Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 8

Chapter 83,815 wordsPublic domain

Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an, er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Häuser, er kam nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang in den Wagen, keuchend: »Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch leere Straßen!« Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz, über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao, Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater, Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf, ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine Stimme: Sie kommen nicht hinein ...

Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte: Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke, Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen. Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im Theaterkostüm, so mußte es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand, aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...

Verspätung

Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln. -- Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Nun?« Er faßte sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich räuspernd: »Bitte, kommen Sie dort hinein«, und zog sie mit sich.

Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher-- -- wie dumm! -- Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus, keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg nun sagte: »Renate ...« flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und drückte die linke Hand auf seinen Mund.

Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: »Lieber Junge, du kommst ja zu spät ...«

Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf, starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und funkelten: »Dein Vater war heut morgen schon ...«

Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und geschüttelt vom Lachkrampf.

Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ... Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bögen. Renate lachte und lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung. Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist ... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend, daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.

Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich: Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: »Verzeihen Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...«

Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie hinaus.

Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und fuhr davon.

Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie würde die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht. Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er nüchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf. Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen? -- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, Montfort hat recht in jeder Beziehung.

Heimkehr

Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz. Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge hineinstellte. Still, sehr schön, edel -- trotz Cora -- stand das wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen: Prinz Trassenberg, -- aber -- nein, Großherzog war er ja noch immer nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum »Ja?«

Eine Männerstimme fragte: »Hoheit?«

»Ja.«

»Zwillinge!« schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das Ohr schmerzte, »Zwillinge! Zwei Sozialisten!«

Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: »Was? Virgo? deine Frau? Donnerwetter!«

Schley drüben schien zu lachen, rief dann: »Ich glaube, Hoheit, du bist der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig Mögliche.«

Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: »Und Virgo?« wobei er nun denken mußte: Dieser Name -- und Zwillinge ...

»Danke, vortrefflich,« hörte er Schley sagen, »ein wenig sehr matt, aber sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...«

Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen ... Er schüttelte sich.

»Ich habe geflucht und gebetet,« sagte Schley, »und der Arzt, es war zum Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen läßt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens fest.«

Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage, und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen Georgine heißen sollte.

»Nun?« fragte er. »Ja, weißt du,« hörte er Schley kleinlaut sagen, »beim ersten schrie sie immerfort: Georg! ...« Georg zuckte das Herz. Da hatte sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- »Beim zweiten«, fuhr ihr Mann muntrer fort, »sagte sie gar nichts, da knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur: Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag --« Georg sah sie daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht -- »und mich ansah,« sagte Schley, »ja, -- da bin ich umgefallen ...« Seine Stimme zitterte heiser. »In meinem Leben habe ich nicht so geweint«, sagte er.

Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ...

»Also heißen sie Georg und Wolfgang«, sagte Schley.

»Hoffentlich«, meinte Georg matt, »kann man sie unterscheiden.«

»Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring, der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?«

Ja, Georg war einverstanden. »Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.«

»Ja, höre, Georg, noch etwas --« sagte Schley, »hast du meinen Schwager getroffen?« Georg verneinte. »Er wollte dich treffen und ging schon früh fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht zum Essen, aber er hat angeläutet -- ich war grade in die Apotheke hinüber -- und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn hättest -- er würde wieder anrufen ...«

Georg dachte nach. Halb vier, fünf, -- »Ja, zwischen sechs und sieben wäre es möglich«, sagte er.

»Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug soll ja großartig ...«

»Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl, leb wohl!«

»Adieu, Georg!«

Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück. Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück -- ist nun -- dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich ... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn: Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen, -- oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde ganz unnatürlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, sich vorsetzend.

Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig, sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach so! es geht ja weiter, immer weiter ...

»Wie heißen Sie?« fragte er leise.

»Albert Neffe, königliche Hoheit«, sagte eine farblose Stimme. Das Wort königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:

»Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun. Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!«

Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm nach: »Wie alt sind Sie?«

Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe und hörte ihn sagen: »Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.«

»Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!« Der Diener lächelte gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer.

Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus, als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und nur -- Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur -- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit ... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell, aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.

Fünftes Kapitel

Heimkehr (die andre)

Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht sich wieder in Lächelfalten verzog. »Komm bloß fort,« raunte sie ihr zu, »es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!«

Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: »Georg --« prustete sie nur, ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. »Wie ist es denn,« fragte sie unten, »kommst du mit mir?«

Während sie Ulrika leise sagen hörte: »Ja, ich möchte gern«, fiel ihr Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten, lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau, die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es wird alles gut. »Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.« Der große Türsteher murmelte etwas ... »Ja, meinen Wagen,« antwortete sie, sich umsehend, »da steht er ja!« Sie gingen hin, stiegen ein, rollten ab.

Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. »Ich habe den guten Georg eben sehr gekränkt,« begann sie, »weißt du -- ich bekam einen Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du, es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese Weise los. Ja, weißt du -- Nein,« unterbrach sie sich verstimmt, »dies beständige Weißtu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte dir ja,« fuhr sie gefaßter fort, »daß der Herzog und ich uns zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!« Sie fiel der lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: »Ach, Kind, ich bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heißt, natürlich auch seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weißt ja nicht: Josef ist schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir?« unterbrach sie sich, da Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.

»Nur weiter,« bat sie freundlich, »ich komme nachher schon mit meinen Geschichten.«

Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate fort: »Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du, ich war so töricht --, ach, wie war ich doch töricht!« Sie schwieg, sich verlierend, sprach dann hastig weiter:

»Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm verlangte, so -- ja, da war ich so töricht -- -- ach, aber das war es ja nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...« Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte, murmelte endlich: »Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb, Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl --, nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, -- wehrlos, weißt du, irgendwie, -- ja -- es _läßt_ sich eben nicht sagen. Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich -- --