Heloise : ein kleiner Roman

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Heloise

ein kleiner Roman

herausgegeben durch Karl Ludwig von Woltmann.

Berlin, bei Johann Friedrich Unger. 1809.

Vorrede.

Im Jahr 1804 erschien ein liebliches Produkt, »Euphrosyne,« worin zarter und tiefer Geist die schönsten Geheimnisse des weiblichen Herzens ausgehaucht hatte.

Aber eine dürftige Fabel und nichtige männliche Charaktere waren eine unangenehme Erscheinung in dem reinen Aether, welcher durch genialisches Gefühl und gedankenvolle Phantasie hingeströmt war.

Jene herbe Masse ist nun hinweggenommen, und eine bestimmte Wirklichkeit ist nur in soweit angedeutet, als die Empfindung, derselben wie eines Anlasses bedarf, um sich auszusprechen. Das Gefühl ist sich hier selbst der Gegenstand, und das Heldenmäßige in dieser Dichtung ist nicht der Geliebte, sondern die Liebe.

Dadurch wird zugleich das tiefste Geheimniß des weiblichen Herzens verrathen, nämlich, daß es mehr um die Liebe, als den Geliebten sorget, es jener in ihrer schönen Eigenthümlichkeit bedarf und in ihr selig ist, wenn der Geliebte in der Wirklichkeit dem Bilde des zarten und tiefen Busens auch wenig entsprechen sollte.

Alles hat das weibliche Gemüth, welches hier redet, durch die Liebe begriffen, und diese ist das Genie, welches hier schaffet.

Das jugendliche Herz, dem zuerst eine Wirklichkeit gegeben wurde, aus welcher die Phantasie schlechterdings keinen Geliebten bilden konnte, giebt seine Liebe an die Natur und die Sehnsucht. Dadurch bekommt sie etwas Allgemeines und Wehmütiges, und so ist der Grundton der ganzen Dichtung angegeben, welcher selbst aus dem Jubel über den gefundenen Geliebten hervorhallt. Er bleibt wie ein Glockenklang, der von dem Grabe herkommt, in welches die Freuden dieser Liebe früh versinken sollen.

Selbst diesen Freuden entzieht sich die Geliebte, um der Freundin wohlzuthun. Das weibliche Gemüth kann die Wonne der Liebe, nur nicht die Liebe aufopfern, um Pflicht und Wohlwollen zu üben.

Die Sprache dieses Buchs ist wie die Liebe selbst. Heloise heißt seine Ueberschrift; denn dieser Name ist Symbol für die weibliche Liebe geworden.

Berlin im December 1808.

Woltmann.

I.

So hat denn der Tod das Band einer unglücklichen Ehe gelöset, und ich bin Wittwe, bin frei. Ist es Betrübniß, was ich empfinde? Die Freude wenigstens ist meinem Herzen ferner, als der Gram: ich bin sanft zur Wehmuth gestimmt.

Auch wenn man nicht glücklich im ehelichen Verhältniß war: so schlingen doch tausend Erinnerungen, worin des Gatten Bild verwebt ist, tausend kleine Gewohnheiten, die auf ihn Bezug hatten, ein Band um Vermählte, dessen Auflösung dem fühlenden Herzen schmerzlich wird. Das Licht der gesenkten, verlöschenden Fackel, fällt auf das Gute des Sterbenden, auf unser Unrecht gegen ihn; und der Schatten des Todes bedeckt seine Fehler. Ich habe nie am Abend meinen Gemahl verlassen können, wenn er mich beleidigt oder gekränkt hatte, ohne ihm versöhnt eine gute Nacht zu wünschen; und nun sollte er den langen Todesschlaf schlummern, ohne daß ich ihm vergäbe, ihn von ganzem Herzen beweinte? Ich habe nie seinen Tod gewünscht: das Gefühl des Daseyns, das ich am Busen der ewigen Natur dankbar mit jedem Athemzug der balsamischen Luft in meine Seele trank; das Geräusch der leisen ahnungsvollen Stimmen der lebendigen Schöpfung, das mich oft in Träume wiegte, und meinen Geist in schwellender Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, durch das weite Weltall hinauf zum Vater der Liebe trug; dies alles soll er nicht mehr empfinden? diese Luft nur das Gras auf seinem Hügel berühren? diese Töne sollen über sein Grab verklingen, ohne daß sie ihn wecken; und ich soll ihn nicht beklagen? mich nicht anklagen, daß durch mich sein Daseyn nie so süß ward, als ich es ihm hätte machen können? Nein, Guter! ich darf nicht sagen, Geliebter! wenn dein Geist von mir weiß, so nimm in meinen Thränen, in Deinem unentweihten Andenken, den letzten Zoll der Freundschaft, der Achtung!

Es ist mir, als müßte er in jenen Gefilden, eine Ahnung von meinem Kummer, und Freude daran haben. Wir alle scheiden doch ungern aus dem Lebensreiche, ohne betrauert zu werden; und sanft und freundlich geleitet der Gedanke an den Schmerz der Hinterlassenen, uns hinab in das stille Land des Friedens.

II.

Meine Lage wird sich verändern, und ungern vertausch ich das Land mit der Stadt, ungern meine stille Freiheit mit den Fesseln, worin die Gesellschaft mich schmieden wird. Hier sah ich Menschen, wann ich wollte, und kehrte in meine Einsamkeit wieder zurück, so bald es mir gefiel. Diejenigen, welche mich umgaben, waren lebendig genug, mich so lange zu fesseln, als sie gegenwärtig waren; doch ihre Abwesenheit ließ keine Leere in meiner Brust zurück. Ich fand mich immer gern selbst wieder, unter meinen Bäumen, meinen Blumen, am Busen meiner ewigen Freundin, der Natur. Wenn vor mir die Sonne groß und glänzend hinuntersank; wenn leichte Abendflocken sich um sie drängten, und von ihrem Scheideblick angelächelt, sanft verglühend durch den stillen Himmel zogen; vor mir alles Glanz und Glut war, und hinter mir das Thal von dunkelblauen Bergen eingeschlossen, in duftiger, ruhiger Dämmerung schwamm, wie eine schöne Vergangenheit; zu meiner Rechten der Strom den Abendhimmel in klaren Wellen zwischen den üppigen Ufern dahintrug: wie habe ich mich da selig, näher allem Großen und Guten gefühlt! Wie strebte mein innerstes Wesen, hinauszudringen aus dem Kerker, sich ganz in sie zu ergiessen, sie ganz zu fassen, die göttliche Natur. Diese Freuden muß ich nun entbehren, und welchen Ersatz beut mir die Stadt?

Ich bin ungerecht! komme ich nicht zu einer Freundin, die meine Jugend erzog?

Schönes Land, das ich verlasse, freundlicher Fluß, ahnungsvolle Berge, schönes himmlisches Land, ein Land der Sehnsucht wirst du mir seyn, wenn ich entfernt von dir nun leben werde.

III.

Jenen Augenblick vergessen? und wäre es möglich, sein Glück zu vergessen? Wie oft, in Gedanken, habe ich ihn aufs neue durchlebt; meine Seele hat ihn aus dem Flug der Zeit gerettet, und ewig festgehalten.

Es war der schönste Sommermorgen. Bunte Schmetterlinge flatterten im Sonnenstrahl zwischen dem klaren Himmel, und der tausendfarbigen Wiese umher, schwangen sich auf, und sanken nieder, wechselsweise vom Himmel und von der Erde angezogen. Ich schlich über die Wiese meinem Wäldchen zu. Lieblich spielte um mich das wechselnde Grün des Laubes, vom Winde durch einander bewegt, Vögel schlüpften durch die Zweige, ihr frischer abendtheuerlicher Waldgesang ertönte nah und fern, und unterbrach die Stille und das summende Geschwirr der Insekten. Und ich ließ mich von diesen Eindrücken allen, hinschaukeln in die selige Träumerei ihres Genusses, dessen Fülle immer regsamer, und durch das ferne Murmeln des Waldbachs immer geistiger wurde.

Da lag der Held, über die Quelle gebeugt: mit den edlen Zügen gaukelten die Gewässer, und er löschte seinen Durst, den klaren Kristall mit der Hand schöpfend. Seine Flinte ruhte im Grase, und zwei schöne Doggen spielten um ihn her.

Ohne Theilnahme hatte ich von seinem Aufenthalt in der Gegend gehört. Ich sah ihn zum ersten mal, und doch war er mir, als hätte ich ihn schon lange gekannt. Er begleitete mich aus dem Gebüsch; als wir die Wiese erreicht hatten, verließ er mich mit großem Blick, und verschwand bald in den Bäumen.

Erst als er fort war, empfand ich die Leere, welche nun in mir war. Immer wiederhohlte ich mir seine Worte, und ahmte die liebe Stimme nach.

Er verließ die Gegend: ich sah ihn nicht wieder. O Theurer! wo du auch weilest, meine Seele ist bei dir!

IV.

Die Veränderlichkeit unsrer Empfindungen, unsrer Meinungen, unsrer Ansichten, ist mir der demüthigendste Beweis unsrer Unvollkommenheit. Julie hat zuerst meinen Geist gebildet, bis zu meinem sechzehnten Jahre blieb ich ihrer Leitung überlassen; und welchen Unterschied der Denkungsart haben sechs Jahre bewirkt. Vergebens berühre ich Saiten, deren Einklang mich einst beglückte, vergebens suche ich an ihrer Gestalt alle wohlbekannten Züge auf: sie ist ganz verändert, auch ich bin nicht mehr dieselbe. Herausgetreten ist sie in die Welt, ihr Ruhm hat sie schadlos gehalten für die Marter einer unglücklichen Ehe. Ihres Gatten Reichthum und Rang ersetzten ihr die Quaal seiner Unerträglichkeit; sie ist ihm treu, und allen ihren Pflichten.

Doch ein Gut verlangt das menschliche Herz, das seine Ansprüche auf Glückseligkeit befriedige, woran es mit ganzer Seele hange.

Der Mutter sind das Kinder; wenn alles für sie verloren ist, auf diese überträgt sie ihre Ansprüche, in diesen erblühn aufs Neue ihre Hoffnungen, ihre Freuden. Die Jugend, welche ihr Schicksal schon dahin genommen, besitzen ihre Lieblinge noch als Zukunft; dem sie entsagte, darauf dürfen ihre Kinder hoffen; sie segnet ihre Leiden, denn die Erfahrungen, welche sie damit erkauft hat, tragen Früchte für Jene.

Julie blieb kinderlos, und ihr Ansehen in dem Zirkel, der sie umgiebt, der allgemeine Ruf der Liebenswürdigkeit und Tugend, welcher ihr Haus zum Sammelplatz des ausgezeichneten Verdienstes, wie der ausgezeichneten Thorheit macht, die Achtung, der Beifall der Herrschenden, haben sie für eheliches Glück, für Mutterfreuden schadlos halten müssen.

Auch mir ward beides nicht; doch wie verschieden war unsre Lage. Ich folgte dem Manne, den ich nicht liebte, nicht lieben konnte, auf ein einsames Landgut; mich entschädigte die Natur um mich her. Eine süße Schwärmerei, Sorgen für das Wohl meiner Unterthanen, und das Bild, das verschwebende Bild jenes Mannes, das bei mir vorüberzog, und eine unendliche Sehnsucht in mir zurückließ: sie haben mein Herz erfüllt, mich beschäftigt und beglückt. Ich kannte die Ruhe, und ich hatte sie nicht mit Leiden erkauft: wie duftige Wolkengebilde schwanden die Tage an mir vorüber, und jeder gewährte mir den unendlichen Genuß der Sehnsucht. Aus diesem Frieden eilte ich zu der Freundin, von der ich vor sechs Jahren mit allem Schmerz mich trennte, und sechs ereignißreiche Jahre liegen zwischen uns, die mit ihrem Wechsel und ihren Erinnerungen, unserem Wesen eine andre Richtung gaben.

V.

Das unerträgliche im ehelichen Leben sind nicht die großen Fehler, wozu eine heftige Leidenschaft verleitet; in ihnen ist eine Großheit, deren Gefühl die Phantasie unter den Leiden, welche von ihnen kommen, erhebet. Jene kleine Schwachheiten der Männer sind es, die immer wiederkehren, und in allen ihren Schattirungen, immer neu und zuwider sind; die das Gefühl verletzen, das Herz erkälten, jede schöne Blüte des Enthusiasmus vernichten, bis öde Leere an die Stelle des Wohlwollens tritt.

Stolz ist der allgemeine Hauptzug im Charakter der Männer, aber gemäß der Kraft des Gemüthes, wird er die Veranlaßung zu den größten, oder gemeinsten Handlungen. Der starke Mann erhebt durch seinen Stolz die edelsten Kräfte der Seele, wie die Eiche die edelsten Säfte der Erde hinauf in die Himmelsluft treibt. Bei dem Schwächling, von beschränkten Ansichten, von geringer Erregbarkeit, artet der Stolz in Starrsucht aus, oder in Selbsucht und Eitelkeit, und quält die Guten, welche ihm nahe sind, und gegen deren Einfluß ihn ein kaltes Herz schützt, zu welchem nur Schwächen führen.

VI.

Ich werde nie Gewalt über Menschen erlangen, die mir lieb sind. Julie hat keinen Einfluß auf meine Denkart, und doch folg' ich, aus Furcht ihr wehe zu thun, öfter ihrer Neigung als der meinigen. Sie legt so viel Gewicht auf die Kleinigkeiten der Gesellschaft, und ich so wenig; sie findet so ganz ihr Glück darin, ich muß ihr nachgeben, ich würde sie kränken, thät' ich es nicht, und opfere so wenig, es zu thun; -- und doch, wie manche schöne Stunde bringe ich ihr zu Liebe in öder Gesellschaft hin, die ich wie gern und selig auf meinem einsamen Zimmer, mit meinen Erinnerungen, mit meinen Büchern verschwärmt hätte. Am liebsten kehrte ich zurück auf mein Landgut, aber Julie, deren Freundschaft der Gedanke unglücklich machen würde, daß man etwas über meine dortige Einsamkeit reden mögte, aus welchem Grunde sie auf mein Herkommen drang, hält mich hier zurück. Vergebens sehne ich mich nach der stillen Freiheit meiner Wälder, nach meinen ahnungsvollen Bergen, welche die Erde hinauf zum Himmel heben, auf deren starker Brust er liebend ruht.

VII.

Stille, mein Herz, er ist da! ich hab' ihn wieder, ich hab' ihn gesehen, ich werde ihn täglich sehen! -- ihn sehen -- o gütiger Himmel, wie reich an Freuden ist mein Daseyn! Hat sich meines Lebens schönster Traum verwirklicht?

VIII.

Es giebt kein himmlischeres Gefühl, als mit der Hoffnung eines Glückes erwachen. Hell und freundlich, ein ganzes kleines Leben, liegt der Tag vor uns da. Mit sehnender, lieblicher Unruhe tritt man rasch und freudig hinein, und jede kommende Stunde windet eine neue Blume in den schwellenden Freudenkranz, bis endlich die schönste erscheint, in der _seine_ Nähe das überglückliche Wesen mit all ihrem Zauber ergreift. Wie erwartete ich den Nachmittag mit Sehnsucht: kein Augenblick verging, ohne das Bild dieser Stunde, ohne sein Bild! Bei jedem Wagen, der vorfuhr, bei jedem Tritt im Vorgemach, zuckte ein süßes Bangen durch meine Glieder, und fesselte den Athem in meiner Brust. Und als er kam! wie stürmte mein Herz, wie rang mein Bewußtseyn, wie war ich überwältigt von aller Liebe.

Und Julie empfing ihn kalt, und höflich wie jeden Fremden. Ihre Kälte gab mir Besonnenheit. Es giebt Gemüther, die auch nichts ergreift! nie überschreiten sie die Grenzen des Anstandes, und selbst das Herz treibt sie nicht darüber hinaus.

Er saß mir gegenüber, ich hörte seine Stimme, und wie ein mächtiger Strom ergriff mich ihr Umfang, ihre Gewalt. Die Gedanken schienen mir größer, kühner die Bilder, von seinen Tönen getragen. Seine Gestalt, wie erhaben! welche Glut auf seinen Wangen, seinen Lippen! Fest stand er, als sei die Erde sein Gebiet, das Haupt wiegte sich auf dem geschwungnen Halse, kühn und frei strebten die Augenbraunen über die großen Feuerblicke. Ich konnte mich nicht losreissen von dem Zauber der Hoheit; ich wollte sprechen, allein mir fehlte die Luft; und ein flüchtiges Roth, flog bei jedem einzelnen Wort, das ich sagte, ich fühlt' es, flammend über mein Gesicht. Schweigend staunte ich ihn an, wie man dem Fluge des Adlers in den Wolken aus tiefem Thale nachschaut. Und als er fort war, -- o welche Unruh, welches Treiben.

IX.

Ich habe alle Wesen lieber, seit er mir theuer ist. O! ich kann begreifen, wie ein höheres, unendlich höheres Wesen, als ich, mit diesem Gefühl Welten ins Daseyn rief, und erhält. Das Geheimniß der Schöpfung, der Gottheit ist mir enthüllt; meine Liebe trägt mich hinauf zu dem Gott der Liebe. Seinen Athem trink' ich in der reinen Himmelsluft, die meine Brust stärkt, wenn sie diese allmächtige Empfindung nicht mehr faßt. Es giebt eine Seligkeit, die keines Menschen Brust trüge, könnt' er sie nicht an deinem Herzen, unendlich liebende Natur, ergiessen, könnt' er sich nicht das Leblose damit zum Freund beseelen.

X.

Der schönste Herbstmorgen blickte vom Himmel. Wie ein duftiger weisser Schleier umhüllte Nebel die Stadt; je höher die Sonne stieg, desto glänzender ward er, und endlich traten golden die Thürme, und ferne Bergwipfel daraus hervor. Immer tiefer sank der Nebel, und wogte und ballte sich in den Thälern, zwischen den Bergen. Einzelne Massen riß der Wind loß, und trieb sie, wie luftige Geisterbilder durch den Aether. Bald war er verschwunden und glänzte in tausend kleinen Sonnen auf den Grashalmen. Laut schmetternd begrüßte das Hüfthorn den hellen Morgen.

Sein muthiges Roß stampfte und wieherte, Herz und Sinne waren frisch, Geist und Seele lebendig! Ach und seine Blicke, seine seligen Blicke, sagten sie nicht mehr als alle Sprache? O dürfte ich sie deuten. --

XI.

Der Garten war erleuchtet, und der Schein der Lampen spielte grün und golden an den Blättern. Im reinen Aether schwamm der Mond, und warf sein ruhiges Licht auf die geschmückte bewegliche Masse, die in den Gängen und Sälen wogte; und hell, als wäre der Tag hieher geflüchtet, schimmerte das Schloß und ertönte vom Wiederhall rauschender Freude. Nie hab' ich sonst den Tanz geliebt; er ist ein Fest der Liebe, sie allein verleiht ihm Sinn und Bedeutung. Aber welch ein Entzücken, von _ihm_ und immer von _ihm_ bemerkt dahin zu schweben, welch ein Meiden und Suchen, welche Freude, wenn der Augenblick kommt, da eine Berührung der Hand, flüchtig, vorübereilend, zitternd verräth, was das Herz empfindet; und mit _ihm_ zu tanzen, auf Augenblicke getrennt, sich immer wieder zu finden, wie Planeten in verschlungenem Wandel einander zu umkreisen, von schwellenden Tönen getragen; nur leise im Vorüberschweben Händedruck und Blick zu wechseln, und dann, von ihm gehalten, von seinem Arm umschlungen, rasch dahingetragen, von derselben Luft gekühlt!

XII.

O Du! Du! was hat Deine Liebe aus mir gemacht. Ich bin mir selbst in meinem Innern fremd, und doch find' ich mich in jedem Gedanken, in jedem Gefühl wieder. Eine unendliche Klarheit erfüllt meine Seele, neue kühne Gedanken und Wünsche und Bilder steigen darin auf: neue Kräfte beflügeln meinen Geist, ich erstaune über mich, und doch ist mir so wohl, so unaussprechlich wohl? So mag den Verklärten seyn, die aus dem dämmernden Todesschlummer voll lieblicher Lebensträume in seligen Gefilden erwachen. Ungewohnt der neuen Vollkommenheit gebrauchen sie schüchtern Kräfte, die sie nicht ahneten. Ja, der Keim zu dem was ich mich jetzt fühle, er lag in meiner Brust, doch _seine_ Liebe, _seine_ beglückende Liebe, hat, wie eine schöne Sonne, ihn hinauf ins Leben gelockt!

XIII.

Diese Wonne, diese unendliche Wonne, seine eigne Seligkeit, tausendfach im Glück des Geliebten zu genießen! So langsam gedeiht, was man oft mit Aufopferung für das Wohl anderer thut; und hier trägt ein Wort, eine süße kleine Handlung, wozu das Gefühl unaufhaltsam hinreißt, trägt jede Blüte im Augenblick des Entstehens die lohnende Frucht. Ich lieb' ihn mehr, mögt' ich meinen, seit meine Liebe ihn glücklich macht. Gern gehe ich in das Gewühl der Welt hinaus, gern suche ich die Einsamkeit mit der Fülle von Seligkeit in meiner Brust, die mich durch alle Himmelsräume jauchzend trägt. Ich habe neue Sinne bekommen für alle Freuden, für alles Leid; und trag' ich es nicht mehr, dann nenne ich _seinen_ Namen, das ewige Jubellied meines Herzens, den einzigen Ausdruck für das Unaussprechliche.

XIV.

Ich bin so glücklich, so überschwenglich glücklich; wie kann man einem so glücklichen Wesen zürnen! So lange nun hab' ich ein einsames Daseyn geführt, und nun sollt' ich den Genuß, ihm meine Liebe zu zeigen, darzuthun, daß ich stolz auf das Gefühl bin, ihm Freude zu machen, um nichts geben? Sollte ich die Liebe, wie einen schönen duftigen Strauch vor mir blühen sehn, und seine reinen Himmelsblüten nicht pflücken? mein Daseyn anders, als in dem Seinigen haben? Mein reines freies Gefühl in konventionelle Formen zwängen, und der Welt Theil daran geben? Sie hat keinen daran, alles, alles ist von ihm und mir: ich will nicht von jedem Unerträglichsten Glückwünsche hören, über ein Glück, das keiner ahnet. Ich bin frei, ich werde, ich kann ihn wählen, meiner Liebe steht nichts im Wege, das sie zum Opfer verlangte, sie kränkt Niemand, sie zerreißt keine Verbindung; warum soll ich mir den unschuldigen Genuß versagen, daß er sie als eine freie Göttergabe von mir empfange? Und doch thut es mir weh, Julie nicht zufrieden zu wissen -- sie ist so gut -- sie meint es so gut mit mir. --

Könnte sie nur empfinden, wie glücklich ich bin, wie glücklich!

XV.

Ich glaube nicht, daß eine Liebe, welcher eine große Pflicht, welcher auch nur das Glück eines Wesens geopfert wurde, ganz glücklich seyn kann. Sie erfüllt ja das Herz mit so unendlichem Wohlwollen gegen alle, alle Geschöpfe.

Den ersten heftigen, leidenschaftlichen Ausbrüchen der Seligkeit folgt eine ruhige Stille. In Gesprächen entfaltet sich die Seele, kein Gedanke bleibt dem Geliebten verborgen, und ein unendliches Vertrauen tauschet Herz gegen Herz. Wie lieb und immer lieber wird er in solchen Augenblicken, welchen Genuß gewährt jedes seiner Worte, jede kleine Gewohnheit, jeder Ausdruck, den er gern gebraucht, welcher namenloser Liebreiz ist in seinem Sprechen, seinem Gehen, seinen Bewegungen. Ich könnte Tage lang ihm so mit meinen Blicken, mit meiner Seele folgen, und in der größten Einsamkeit ganz allein mit ihm würd' ich glücklich seyn; denn wer ergründet je den geheimnißvollen Zauber seiner Liebenswürdigkeit? O mein Gott! rufe ich oft mit Thränen und drücke die Hände auf meine beklemmte Brust, warum mir, mir so viel namenloses Glück! -- Und der Wunsch, das glühende Gebet, daß solches Glück allen Seelen werden möge, wirft mich vor den Allmächtigen nieder.

Könnte ich so selig seyn, trübte der Gedanke an eines Geschöpfes Unglück, das ich verschuldet hätte, mein Bewußtseyn?

XVI.

Es giebt kein süßeres Gefühl als die Bande, womit die Liebe zu ihm mich an diejenigen fesselt, die ihm theuer sind; keinen holderen Schmerz, als die Theilnahme an Leiden, die ihn einst gekränket. Wie lieb ich seine Aeltern habe, die ich doch nicht kenne, seine Geschwister, seine Untergebene, die großen Schaaren die sein Geist anführt. Unser Gespräch bringt uns oft zurück in die Vergangenheit, mit stiller Wehmuth blicken wir aus unsrer schönen Gegenwart darauf hin. Die Erinnerungen verlebten Kummers, verklungener Freuden gehen an uns vorüber, wie liebe traurige Freunde. Er hat eine Freundin verloren, und sprach von ihr mit besiegtem, unvergessenem Schmerz. Es war mir als wären wir mit einander erwachsen, als hätten wir von Kindheit auf mit einander gelebt. Mein Herz zitterte, da wir uns trennten. Ich warf mich an mein Fenster, und badete die glühende Brust in der Nachtluft. Meine Phantasie wandelte die fliehenden Wolken, in die Gebirge seines Vaterlandes, und zeigte mir bald diese, bald jene Scene aus seiner Kindheit. Ach! alle meine eignen Gedanken ketten mich unaussprechlicher an ihn.

Wie ich so lag, hörte ich Schritte über meinem Haupte, die zum Fenster eilten. Es war sein Tritt. Er stahl sich aus der Männergesellschaft, zu welcher er bei Juliens Gemahl geladen war, in die Einsamkeit, den Schein der Kerzen aus meinem Gemach auf den nächtlichen Rasen zu erblicken.

Die Natur schwieg, Sterne traten aus den zerrissenen Wolken, ich hörte das Geräusch seiner Bewegung in dem Fenster über dem Meinen; der Baum verbarg mir die dunklen Umrisse seiner Gestalt, aber ich fühlte seine Nähe; ich wagte nicht ihm zuzurufen; ein kleines Gedicht fiel mir ein, das ich einst irgendwo gelesen, ich sang mit leiser Stimme: »nur bei Dir weilt meine Seele!« Er vernahm mich, er flüsterte meinen Namen durch die Aeste. Da hörte ich Schritte die zu ihm traten, eine fremde Stimme, und lauter vernahm ich die seine, in einem ernsten Gespräch.

O welch ein Entzücken, seine Rede zu belauschen! könnte ich ihn unsichtbar umschweben, welch ein Glück! Ich hätte gewünscht zu sterben: beklagt, von ihm beklagt zu werden, und um ihn zu schweben, ein waltender Geist!

XVII.

Jedes Verhältniß der bürgerlichen Gesellschaft ist in seinem Ursprung so rein, so schön, so auf die natürlichsten Gefühle gegründet, daß das dunkle Gefühl hievon, ihm selbst in dem ausgeartetsten Zeitalter seine Ehrwürdigkeit erhält. Nie habe ich das so lebendig empfunden, als seitdem ich liebe, und am lebendigsten empfinde ich es von dem ausgeartetsten aller bürgerlichen Verhältnisse, von der Ehe. Sie ist ein Versuch des edelsten Bedürfnisses, die Freuden vollkommenerer Naturen auf die Erde zu verpflanzen, dem höchsten Gefühl der Sterblichen, der Liebe, seine einzige Unvollkommenheit zu nehmen, den Wechsel.

Immer um den Geliebten leben, zu Einem Zweck mit ihm verbunden, unauflöslich an ihn gefesselt, Mutter seiner Kinder seyn, Kummer und Lust mit ihm theilen, seinen Namen führen, und alles doppelt und dreifach lieben, was uns umgiebt, weil alles ihm angehört; nur durch den Tod von ihm getrennt, und bei dem Volke, das den Sinn der Natur am treusten in seinen Mythen und Gesetzen aufbewahrt, nicht einmal durch den Tod!