Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen
Part 10
Zehn Jahre hat die Anstalt als „Hochschule für Frauen“ bestanden. Der im Voranstehenden abgedruckte Plan von 1911 wurde im Laufe dieser Jahre vielfach abgeändert und erweitert. Aber die treibende Kraft für all diese Reformen war nicht eigentlich mehr Henriette Goldschmidt, sondern die Initiative ging jetzt aus von den verschiedenen _Vertretern der einzelnen Hauptfächer_, die ihr Lehr- und Arbeitsgebiet – zum Teil auf Anregungen von außen – erweitern und ausbauen mußten. Eine ausführliche Darstellung dieser Entwicklung gehört daher nicht in eine Biographie Henriette Goldschmidts. Immerhin wird es den Lesern erwünscht sein, die Nachwirkung und allmähliche Realisierung der Goldschmidtschen Ideen wenigstens in großen Zügen kennen zu lernen. Darum seien im folgenden aus der Geschichte der Leipziger Frauenhochschule die wichtigsten Daten angegeben:
_Im Winter-Semester 1911/12_ wurde die „Hochschule für Frauen“ als Anstalt des „Vereins für Familien- und Volkserziehung“ mit zusammen 898 Hörerinnen und Studierenden eröffnet. Sie umfaßte damals drei Abteilungen, nämlich
a. die _Allgemeine Abteilung_ (in erster Linie für Hörerinnen bestimmt), b. die _Pädagogische Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von Lehrerinnen der Fröbelschen Pädagogik an Kindergärtnerinnenseminaren, Frauenschulen usw.), c. die _Sozialwissenschaftliche Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von beruflichen und ehrenamtlichen Kräften für das gesamte Gebiet der sozialen Arbeit).
Im _Sommer-Semester 1913_ traten neu hinzu besondere Kurse zur _Fortbildung staatlich geprüfter_ und in längerer Praxis bewährter _Krankenschwestern_ für leitende Posten (Oberinnen, Oberschwestern, lehrende Schwestern). Im Herbst 1916 wurden diese Kurse in eine selbständige Abteilung umgewandelt.
_Ostern 1914_ wurde der umfangreiche, mit allen Einrichtungen moderner Unterrichtstechnik ausgestattete _Erweiterungsbau_ in Benutzung genommen. (Königstr. 18/20).
Vom _Sommer-Semester 1914_ an wurde – nachdem die dazu nötigen Laboratorien in der Anstalt geschaffen worden waren – die _Naturkundliche Abteilung_ ausgebaut, die der Ausbildung technischer Assistentinnen für medizinische und industrielle Laboratorien dient.
Im _Winter-Semester 1916/17_ erfolgte die rechtliche und finanzielle Loslösung der Hochschule vom „Verein für Familien- und Volkserziehung“ und ihre Umwandlung in eine selbständige, dem sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts unmittelbar unterstellte _rechtsfähige Stiftung_.
_Ostern 1917_ wurden Lehrgänge zur Ausbildung staatlich geprüfter _Jugendleiterinnen_ an die Anstalt angegliedert.
Seit _Sommer-Semester 1917_ wurden allmählich für alle Abteilungen (mit Ausnahme der Allgemeinen Abteilung) _staatliche Prüfungen_ eingerichtet.
Am _1. April 1921_ löste sich der „_Verein für Familien- und Volkserziehung_“ auf und vermachte der Hochschule neben seinen Grundstücken und sonstigen Vermögenswerten seine sämtlichen Anstalten (Fröbel-Frauenschule, Seminar für Kinderpflegerinnen, Henriette-Goldschmidt-Kinderheim und drei Volkskindergärten).
Am _1. Oktober 1921_ ging die Stiftung „Hochschule für Frauen“ mit ihren gesamten Anstalten _in den Besitz der Stadt Leipzig_ über unter gleichzeitiger Umgestaltung und Verschmelzung der verschiedenen Lehranstalten zu einem „_Sozial-pädagogischen Frauenseminar_“, bestehend aus folgenden Abteilungen:
_ 1. Frauenhochschulkurse_ (bisherige Allgemeine Abteilung). _ 2. Wohlfahrtsschule_ (zur Ausbildung von Wohlfahrtspflegerinnen und sonstigen Sozialbeamtinnen auf Grund der staatlichen Prüfungsordnung von 1921). _ 3. Ausbildungsanstalt für Jugendleiterinnen_ (Lehrbetrieb und Prüfung geregelt nach den staatlichen Bestimmungen Sachsens vom 6. Februar 1918). _ 4. Oberinnen-Lehrgang_ zur Fortbildung staatlich geprüfter Krankenschwestern für leitende Stellungen in der Krankenpflege (mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung von 1917). _ 5. Lehranstalt für technische Assistentinnen_ (mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung vom 15. Oktober 1917). _ 6. Fröbel-Frauenschule bzw. Kindergärtnerinnenseminar_ (Lehrbetrieb und Prüfung geregelt nach den sächsischen Bestimmungen vom 6. Februar 1918). _ 7. Seminar für Kinderpflegerinnen_ (ohne staatliche Prüfung). _ 8. Soziale Anstalten bzw. Übungsstätten_ (Henriette-Goldschmidt-Kinderheim, 3 Volkskindergärten und eine Kinderlesehalle).
Es ist häufig die Frage aufgeworfen worden, _warum die Umwandlung der Frauenhochschule in ein sozial-pädagogisches Frauenseminar erfolgt sei_.
Die Umwandlung hat sich in Wirklichkeit allmählich ganz von selbst vollzogen.
Der Entfaltung des innersten Frauentums im Sinne der Fröbel-Goldschmidtschen Idee der allgemeinen Höherbildung des weiblichen Geschlechts „um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen“ (vgl. S. 146 ff.) sollte die Anstalt _ursprünglich_ dienen. Dieser hohen Kulturaufgabe wegen war bei der Gründung der Name „Hochschule für Frauen“ gewählt worden. Man hatte geglaubt, daß zahlreiche Frauen rein um dieser Idee willen die Anstalt besuchen würden.
Aber die Entwicklung verlief anders.
Die große Idee der Anstalt wurde nur von ganz wenigen richtig verstanden. Diese wenigen konnten sich meist aus wirtschaftlichen Gründen nicht eine hochschulmäßige Weiterbildung leisten, die nicht mit Sicherheit unmittelbaren praktischen Nutzen versprach. Die Verhältnisse in unserem Vaterlande haben es nun einmal mit sich gebracht, daß jetzt die meisten Frauen eine _gründliche Ausbildung für bestimmte, wirtschaftliche Sicherheit bietende Berufe_ suchen müssen. Dieses immer stärker hervortretende Bedürfnis nach _solcher_ Berufsbildung bestimmte mit Recht in der Folge mehr und mehr den weiteren Ausbau der Anstalt (vgl. S. 170–172). Die ursprüngliche Idee wurde dadurch allmählich in den Hintergrund gedrängt und schließlich ganz vergessen.
Man beschränkte sich bei der Auswahl der Berufe, für die die Frauenhochschule vorbereiten sollte, bewußt auf spezifische Frauenberufe, also auf solche, die den Frauen Gelegenheit geben, ihre ursprüngliche Naturanlage zu entfalten. Es kamen da in erster Linie in Frage die uralten Domänen der Frauenarbeit: Kinderpflege, Wohlfahrtspflege und Krankenpflege. Zwar konnte man sich auch auf anderen Schulen dafür ausbilden. Die Hochschule aber beabsichtigte, für diese wichtigen Arbeitsgebiete gründlicher und umfassender, eben hochschulmäßiger vorzubereiten, als dies anderswo geschah. – Aber auch dieser Gedanke ließ sich nicht dauernd verwirklichen, da inzwischen der Staat nach und nach für alle in Betracht kommenden Frauenberufe allgemeinverbindliche Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften erließ, denen sich naturgemäß auch die Frauenhochschule anpassen mußte, was Erleichterungen ihrer bisherigen Aufnahme- und Prüfungsvorschriften sowie Kürzungen ihrer Studienpläne nötig machte.
So war denn die Anstalt im Jahre 1921 tatsächlich bereits eine Berufsschule für Frauen geworden, die in äußeren und rechtlichen Beziehungen (Aufnahmebestimmungen, Dauer der Ausbildung, Kosten, Prüfungen und Anstellungsmöglichkeiten) mit entsprechenden anderen Anstalten in Deutschland übereinstimmte. Es war daher nur eine letzte Konsequenz dieser Entwicklung, daß beim Übergang der Anstalt an die Stadt Leipzig dies auch im Namen der Schule zum Ausdruck gebracht wurde. Es wäre innerlich unwahr gewesen, wenn der Name „Hochschule“ beibehalten worden wäre, nachdem die Entwicklung außerhalb und innerhalb der Anstalt sich im Laufe eines Jahrzehnts anders vollzogen hatte, als man bei der Gründung der Frauenhochschule anzunehmen berechtigt gewesen war.
Im gewissen Sinne aber besitzt das Leipziger Sozial-pädagogische Frauenseminar auch nach seiner Anpassung an die gegenwärtigen Zeitverhältnisse noch eine gewisse Eigenart, und zwar unterscheidet es sich durch folgendes von allen ähnlichen Anstalten:
1. Die Anstalt hat sich in gewissem Umfang die früheren guten Beziehungen der Frauenhochschule zur Universität Leipzig bewahrt, wodurch die Vielseitigkeit und Qualität des Lehrkörpers und damit das Niveau sowie der vorwiegend akademische Charakter des Unterrichtsbetriebs in den höheren Abteilungen des Sozial-pädagogischen Frauenseminars sichergestellt ist.
2. Die Anstalt vermeidet bewußt die Einstellung auf die Fachausbildung für nur einen Frauenberuf, wie das die sonstigen Fröbelseminare, sozialen Frauenschulen u. dgl. tun. Die bisherige zehnjährige Erfahrung hat gezeigt, wie vorteilhaft es für die Erweiterung des Gesichtskreises der Schülerinnen ist, wenn sich an derselben Bildungsstätte Lehrer und Schülerinnen mit den verschiedensten geistigen Interessen und Berufszielen zusammenfinden. Aus diesem Grunde wird neben gründlicher theoretischer und praktischer Fachausbildung Gelegenheit geboten zu umfassender allgemeiner Fortbildung der Schülerinnen nach eigener Wahl. Ohne dem eigentlichen pädagogischen Großbetrieb das Wort reden zu wollen, muß doch gesagt werden, daß nun einmal ein pädagogischer Zwergbetrieb – wie ihn die meisten derartigen Anstalten darstellen – von wenigen, besonders günstig liegenden Ausnahmefällen abgesehen, in persönlicher und sachlicher Beziehung nicht die gleiche Leistungsfähigkeit entfalten kann, wie eine große öffentliche Lehranstalt.
Henriette Goldschmidt schrieb 1911 im ersten Plan für die Frauenhochschule: „_Es fehlt bisher an einer höheren pädagogisch-sozialen Bildungsstätte für die Frauenwelt._“ – Und sie hatte Recht. Überall bestanden pädagogische und soziale Berufsschulen für Frauen _nur getrennt_. Unsere moderne Kulturentwicklung aber, besonders der starke soziale Zug unserer Zeit und die jetzt immer mehr sich verbreitende Erkenntnis, daß gewisse Nöte unseres Volkes nur durch großangelegte Erziehungsmaßnahmen beseitigt werden können, _macht eine Vereinigung pädagogischer und sozialer Arbeit_ dringend nötig. Je inniger die Verbindung beider ist, umso reicher werden sich beide Teile gegenseitig befruchten. Darum müssen schon während der Ausbildungszeit unserer zukünftigen pädagogischen und sozialen Berufsarbeiterinnen so viel als möglich Fäden hinüber und herüber gesponnen werden. Das hatte Henriette Goldschmidt erkannt und _erstrebt_, das will – getreu seiner Tradition – das Sozial-pädagogische Frauenseminar der Stadt Leipzig in seiner jetzigen Form _verwirklichen_.
Das Erbe Henriette Goldschmidts ist also nicht aufgegeben worden, _es lebt fort_, nur in anderer, in zeitgemäßerer Gestalt, es lebt und wirkt fort zum Segen unseres Volkes.
ANMERKUNGEN
1 In seinen Briefen schrieb später _Karl Jatho_ über Dr. Goldschmidt an seine Eltern:
Leipzig, d. 9. 11. 1872.
Eine ebenso angenehme wie nützliche und belebende Bekanntschaft habe ich gemacht an dem hiesigen Rabbiner Dr. Goldschmidt – seine Frau hielt vor einigen Jahren in einer Weiberemanzipationsversammlung zu Kassel eine Rede, vielleicht erinnert Ihr Euch dieses Vorfalles noch. Er ist ein Mann von ebenso wahrem Wissen als Gemüt und Herz; seine Religion ist die Menschenliebe, sein Glaube hält sich an einen Gott, der in der Seele vorgebildet ist; im übrigen unerkennbar, also nur demütiger Verehrung zugänglich. Daraus wird es erklärlich, daß er ebenso teilnehmend in seiner nationalen wie in der christlichen Theologie jeder Konfession arbeitet und lebt, überdies aber die Philosophie als Mutter und Grund aller idealen Wissenschaften hoch schätzt und gründlich studiert hat ... Und so kamen wir in ein Gespräch über den Zwiespalt der Bekenntnisse, welcher umso betrübender sei, je klarer sich die Einheit des rein menschlichen, der guten wie schlechten Eigenschaften herausstelle ...
Leipzig, d. 21. 12. 72.
Da ist hier mein Gönner, der Rabbiner (Dr. Goldschmidt), mit dem ich sehr rege und freudig verkehre, nach wie vor meine innigste Freude und Verehrung. Nicht einmal verlasse ich sein Haus, wo ich nicht eine frische Anregung zum Guten, zum Nützlichen empfangen hätte; er zieht alles Entgegentretende in den Ring seiner Tätigkeit, die rein wie lauteres Gold im Wohl und Glück der Mitmenschen ihren sich selbstumfassenden Abschluß findet. Dabei stehen ihm die Mittel der Gelehrsamkeit, der Weltkenntnis, der eindringlichen Rede zu Gebote, kurz, er besitzt so vielerlei, was ich mit keinem anderen Ausdruck zu benennen weiß als einer gesunden Religiosität, die, frei von aller Dogmatik, nur in der Tat ihr höchstes Ziel erkennt. Wirken ist sein Losungswort, Menschlichkeit der Grundton seines Charakters. Er sucht den Himmel auf der Erde und in seinem Herzen, das im Bewußtsein einer guten Tat den vollen Genuß eines göttlichen Friedens empfindet ...
2 „Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen. Ein Rückblick auf die Anfänge der deutschen Frauenbewegung und das Erziehungswerk Friedrich Fröbels.“ (Zeitschrift für pädagogische Psychologie 1918.)
_ 3 Originalgetreue Neuausgabe_ erschien im Verlag Ernst Wiegandt, Leipzig. _Abgeänderte Neuausgabe_ (bearbeitet von Henriette Goldschmidt) in der Jaeger’schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig.
4 Aufbewahrt im Archiv des Sozialpädagogischen Frauenseminars der Stadt Leipzig.
5 Ich habe in meiner Schrift „_Friedrich Fröbel_“ II. Aufl. 1920 (Bd. 82 der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“. B. G. Teubner, Leipzig) an der Hand zahlreicher neuer Quellen gezeigt daß das „_Kindergartenverbot_“ wahrscheinlich eine Maßnahme gegen die damals zahlreich entstandenen freien Gemeinden sein sollte. Darum darf ich in diesem Zusammenhang von einer näheren Darstellung jener Vorgänge absehen.
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