Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 52

Chapter 521,798 wordsPublic domain

Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld, beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, -- aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja, Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch ihn.< Was für ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte ...

Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches! Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht, sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fügte die Stücke des Satzes zusammen, -- ja, sie paßten.

Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?

Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein, antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. -- --

Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb alles still.

Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!

Nichts ... Stille ...

In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.

Dort war -- seine Füße standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg atmete auf und lächelte.

Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen, so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte, die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer unschuldigen und demütigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den sie ausatmete.

Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht.

Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfüllt fand von einem inneren Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit, ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden Bestürztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- --

Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.

Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.

Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh und gestillt in allen Tiefen.

Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig. Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen. Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit! Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen!

An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, -- so lag er auf dem dunklen Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach ein ferner, dunkler Chorgesang auf:

_Aufgenommen, eingekehrt, Durchgeprüft und tief belehrt. Sohn und Sünder, Knecht und Held, Aufgenommen in die Welt. Nun behoben ist der Fluch, Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:_

_In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- Sich nicht verbittern!_

Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte, erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:

»Du hast gewartet?« -- Sie nickte.

»So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist«, sprach er sanft und geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer Nähe und am Anschaun des Himmels.

»Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt. Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von Bogner?« Georg lächelte. »Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.«

Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der Natur: nach überallhin wie das Licht. --

»Sieh,« sagte sie, die Hand erhebend, »ein schöner Stern!«

Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter. Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten, wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne weisend:

»Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?«

Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen:

»Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und die Schönheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...«

»Sind?« fragte Georg ruhig.

Sie beschloß:

_Unwandelbar._

Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele Stunden.

Inhalt

Siebentes Buch

Erstes Kapitel Firmament 7 Sternwarte 12 Traum 30

Zweites Kapitel Frühstück 34 Verkleidung I 39 Verkleidung II 45 Fahrt 49 Mummenschanz 53 Ritt 58 Ausschau 65 Traumspiel 70

Drittes Kapitel Theater 77 Zelt 85 Im Wagen 89 Festzug 95

Viertes Kapitel Getümmel 109 Verspätung 117 Heimkehr 121

Fünftes Kapitel Heimkehr (die andre) 128 Veranda 132

Sechstes Kapitel Garten 142 Kapelle 154 Lindenallee 159

Siebentes Kapitel Garten 171 Haus 180

Achtes Kapitel Masken 192 Tempel 200

Neuntes Kapitel Zimmer 208 Wehr 212 Treppenhaus 221 Hörsaal 224 Schlafzimmer 231 Schlafzimmer (das andre) 234 Sterne 242

Achtes Buch

Erstes Kapitel: August Renate an Magda 249 Renate an Magda 250 Aus Renates Gedächtnisbuch 252 Cornelia Ring an Renate 266 Renate an Cornelia Ring 267 Irene an Renate 268 Renate an Irene 271 Aus Renates Buch 273 Cornelia Ring an Renate 287

Zweites Kapitel: September Georg an seinen Vater 290 Magda an Dr. Birnbaum 319 Dr. Birnbaum an Magda 321 Renate an Dr. Birnbaum 324 Georg an Magda 325 Von Georgs Hand geschrieben 326

Drittes Kapitel: Oktober Insel 354 Aus den Papieren Georgs 364 Renate an Saint-Georges 371 Renate an Irene 376 Renate an Saint-Georges 377 Saint-Georges an Renate 381

Viertes Kapitel: November Cornelia Ring an Magda 383 Georg an Benno 386 Aus den Papieren Georgs 393

Fünftes Kapitel: Dezember Aus Georgs Papieren 420 Georg an Benno 438 Georg an Magda 451 Georg an Bogner 455

Sechstes Kapitel: Januar Cornelia an Georg 456 Georg an Magda 456 Georg an Benno 458 Hallig Hooge 462

Siebentes Kapitel: Februar Bogner an Georg 494 Magda an Georg 495 Georg an Magda 499

Achtes Kapitel: März Aus Renates Gedächtnisbuch 505 Georg an Magda 512 Aus den Papieren Georgs 517 Georg an Magda 528 Jason an Renate 532 Renate an Irene 536

Neuntes Kapitel: April Aus den Papieren Georgs 537 Magda an Georg 542 Aus Renates Buch 543 Georg an Magda 544 Aus Renates Buch 545

Neuntes Buch

Erstes Kapitel Georg 559 Renate 575

Zweites Kapitel Georg 594 Magda/Benno 596

Drittes Kapitel Magda 607 Georg 614

Viertes Kapitel Magda/Renate 634 Magda 637 Renate 639 Renate (Fortsetzung) 649

Fünftes Kapitel Erasmus 666 Erasmus (Fortsetzung) 690

Sechstes Kapitel Bogner/Klemens 714 Klemens 724 Birnbaum 729 Irene 739

Siebentes Kapitel Benno 744 Georg 759 Bogner 763

Achtes Kapitel Magda 771

Neuntes Kapitel Georg 804 Cornelia 808 Die Blume 813

Der »Helianth« wurde geschrieben in den Jahren 1912-20. -- Der Druck erfolgte in den Jahren 1917-20 in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):

[S. 163]: ... steckend bleibend. ... ... stecken bleibend. ...

[S. 330]: ... Frühling liegt ihr Lächeln unter den ersten Krokus, den ... ... Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den ...

[S. 619]: ... des Zähneputzen und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ... ... des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...

[S. 653]: ... mit ihr berührte, das müßte von ihr an zu fließen fangen.« ... ... mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.« ...