Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen
Part 3
Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen, brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden konnte, war natürlich.“
Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal jemand die Schönheit der Stadt rühmte, sagte sie mit leisem Lächeln: „Sie haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenüber dem Gefängnis gewohnt.“ Dieser Eindruck blieb ihr unauslöschlich, und immer sagte sie, längst vor dem grauenvollen Schicksal Rußlands: Man müßte dies Land zerschlagen, ein solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie müßten dort jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es einigermaßen erträglich sein sollte. Und sie führte oft das bittere Wort ihres Mannes an: „Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!“
Nach reichlich fünfjährigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der Erlösung. In den Erinnerungen heißt es: „Und wie ein Wunder erschien es mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschluß faßte, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in Leipzig zu übernehmen. Als wir die Grenze überschritten hatten, das unter dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es mir, als hörte ich das erste Bundeswort am Sinai: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein freies Land!‘“
4. Die ersten Jahre in Leipzig.
Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen; Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz, den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘ erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“
1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag. Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah, echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall. Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden; sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen wie dem Vers:
„Schillers Glocke, Schillers Locke, Schillers Faust und Schillers Tell“ –
Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am 10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit, Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung spottet.
Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer, die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘ der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.
Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:
‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde – Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit – sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“
Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes, sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr doch das große tiefe Erleben. –
Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war 1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859 symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden, der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“
Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat. Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer, sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt. Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren, bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist die Stadt der Humanität.‘
Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung, recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir: ‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“
Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat lieben.
Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt; losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar; aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte, eine tiefe Erbauung.
„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei. Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.
Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an, in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte. Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur, war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.
5. Schaffensjahre.
Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der Mutterschaft.
Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte, Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen dieses Bruderkrieges.
Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl, daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben sind wir Frauen da.‘“
Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten, aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes, daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).
Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).
Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte. So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen, die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den Streit anhören.“
Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens. Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat, dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten, fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“
Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach „Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit zu leisten.
In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb, fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun, die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.
Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift: „Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören, ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht, daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan, ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte – ‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.
Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr ‚Es werde‘ der Welt verkündet.“