Part 2
Wehe dem, der den edlen Zweck verläugnend, dieses Verhältniß, zum Dienste der Habsucht, des Hochmuthes herabgewürdiget hat.
XVIII.
Ich bin weit ernster gestimmt, seit ich ihn liebe, und ich weiß selbst nicht, wie es kömmt. Der Zweck des Lebens, die Vollkommenheit, das Glück, wird mir immer deutlicher, und bringt mich den Menschen näher. Ich bin besonnen und ruhig. Sonst war die Gegenwart mir ein reiches Gebiet, der Augenblick beherrschte die Stimmung meiner Seele. Bald riß mich eine unerklärliche Sehnsucht fort, bald überließ ich mich einer eben so unbegreiflichen Freude. Die Zukunft erschien mir nicht, mit der Vergangenheit, der Gegenwart, und allen Schicksalen der Welt, weit umher, ein großes Ganze; es waren einzelne Stücke, die sich nach jedesmaliger Laune meine Phantasie ausgemahlt hatte: bunt oder schwarz, dunkel oder hell. Das ist jetzt Alles viel anders.
XIX.
Es geschieht so viel Großes um mich her, und nur in Bezug auf _seinen_ Antheil, auf unsre Liebe, nehme auch ich daran Theil. Dieses Schicksal der Welt kann uns trennen. --
O warum ist grade der Muth die Eigenschaft des Mannes, welche das weibliche Herz am unwiderstehlichsten fesselt! Sie giebt uns ein Gefühl von Bewunderung, von Sicherheit der Schutzbedürftigkeit, im Arme des Geliebten, das unser Wesen in Schwung, Kindlichkeit, und ruhige Hingebung auflöset. Vertrauend legen wir unser Geschick in die Hände des Starken, wie ein Kind seine Schätze in den Schooß der Mutter niederlegt.
XX.
Ja, ich war zu glücklich! Ein Maaß von Seligkeit, wie ich genoß, ist unsrem armen Geschlecht nicht beschieden; und die Zukunft rächt so göttliche Stunden. O Gott! konnte dieser glückliche Zustand nicht dauern, warum endete ihn nicht mein Tod? Warum trug dieser, ein freundlicher Engel, mich nicht sanft aus einem Himmel in den andren?
Noch fasse ich den Gedanken nicht: ohne ihn seyn! und meine Seele schaudert davor zurück, wie vor dem Hauche der Vernichtung.
XXI.
Immer näher rückt die furchtbare Stunde des Abschieds; ich kann sie nicht aufhalten; unthätig sitze ich hier und sehe dem Schlage entgegen, der all' mein Glück zertrümmern soll. Die Stunde ist noch nicht bestimmt, und die Hoffnung ruhet so fest an meinem Herzen, das mir ist als dürfte ich noch hoffen. Ich weiß es, ich weiß es gewiß, daß er mich verläßt; allein es ist mir wie der Tod, gewiß und unglaublich. Die Kraft kann den Gedanken ihrer eignen Vernichtung nicht denken, das wäre vernichtet seyn, und denken ist leben: und auch die Hoffnung schwindet erst mit dem Leben. Aber meine Freuden sind mir doch getrübt, jede seiner Liebkosungen lockt mir Thränen in die Augen, und wie ein drohendes Gespenst mischt sich die Furcht, ihn zu verlieren, zu dem Glücke, ihn zu besitzen.
XXII.
Morgen früh! O wie wünschte ich sonst der Nacht Flügel, wie froh habe ich dem ersten Sonnenstrahl von meinem Lager entgegengelauscht, wie freudig ihn begrüßt, wenn er mein Zimmer röthete; dem Klange der Glocken, gelauscht, die erst ganz entfernt, dann näher und näher die Morgenstunde lauthallend verkündeten, und mich gefreut über das Geräusch des Tages, das in den Gassen erwachte. Mein Zimmer ward hell, und heller, und ich verhüllte mein Haupt in die Kissen vor der einbrechenden Klarheit, und mahlte mir mit Farben der Phantasie den schönen Tag der vor mir lag. So schlief ich oft unter lachenden Bildern wieder ein, und der Schlaf lag mit seinen Träumen über meinen Sinnen wie ein duftig gemahlter Schleier, den ich mit einem Blick zerriß, daß ich frisch und freudig hinaus in das Leben trat, wo mich die schöne Wirklichkeit liebend umfing. Das ist dahin, -- die Glocken werden schlagen, der Tag wird diese einzige Nacht verscheuchen, die noch zwischen mir und dem grenzenlosen Elende liegt. Die Stunde, ach die letzte! wird im ganzen Gefolge ihrer Schrecken erscheinen. O daß ich einschliefe, und nie wieder erwachte.
XXIII.
Schon acht Tage ist er fort, und ich trage meinen stummen Schmerz in der zerrissenen Brust umher. Die Zeit schleicht dumpf und trübe über mein Haupt dahin; die Gegenstände, welche er berührte, haben sich nicht verändert, allein ihre Seele ist entflohen, sie starren mich wie Leichen an. Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal gesehen, nur Abschied von ihm genommen; hätte ich meine Natur gezwungen, dem Schmerze nicht zu erliegen; ich hätte mit dem letzten Blick, sein Bild in meine Seele gesogen, und unter diesem lieben Bilde wäre mir der Tod erschienen; denn gewiß, er hätte mit seinem letzten Kuß auch das Leben von meinen Lippen geküßt. Warum mußte ich zu dieser langen qualvollen Angst erwachen aus dem Todesschlaf, der mich umhüllte? Hier bin ich nun, weich gebettet, die Freundschaft wacht bei meinem Krankenlager; und er, der süße Freund, ruht vielleicht, sein Haupt auf harten Steinen.
Ich mogte nie eine Freude allein geniessen; seit ich ihn kenne, ist mir keine geworden als nur von ihm: und mich umgeben alle Bequemlichkeiten des Lebens, und alle fehlen ihm. Unfreundlicher! warum mißgönnt er mir, sein Schicksal zu theilen.
XXIV.
Ich segne die Krankheit, die mich in den ersten schrecklichsten Tagen des Leidens auf Juliens Umgang beschränkte. Nichts ist schmerzlicher, als das gleichgültige Treiben der Menschen um uns her, wenn alles dahin ist, was diesem Treiben Seele und Bedeutung verlieh. Die Natur ist freundlicher, sie schmiegt sich gern an unsre innere Sinnen, und nimmt von unsrem Gefühl die Seele, welche sie belebt.
Ein lieblicher Herbsttag lockte mich heute, zum ersten Mal seit seiner Entfernung, ins Freie. Alles trug den Anstrich sanfter Trauer; die Sonne stand so blaß am Himmel, und warf matte Strahlen auf die Erde, gleich einem Kranken, der sich mühsam aufgeschleppt von seinem Lager, sich den nach ihm verlangenden Freunden zu zeigen. Das einst üppige Laub rauschte erstorben unter meinen Fußtritten, und hie und dort zitterte falb ein spät erzeugtes Blatt, das kaum die linde Luft zärtlich bewegte, einsam im rauhen Nord am Stamme. Ich schlich langsam dahin; Thränen überströmten mein Gesicht, als ich umblickte.
Trift mich nicht das allgemeine Loos alles Glückes, aller Liebe? Erst sinkt eine Blüte, ein Blatt nach dem andern von des Lebens blühendem Getriebe, und zuletzt sinken wir nach; und wie Wenige haben soviel Glück genossen, als mir ward. Mit der Dämmerung kehrte ich auf mein Zimmer zurück, und mein Schmerz war linder geworden.
XXV.
Mein Ruf! Was bin _ich_ denn ohne _Ihn_? durch ihn erhielt mein Leben einen Zweck, für ihn opfere, leide ich alles.
O der Theure, mitten in Gefahren, Entwürfen, und Sorgen, denkt er immer an seine Freundin, sorgt er um sie. Mit welchem namenlosen Schmerz, mit welcher namenlosen Freude habe ich die theuren Züge seiner Schrift an meine Lippen gedrückt: die todten Buchstaben lebten, er hatte sie berührt, sein Geist, der Geist seiner Liebe athmete aus jeder Zeile.
Von den Bergen führt der Bogen einer Brücke hinab in das Thal. Das Gewühl des Tages war vorüber: oben und in der Tiefe waren seine Schaaren gelagert. Und zwischen ihren Trupps, auf dem steinernen Rand des Gewölbes, schreibt er an mich, sorgt er mich zu beruhigen, daß keine Kunde des Tages mich früher erreiche, als die, daß er siegte, daß er lebt, und mich liebt. Wie ist die Quelle unendlichen Schmerzes, auch die unendlichen Genusses, und welche süße Gabe empfing der Mensch in der Kraft, selbst aus dem Kummer Freude zu ziehn.
XXVI.
O es ist nicht sein Ruhm, der mir ihn theuer macht. Er könnte der Unbekannteste seyn; so wie ihn mein Herz fühlt, wird er darin leben, und ich stiege in jeden Stand mit ihm hinab. Aber daß ich sein Lob von Aller Zungen höre, den Abglanz meiner innigsten Verehrung in Aller Augen strahlen sehe, das freut, das entzückt mich, das zieht mich wieder in die Gesellschaft zurück. Sorgsam lenke ich die Unterredung, bis sie auf dem Punkt ist, wohin ich sie haben mögte; dann entziehe ich mich ihr, und versenke mich schweigend in die Wonne, von ihm sprechen zu hören, dessen Andenken meine ganze Seele erfüllt; sein theures Bild belebt sich, Schauer der Lust durchzucken mein Herz. O er kann nicht ahnen, ich kann ihm nicht sagen, wie namenlos theuer er mir ist. Sagt es ihm kein geistiges Flüstern, fühlt er es nicht an der Luft, die sich liebend an ihn schmiegt, wie auf dem leichten Fittig der Gedanken meine Seele ihn immer umschwebt? Schon oft, wenn ich in stiller Nacht, allein auf meinem Zimmer so sehnend an ihn dachte, hab' ich auf jedes leisestes Geräusch gelauscht, gewähnt, die Züge seines Bildes bewegten sich, und diese unendliche Sehnsucht müßte seinen Geist zu mir ziehen. Ich denke, ich sehe, ich geniesse ja Alles, nur in Bezug auf ihn. In dem Himmel, wo mein Blick tief und tiefer in Unendliches dringt, bis die Gestirne sich von der Fläche lösen, und mein Auge ihren Wandel erkennt, seh ich das Bild unsrer Liebe: in den Wolken, die drohend aufziehen, das Schicksal, das uns trennt, _seine_ Gefahr. Er! dies beseligende Gefühl, ist für mich überall in der reichen Schöpfung.
XXVII.
Ich werde ihn sehen! freue dich, mein Herz, du sollst wieder an dem seinigen schlagen. O holder Winter! Frühlingszeit meiner Hoffnung! Glücklicher Sieg, der du ihm Rast gewährest, und mir die Wonne, zu fliegen an seine Brust. So lange habe ich nun unthätig hier geschmachtet, kein Sehnen beflügelte den Zug der langsamen Stunden; doch bald, bald kann ich den Augenblick beschleunigen, der mich zu ihm bringt. Der Athem fliegt schnell aus der vollen überseligen Brust, die ihn nicht fassen kann vor der Fülle der Hoffnung.
XXVIII.
Ich muß mich beschäftigen, um den freudigen Aufruhr in meiner Seele zu stillen, der mich in süßer banger Unruhe umher treibt. Ich habe viele kleine Arbeiten vorgenommen: sie sind ihm bestimmt. Es ist mir, als wäre ich ihm so näher, und bei der leichten Beschäftigung, die meinen Geist nicht fodert, laße ich mich sanft hintreiben von dem Strome meiner Gedanken und Gefühle. Und alle wollen zu ihm! Dann springe ich auf, mein Auge durchforscht auf der Karte die Gegenden, wo er waltet, ich folge dem Lauf der Ströme, ich lese von der Lage, von den Sitten, den Freuden, den Eigenthümlichkeiten der Orte, wo er verweilt hat. Ich sehe ihn in jeder Lage, worin sein Beruf ihn versetzt.
Gestern ging ich, nur von einem Bedienten begleitet, zu Fuß hinaus vor die Stadt; das enge Zimmer hatte nicht Raum für meine Glückseligkeit. Ich ging nach einer Mühle, wo ich gern bin, seitdem er fort ist. Die Müllerfamilie lebt so glücklich, so einträchtig, und heiter; der kleine Hausstand athmet einen Geist der Behäglichkeit und Reinheit, der meinem Herzen wohlthut; denn die Liebe stimmt das Herz empfänglicher für den Eindruck jedes guten Glückes; und bei allem Kontrast dieses stillen Lebens, und seines thatenvollen, ist doch von seiner Art in diesem Glück. Alle dort süß vertrauerten Stunden traten vor mein Gemüth, als ich über den hartgefrornen Anger dahinschritt. Mit reger, langentbehrter Hoffnung eilte ich rasch vorwärts, und je weiter ich kam, je mehr verschwand meine Freude. Die Todtenstille umher, die kein Laut des Lebens unterbrach, das Knistern des Eises, das hie und dort sich von dem Ufer des Flusses löste, der wie ein emaillenes Band in der matten Beleuchtung der Sonne ruhete; die fernen Dörfer und Berge, wie farbige Nebelgebilde, auf den hellen Grund gehaucht; der Mühlbach, der erstarrt sich nicht mehr rauschend mit funkelnden Wellen über die Räder stürzte, und durch sein Erlenbett dahin riß; die Blätter der Erlen, die sonst im glänzenden Grün, angehaucht von der Flut über mir in lieblichem Schauer der Kühlung zitterten, und nun farblos und modernd den Boden bedeckten: die Bilder des Todes wurden mächtiger, als das lebendige Gefühl der Freude in meiner Brust. Es muß auf diese Wiedervereinigung doch eine neue Trennung folgen, vielleicht gefahrvoller, schmerzlicher, länger; und die Stunden, die mich dem Glücke näher bringen, nähern mich auch dem Trübsal. Ach, es ist das Gespenst unsrer Unvollkommenheit, und der Vergänglichkeit alles Menschlichen, das uns zurück in Furcht reißt, wenn eine Freude uns lichtbeschwingt in den Himmel der Liebe zu seligen Geistern trägt. O! daß ich bei dir wäre! alle diese Widersprüche würden sich in ein stilles unendliches Gefühl von Glück lösen. Jetzt kann ich eine bange Ahnung nicht unterdrücken.
XXIX.
Warum trägt jede Lebensblüte für mich nur Früchte des Entsagens? Ich stand an der Pforte eines unnenbaren Glückes, und Julie wird krank, so krank, daß sie meiner sorgenden Pflege nicht entbehren kann; und an ihrem Krankenbett martern mich getäuschte Hoffnung und Sorge für ihr Leben. Wie schön ist das bürgerliche Verhältniß auf solche Stunden berechnet, wo der Mensch des Menschen bedarf, auf Stunden des Seelen- und Körperleidens, das nichts lindert, als Liebe.
Wenn sie so meine Hand drückt, und ihn und mich beklagt, daß wir getrennt sind, ich nun bei ihr verweile: so kann ich nicht begreifen, wie es möglich wäre, sie zu verlassen, und empfinde nicht, welches Opfer ich ihr bringe, wegen der Freude, ihr nützlich zu seyn, ihren Zustand zu erleichtern. Doch wenn die Einsamkeit auf Augenblicke mich umgiebt; sein Bild vor die stille Seele tritt: er allein, nach aller Anstrengung, nach allen Kämpfen, gefesselt von seinem Stand, voll vergeblicher Sehnsucht nach mir; wenn ich seine Klagen lese: dann breite ich die Arme hinaus in den leeren Horizont, dann fühle ich, wie glücklich ich seyn könnte, und meiner Seele grauset vor dem Gefühl der Einsamkeit.
XXX.
Die Zeit geht dahin, und entfaltet sich anders, als das Bild, was uns von ihr vorgeschwebt, da sie noch Zukunft war. Selbst wenn unsere Hoffnungen erfüllt werden, gleicht die Erfüllung ihrem Bilde nicht. Wie anders schwebten diese Tage mir vor; und keine Zeit wird kommen, die mir ein Glück brächte, ähnlich dem von ihr geträumten. Ihn führt der Sturm der Begebenheiten zu neuer Gefahr: ich bange in doppelter Angst, um ihn und Julien. Man wird leicht abergläubisch, wenn man liebt. Das Bedürfniß, alles auf den Geliebten zu beziehen, macht, daß man auch dasjenige, was man nicht unmittelbar auf ihn beziehen kann, zu seiner Liebe, als ein Zeichen vom Schicksal rechnet; aber es giebt Augenblicke, wo ein Vorgefühl der Zukunft unverständlich durch die Seele klingt; und das ganze Leben ist anders gestimmt, und findet den vorigen Ton nie wieder.
XXXI.
Juliens Herz, das mich liebte, ist erstarrt. Ruhig und fest, wie sie durch das Leben ging, trat sie dem Tode entgegen. »Wir tauschen:« war ihr letztes Wort, »ich leitete deine Kindheit in das Leben hinaus, du leitest mein Leben zu Grabe.«
Morgen wird sie beigesetzt, und nach kurzer Zeit ist jede Spur ihres Daseyns, aus dem Kreise, welchen sie belebte, verschwunden. Nur die Erinnerung desselben, die leise Spur ihres lebendigen Wirkens, umschweben noch einige Zeit die Gegenstände, welche ihr angehörten, wie der Nachhall einer verklungenen Harmonie noch melancholisch durch die Lüfte zittert. Eine Trennung, die längste, schmerzlichste, ist doch nicht gleich dem Tode: der Geist begleitet den Geschiedenen, in die Kreise seines Wirkens, und das Wiedersehen liegt innerhalb des freudigen Gebietes der Möglichkeiten im Sonnenstrahl der Hoffnung. Doch jenseit des Grabes ist alles still und dunkel, und unser Leben versinkt in Nacht, wie ein Stern aus dem Bogen des Himmels.
XXXII.
Die Kirche war schwarz behängt, weiße Kerzen brannten auf dem Altar, und mischten ihr trauriges Licht zu dem trüben Tage, der durch die dunklen gemahlten Scheiben einbrach. Eine dumpfe Kellerluft schwebte unter den gothischen Gewölben; das Requiem begrüßte die Verstorbene in ihrer stillen Wohnung, mit feierlich schwellenden Tönen, aus der starken Brust der Orgel, wie ein Willkommen der längst Verschiedenen.
Unter meinen Füßen ruhete nun auf immer, die ich noch vor wenig Tagen empfindend und lebend in meine Arme schloß. So weniger Zeit bedarf es, ein Leben auszulöschen, und wie vieler Jahre, wie vieler Kämpfe, ehe es zum wahren Leben erblüht. Wohin ich blickte, trafen meine Augen auf Spuren von Zerstörung, auf Bilder von Vergänglichkeit. Eingesunkene Leichensteine mit verwitterten Innschriften; zertrümmerte Grabmähler und Beichtstühle; und kein Laut aller Klagen, die an diese Gewölbe geschlagen, erinnerte an jene, welche nun schon lange ausgelitten hatten, und vergessen waren. O wie erschien mir in diesem Augenblick auch mein Leben nur ein flüchtiger Moment, und nicht des Schmerzes, nicht der Freude wehrt. Alle ihre Klagen hat der Ewige gehört, in seinem Herzen steht, was Aeonen von Geschlechtern litten, sein Himmel wölbte sich über Alle, und immer aufs Neue ruft sein Athem Atome in das Leben. In solchen Augenblicken verschwindet der eigene Kummer aus der Erinnerung; und verliert sich in die Masse fremden Schmerzes, wie ein Moment in Jahrtausende verrinnet; sein dunkles Gefühl läutert nur die Andacht der Seele.
Da warf ich mich nieder vor den Allmächtigen, und legte das Mitgefühl für alle meine Nebengeschöpfe, legte das dringende Gebet für meines Geliebten Glück an sein Vaterherz. Es war ein himmlisches Gefühl, welches mich vor ihn niederwarf, ich fühlte in dem Augenblicke Kraft, die Leiden einer Welt auf meine Brust zu laden und zu tragen.
Aber wenn auch meine Stunde erschienen ist, zurück an den Busen der Natur soll man meinen Körper legen, auf Erde gebettet, mit Erde zugedeckt; ein Opfer den Elementen, von denen er genommen ist, kein Raub der Verwesung in gemauerten Gewölben.
XXXIII.
Hier bin ich wieder auf dem Lande. Der Frühling haucht mich mit wärmerem Lebensathem an, und die Natur regt sich, von ihrem Winterschlaf erwacht. Die in der Stadt verlebten schönen Tage sind wie versunken, und nur an dem Schmerz der Trennung, der in meiner Seele zuckt, empfinde ich, daß sie waren.
O Du! laß mich von diesen trüben Bildern, an deine Brust, zu deinem Geiste mich retten: und führe die Ruhe der Nationen Dich bald in meine Arme zurück. Es ist seltsam, aber auch dieser Gedanke erhebt nicht mein Gemüth. Ich kenne für ihn kein Leben, als ein unstätes, verwickeltes in großen Geschäften; ich kann für ihn kein anderes denken; wird ihm je Rast seyn für die Liebe, je ein stilles Glück der Häuslichkeit? Und wenn es wäre, so schön als die Vergangenheit war, wird selbst eine solche Zukunft nicht werden. Es fehlt ja Julie. Sie war mir theurer, als ich es geglaubt; das Gute erschien bei ihr nicht unter lieblichen Formen, worin es im Augenblick sich der Phantasie freundlich anschmieget: sie war streng und kalt; aber sie war wahrhaftig gut, und tiefer empfinde ich das jetzt, als wenn ich es von jeher lebhaft empfunden hätte. Warum dringt keine Stimme in die Tiefe ihrer Gruft, ihr zu sagen, wie ich sie geliebt, wie ich sie betraure?
XXXIV.
Der Schmerz über Juliens Verlust, ergriff mich in den ersten Augenblicken nicht so heftig, allein er nagt an meinem Herzen, und Trauer hat mein Wesen umzogen. Wir hangen doch unaussprechlich an den Freunden unsrer ersten Jugend. Alle die frohen Tage der Unbefangenheit, nach denen man sich nicht zurücksehnt, weil sie so wenig glücklich als unglücklich waren, aber auf die man mit sanfter Rührung hinabblickt, schlingen mit frommen Kinderhänden unauflösliche Bande um die Herzen. Mit Julien ist mir das letzte Leben aus jenen Tagen versunken, gebannt in die Vergangenheit, das Gebiet meiner Freuden. O sehr oft muß ich mich dorthin retten, dort Trost schöpfen, denn alles ist trüb und dumpf um mich her; was mich gefreut hat und beglückt, ist verwandelt.
Es ist ein trauriges Gefühl zu bemerken, wie das Leben fortgeht, seine Freuden sich immer ferner und ferner zeigen, und keine neue mehr die alten gewohnten ersetzen. Diese Empfindung ist so lebendig in mir, ohnerachtet meiner Jugend; wie mag dem Alter seyn, das alle seine Freuden sterben sah, und nichts mehr wünschet und hofft, nichts vor sich sieht, als den Tod, und immer klagt: es war. Ich höre mit herzlicher Theilnahme, wenn Greise zu mir von ihrer Vergangenheit sprechen. Das höchste Liebesglück ist die wahre Jugend unseres Lebens; wer im vierzigsten Jahr zum erstenmal glücklich liebt, lebt dann erst seine Jugend: wer nie glücklich geliebt hat, hat sie nie gekannt. O der goldenen Zeit! wird sie zurück kehren? wird mein Leben, wie jene seltenen Rosen, noch eine Blume aus der Blume treiben? Es ist, als sagte eine dunkle Ahnung mir: hoffe nicht. O kehre zurück, mein Geliebter! an deinem starken Herzen ist Ruhe; aber er hört mich nicht, und ich bleibe allein mit meinem Gram.
XXXV.
Mich dünkt, wäre ich sein, trüge ich den Namen, dessen Klang mir, im gleichgültigsten Thun, sein geliebtes Bild vorriefe, ich würde glücklicher seyn. Ich hätte Theil an seinen Sorgen, ich gehörte bestimter zu seinem großen Leben. Und er, kann er mich lieben, wie ich ihn? Wehet mein Bild nicht nur flüchtig zwischen den Sorgen hindurch, die ihn bekümmern? erfülle ich seine ganze Seele?
Wo ist der Muth der Glückseligkeit hin, daß ich verschmähte, sein Weib zu seyn? Inniges Glück! nach dem alle meine Wünsche nun streben.
XXXVI.
Der Gedanke an ihn erfüllt meine ganze Seele, und hat eine Welt in meinem Innern gebildet, worin ich lebe, leide, und glücklich bin, wo die Wehmuth meine ernste liebe Gefährtin ist. Ungern trete ich in die Wirklichkeit hinaus, in welcher fremde Gegenstände den Einklang meiner Empfindungen unterbrechen. Ich bin an stille Ruh gewöhnt, und nun ich diesem gewohnten Gefühl auf einige Tage entsagen muß, bin ich unmuthig, und nähme gern das Versprechen zurück, welches mich dazu verbindet.
Ich habe eine einfache altdeutsche Tracht für mich zum Maskenkleide gewählt, die keine Blicke auf mich ziehen wird. Ehedem schmückte ich mich gern, es war für ihn, es machte ihm Freude, mich schön zu finden. Oft gestand ich mir freudig, wenn ich dann ganz angekleidet vor den Spiegel trat, daß ich schön sei. Ich begann Sorgfalt auf meinen Anzug zu wenden: durch ihn ward mir das Unerträgliche zur Lust. Jeder Abend, jede Gesellschaft, wozu ich mich schmückte, waren Feste der Liebe. Seit er fort ist, habe ich alles vernachläßiget, ich will nicht bemerkt seyn. Sein bin ich, und für ihn auf mich selbst eifersüchtig.
XXXVII.
Eine Empfindung, welche ich in dieser Stärke nicht ahnete, mit der sie mich hier unabläßig quält, ist der Kontrast zwischen der stummen Trauer, worin ich dieses Haus verließ, und dem Festgepränge, in welchem ich es wieder erblicke. Zum letzten Mal, als ich den Saal betrat, geschah es um Abschied von der geliebten Leiche Juliens zu nehmen. Damals waren die Wände schwarz bekleidet, silberne Ampeln brannten statt der kristallenen Kronen, und warfen ein traurig schwankendes Licht umher. Jeder Fußtritt dröhnte dumpf durch den weiten Saal, und kein Laut unterbrach die Stille, als das leise Weinen ihrer Leute um den offenen Sarg. Ein Lächlen der Verklärung schwebte über ihre bleiche Form, und von der oberen Wand blickte ihr Gesicht, mit frischen Lebensfarben gemahlt, fühllos in den Gram ihrer Hinterlassenen.
Nun führte mich ihr Gemahl eben dorthin, die Anstalten zu seinem Feste zu sehen. Das Pochen und Zurufen der arbeitenden Handwerker lärmte wüst; die Bedienten liefen geschäftig umher, ihr Bild, ihr Andenken war hinweggenommen, ein südlicher Frühling umblühte die Wände, alles athmete Lebensgenuß und Freude.
Hier sprechen mich von jeder Stelle die Geister längst gestorbener schöner Stunden an; hier habe ich das überschwengliche Glück genossen, um welches meine Sehnsucht klagt. Wie wenig sagt dies laute Festgepränge meiner Stimmung zu. Ich habe mir ein Zimmer, in einem entlegenen Flügel zum Garten, erbeten, wo ich auf Augenblicke _ihm_ leben kann.
XXXVIII.
So oft habe ich gewünscht, daß unsre Geister, von _einer_ Vorstellung erfüllet, auf einen Punkt mit all' ihren Kräften gebannt, sich losringen könnten von den Banden des Körpers, und dahin eilen, wohin die Sehnsucht sie zieht.