Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen

Part 6

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Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. _Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen._ Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf _menschenwürdige_ Existenz gewiß das Urrecht jedes in _Gottes Ebenbilde_ geschaffenen Wesens. _Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen_, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.

Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende, hier sind alle gleich bedürftig.“

Die _Lösung der Frauenfrage_ ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich _durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung_. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der _Gründung eines Frauenbildungsvereins_, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), _Fortbildungsschulen für Mädchen_ zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen: _die Schaffung eines_ dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer Kultur führenden _Frauenbildungswesens_. Vieler Jahrhunderte hatte es bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen. Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt vorschwebte: _die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte_.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

„_Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des Lebens._ Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend – *die Frau*!“

b) Friedrich Fröbel.

Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –

Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.

Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.

_Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen._ Unter Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind. Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden gemeinsam war.

Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen. Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die _Menschheit_ ist Ursprung und Schöpfer der _Kultur_ – wie die _Gottheit_ Ursprung und Schöpfer der _Natur_ und der _Menschheit_ ist. Menschheit und Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.

Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der _Schöpferwille_ und die _Schöpferkraft_, der Drang und die Fähigkeit, sich (d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse _Gestalt_ zu geben. Stoff an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos, erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.

Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).

Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich _ungehemmt_ und _frei_ entfalten, darstellen, objektivieren kann.

Dazu gehört dreierlei:

_Erstens_ muß sie sich in ihrem innersten Wesen _rein_ erhalten. Das geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt. Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es sprach und spricht sich im _Äußern_, in der Natur, wie im _Innern_, in dem Geiste, und in dem _beides Einenden_, in dem Leben, immer gleich klar und gleich bestimmt dem aus, den entweder _von dem Gemüte und Glauben_ aus die _Notwendigkeit_ erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders sein kann, oder dem, dessen _klares ruhiges Geistesauge_ in dem Äußern und durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit _hervorgehen sieht_. Diesem allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare, lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde. Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst – entweder durch _Glauben_ oder durch Schauen lebendig, gleich er- und umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.

Diese Einheit ist Gott.

Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller Dinge.

In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.

Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe, durch Gott.

Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.

Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das _Wesen jedes Dinges_.

Die _Bestimmung_ und der _Beruf aller Dinge_ ist: ihr Wesen, so ihr Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –

_Zweitens_ muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung _bewußt_ werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun. Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich der Gottheit.

_Drittens_ braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur _Betätigung_. Das Bewußtsein ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, _Arbeit und Schaffen_ am Materiellen, am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn. Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ _Strafe_ für die im Paradies begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme _Notwendigkeit zur Erhaltung des Körpers_ (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist _Mittel zur Entfaltung des Geistigen_. Sie ist der stärkste und unentbehrlichste _Kulturfaktor_ überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“, hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt, „erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein – _der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte_ und er so sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“

Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel _an das Erziehungsproblem heran_. Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:

1. Hinlenken des Blickes der Menschen _auf den ewigen Ursprung alles Seins_ und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem Göttlichen,

2. Anregen und Hinführen zur _Selbstbesinnung über das Wesen und die Bestimmung des Menschen_, und

3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu _produktiver Arbeit_.

Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die überhaupt erst Kultur möglich machen.

_Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“ in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner Kulturleistung_, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.

Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!

Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst (oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen, gleichsam _auf die Menschheit im Menschen_ an. Wenn je ein Pädagog, so betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit _sub specie aeternitatis_.

Am _reinsten_ und noch völlig „unverletzt“ tritt uns _die Menschheit im Kinde_, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an, daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das kann nur geschehen durch _angemessene bewußte Pflege_. Darum ist die früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird seine Bestimmung _nicht_ erfüllen.

Es gilt also _die Menschheit zu pflegen in den Kindern_. Das ist das erste und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.

Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben nur ein – _Pflegen_.

Das Bild des _Gärtners_ schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß es also sein _Wesen_ (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine Schützlinge – _pflegen_.

Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es _in der ersten Erziehung_. Hier gilt es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu _pflegen_, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen – oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: _Kindergärtnerinnen_. Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“ Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut, muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten, Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln, auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“

Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein _Garten der Kindheit_, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind _Kindergärten_, d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“ können.

Wie kann das geschehen?

Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist, wie oben bereits erwähnt, der _Schöpferwille_, der _Gestaltungsdrang_. Im frühen Kindesalter äußert sich dieser als _Tätigkeits- und Beschäftigungstrieb_. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“ (1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.

_Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes_ war für Fröbel der Anfang wahrer Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal „wohnen in einem Tempel.“

Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten würden. So schuf er:

1. seine „_Mutter- und Koselieder_. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von Friedrich Unger(3);

2. seine _Gabenreihe_ (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);

3. seine _zahlreichen sonstigen Beschäftigungen_ (Legetäfelchen, Flecht- und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).

Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den _Geist_, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.

Und da setzte er seine ganze Hoffnung _auf die Frauenwelt_.

In dem _mütterlichen Instinkt_, in dem angeborenen _Pflegesinn_ des Weibes sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege. „Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“

Freilich, diese _Einigung von Kindheit und Frauenleben_, die früher wohl bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht _bewußt_ waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben. Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das _Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn_“ erwacht ist und das _Streben_, diese natürliche Einheit wieder herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein Einiges werden.“ (Fröbel.)

Was das weibliche Geschlecht bisher rein _instinktiv_ getan, nur seinem Naturtriebe folgend – also im Grunde _passiv_ –, das soll und wird es in Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im Grunde _aktiv_. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.

Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn es _zuvor_ seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es im einzelnen Kinde nicht mehr _nur das seelisch-körperliche Einzelwesen_ erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in jedem Kinde _das ewig Geistige, die Mensch__heit_ (in dem oben dargelegten Sinne) und damit _Göttliches_ ahnt.

Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum _Kinde_ und zur _Menschheit_.

Sie ist nicht nur mehr _Hüterin eines Einzelgeschöpfes_, sondern _Priesterin des Ewigen_: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in ihrem Kinde. Der natürliche _Pflegesinn des Weibes_ – der tiefste Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer _Kulturnotwendigkeit_.

Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung _kulturfördernd in großem Stil_ werden will, muß sie diese ihre tiefste Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist _dem weiblichen Geschlecht als Ganzem_ eine Möglichkeit zur Höherentwicklung „_von seinem Wesen aus_“ gegeben. Mögen einzelne begabte Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen) _Gleichwertiges_ schaffen können.

Die _Pflege der Menschheit in der Kindheit_, also das Erhalten und Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen _kulturschaffenden Kraft_ ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit _gleichwertig_.

In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und gewollt habe, das Wort:

„_Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben._“

Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum „geflügelten“ geworden ist:

„_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau._“

Auch dieses Wort weist in die Zukunft.