Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen
Part 8
Es ist eine bereits populär gewordene wissenschaftlich begründete Erfahrung, _daß der Instinkt um so sicherer leitet, je nie__driger das Geschöpf auf der Stufenleiter der Naturwesen steht_. Unfehlbarkeit des Instinkts ist das Kennzeichen niederer Organismen.
Ganz gewiß mag in früheren Jahrhunderten, in denen die Frau als Gattungswesen ihr Dasein innerhalb der Aufgabe, die ihrem Geschlechte als solchem zufiel, lebte, einen sicheren Instinkt für die Pflege und Erziehung, namentlich des ersten Kindesalters gehabt haben. Instinkte verlieren an Kraft bei fortschreitender Entwicklung.
Ich würde Herrn Beetz ersuchen, von Zeit zu Zeit in meine Sprechstunde zu kommen, um zu erfahren, _wie sicher_ die Frauen von ihrem ‚Instinkte‘, von ihrem ‚dunkeln Drange‘, von ihrem ‚Herzen‘ bei der Erziehung ihrer Kinder geleitet werden. Die Kindergärtnerinnen, die in Familienstellung sich befinden, erzählen allerdings noch etwas mehr, als man durch einen Blick auf die Straße wahrnehmen kann: den sinnlosen Luxus, die Glacéhandschuhchen, die Schnürstiefelchen, die Spitzenhäubchen, die Federhüte, die Kindergesellschaften, die Kinderbälle – die kostbaren Puppen, die Modelle für Balldamen sein können, samt all dem Trödel, der nicht nur Leib und Seele des einzelnen Kindes schädigt, der einen Keim für den Standeshochmut in seine unschuldige Seele bringt, wohl geeignet, die Kluft zu vergrößern, die die Glieder einer Volksfamilie voneinander trennt.
Die Frau aus dem Volk steht allerdings der Kindesnatur näher, als die durch alle Sprachen und Künste gebildete Mutter: jene befindet sich näher der primitiven Entwicklungsstufe des Kindesalters. Weil aber dem so ist und kein Zurückkehren zu dem Standpunkte des bloßen Natur- und Gattungslebens möglich – deshalb muß die Frau auf dem Wege der _Kultur_ zu der Erkenntnis der _Natur_ und ihrer Aufgabe als mütterliche Erzieherin gelangen.
Nur auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis ist es heutzutage der Frau möglich, zu den natürlichen Bedingungen des Lebens zurückzukehren.
In diesem Sinne können wir die Erscheinung Friedrich Fröbels eine providenzielle nennen: Er zeigt uns den Weg, den wir zu beschreiten haben, ‚um von dem instinktiven, passiven Sein zu einem bewußten – und zu ganz gleicher Höhe wie das männliche Geschlecht zu gelangen‘.
Hier ist auch der Grund für das Verständnis vorhanden, mit dem die denkenden Frauen die Erscheinung Fröbels begrüßten. Sie anerkannten und anerkennen, daß echte Kultur keinen anderen Zweck habe, als uns unser eigentliches Wesen und unsere Aufgabe als Menschen besser verstehen zu lehren; auch sie wissen, daß kein Wort so sehr das dem Menschen Angemessene ausdrückt, als das Wort ‚natürlich‘.
Und so beginnt der Prozeß sich zu vollziehen, der zu einem wahren Fortschritt der geistigen und seelischen Entwicklung des weiblichen Geschlechtes führen wird: _zur Erkenntnis ihres natürlichen Berufs_.
Für den, der seit Beginn der Frauenfrage innerhalb derselben nicht nur tätig ist, sondern auch in objektiver Weise diese Bewegung beobachtet, für den muß die Tatsache hochbedeutsam erscheinen, daß auch diejenigen Führerinnen dieser Bewegung, die seitab von der Fröbelschen Pädagogik stehen, seit einer Reihe von Jahren nichts so sehr betonen, als die _Mütterlichkeit_ der Frau. Es zeigt sich auch hier die Weisheit des Kinderfreundes Fröbel, der zwar kein philosophisches System über das ‚Unbewußte‘ geschrieben, der aber die Bedeutung unbewußt aufgenommener Eindrücke tiefer erkannt hat, als es vor ihm geschehen. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß die jetzt allseitig so sehr betonte Forderung der Frauen, das Muttergefühl für unsere sozialen Aufgaben in Tätigkeit zu setzen, zu einem großen Teile auf die _unbewußt_ aufgenommenen Ideen Fröbels zurückzuführen ist, wie denn auch _die_ Frau, die als erste – in jedem Wortverstande – die Bedeutung Fröbels erkannt und seine Jüngerin geworden, es ausgesprochen: ‚Die erziehliche Mission, zu welcher Fröbel das weibliche Geschlecht aufruft, wendet sich unmittelbar an die Seite der weiblichen Natur, die den Kernpunkt seines Wesens ausmacht: an die Liebe, die heiligste Liebe, die der Mutter. Diese neue Erziehung soll den weiblichen Genius entfesseln, ihn erheben zur geistigen Mutter der Menschheit. – Die Liebe zur Menschheit soll dem weiblichen Geschlecht zum Kultus werden in der Pflege der Kindheit, in der Pflege des Gottesfunkens, den die Kinderseele birgt‘ (Bertha von Mahrenholtz-Bülow).“ –
Die beiden Schriften von Beetz und Goldschmidt wurden in den Fachkreisen vielfach besprochen. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden dadurch veranlaßt, sich mit der _Frage des Kindergartens_ eingehender zu beschäftigen, um Stellung in dem Streit nehmen zu können. So hat also durch die Entgegnung Henriette Goldschmidts der Angriff des Direktors Beetz im Grunde _zur Klärung der Kindergartensache_ wesentlich beigetragen. Jeder, der die Angelegenheit objektiv prüfte, mußte jetzt zu der Überzeugung kommen, daß die Vorstellung, wie sie Beetz und viele andere Schulmänner vom Kindergarten hatten, unrichtig ist. Die Idee des Kindergartens ist viel größer, als die meisten ahnen. Nicht _Sonderanstalten_ wollte Fröbel schaffen, Sonderanstalten, die neben Schule und Familie ein getrenntes, ein Sonderdasein führten, sondern die gesamte früheste Erziehung wollte er durch die Idee seines Kindergartens auf eine natürliche Grundlage stellen. Gewiß hat Fröbel in vielen Städten Kindergärten als besondere Anstalten gegründet und gewiß müssen in jedem Ort solche Einrichtungen geschaffen werden, das gehört mit zur Idee seines deutschen Kindergartens. Diese einzelnen Kindergartenanstalten sind aber noch _nicht die eigentliche Verwirklichung der Idee_. Sie sind nur ein Teil der Verwirklichung, sie sind in der Hauptsache nur _Mittel zur Verwirklichung_ der Idee. Als _Teil_ der Verwirklichung muß man sie ansprechen, soweit sie die Familienerziehung _ergänzen_, d. h. soweit sie Kindern, die in der Familie nicht den für die kindliche Entwicklung nötigen Kreis gleichaltriger Geschwister haben, Kameraden und Gemeinschaftsleben bieten, bzw. indem sie Kindern, die daheim infolge wirtschaftlicher und sonstiger Nöte keine Erziehung genießen können, diese geben. Als _Mittel_ zur Verwirklichung der Idee sind sie dort anzusehen, wo sie Pfleg- und Anschauungsstätten der neuen Erziehungs_gesinnung_ sind. Gerade dieser Gedanke war Fröbel besonders wichtig. In jeder – auch der kleinsten – Gemeinde sollte neben Kirche und Schule ein Kindergarten bestehen – weniger unmittelbar der Kinder, als vielmehr der Frauen und Mütter wegen. Zu ihm sollten die heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen kommen – getrieben von ihrem mütterlichen Instinkt, von dem ihnen angeborenen Pflegesinn, von der höheren Liebe zur Kindheit, um sich hier – als Gärtnerinnen an der Kindheit – zu betätigen, um nach dem Vorbild und unter der Anleitung _einer echten Kindergärtnerin_ tätig zu sein und zu lernen, dadurch ihr Edelstes zu stärken und zu entfalten, sich dadurch ihres Frauen- und Muttertums immer klarer bewußt und auf diese Weise in höherem und geistigerem Sinne _Mutter_ zu werden.
Hier liegt für Henriette Goldschmidt der Kernpunkt der ganzen Frage: _Die Entfaltung des innersten weiblichen Wesens, die Erhebung ihres bisherigen instinktiven passiven Tuns zu wirklicher, zu bewußter schöpferischer Kulturleistung_ ist nur möglich mit Hilfe des Kindergartens. Sie sieht keinen anderen Weg. _Hier allein bietet sich dem weiblichen Geschlecht Gelegenheit, __durch Tun und Arbeit (an den Kindern) seine ureigensten Kräfte und Anlagen zur Entwicklung zu bringen und im steten Hinblick auf die Idee Fröbels sich des ewigen Wesens der Frau und ihrer tiefsten Bestimmung bewußt zu werden._
Der Frauenwelt dieses hohe Ziel für die Entwicklung gesteckt und ihr im Kindergarten zugleich den Weg zu diesem Ziel gezeigt zu haben, das ist – nach Henriette Goldschmidts Meinung – die große historische Mission Friedrich Fröbels gewesen.
Wer von der Verwirklichung dieser Idee einen Zusammenbruch der Familie befürchtet, wie dies Beetz tut, der kann die Idee in ihrer ganzen Größe nicht erfaßt haben. Wenn irgend etwas, so ist Fröbels Idee des Kindergartens ein Schritt zur Vergeistigung und Erhöhung des Menschengeschlechts.
„_Baut das Haus zum frohen Kindergarten!_“ hatte Fröbel den Müttern zugerufen. Das sollte nicht heißen – wie das später fälschlicherweise oft ausgelegt wurde – „sammelt Gelder, damit wir das Haus für einen Kindergarten bauen können“, sondern Fröbel meinte damit: Macht euer Haus, macht jedes Haus zu einem Kindergarten! _Jede Familienstube __ein Garten der Kindheit!_ Jede Mutter in diesem Sinne eine Kindergärtnerin, ausgezeichnet durch Liebe und echten Pflegesinn, ihren Beruf bewußt als Kulturberuf ausübend, geadelt von der Erkenntnis, daß Geistiges, daß Göttliches ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist. Wenn man sich in Fröbels sinnigstes und eigenartigstes Werk vertieft, in seine „_Mutter- und Koselieder_“, dann wird einem das Ideal dieser Mutter deutlicher.
Wo ein _Weib dieser Art_ wirkt, sei es in der Familie, sei es in einer besonderen Anstalt für Kinder – in einer Kleinkinderbewahranstalt, in einem Waisenhaus, in einer Schule – _da ist ein wirklicher Kindergarten_.
_Und überall, wo Kinder sind, da sollte ein solcher Garten der Kindheit entstehen._ Das ist Fröbels sehnlichster Wunsch. Darum ruft er: „Baut das Haus zum frohen Kindergarten!“ – Können daran unsere deutsche Familie und unser Volk zugrunde gehen, wie Beetz befürchtet? Das Gegenteil würde eintreten. Darum sollten wir alles tun, um möglichst viele solcher Mütter zu erhalten. _Damit führt Fröbels Kindergartenidee hinüber ins Gebiet der Frauenbildung._
3. Ihre Reform der Frauenbildung.
a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung.
Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß zunächst echte _Kindergärtnerinnen_ herangebildet werden müssen, die in der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken können. Denn erst, wenn in jeder Gemeinde eine von wahrer Gärtnergesinnung erfüllte gebildete Frau als Leiterin des Kindergartens tätig ist, erst dann ist ja die Voraussetzung dazu erfüllt, daß alle heranwachsenden Mädchen und jungen Mütter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu wahren Pflegerinnen der Kindheit.
Diese Notwendigkeit hatte schon Fröbel erkannt. Daher bemühte er sich bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden, Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mädchen und Frauen zu solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine zweite Frau (Louise Fröbel), diese Arbeit fort. Später entstanden in vielen Städten Deutschlands besondere „_Seminare für Kindergärtnerinnen_“. Die preußische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse für Kindergärtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erließ besondere Vorschriften für die staatliche Prüfung der Kindergärtnerinnen. Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.
Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar für Kindergärtnerinnen gegründet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der besten.
Der Ausbau der Kindergärtnerinnen-Seminare stieß auf große Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzüglicher Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemäßer Weise übernehmen konnten. Beim Kindergärtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder völligen Neuschöpfung war auch hier zunächst nur ein chaotischer Zustand vorhanden, aus dem sich erst ganz allmählich festere Formen heraus entwickelten. Daß sich dieser Klärungs- und Gestaltungsprozeß vollzog, daß mehr und mehr die frühere „vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse abhängige Bildnerei der Kindergärtnerinnen“ einem geordneten systematischen Lehrgang wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie übte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklärte sie auf der Hauptversammlung des „Deutschen Fröbelverbandes“ in Magdeburg – also vor den versammelten Leiterinnen der Kindergärtnerinnen-Seminare Deutschlands: „Gestehen wir es uns offen, _unsere Seminare_, die Fachschulen, die einer Anzahl von jungen Mädchen, die öfter der Not gehorchen als einem inneren Drange, die Vorbereitung zur Kindergärtnerin geben, _entsprechen nicht der Idee Fröbels_, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen zu ganz gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.“ –
Man hatte in der Ausübung des Kindergärtnerinnenberufs eine _Erwerbsquelle_ entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen. Gewiß hat Fröbel dadurch, daß er einen neuen Beruf für Frauen geschaffen hat, eben den Beruf der Kindergärtnerin, unendlich viel für die „Brotfrage“ des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare dürfen nicht dieser Brotfrage wegen gegründet werden, sie müssen vielmehr stets der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie _einer großen Idee entsprungen_ sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer gewöhnlichen Fachschule herab, in der man sich begnügt, die Schüler äußerlich auf den zukünftigen Beruf zuzustutzen. Diese äußerliche Abrichtung ist aber nirgends gefährlicher als gerade hier, wo es sich darum handelt, _Trägerinnen einer neuen Frauenkultur_ heranzubilden. Für viele Berufe mag es genügen, die Schüler in äußerer Technik zu schulen, _für den Beruf der Kindergärtnerin genügt es nicht_. In ihr muß der innere Sinn für die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie muß das spezifische Wesen der Frau erkannt, _innerlich erlebt_ haben, sie muß im Kinde die Kindheit, das Göttliche ahnen: wie kann sie sonst _Pflegerin der Kindheit_ werden? wie kann sie sonst Mädchen und Frauen zum Bewußtsein ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?
Es genügt also nicht, daß die zukünftige Kindergärtnerin auf dem Seminar in die Handhabung der Fröbelschen Gaben und Beschäftigungen eingeführt wird. Sie muß tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und Welterkenntnis.
Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemüht, dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgänge und durch Aufnahme allgemeinbildender Fächer in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem Umfange ist ihr die Lösung des schwierigen Problems noch nicht gelungen. Dessen war sie sich auch vollkommen bewußt.
Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der Schülerinnen erschließen zu können durch die _kulturhistorische Begründung_, die sie der Fröbelschen Pädagogik gab. Sie ging dabei aus von dem Wort Fröbels: „In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts aus, so daß das gesamte Menschengeschlecht als _ein_ Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des Einzelnen nachzuweisen sind.“ Also: _Die Entwicklung des Einzelnen gleicht der Entwicklung der Gesamtheit_, oder wie Karl Lamprecht es einmal ausgedrückt hat: „Der heutige Stand der Wissenschaft läßt keinen Zweifel mehr daran bestehen, daß die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der Rasse verläuft. Die natürliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß, um die Entwicklung der Rasse zu verstehen, es nötig ist, die Wissenschaft der Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt. Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in vielen Punkten verläuft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte, die man als Prähistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf, die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen stehenden Naturvölker eigentümlich sind.“
Dieses _biogenetische Grundgesetz_, wie man es in der Wissenschaft genannt hatte, spielte in der Pädagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rolle. Der Leipziger Universitätsprofessor Ziller wollte die Verteilung des Lehrstoffes für die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermögen der Kinder am besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht „_Kulturstufen_“. Den gesamten Unterricht während eines Schuljahres gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefähr der geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar hatte er ausgewählt:
für das erste Schuljahr: zwölf Märchen der Gebrüder Grimm, für das zweite Schuljahr: Robinson, für das dritte Schuljahr: die Geschichten der biblischen Patriarchen, für das vierte Schuljahr: die Geschichte von Moses usw.
Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen Grundgesetzes nachzuprüfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu erörtern. Uns interessiert hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses Gesetzes die zukünftigen Kindergärtnerinnen in das Verständnis der Fröbelschen Pädagogik einführte. Hören wir sie selbst! – In ihren „Ideen über weibliche Erziehung“ (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige Andeutungen darüber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt: „Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden Übel hat mit dem Bebauen des Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt, enthielt auch den Kern ‚mit der Frucht geschwellt‘, die unser vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermöglicht ein inniges vertrauliches Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind sie nicht die Last, die auf Streifzügen gar nicht mitgenommen werden konnten, deren Tötung als Wohltat betrachtet wurde – sie können in den Räumen versorgt, gepflegt, behütet werden, die eine bestimmte Umgrenzung, eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt, Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes, wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen für die Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt der Handels-, Kaufmannsstand, ‚der Güter zu suchen ausgeht, an dessen Schiff das Gute sich knüpft‘. Die religiöse, die wissenschaftliche, die künstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschäftigung mit der Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Göttlichen – zu dem ‚über Zeit und Raum thronenden höchsten Gedanken.‘
Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen bezeichnen, einen festen Punkt für die Erziehung des Einzelnen in unserer Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemäßen Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rücksicht auf die Erziehungsaufgabe im einzelnen? Entwicklung bedeutet ja bei dem Menschen nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu nützt es uns, auf die primitiven Stufen zurückzugehen? Wir werden nicht jedes Kind erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt für die Kultur empfängt. Gewiß, so wenig ‚Entwicklung‘ bei dem Menschen Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig können wir uns von den allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslösen, daß wir nicht mit ihnen anfangen müßten. Die ersten Kulturstufen können niemals von den folgenden ganz überwunden werden, sie sind auch für die nächsten zu benutzen. Jeder Mensch fängt noch heute als ein Kind an und deshalb als ein ‚_Naturwesen_‘, und so steht das Kind bei seiner Geburt viel näher dem Zustande der Naturvölker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als ‚_Naturwesen_‘ zu achten und zu beachten haben und zunächst die Bedingungen erfüllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. _Die Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschöpfes._ Doch wir werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir aus der Beachtung eines naturgemäßen sittlich-geistigen Entwicklungsganges gewannen. Wir sehen, daß auch die sittlich-geistigen Einflüsse durch die verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse bedingt sind, und wir werden folgerichtig schließen, daß die sittliche Gewöhnung des Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat.“ (S. 53 ff.)
„Das Eleusische Fest“ von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt für diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer größeren Schrift „Was ich von Fröbel lernte und lehrte“ hat sie sich über diesen wichtigen Teil ihres Unterrichts weiter verbreitet.
b) Allgemeine Frauenbildung.
_Friedrich Fröbel_ hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven Tuns der Frau zu einer bewußten Kulturleistung, also die kulturelle _Höherentwicklung_ des weiblichen Geschlechts „von seinem Wesen aus“ nur mit Hilfe der Kindergärtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergärten gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.
_Henriette Goldschmidt_ ging in dieser Beziehung über Fröbel hinaus. Sie faßte die Aufgabe weiter. Zwischen Fröbel und ihr lag eben – schon rein zeitlich betrachtet – der Anfang der deutschen Frauenbewegung. Von einer neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.
Um das ganz zu verstehen, muß man bedenken, daß die Mädchen damals noch vom Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab für sie nur private – zum Teil recht minderwertige – Fortbildungseinrichtungen.
Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung zu erhalten als die Männer, entstand die Gefahr, die für Knaben bestimmten Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkämpferinnen für Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen erkannte von vornherein, daß es ein Widerspruch wäre, mit den bisherigen (also auf Männer zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den mütterlichen Instinkt zum Bewußtsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt ihr Wirken für Frauenbildung die starke, _spezifisch weibliche Note_. Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage über „die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ jede Nachahmung der Knaben- und Männerbildungsanstalten ablehnen und erklären: „_Nur durch ein ganz verändertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres Geschlechtes vor sich gehen._“
In Fröbels Pädagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie spürte in seiner Idee, den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. „Zum ersten Male,“ schrieb sie 1909, „erhielten die Frauen (durch Fröbel) nicht nur guten Rat und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen Pädagogik, sondern eine _Lehre_ in systematischer Form, eine neue Lehre von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis.“