Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 6

Chapter 63,604 wordsPublic domain

»Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man mich hineinschiebt, -- das ist -- Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber vorher -- -- die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben, und -- das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...«

Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.

»Eins,« hörte sie Ulrika sagen, »du hast es leider nicht gesehn, das war köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, -- ich sah ihn nachher unter dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er sie auf den Mund, -- so --« Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken legend, als schütte sie Beeren in den Mund. -- »Danach nahm er die Hand wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.«

Renate begriff noch nicht recht. »Ach, er konnte meinen Kuß nicht im Mund behalten?« sagte sie lachend. »Ja, wie alt war der Junge denn?«

»Dreizehn,« versetzte Ulrika, »er sieht viel jünger aus, weil er so klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.«

»Ja, so ist Bogner«, lachte Renate, den Vorhang hebend.

Zelt

Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.

»Du siehst so dunkel aus«, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: »_Mio marito e ritornato._«

»So ...« Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer Weile: »Anderthalb Jahr war er fort?«

Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.

Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf.

Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: »Was soll denn nun werden?«

Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei; Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.

»Den kenne ich ja gar nicht«, sagte Renate verwundert und betrachtete voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der Wendekreise und Figuren aus den Sternen. »Seine Durchlaucht«, gestand die Zofe lächelnd, »haben ihn mir heute morgen gegeben.« Ulrika sagte nur: »Ha!« während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln, riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die Füße hinunterhingen.

»Bin ich schön?« fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und zurücktretend, die händefaltende Ulrika, »ach, es ist eine Lust heute, schön zu sein! Den Mantel nachher,« sagte sie und mußte plötzlich zum Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte die seine und sagte leise: »Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß du --«

Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. »Wir befinden uns in einem Irrtum«, sagte eine nicht völlig unbekannte Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.

»Josef!« stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf überragte. Sie ließ seine Hand fallen.

»Komm herein«, sagte sie und trat zurück. Er folgte.

Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden, hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie, einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte kurz zu Ulrika hinüber: »Es ist mein Vetter Josef.«

Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich habe damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du nicht, daß du gehen würdest?« Die schwarze Kappenspitze bewegte sich bejahend. »Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht ist.«

»Wie unverständlich«, hörte sie Josef sagen. »Wenn du dir von meinem Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich sein, aus welchem Grunde ich komme.«

»Ich wußte es längst,« murmelte Renate unwillig, »ich fühlte es.«

»Wir sind es immer,« hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, »die alle fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr selber zwischen euch stehn und den Dingen.«

»Du sprichst gegen dich selbst, Josef?«

»Ich sehe, was kommt,« versetzte er ruhig, »und außerdem äußere ich eine Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weißt.«

Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: »Seit heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.« Ihre Augen glitten zu Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm, das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder -- erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:

»Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -- Er ist ein Mann,« setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie schweigend und mit Innigkeit.

»Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein Vater dich gesehn hat.« Er neigte den Kopf.

»Dann fort!« rief Renate, »auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.« Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. -- Sie verließen das Zelt.

Im Wagen

Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße; dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn ... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: »Was hast du mit deiner Hand gemacht?«

»Mich gerissen,« log er finster und flammenrot im Gesicht.

»Laß mal sehn«, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf. Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch, miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon begrüßt, -- kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.

»Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,« sagte Renate nach einer Weile, »keusche Männer sind so selten.«

Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: »Warum keusch?«

Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend, sagte hurtig: »Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.«

»Heißt er Tobias?«

»Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und einen Engel in Bogner.«

»Und keusch ist wie Tobias,« lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut, »oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie nahm?«

»Sarah, siehst du,« erwiderte Josef, »war keusch; sieben Männer mußten Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und >Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.«

»Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht plätschern gehört!«

»Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.«

Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand: »Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.«

»Oh, verblüffend!« staunte Josef, »wie das dumme Vieh!« und Renate erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen, hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:

»Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!«

Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ... klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte: »Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!«

»Rede weiter, Josef«, befahl sie, ihn anblitzend.

»Jedermann,« sagte Josef, »der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande --«

Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.

»In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis --«

»Du schweifst ab, Vetter!« unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt.

»Keuschheit«, erklärte Josef, »hat mit der Selbstzucht wie mit allen übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend, wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen --« Ulrikas Züge spannten sich aufhorchend --, »sie verfügt über die verblüffende Gabe der Willkür, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern, sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins sind,« Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo bleibt er nur den ganzen Tag? --

Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:

»Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel. Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet unser Gespräch.« Der Wagen hielt.

Festzug

Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und sonnige Landstraße kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklärte Bogner --, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten -- waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch erklären.

Es wären die neun Monate, fing der Junge an.

»Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?«

Tobias sah verlegen zu Josef auf. »Weil es«, hörte Renate seine Stimme hinter der Maske, »nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar, wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber, Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst ...«

»Nein, diesen noch,« bat Renate entzückt, »das scheint Sankt Christofer --« sie zählte ab, »-- Oktober, warum Oktober?«

»Siehst du nicht,« sagte Josef, »daß es nicht Sankt Christofer ist, sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.«

»Was doch dieser Maler alles weiß!« lächelte Renate verwundert und bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: »Einen Augenblick!« hakte den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem Bausch, trat zurück und sagte: »Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein Haar?«

Renate, an sich herunterblickend, meinte: »Der Naumburger Uta? Seh ich so hold und kindlich aus?«

»Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,« sagte er, »aber die Hand mit dem Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als der alte graue Stein. Komm weiter!«

Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten, nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken, Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.

»Dein Ritter Georg hat es so gewollt,« äußerte Josef, »man macht es so in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.«

»Chinesen? Ach, der auch deine Maske --«

»So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,« meinte Josef, »aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines Tages an.«

Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich eingestemmt, milchweiß -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, -- am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange Düte des großgewundenen weißen Horns.

Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:

»Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!« Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:

»Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst du?«

Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar fabelhaft aus.

»Welch gutes Herz du doch hast, Renate,« hörte sie Josef sagen, »aber das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man alles für Natur.«