Part 3
War es ein Spiel der erhitzten Phantasie, war es eine Täuschung, welche mir die Gewährung dieses süßen Wunsches vorspiegelte? Es war die schönste Sommernacht; Glühwürmchen schimmerten im dunklen Grase, als wären Sterne dem Boden entblüht: dämmernd schwamm das Mondlicht um die Büsche; ein kühler Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, trug auf seinen Luftwellen die Düfte der Orangerie, der blühenden Gewächse zu mir herein, und wogte wie ein Liebesmeer um meine Brust. Die Flammen der Kerzen wankten, die Vorhänge bewegten sich leise, draußen neigten sich die Wipfel, und lindes Leben regte jeden Gegenstand umher, regte sich auch in meiner Brust. Ein reines Gefühl des Daseyns hatte sich meiner Lebensgeister bemächtigt, die Gegenwart umfing mich mit stillem Zauber. Da rauschte es lauter außen in den Büschen; eine dunkle Gestalt wallte im Mondlicht an meinem Fenster vorüber. Er! er! schlug mein Herz. Eine Sekunde blickte sie mich an; ich stürzte zum Fenster; alles war ruhig, unbeseelt von der Spur eines lebendigen Wesens lag die stumme Nacht. O Geliebter! war es dein Geist, der die Liebende grüßte?
XXXIX.
Ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war, als ich diese Wohnung verließ. Jene Täuschung der ersehntesten Hoffnung, jener erste Verlust, der mir ein Stück meines Lebens in Julien hinwegnahm: sie haben mich in die Tiefen des Lebens geführt, wo die Schwermuth hauset. Damals fühlte ich zuerst den Schmerz, daß alle Verbindungen, die der Mensch im Jugendmuthe, als zu seinem Seyn gehörend betrachtet, wandelbar sind. Ich fühle nun meine Liebe nicht mehr über dem Schicksal, und sehne mich, sie durch engere Verhältnisse zu sichern. Der Gang meiner Vorstellungen ist verwandelt; das Spiel mit jeder Lebensfreude, welches mich sonst dahinriß, betrachte ich jetzt aus der Ferne, als ein Schauspiel.
XL.
Ja ich will zu ihm, ich muß sein werden: jede Gestalt, jedes Gespräch, die unbeseelten Räume erinnern mich, daß ich nicht bin, wo ich seyn sollte; daß ich zu ihm gehöre, auf dem Gebiet seines Besitzthums, einsam mit seinem Bilde, oder an seiner Brust.
Es ist keine Wahrheit, keine Zuverlässigkeit im Leben, als von einem entsprechenden Herzen. Wir sagen unsre innerste Meinung, und wer versteht ganz was wir ausdrücken, als wer den Keim unsres Wesens, in seiner Liebe fühlt; vor dem das Bild unsrer Lebensereignisse in seiner ganzen Folge daliegt, aus welchen sich unsre Meinungen entwickelt haben, durch welche sie ihr Kolorit erhielten? Die bürgerlichen Verhältnisse erscheinen in ihrem Mißbrauch so leer, daß die Fülle eines natürlichen Gefühls, der Uebermuth seiner Kraft wol verleiten mögen, sie zu verschmähen: allein sie sind die nothwendigen Bedingungen, wodurch allein das Gefühl vollkommen das Leben zu beglücken vermag, und die Betrachtung und die Erfahrung, leiten immer auf sie zurück.
XLI.
Mein Herz schlägt heftiger von Hoffnung; die Fülle der Bilder umdrängt wieder meinen Geist, und verscheucht die gewohnte Schwermuth.
In den dürftigen Räumen des Hauses, welche er ahnungslos betreten hat, in gewohntem Geschäft wird ihm das Blatt gereicht werden, auf welchem die Namen der Angekommenen stehen. Gleichgültig und ernst wirft er den Blick darauf; erkennt geliebte Züge; sein Gesicht glüht, sein Auge flammt auf, forscht voll Unruh, und ich, ich, die Seine, fliege an seine Brust.
XLII.
Ich nehme alle Gründe zusammen, mir jene gräßlichen Schauer zu erklären, aber mein Herz bleibt in der Tiefe gebunden. Denn dort finde ich die Vorstellung seiner Gefahr. Ach sie ist wirklich! und mehrt die Angst, statt sie zu zerstreuen.
Flüchtig und freudig hatte ich von allen Erinnerungsstätten meines Landgutes Abschied genommen; sicher, sie beglückter wieder zu sehen. Es war Abend geworden, ich eilte zur Quelle, wo ich den Geliebten zum ersten Male erblickt hatte. Wie oft, wenn die Wässer mit immer neuem Leben aus dem kiesigten Grunde empormurmelten, habe ich sie lange betrachtet, in schwärmerischer Hoffnung, sein Bild könne von dieser Lebendigkeit wieder vor meine Blicke gezaubert werden. Die Schatten der Dämmerung lagen grau durch den Wald, keine Stimme unterbrach mehr sein Schweigen; leises Rauschen, Flüstern entstand, und verlohr sich im Entstehen weiterhin, und der Quell, wie ich nahte, seufzte laut und lauter mit unartikulirten Tönen. Ein sonderbares Grauen stahl sich durch meine Brust, ich hatte ihn fast erreicht, ich vermogte nicht weiter zu gehen; alle Hoffnungen der Liebe waren ausgelöscht, das Bild meines verschiedenen Gemahls, das Bild von Julien traten starr, mit nie empfundener Lebendigkeit vor meine Seele, es war als wären die Pforten des Todes gelöset. _Sein_ Bild erhielt sich nicht, ich flüchtete nach dem Schlosse zurück! und nun bin ich hier, und kann mich nicht von diesen Todten trennen, und es beklemmt mein Herz, daß ich es nicht kann.
XLIII.
Ich habe keine Begleitung auf meiner Reise gewünscht. Ganz allein, wie ich sein bin, wie mein Gefühl und Muth mich zu ihm führen, will ich zu ihm treten. Feld und Wald, und geschäftige Menschengruppen, schwinden an mir vorüber, als ob sie eileten, zurückzubleiben und mich zu ihm zu fördern. Schon wird die Gegend mir fremder, die Wolken fliegen mit Winken abwärts zu ihm: ehe die Sonne dort unter ist, habe ich die Stelle erreicht, wo der Pfad sich trennt, wo die Hügel sich erheben, jene Gefilde, wo er gewaltet, nachdem mein Auge ihn zum letzten Mal erblickt hat. Ich werde von ihm hören, ich werde Menschen treffen, die ihn später sahen, als ich! Diese Gegend! wie oft habe ich sie auf der Karte durchmessen, und Abends, ehe ich ruhte, jeden Standpunkt mit den Augen geküßt, und vielmal gesegnet, wo er nun weilte.
XLIV.
Die Abspannung nach der Täuschung eines heftigen Strebens, erlaubt den Kräften nicht sogleich, sich auf neue Gegenstände zu spannen, und das Gemüth versinkt in Hoffnungslosigkeit und Leere.
Dies sage ich mir wol; aber es bleibt, als dürfte kein Freudentag mehr heranbrechen.
Ich bemerkte genau die Landschaft umher. Nicht weit von dem Flecken, wo die Wege sich trennen, erhebt sich in zwei Hügelreihen das Land; von den jenseitigen die nach Mittag laufen, spühlt das Bächlein in das Thal hinab, über welches jene Brücke führet, auf der er Nachts beim Scheine der Wachtfeuer mir zuerst schrieb. Mein Auge maß die wohlbekannten Entfernungen, und fand nicht den Ort. Ich glaubte mich getäuscht zu haben, ich hoffte und hoffte; aber immer fremder wurde mir die Gegend; ich zweifelte, ob mein Kutscher den Weg verfehlt habe, oder ob mich meine Vorstellung von dieser Gegend getäuscht, wie so oft die Phantasie nie gesehenen Dingen ein falsches Bild leihet. Die Sonne stand tiefer, schon wollte ich umlenken lassen, als plötzlich mir zur Rechten ein Schloß an dem Rücken eines Hügels erschien. Auf einem Schlosse in ähnlicher Lage hatte er mehrere Tage zugebracht, es sollte das Ziel meiner Tagereise seyn, mein Herz schlug wieder auf.
Der Weg führte vorüber, ich befahl dem Kutscher zu halten, einen Weg dorthin zu suchen: zu Fuß, von meinem Bedienten begleitet, streifte ich in den schönen Abend, queer durch das Feld auf das Gebäude zu. Die Entfernung hatte mich getäuscht, der Weg dehnte sich weiter wie ich ging, die Sonne ging unter, und plötzlich lag vor mir ein weiter See und trennte mich vom Ziel. Nun war ich gewiß, daß der Weg verfehlet sei; die Ufer waren zu weit, sie zu Fuß zu umgehen: in der bittersten Täuschung stand ich an der Fläche. Die niedrigeren Gegenstände verloren sich schon in dunkelgraue Massen, am fernen Horizont erlosch die Abendröthe, und ihre letzten blaßrothen Streifen spiegelten sich in dem ruhigen Wasser: die Gegend lag in Schweigen begraben, nur das Schilf neigte sich flüsternd im Winde, und die Wellen brachen sich an den Ufern. Mein Herz sank mir in der Brust zurück, es war als ob Nacht, wie über die Natur, sich über mein Leben breitete; die Einsamkeit der Fläche erfüllte mich mit nie empfundener Sehnsucht, Thränen strömten über mein Gesicht.
Indem erhuben Waldhörner sich vom gegenseitigen Ufer mit klagenden Tönen. Ein fernes Echo fing die dahinschwindenden Melodien auf, welche dann, über die Fluth zu mir kommend, verhallten, als sänken sie in die Wellen hinab. Ein Nachen nahete, und mein Bedienter rief den Schiffenden uns einzunehmen. Sie lenkten zum Ufer und waren bereit; ich stieg in den schwankenden Nachen. Der Name des Schlosses war nicht der wohlbekannte, die Besitzer hatten es gegen einen sicherern Auffenthalt vertauscht, und diese beiden Zurückgelassenen, ein Schiffer und ein Jäger, trieben hier unverletzt ihr stilles Gewerbe.
Mir war einsam, wie noch nie. Auf der grauen Weite, leicht getrennt vom Tode, mit fremden Menschen, von denen ich nichts, die nichts von mir wußten, die das Schicksal in Verborgenheit fürchteten, durch Verborgenheit ihm entgingen, welches er lenkt, der Entfernte, der meiner Seele der Nächste ist.
Hier stehe ich nun an dem Fenster des unbekannten Gebäudes, der Mond umkreißt mit weiten Bahnen die luftigen Thürme, und flimmert im See. Ich erharre das Morgenroth, das mich Ihm nähern soll; noch ziehen alle Sterne empor, und keiner sinkt abwärts zu ihm.
XLV.
Das Wunderbare, das dem Leben den immer neuen Reiz giebt, ist der Wechsel von Lust zu Schmerz, von Schmerz zu Lust; es kehrt sich nicht an unsre Stimmungen, es wälzt seine Wogen und trägt uns dahin.
Oft ist Prüfung was uns als ein heiteres Glück begrüßt, oft ist das was wir Unglück nennen, eine Stufe zum Glück. Glück, und Unglück, sind nur Benennungen von dem augenblicklichen Eindruck eines Ereignisses; Mancher klebt daran und verkümmert sein Leben; demjenigen, der das Ganze überschaut, verfliesset alles wie Wolkengebilde in heiteren Aether.
Trüb schaute ich in den Nebel, der erst allmählig sichtbar durch das Morgenlicht aus dem See aufstieg; der Morgenstern zitterte, hoch am Himmel erlöschend; ein kalter Schauer fuhr über die Natur, nicht als ob er einem neuen Leben voraufflöge: als ob er käme, alles Leben zu lösen. Die Schloßbewohner hatten den Weg bis zur rechten Straße als weit beschrieben; ich warf mich ohne Erwartung in den Wagen, kein Bild vom Abend des Tages schwebte mir vor, und fast gleichgültig schloß ich die Augen dem Morgen. Wir waren keine halbe Stunde gefahren; und plötzlich erregt mich der Zuruf meines Bedienten, der Wagen hält, er öffnet den Schlag, und sagt: nun werden wir wol auf der rechten Straße seyn. Ich blicke hinaus, die Gegend schwimmt im Morgenlichte, das Bächlein sprudelt ins Thal, der Bogen der Brücke spiegelt sich in die Fluth, die Bäume regen beseelt ihre Aeste, ein Schäfer kommt mit seiner Heerde über den Anger, und sein Horn schallt frisch dem Tage entgegen. Ich sprang aus dem Wagen, ich berührte den Stein des Brückenrandes, worauf seine Hand geruht; mir war, als bebte er mit lebendigen Pulsschlägen unter meiner Berührung.
Mit langsamem Entzücken durchstreifte mein Auge jeden Theil des Gefildes; meine Phantasie hatte mich nicht belogen. Ich hätte weilen mögen, und hinweg eilen; es kamen die Tage vor meinen Geist, wo ich an seiner Hand hier seyn würde, und das Bild trieb mich zu ihm.
Der Schäfer nahete, sein Gesicht war mir bedeutend; vielleicht hatte er ihn gesehen! Ich wagte nicht zu fragen, aber ich nahm im Gefühl der Möglichkeit, seine Blicke von desselben Antlitz, ich nahm sie von jeder Gestalt, jedem Gegenstand der uns begegnete. Bald erschien das verfehlte Schloß mir wirklich, ich kannte die Gegend wie aus der lebendigsten Erinnerung. Ich ließ den Wagen zurückschlagen, die entflohenen, die nahenden Gegenstände zu geniessen; der Tag strömte um meine Brust, und alle Gedanken flogen mit freudigem Rufen zu ihm!
XLVI.
Immer lebendiger wird sein Bild, immer mehren sich die Spuren seines Wirkens; mir ist, als ob er mir entgegen käme, und mit der Entfernung schwinden die Bilder der Trennung. Hier bin ich in Räumen, die er betreten hat, ich stehe vor den Zügen meines Namens, die seine Hand in das Glas, irrend in Gedanken, geschnitten hat. Mit Thränen betrachte ich das Denkmal seiner Liebe, und immer inniger umdrängen mich die neuen Bilder aus seinem Leben; so bekannt und so neu. Er hatte flüchtig erwähnt, wie er die Nacht nach einem Tage voll Arbeit und Gefahren, auf einem Meierhoff, nahe dem Schlachtfelde zugebracht. Die Sonne neigte sich zur Nacht, als ich vor einem Hause anlangte, das Lindenbäume friedlich beschatteten, und das sich an einen waldigen Hügel lehnte. Ein Mann mit einem Kinde auf dem Arm stand vor der Thür, und sein freundlicher Gruß gab mir Vertrauen, ehe er geredet. Ich ließ halten, und fragte ihn, ob er mich wol nach dem Schlachtfelde in der Nähe führen könne, welches ich zu sehen wünschte? Er erwiederte: gern; doch nöthigte er mich, auszusteigen und mich zuvor bei ihm zu erfrischen. Mit klopfendem Herzen trat ich über die hohe Schwelle, in das niedrige geräumige Zimmer; und mit der Freude, womit ein Wirth, wenn etwas Bedeutendes seinem Hause widerfuhr, die Nachricht davon, dem Fremden, gleichsam als Gastgeschenk mitzutheilen pflegt, erzählte jener mir sogleich, daß in diesem Zimmer, nach der gewonnenen Schlacht der Feldherr übernachtet habe. Sein Kind stand neben ihm und blickte mich neugierig an, wie es zu dem Helden aufgeblickt haben mogte. Ich sahe seinen hohen Wuchs, wie er, sich bückend, über die Schwelle steigt, an der Spitze seines Gefolges; wie er auf und ab schreitet, für alles sorgend; und dann zum Fenster tritt, in die Abendsonne schaut, und mein Bild ihm flüchtig erscheint; mein Bild! das seinem lieben Herzen Freude giebt.
XLVII.
Während wir nach dem Schlachtfelde gingen, erzählte der Meyer mir kleine Züge aus den Stunden _seines_ Auffenthaltes: wie _er_ alles Besitzthum geschützt, die Truppen vertheilt, die Verwundeten untergebracht, zwischen dem Lagerfeuer umherwandelnd, jedem zugesprochen habe: die Einwohner beruhigend, die Seinen lobend, streng und ermunternd. Auch von seiner eigenen Lage während der Schlacht, erzählte der Meyer; von seiner Ungewißheit und Angst; wie der Donner des Geschützes sie entsetzt, wie er sein Haus verrammelt habe, und mit Weib und Kind gebangt, der Feind werde siegen, oder Fliehende würden sich nach dieser Seite wenden.
Mir schlug das Herz von dem genäherten Bilde der Gefahr, in welcher _er_ unablässig schwebt. Ich mußte oft still stehen und Athem sammeln. Endlich stiegen wir einen Hügelrücken hinan, und erblickten eine einzelne Kapelle, verödet in der Nähe. Der Mann sagte, daß hier ein Trupp sich vor Beginn der Schlacht vertheidigt habe. Ich begehrte hinein zu gehen, und er bat mich, dort allein zu verweilen, bis er nach seinen Heerden gesehen habe, welche in der Nähe geweidet würden. Ueber eingesunkene Gräber trat ich zitternd in das Innere des Heiligthums. Es trug alle Spuren der Zerstörung, die hier gewüthet hatte. Fenster und Thüren waren zertrümmert, Kugeln steckten in dem Gemäuer, und der weisse aufgewühlte Estricht, trug unverkennbare Spuren von Blut. Die Abendröthe fiel durch die dunklen Zweige einiger Hollunderbüsche hinein, und bekleidete den nackten Altar mit Himmelsglut. Alles war still, nur die Luft säuselte durch das Gezweig, und das dumpfe Gebrüll der Heerden, scholl von fern: ich warf mich vor dem Altar nieder, mit nie empfundener Angst habe ich an der Stelle, wo die Gefahr ihn umschwebt hat, für seine Sicherheit gefleht.
Mein Führer kam zurück, und längs dem Rücken der Hügel, den Pfad entlang, auf welchem die Vertriebenen gejagt waren, gingen wir zum Schlachtfeld. Manche Erhöhung des Bodens bezeichnete den gewaltsamen, schmerzhaften Tod der Fliehenden und ihrer Verfolger neben einander; und plötzlich sahen wir die Ebene, in einen Halbzirkel von Bergen gedrängt, auf dessen Mitte wir standen, vor uns. Ein einzelner Baum wehte am Abhang: dort hatte _er_ gehalten, als Alles von den Bergen hinabgetrieben war: so deutete mir der Landmann: im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt.
Mein Herz war in der Tiefe erschüttert; Grabhügel zu meinen Füßen; und hier, wo ich stand, war der Tod um ihn gewesen. Ich sah ihn auf seinem Pferde; seine Boten eilen, und kommen; das Geschütz kracht, das Geschrei übertäubt die Feldmusik; die wilde Scene erneuerte sich vor mir.
O! der Krieg ist kein schrecklicher Gedanke, wenn man ihn als _ein_ großes Schicksal von Völkern betrachtet; des Einzelnen Loos ist, dem Zwecke des Ganzen geopfert zu werden: aber wenn das Bild des Einzelnen vor die Seele tritt, seine Verhältnisse, seine Art, sein Schmerz; dann wird die menschliche Natur von einer solchen Nothwendigkeit zerrissen, die sie vertilgt. Ich konnte mich des Schauders nicht bemeistern. Was ist sein Beruf! Sein Bild verliehrt sich in dem gräßlichen Gewühl, und das Entzücken der Liebe kommt nicht in mir auf.
Die Vorstellung des Krieges hatte Heloisens Gemüth tief erschüttert. Alle Bilder des häuslichen Glücks, die in ihrer Fantasie heimisch waren, fühlte sie von schreckensvollen Vorstellungen vernichtet, und es war umsonst, daß ihr Verstand das Heil der Schlachten für das Allgemeine der Menschheit zu fassen vermogte, daß ihr Herz Kraft hatte, durch eine solche Ansicht erhoben und beruhigt zu seyn, seine Kraft war von der Liebe dahin genommen. Das Bild ihres Geliebten erschien ihr unaufhörlich, demselben Schicksal erliegend, das so viele Geliebte, Gatten, Väter, fern von der Heimath und den Geliebten getroffen; eine Täuschung entstand unbewußt, als ob ihre Nähe ihm ein schützender Talisman seyn würde, und sie strebte mit von Angst vermehrter Eil ihn zu erreichen.
Die kleinen Auffenthalte der Reise vermehrten ihre Bangigkeit, wie die Gewalt der Schreckbilder, welche ihre Seele umlagerten, durch die Gespräche an den Orten wuchs, wo sie genöthigt war zu verweilen.
Gegen Abend hatte sie das Städtchen noch nicht erreicht, wo sie ihn zu treffen hoffte, und bei dessen Namen ein augenblicklicher Friede, ihr Luft zu hohlen, vergönnte. Das Wechseln der Pferde verursachte neuen Auffenthalt, sie ertrug das Harren nicht länger in Müssigkeit, und befahl daß der Wagen in der größten Eil nachkomme, indem sie die Straße zu Fuß voraufeilte.
Auf der Mittagsseite, umschränkte das Thal eine Felsenwand, in welcher die Natur Wölbungen gebildet hatte, und längs den Felsen zog sich ein Dorf hin. Ihre Aufmerksamkeit erregten Menschengruppen, die an den Wölbungen lauschten, nach Untergang deuteten, woher der Wind strich, und sich lebhaft unter einander besprachen. Sie wandte sich, um ihren Bedienten zu fragen: was der Anblick bedeute? indem schlug ein dumpfes Hallen kaum vernehmlich an ihr Ohr. Der Bediente hatte den Kopf zum Boden gebeugt, und erwiederte: in diesem Augenblick müsse in der Nähe ein Gefecht vorfallen, denn was man höre, sei wie Laut von Geschütz, und an den Felsen mögte der Hall noch vernehmlicher seyn, vom gehemmten Luftstrom.
Heloise schauderte in sich herab, in unergründlichem Weh; ihr entstanden Luft und Kräfte, sie mußte sich an einem Baumstamm halten; der Wind strich schärfer über das Feld, und der schreckliche Hall erschallte deutlicher und rasch wiederhohlt. Er spannte ihre Seele wieder, sie hätte Alles hören mögen, bei Allem gegenwärtig seyn, die Bilder einer Schlacht verlohren ihre Gräuel vor dieser Pein der Ungewißheit.
Indem nahte ihr Wagen. Ihre zusammentreffenden Leute unterredeten sich über das, was sie gehört, voll Besorgniß vorwärts zu gehen, auf die Gegend zu, woher das Geschütz schallte; ein Landmann kam von den Felsen über den Anger gelaufen, und rieth, die junge Dame solle umkehren, sich nicht in Gefahr geben. Heloise befahl mit der höchsten Gewalt, vorwärts. Sie warf sich zurück in den Wagen, keinen Laut zu vernehmen; dann spannte sie alle Gehörnerven an, daß ihr keiner entginge; sie trieb zur Eil mit der größten Hast.
Es wurde Nacht, der Schall des Geschützes klang immer vernehmlicher, die Dörfer waren nicht nächtlich öde: es wachten die Bewohner und riefen den Reisenden zu: wo das Gefecht seyn müsse; und ermahnten sie zu warten: »siegen die Unsrigen nicht, wendet der Feind sich nicht diesseits.« Er habe wahrscheinlich den General überfallen, der in dem Städtchen gestanden. Es war _sein_ Name. Was sollte ihr Sicherheit, da er in Gefahr schwebte. Sie warf sich in dem Wagen auf die Knie, mit gerungenen Händen, sie rief ihrem Freund zu, daß sie komme, sie flehte ihn, sie flehte Gott, sie flehte die Luft um Schonung für sein Leben; dann erstarrte ihr Bewußtseyn, und nur ein krampfhafter Schmerz wand sich durch ihre Sinne.
Einige peinvolle Stunden schlichen dahin: plötzlich hörte sie von außen: es brennt!
Nicht zu fern an der Tiefe des Horizontes erschien das Feuerzeichen. Der Hall des Geschützes hielt bald darauf inne. Sie starrte in die Gluthströme, die aufstiegen und einsanken; dort war also die Gegend, dort, dort war er, aber kein Laut drang mehr durch diese Entfernung; der Hall des Geschützes ertönte nicht länger.
Es schien vorüber! Ihr Schicksal war entschieden. Die Stille versenkte sie in gänzliche Abspannung, es war nicht Ruhe; es war kein Leben mehr in ihrer Seele. Sie dachte unaufhörlich _ihn_, doch sein Bild stand unbeweglich, die Wallungen der Furcht und der Hoffnungen waren erschöpft.
Aus diesem Gemüthszustand riß sie das Rasseln der Räder auf gepflasterter Bahn, welche die Nähe einer Stadt verkündete. Ihr Herz begann aufs Neue zu schlagen; die Entscheidung nahete, sie sollte ihn finden, aber wie? Es schlug höher und höher, daß sein Arbeiten ihr den Athem raubte. Die gothische Masse des Städtchens erschien schwarz in dem Dunkel der Nacht, der Wagen hielt am Thore, es war gesperrt, und lange dauerte es, ehe auf Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute, das Thor endlich aufrasselte. Sie fuhr durch das niedrige lange Gewölbe desselben; und als innen der Wagen hielt, hörte sie, daß ihr Geliebter, auf Kundschaft von dem Vorhaben des Feindes, sich der Stadt durch Ueberraschung zu bemächtigen, demselben entgegengegangen sei, ihn in die Flucht geschlagen habe; und die Verwundeten, welche auf der entgegengesetzten Seite eingebracht wurden, berichteten, daß er noch in Verfolgung desselben begriffen sei; worauf er sich wol wieder auf die Stadt, in die Linie der Armee zurückziehen würde. Es herrschte öde Stille in diesem Theile der Stadt, aber je mehr sie dem Mittelpunkte nahten, je mehr belebten sich die Straßen; Seufzen, Geächz' der Verwundeten, Geschrei der Helfenden, scholl aus dem Gedränge, durch welches sie mit Mühe zu einem Gasthof gelangten.
Betäubt und zerstreut von diesen Nachrichten und diesem Anblick, eilte Heloise in ein Zimmer, zu welchem der Lärm nicht zu dringen vermogte. Es war ihr sonderbar, als sie sich gesammelt hatte, Licht gebracht wurde, und sie nun die Räume erkennen konnte, daß nun bald, daß hier, sie ihn sehen sollte. Sein Bild, die Vorstellung des Wiedersehens erregten in ihr die gewohnte Ruhe der Liebe, das Vergangene mit seinen trüben Ahnungen versank vor der Hoffnung, die wie ein neues Morgenlicht aufzudämmern begann.
Sie lauschte auf jedes Geräusch, in Erwartung seinen Tritt zu hören. Auf einmal schlug der Klang aller Glocken, dumpf und langsam an ihr Ohr. Es fuhr wie der Tod in ihre Brust. Im Hause hörte sie Menschen die Treppe herab eilen, Rufen und Jammern, sie hörte den Namen ihres Geliebten; geblieben, todt, mehr konnte sie nicht unterscheiden, sie wollte fragen, sie vermogte es nicht, ihre Leute stürzten herein, und bestätigten was sie entsetzte; sie griff an ihr Herz, und sank leblos zurück.
Als sie aus der Bewußtlosigkeit erwachte, war der erste Eindruck, daß es Tag sei, und der nächste, daß _er_ nicht mehr sei. Und dieser riß mit ungeheurem Schmerz sie wieder in das Leben zurück. Sie starrte umher, da fiel ihr Auge auf ein Tuch, das mit Blut befleckt neben ihr lag. Sie erkannte das Gewirk; es war ihre Arbeit, es hatte ihre Brust einst verhüllt, sie hatte es ihm geschenkt: sein letztes Lebensblut klebte daran. Sie nahm es, sie drückte es an sich, ihr Schmerz brach in Thränen aus.
So fand sie sein Waffengefährte, sein Jugendfreund, als er stumm zu ihr trat. Aber sie winkte ihn von sich, denn ein Geschick, wie das ihre, faßt sich nur in der Einsamkeit.