Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen

Part 2

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In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten, als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet. Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat. Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach, sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“

Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“

Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge, ungewöhnlich reizvolle Schwägerin mißtrauisch überwachte, war der tiefste Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fühlte, von ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen; sie spürte es, nur der Mann, der ihrer eigenen Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen ließ, konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte: „Ihn zu überstehen half mir die revolutionäre Bewegung der vierziger Jahre, das Jahr 1848.“

2. Die Bewegung der vierziger Jahre.

In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine Weltanschauung bekommen?“

Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die über das allgemeine Mädchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der Bewegung der vierziger Jahre. In dem väterlichen Hause wurden viel politische Gespräche geführt, und Henriette schrieb davon später nieder: „Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet für die Erkenntnis seiner Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden eingeräumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die Veröffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen. In Krotoschin, das keine Zeitung besaß, wurde die Breslauer Zeitung jeden Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am Familientische vorgelesen. Wir hörten mit die Reden der damaligen Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfüllte uns für die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die außerhalb der Sphäre unseres Verständnisses lagen – aber die Art der Behandlung erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen Fragen nicht fehlt.

Das Hauptinteresse erregten natürlich die Verhandlungen über die Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt unseres Fühlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den freisinnigen Abgeordneten, losgelöst vom konfessionellen, nationalen Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prägte: Von einem christlichen Staat dürfte man nicht reden, das hieße ein Haus bauen wollen und die Steine dazu vom Mond holen. – Beckerath, der in schmerzlichem Mitgefühl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten erlitten, – es waren unauslöschliche Eindrücke, die diese Redner uns gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir täglich einige Stunden „Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker“ ohne zu ahnen, wie bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich vernehmen lassen würden.“

In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen zurückgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und während der Vater schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames Wechselgespräch. Sie redeten nicht von der Sommernacht draußen, nicht von dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben sprachen sie, das Georg Herwegh an den König Friedrich Wilhelm IV. gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der alle nach Freiheit sehnsüchtigen Herzen entflammt hatte. Draußen verging die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen schlugen die Herzen heiß. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie rief endlich aus: „Hätte ich doch die Gedichte!“ und ihr Reisegefährte, glücklich, ihr diesen Wunsch erfüllen zu können, legte ein schmales Bändchen in ihre Hand. Davon schrieb noch später die Greisin: „Ich darf wohl sagen der ‚Lebendige‘, dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges, nach Freiheit begehrendes Mädchenherz. Der Funken, der so schnell zündete, hat während meines langen Lebens seine leuchtende und wärmende Kraft bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thüringens Wälder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:

„Eure Tannen, eure Eichen Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit ihr gewahrt? Nein, sie soll nicht untergehen! Doch ihr fröhlich Auferstehen kostet eine Höllenfahrt!“

Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefährte?

In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war, die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß gefaßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat. Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“

Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“ schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848 ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.

Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen, war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat man auch Gliederschmerzen.“

Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin, immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten. Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu begrüßen!‘

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit, die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter Mädchenstreich vergessen.“

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht, heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit ihre Entstehung verdankt.“

Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie, gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch, die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen, ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren, die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte: Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land, nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder, die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.

3. Die ersten Ehejahre in Warschau.

Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt. Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus, dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es später oft nannte, nach Halbasien führte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische, doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn Jahre alt war(1).

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag, zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind Schiller, Lessing und Goethe.“

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip, der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee Monotheismus.“

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand, tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet das Goethesche Wort:

Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident! Nord- und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände.

Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie schrieb: „An unserem Verlobungstage sagte mein Bräutigam zu mir, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurückzukehren, würde ich nicht dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses Ausspruches habe ich erst während meines Aufenthaltes in Warschau erkannt!“

Es war noch das Rußland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in Deutschland sang:

Gott schütz’ uns vor dem Frankenkind Und vor dem Zaren, deinem Schwager.

Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser großen Bewegung lebend.

Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen, wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz überstempelte, sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: „Wenn die wüßten, welche Bibliothek ich in dir über die Grenze bringe!“ Sie berichtet über ihren ersten Eindruck in Warschau: „Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen Provinz Posen, die Preußen einverleibt war; so ganz fremdartig hätten mich die Verhältnisse nicht berühren sollen, und doch war mir alles so fremd und unheimlich. Zunächst in Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung, die unter einem besonderen Drucke lebte. Die preußische Regierung war bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu beeinflussen. So war es mir in dem großen glänzenden Warschau, als wäre ich in einem Traumlande; ich fühlte mich um Hunderte von Jahren in einen gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berührung mit den äußeren Verhältnissen zumute, und am liebsten würde ich mit Mann und Kindern zurückgewandert sein und wäre es auch nach Krotoschin gewesen.“

Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlösbare Band, das die junge Frau in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben, schlossen sich bald mit großer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhältnis war; der jüngste Sohn Benno, den die Neunzigjährige noch „mein Bennochen“ nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde. Bald darauf aber sollte er in Höslein gehen, die älteren Brüder spöttelten schon über das „Mädchen“, da sagte die junge Stiefmutter einmal: „Ach, es gefällt mir gar nicht, daß du nun auch schon ein großer Junge in Hosen sein wirst“, und der Kleine antwortete treuherzig: „Wenn’s dir lieber ist, Mamachen, kann ich ja noch ein Mädchen bleiben.“

Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen, liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung hinein.