Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen
Part 5
Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die *Rechte* zu verschaffen, die die _Voraussetzungen_ für diese Mitarbeit sind, die Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr temperamentvoller Vortrag über „_Rechte und Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat_“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht „weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur _Mittel zum Zweck_, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee _der Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit_.
Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies schon im Titel zum Ausdruck brachte. „_Die Frauenfrage eine Kulturfrage_“ lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie seitdem oft und gern wiederholt hat: „_Wir haben wohl Väter der Stadt, wo aber sind die Mütter?_“
„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte(2), „Wo sind die Mütter? _Hier ist der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung._“
Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. _Was ist Kultur?_ – Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit schlummern, sich _im Leben darstellen_, das Leben erhöhen und veredeln.
Das _spezifisch Weibliche_ nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt, erblickt Henriette Goldschmidt in dem _Pflegesinn_, in dem mütterlichen Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine Eigenart _zum Bewußtsein zu bringen_, ist die nächstliegende Pflicht der Führerinnen. Und dann _Freiheit_ für die Betätigung dieses Instinkts! Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist an ihn geglaubt hat.
Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in historisches Geschehen. Aber den _Glauben_ hatte sie an eine bessere – ferne Zukunft.
_Wie_ sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „_Die Frauenfrage innerhalb der modernen Kulturentwicklung_,“ die Henriette Goldschmidt am 27. September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:
„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt, so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde, als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie wäre es zu erklären, als aus einem _inneren_ Gesetze, das uns oft gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.
So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist, gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger _dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse bestimmt_. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:
_Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer Fortentwickelung bedürfen!_ Und die Geschichte belehrt uns, daß wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich, selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „_Das Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit._“
In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien- und Volksgenossenschaft.
In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht gegen Volk und Staat und Gott, _eine Familie zu begründen_, und mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.
_Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der alten Welt._ War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-, Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten festgestellt.
Wurde demnach das eheliche Verhältnis als ein Pflichtverhältnis aufgefaßt, so ergab es sich von selbst, daß die Neigung eine untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam. Während – und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer Beachtung zu empfehlen – _während unsere Dichtungen es fast ausschließlich mit den Konflikten des Herzens in Rücksicht auf die Gattenwahl zu tun haben, erzählen uns die Dichtungen des so hoch kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der Jugend gegen die von den Eltern oder Vormündern bestimmte Gattenwahl_. Die griechischen Tragödien, diese Meister- und Musterwerke, haben es mit den erschütterndsten Kämpfen innerhalb der Familie, _nicht mit dem Liebesleben und -leiden_ jugendlicher Gemüter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im Interesse einer zu gründenden Familie geschlossen, sie soll _ein freies Bündnis zweier __Menschen in Liebe_ sein, durch nichts bestimmt als durch die eigene freie Entschließung.
Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen. Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise, der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der _Pater familias_ im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit, hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.
Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu versorgen.
Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die _oft selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit_, von der andern die _Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden_.
Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere _eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt_. Und es wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.
Hier sehen wir den _Keim_ der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.
_Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich vorzüglich gegen unser Geschlecht._
Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf eigene Existenz dem _Manne_ in höherem Grade zuteil werden lassen, als die antike Kultur.
Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, _unsere Kultur hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als gewährt_.
Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten, ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft, und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den Frauen im Hause genommen.“
Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, _die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt_. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, _daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen_? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine _gefährliche_ Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. _Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen?_ Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, _zum Egoismus_, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, _daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen_. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und _die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören_. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?
Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen, kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß es eine bestätigte Tatsache ist: „_Der größte Teil dieses elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter Erziehung._“