Part 4
Aber wie allmählig ihre Seele sich den Vorstellungen wieder erschloß, ertheilte er ihr den einzigen Trost, dessen sie empfänglich war. Er erzählte ihr jeden Zug aus den letzten Lebenstagen seines Freundes; er sagte ihr, wie viel sie ihm gewesen: wie, wenn der Drang des Krieges seine Gedanken, seine Kräfte fortgerissen, eine Erinnerung an Sie, die Gewißheit ihrer Liebe, ihn mit all' der stillen Heiterkeit bereichert habe, welche der Genuß einer friedlichen Heimath gewährt.
Seine letzte Rede war der Wunsch gewesen, daß sie gleichsam als seine Witwe, bei seiner Familie, an dem Ort seiner Geburt leben mögte: seine Einrichtungen erhalten, seine Anstalten fortführen. Seine letzte Bewegung war, ihr Tuch von der Brust zu nehmen, es dem Freunde zu reichen für sie.
Allmählig erwachte Entschluß in ihrer Brust.
Einst nach einem solchen Gespräch erhub sie sich bewegter, und mit einer gewissen Feierlichkeit; sie dankte ihm für seine Freundschaft gegen den Geliebten, die er ihm noch nach dem Tode, in der Sorge für sie, bewahrt hatte, sie sagte ihm, daß sie diesen Ort verlassen werde, und verlangte den letzten Beweiß seiner Sorgfalt, daß er sie zum Grabe ihres Geliebten begleite.
Ihre Erschütterung bei diesen Worten, hielt ihn ab zu antworten, aber sie hatte sogleich die Fassung wiedergefunden, und er vertraute der Kraft ihrer Seele.
Der Sarg stand in dem Gewölbe der Hauptkirche. Der Gang schien sie zu erschöpfen, sie stieg die Stufen hinab mit Schwanken, und winkte, allein zu bleiben. Er verließ sie ungern.
Wie sie sich von Zeugen befreit sah, schritt sie heftig auf den Sarg zu, ihr Auge glühte von Liebe, ihre Brust schlug, sie sank auf die Knie, und breitete wieder die Arme aus, voll Entzücken. Dann berührte sie den Sarg mit der Hand, mit der Brust, mit der Stirne, und blieb lange still in sich verlohren.
Als sie zurückkamen, wartete ihr Wagen vor der Thür der Kirche. Sie reichte seinem Freunde die Hand, sagte ihm Lebewohl, und daß sie jetzt nach dem Geburtslande des Geliebten eile.
Ueberall fand sie dort die Spuren seines Wirkens. Schmerz, Andenken und Beschäftigung traten an die Stelle des Liebesglückes. Sein Leben, das der Sturm der Zeit dahingenommen, führte sie in seinem Geiste fort. Aber sie blieb nicht lange einsam, denn in der Frische der Jahre, in der Kraft des Gefühls, welches ihr Leben beseelt hatte, ehe es von der Zeit geschwächt, von Ereignissen zerstreut worden, nahm der Tod auch sie hinweg.
[ Hinweise zur Transkription
Im Rahmen dieser Transkription wurde die Kombination aus "langem s" und "s" in "ß" umgewandelt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aufenthalt" -- "Auffenthalt", "bestimmte" -- "bestimter", "lassen" -- "laße", "weisse" -- "weiße",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 1/2: "dessen sen" geändert in "dessen" (ein Band um Vermählte, dessen Auflösung dem fühlenden Herzen)
Seite 13: "," geändert in "." (für Mutterfreuden schadlos halten müssen.)
Seite 92: "solte" geändert in "sollte" (ich nicht bin, wo ich seyn sollte)
Seite 95: "Erinnerungsstäten" geändert in "Erinnerungsstätten" (von allen Erinnerungsstätten meines Landgutes Abschied genommen)
Seite 100: "lauffen" geändert in "laufen" (von den jenseitigen die nach Mittag laufen)
Seite 104: "unbekanten" geändert in "unbekannten" (an dem Fenster des unbekannten Gebäudes)
Seite 116: "gesammlet" geändert in "gesammelt" (im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt)
Seite 125: "uud" geändert in "und" (auf Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute)]