglasen helfen. Doch Amor, der Alliance spottend, war dennoch durchgedrungen; wie, das wissen die Götter; allein unbezweifelt war es, denn der Adjutant hörte den Marschal im Heraustreten aus der Loge sagen: „Drei Tage wollte ich keinen Pontac riechen, wenn ich einen Kuß von dem kleinen Teufelskind dafür einhandeln könnte.“ Und einen höhern Schwur that er nie. Aehnlich war es dem Major Kegelino ergangen, der, auf dem Casino fast eingerostet, sich diesmal doch hatte überreden lassen, die Parthie zu versäumen und die Oper zu verträumen. Denn gehört hatte er wahrscheinlich nichts, so hatte die junge reizende Sängerin ihn verblendet, ja betäubt. Als er in den Wagen stieg, rief er dem Kutscher zu: „Nach dem K-- Theater“ aus dem er nämlich eben kam; so beschäftigte ihn der Gedanke, die auf den folgenden Tag angesetzte Wiederholung des Stücks ja nicht zu versäumen. Doch der Kutscher, der wohl merkte, wie es mit dem Herrn stand, fuhr ihn in die L-- Straße vor sein Haus, und hatte die Absicht des Majors richtig errathen.
Noch mehr als diese aber waren zwei Königliche Räthe, Hemmstoff und Wicke, innige Freunde durch kunstverwandte Gesinnung und theaternachbarliche Gewohnheit des Daseyns und des Klatschens, noch mehr, sag ich, waren diese von der Wundererscheinung entzückt. Wicke ließ sein schwärmerisches Auge noch einmal auf dem gefallenen Vorhang weilen; dann sprach er: „Freund, was ist das Leben ohne Liebesglanz! O wie versteh ich jetzt den zarten sinnigen Dichter!“ „Wahr, sehr wahr!“ entgegnete Hemmstoff, und suchte vergeblich mit der Hand durch das Scheitelhaar zu fahren; (denn die Sense der Zeit hatte ihm diese stattliche Zierde abgemäht, und nur aus alter Gewohnheit machte er noch diese Bewegung nachlässiger Eleganz) „wahr, sehr wahr spricht der Dichter. O ich fühle einen verdammten Hunger. Essen wir unten in der Restauration, oder wo anders?“ „Unten lieber,“ entgegnete Wicke mit schmelzender Stimme, „denn es sind, wie ich höre, frische Austern angekommen. Ach was ist die Liebe für ein süßes Ding!“ So schritten die Freunde hinab in die Restauration. Nicht sie allein, sondern auch viele andere junge Bewohner der Residenz fühlten sich durch die Oper so angegriffen, daß sie der Hülfe des Restaurateurs bedurften. Alle Tische besetzten sich schnell, und auch der, an welchem Hemmstoff und Wicke Platz nahmen, füllte sich bald mit Bekannten verschiedenen Alters und Standes. Neben unsren Freunden rechts saß ein schon ältlicher französischer Abbe, der, ein wahrer Trost für Hemmstoff, noch stärkeren Mondschein von seinem Scheitel herableuchten ließ, als dieser. Der Abbe, nach Art der französischen Geistlichen, ein jovialer freidenkender Mann, war durch die klösterliche Erziehung den Freuden des Lebens keinesweges abgestorben, sondern liebte Wein, Gesang und Austern über alles. Auch der dritte Artikel des Lutherischen Katechismus schien ihm nicht unbekannt, viel weniger unangenehm zu seyn. Das zeigte die Begeisterung, in die ihn die junge Sängerin versetzt hatte. „_Ah mon Dieu qu’elle est belle_,“ rief er aus und wandte sich zu Hemmstoff, „_conseiller, l’avez vous vu_?“ „_Quoi donc, Monsieur L’abbé_,“ entgegnete der Rath. „_Quoi?_“ fuhr der Abbe zurück, „_son porte bras delicieux, et quand elle se tourne--vous m’entendez!--Garcon, une bouteille de Champagne_!“ „Mir auch,“ rief der Rath. „Auf das Wohl der Sängerin!“ -- Indessen haben wir Muße, den übrigen Theil der Gesellschaft zu betrachten. Der Nachbar des Abbe war ein großer magerer Mann im blauen Frack mit einem Ordenkreuz im Knopfloch. Sein graues, jedoch zierlich frisiertes Haar stach wunderlich gegen das rothe, runzlige, in tausend Falten gekniffte Gesicht ab, welches deutlich zeigte, daß der Inhaber schon über die sechzig hinaus seyn müsse; allein er suchte sich noch immer wie ein Elegant von fünfundzwanzigen zu betragen. Eine Doppel-Lorgnette hatte er beständig um seinen Hals, ein Perspectiv in der Hand, und die Crawatte saß ihm, wie einem Engländer, der aufs Continent reist, und im Ausland für einen Gentlemann erster Classe gelten will. Man titulirte ihn Obrist-Lieutenant. Er schien sich das Ansehen eines sehr bedeutenden Mannes geben zu wollen, denn er sprach kurz und undeutlich, als wenn er es eben nicht der Mühe werth halte, den Fragenden verständlich zu antworten. Ein Glück war es daher, daß der Regisseur des Theaters, ein junger liebenswürdiger Mann von gefälligem Wesen, neben ihm saß. Denn natürlich ergingen alle Fragen in Betreff der Sängerin an diesen, und der lange Ritter im blauen Frack konnte schweigen so viel er wollte. Noch mehr aber schwieg ein junger Mann von interessantem Aeussern, der am Ende des Tisches saß, seinen Wein für sich trank, die übrigen Gäste nach der Reihe betrachtete, und nicht unaufmerksam auf ihr Gespräch zu seyn schien, wiewohl er sich nicht darein mischte. Er mußte nicht aus der Residenz gebürtig, und wahrscheinlich auch erst seit kurzem anwesend seyn, denn kein einziger der genannten Tischgäste, die sonst jedermann kannten, wußte, wer er war. Und doch schien sein Aeußeres so viel zu versprechen, daß man es der Mühe werth halten durfte, näher mit ihm bekannt zu werden.
Das Gespräch richtete sich natürlich auf den Gegenstand, der das Entzücken des heutigen Abends gewesen war. Alle waren einstimmig darin, daß die Sängerin unübertrefflich sey, doch ein jeder wich darin von dem andern ab, daß man sich nicht einigen konnte, worin eigentlich ihre höchste Vollkommenheit bestände. So waren diese im Grunde gleichgesinnten Bewunderer fast in Streit gerathen, denn alle zugleich suchten ihre Meinung durch die triftigsten Gründe, vorzüglich aber durch möglichstes Schreien zu beweisen. Doch das Getümmel unterbrach sich plötzlich, denn der junge Mensch am Ende des Tisches, der der Thür gegenüber saß, und von seinem Platz auf den Corridor hinaus sehen konnte, stand unvermuthet auf, und verbeugte sich gegen die Thür. Die Gesellschaft wurde aufmerksam und sah nach der Gegend, wohin der junge Mensch gegrüßt hatte. Und siehe da, die schöne Sängerin ging eben vorüber, und schien den jungen Mann recht freundlich wieder zu grüßen. Die Gesellschaft erstaunte. Einige machten Miene, schnell hinauszugehen, um den Anblick der reizenden Gestalt noch einige Augenblicke länger zu genießen; das hatten auch schon viele junge Stutzer gethan, und drängten sich ziemlich unartig um das lieblich erröthende Mädchen. Verlegen sah sie sich nach dem Direktor ~Brückbauer~, der ihr folgte, um; dieser sprang dienstbeflissen vor, bot ihr seinen Arm, und sprach mit seiner etwas schnarrenden Stimme: „Erlauben Sie, meine Allertheuerste, daß ich Sie an den Wagen führe.“ Sie reichte ihm graciös die Hand und verschwand den Blicken unsrer Gesellschaft.
2. Die Urtheile.
Diese durch den unvermutheten reizenden Anblick aufs neue lebhaft aufgeregt, schrie jetzt noch toller durch einander als vorher. Da pochte der Regisseur auf den Tisch und rief: „Meine Herrn, erlauben Sie, daß ich meine Amtsrolle heut auch noch nach der Vorstellung fortsetze. Wir machen uns heiser und hören einander doch nicht. Ich kann betheuern, ich weiß eben so gut, was der große Mogul von unserer Sängerin denkt, als was einer der Herrn gesagt hat. Vielleicht sind wir alle aufs Haar derselben Meinung, und haben uns ganz umsonst erhitzt. Wenn Sie erlauben, mache ich den Anfang, und gebe meine Ansicht; dann folgt der Herr Obrist-Lieutenant und so fort der Reihe nach.“ Alle waren es zufrieden, und der Regisseur begann:
„Ich muß etwas weit ausholen, um zum Resultat meiner Gedanken über unsere himmlische Sängerin zu gelangen. Sie erinnern sich noch alle, meine Herren, jener unruhigen, heftig bewegten Zeit, wo die Erwartung in unserer Brust aufs höchste gespannt war, ob das theure Kleinod, welches wir jetzt besitzen, das unsre werden würde, oder nicht. Ich war, wie Sie wissen, endlich der Glückliche, dem es gelang, dieses Palladium in die Mauern unsrer Stadt zu führen. Doch nicht ohne Mühe. Denn erstlich fand ich schon bei meiner Abreise Hindernisse von Wichtigkeit. Als ich einen Paß nach Sachsen forderte, wurde er mir verweigert, denn es waren in diesen Tagen so viele unserer bedeutendsten Banquiers und Geschäftsmänner nach L. gereist, daß die Regierung, aufmerksam dadurch gemacht, eine staatsgefährliche Verbindung fürchtete, und bis auf weiteres das Ertheilen der Päße nach L. untersagt hatte. Nur mit Mühe gelang es mir endlich, die Nützlichkeit meines Reisezwecks für den Staat zu erweisen. Ich reiste. Doch ein neues Hinderniß find ich am Thor von L***. Dort nämlich erblickte ich einen der thätigsten Beschützer unsers Theaters in gefänglicher Haft; er schrie aus dem Fenster der Thorwache kläglich zu mir um Hülfe. Was konnte die Ursache dieser Einkerkerung seyn? Ich halte, bestürme den Stadtsoldaten, der vor Schrecken sein Strickzeug fallen läßt und nach dem Gewehr greift, dringe in den Kerker, und hasche nach der Ursach dieser empörenden Mißhandlung eines solchen Kunstgönners. ‚O Freund,‘ sprach dieser, ‚ich würde mein Geschick für unerträglich, ja hoffnungslos halten, wenn ich es nicht mit Vetter Kukuk, jenem redlichen Brautwerber theilte. Denken Sie sich meinen Unfall. Sie wissen, daß viele unserer Kaufgenossen hochtönende Namen, entlehnt von den Thieren des Waldes, führen. Diese alle sind als Bewerber um die göttliche Sängerin vor mir einpaßirt. Der Thorwächter notirte zu erst lächelnd den Namen Gans, logirt im Hotel de Baviere; dann folgte Hirsch mit gleicher Wohnung, worauf der Pförtner abermals lächelte und sprach: „Die Tafel im Hotel de Baviere wird gut besetzt!“ Darauf kam unser edler Wolf an, und der Wächter zog ein bedenkliches Gesicht, ließ ihn jedoch frei gleichfalls ins Hotel de Baviere laufen. Jetzt fuhr unser großer ~Bär~ vor. Den schnaubte aber der Thorwart grimmig an und rief: „Was? Wieviel Thiere wollen denn die holde Sängerin zerreißen? Fort in den Käfig mit dir!“ Doch der Bär, vermöge seiner Stärke, riß sich los. Als nun aber ich, der ~Eber~, herannahe, faßt mich der Wächter roh und kalt, und bändigt mich durch Kerkergewalt!‘“
Da, rief ich, wie Sie sich vorstellen können, meine Herren, begeistert aus:
„Aus diesen Fesseln macht dich Gold frei, So wahr ich heiße Carl von ***,“
gab dem Stadtsoldaten einen Species und befreite den gefangenen Mäcen.
Wenn man sich solcher Abentheuer und Gefahren erinnern kann, meine Herren, so wird uns der dadurch erworbene Preis doppelt theuer. Deshalb mußte ich, um zu meiner Schlußmeinung zu kommen, diesen Eingang machen. Von Herzen stimme ich daher in das Wort unsers großen Director Brückbauer mit ein, der die himmlische Sängerin soeben seine Allertheuerste nannte. Ja, sie kostet Opfer jeglicher Art, und doch macht ihr Anblick, ein Ton ihrer süßen Stimme, uns alles dies vergessen. Darum rühme ich das als ihre höchste Eigenschaft, daß sie, selbst in den Augen derer, die hier für nichts anders, als für das schnöde Metall Sinn haben, das blanke Gold so verdunkelt hat, daß sie es förmlich ausgestreuet haben, um in Besitz dieses Kleinods zu kommen. Und so rufe ich: Es lebe die Sängerin, sollten auch unsere Aktien auf 50 pro Cent fallen! -- „Bravo, Bravo!“ erscholl der laute Beifall der Andern, und alle leerten die Gläser. Doch des Regisseurs Nachbar, der Obrist-Lieutenant, schlug auf den Tisch und begann: „Das heiß’ ich sprechen, wie ein Regisseur. Aber in der That, es ist wahr, ihre Schönheit ist strahlender als Gold, und ihre Stimme tönt heller als Silber. Wenn ich indeß meine Meinung sagen soll, so muß ich erklären, daß mir das das reizendste an ihr scheint, daß sie sowohl als ihre Stimme sich von allen Standpunkten des Hauses unvergleichlich ausnehmen.“
„Waren Sie im Sperrsitz?“ fragte Wicke. „Allerdings,“ entgegnete der Gefragte. „Mir deucht, ich hätte Sie im ersten Rang gesehen?“ bemerkte der Abbe, während er eine Auster präparirte. „Sie haben sich nicht getäuscht,“ antwortete der Obrist-Lieutenant. „So habe ich mich geirrt,“ sprach Hemmstoff, „denn mir schien’s, als hätte ich Sie in einer Parkettloge entdeckt!“ „Mit nichten, Freund, ich bin sowohl rechts als links in einer Parkettloge gewesen,“ berichtigte der magere Ritter. „Aber ich habe Sie ja beständig auf dem Theater bemerkt,“ sagte der Regisseur erstaunt, „Brückbauer hatte noch seinen eifersüchtigen Aerger darüber.“ „Ich werde es doch nicht versäumen,“ erwiederte der Blaufrack piquirt, „auch von dieser Seite meine Ansicht zu berichtigen?“ Jetzt fing auch der junge Mensch am Ende des Tisches zu reden an, und sprach: „Nun kann ich mir einen seltsamen Irrthum, in dem ich geschwebt habe, erklären. Ich hatte die Ehre, mein Herr, Ihr Nachbar im Parterre zu seyn; da mir aber mein Platz unvortheilhaft schien, ging ich in den zweiten Rang hinauf, und zu meiner Verwunderung fand ich meinen Nachbar dort von so sprechender Aehnlichkeit mit Ihnen, daß ich sogleich vermuthete, er müsse Ihr Zwillingsbruder seyn. Noch höher aber stieg meine Verwunderung, als ich, da ich auch dort nicht gut placirt war, mich in den dritten Rang begab, und im Oeffnen der Loge einem dritten Exemplare von Ihnen begegne, das eben heraustrat, und Ihnen so ähnlich sah, wie ein Ey dem andern. Wie herrlich, dachte ich bei mir, könnte man hier die Drillinge aufführen! Auch fiel mir die Erzählung von den drei bucklichten Schelmen ein; und als ich nun vollends hier in die Restauration kam, und Sie am Tisch erblickte, dachte ich schon, Sie möchten vielleicht den vierten abgeben. Jetzt sehe ich aber, daß Sie gar die Kunst besitzen, sich beliebig zu multipliciren, und bitte daher um Vergebung, daß ich so lange im Irrthum gewesen bin.“ Die etwas sarkastische Miene, mit welcher der junge Mann diese Abentheuer erzählte, hatte die Gesellschaft halb belustigt halb in Verwunderung gesetzt. Der Abbe verbarg sein Lächeln hinter einem Zuge aus dem Champagnerglase; der Blaurock sagte etwas verdrießlich: „Mir scheint, mein Herr, Sie lieben die etwas grelle Mahlerei _al Fresco_,“ und Wicke raunte seinem Freund Hemmstoff ins Ohr: „der junge Mensch scheint nicht zu uns zu gehören; auf was für unschicklichen Plätzen hat er sich umhergetrieben!“ -- Der Regisseur faßte sich am besten, denn er klopfte auf den Tisch und rief wie der Präsident in der Deputirtenkammer: „Zur Ordnung! Sie sind in ihrer Rede unterbrochen worden, Herr Oberst-Lieutenant. Geben Sie uns gefälligst den Schluß.“ „Bin schon fertig,“ sprach der alte Jüngling kurz, und nahm eine Prise. „_Monsieur L’abbé_,“ erinnerte darauf der Regisseur, „ist Ihnen gefällig, das Scepter des Redners zu ergreifen?“ „_Mon cher_,“ entgegnete der Abbe, „mich hindern die Austern am Reden; übrigens habe ich mein Votum gegen den Rath Hemmstoff schon abgegeben. _N’est ce pas mon cher? Et qu’en dites vous?_“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung, und eben so durch die Austern gehindert,“ sprach Hemmstoff, und lächelte innerlichst vergnügt; „mein Freund Wicke mag denn fortfahren.“ Dieser räusperte sich, zupfte sein Jabot zurecht, und begann dann mit einer feierlich weichen Stimme: „O die süße, unaussprechlich süße, holde, liebreizender Eigenschaften reichest begabteste Sängerin! In welcher Sprache soll ich ihr Lob verkünden! Sie sieht uns lächelnd an und lächelt wieder, und wir weinen, halb vor Entzücken, halb vor Schmerz!“ Dabei zog er sein gesticktes Schnupftuch, welches in _Eau de Cologne_ gekocht zu seyn schien, aus der Tasche, und wischte sich -- die Nase. „Freunde! Sympathisirend, mitfühlend übereinstimmende Theilnehmer, seyd Ihr denn nicht im Innersten bewegt? O, Ihr seyd von den Steinen die nicht fühlen, die nicht weinen! Tönt der Jungfrau zarte Kehle Euch nicht rührend in die Seele? Mir scheint, Ihr lächelt mit höhnender Geberde?“ -- „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde;“ fiel der Abbe ernsthaft ein, und verschluckte eine Auster. -- „Geberde“ wiederholt der etwas empfindliche Wicke. „Versteht ihr denn so gar nicht was ich meine?“ -- „Einsam bin ich nicht alleine,“ sang plötzlich eine Stimme am andern Tische. Wicke stampfte verdrießlich mit dem Fuße und sprach: „Es ist nicht auszuhalten! Entweder wird man absichtlich oder zufällig unterbrochen. Ich hoffe, die Herren werden meine Ansicht jetzt gefaßt haben!“ „Wollten Sie sich denn nicht noch etwas näher auslassen?“ fragte bescheiden der Regisseur, „gewiß wird man Ihnen mit Vergnügen zuhören.“ „Ich bin vielleicht schon zu deutlich gewesen,“ entgegnete Wicke, und verbeugte sich verbindlich. „So stände denn die Reihe an Ihnen, mein Herr, wenn Sie uns mit Ihrer Ansicht bekannt machen wollten,“ wandte sich der Regisseur höflich zu dem Fremden. „Sehr gern,“ sagt dieser; „allein ich fürchte, sie wird sich gegen die Aussprüche so erleuchteter Kenner sehr schülerhaft ausnehmen. Meiner Meinung nach hat die schöne Sängerin eine unwiderstehliche Anmuth, eine reine seelenvolle Stimme, und eine sehr gute Natur des Vortrags. Doch sie ehrt ihr Talent wenig, indem sie die schlechtesten Opern zu ihrem Auftreten wählt, und sich an ein Theater versagt hat, das nur eine sehr niedrige Tendenz vor Augen, und eigentlich keinen andern Zweck, als Geld zu verdienen hat, und deshalb der gemeinen Ansicht der Menge auf eine unwürdige Art huldigt.“ Hier schwieg der junge Mann und sah die Gesellschaft der Reihe nach fest an. Der Obrist-Lieutenant stocherte sich die Zähne und murmelte einige unverständliche Worte; der Regisseur sah bedenklich aus, und schien zu fühlen, daß der Fremde Recht habe. Der Abbe trank sein Glas aus und sprach: „Ein schöner Enthusiasmus. Ich liebe die Passion für edlere Vergnügungen auch. Noch funfzig Austern, Kellner!“ Wicke sah glühend roth aus, strich sich verstört das dunkle Haar und raunte endlich furchtsam Hemmstoff die Worte ins Ohr: „Der Mensch ist ein roher Barbar!“
Jedem pfiff der Nachtwächter die eilfte Stunde. Die Gesellschaft brach auf trotz der Vorstellungen des Abbe, der seine Austern nicht in Stich lassen wollte. Wicke und Hemmstoff gingen Arm in Arm. Der Regisseur sprach noch mit einigen Bekannten an andern Tischen, und der Obrist-Lieutenant bewegte sich mit steifen stolzen Schritten durch den Saal nach der Thür. Auch der junge Mensch ließ den Abbe endlich allein. Jedoch als der Kellner ihm die Austern brachte, trällerte er: „Einsam bin ich nicht alleine!“ und beging die Inconsequenz, seine guten Gesellschafter sämmtlich durch Verzehrung wieder zu entfernen. Wir lassen ihn in seinem gemächlichen Vergnügen, und sehen uns um, ob die Residenz überall auf dieselbe Art von der neuen Sängerin dachte und sprach, als es in unserer Gesellschaft geschehen war.
3. Kabale und Liebe.
Wir machen einen Morgenbesuch bei der schönen Caroline, die als erste Sängerin bisher der Liebling der Residenz gewesen war. Mein Gott, in welchem Zustande treffen wir die Unglückliche an! In Thränen aufgelöst, das schöne Gesicht in ihr Tuch verbergend liegt sie matt auf der Chaiselongue und scheint mehr von ihrem Kummer zu träumen als darüber zu denken. Ein reizender Anblick, wenn er nur nicht so schmerzlich wäre. Wer pocht? Es ist Auguste, Carolinens Freundin, die erste Liebhaberin des Theaters. „Guten Morgen, geliebteste Freundin,“ ruft sie mit ihrer bezaubernden Stimme -- „aber ums Himmels willen, was ist Dir? Was hast Du? Du bist ja ganz entstellt?“
~Caroline.~ Wie Auguste, du fragst noch? Du heuchelst selbst eine ruhige heitere Miene? Geh, Geh! Was sollen wir uns gegen einander verstellen. Glaubst Du, ich halte Deine Heiterkeit für natürlich?
~Auguste.~ Aber meine liebe Caroline, was sollte mir denn fehlen, ich bin so vergnügt. --