Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 7

Chapter 73,390 wordsPublic domain

Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter ... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern, Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten, wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen, Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten, Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.

Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt, zwei Schuh hoch über dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte; dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform; zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts, anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen, kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe, schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.

Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er -- ganz mit den Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers -- um ihre Füße die Stufen hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.

Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue, weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher, winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu? -- Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.

Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß, die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden, Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen. Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen, einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten, Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe, ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen, aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße, gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.

Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.

Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend, da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.

»Nicht eigentlich,« hörte sie ihn raunen durch das Getose, »ich sitze unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen, ob die Reiher ordentlich arbeiteten.«

»Musik?« fragte Renate erstaunt.

»Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!«

Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren, Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik und verging im übrigen Brausen.

Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen, Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt, aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer Seite her vorbeizuziehn.

Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er ausblieb. Sie warteten.

Viertes Kapitel

Getümmel

Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren, wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zügel -- immer schön in ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar trug, auch entzückend anzusehn war, -- anstatt seine Reitkünste zu beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot, und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen. Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen Ruck ...

Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige, braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in allen Tiefen lagerte die Ebene.

Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück. Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen. Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel. Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch Haselgesträuch ins Freie und saß auf.

Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich? fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen, Unnatur, Wahnsinn?

Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war, über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott, das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich schon, da kam er angestürzt, -- um Himmels willen, die ganze Straße war versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde, als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg her: Achtung! der Großherzog! -- Großherzog, es war zum Totlachen und die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: »Platz! Platz für den Großherzog!« Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: »Wie spät ist es?« Eine Stimme schrie hinter ihm: »Gleich zwei!« dann noch mehrere durcheinander: »Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!« Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie zeigte unwandelbar drei Viertel eins.