Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 51
»Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du willst dich nicht immer danach richten! -- Es wird ja auch gut sein, wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, -- man muß sie gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter auseinander als Jahre der Trennung, aber --«
»Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!«
»Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen könnte.«
»Na, das war aber Unsinn, Anna!«
Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll zugleich.
»Und nun leb wohl, mein Georg!« sagte sie mit wunderlicher Festigkeit, »mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß, daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,« sprach sie, seine Hände festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: »du hast wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen -- denn das will ich, Georg! --, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß, was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! Und heut abend hörst du mich singen.«
Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür.
Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte, so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen Leere sagte er langsam und schwer:
»Das -- war -- es.«
Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: »Was sagst du, Anna?«
»Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg. Denn --« sie machte einen Schritt auf ihn zu -- »ich weiß wohl, in was du dich verstrickt hast, aber -- in alldem -- -- Georg, hat es dich nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater war?«
»Wie -- meinst du?«
Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht sprechen.
Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. »Georg!« schrie sie, »weißt du's denn nicht? weißt du's denn gar nicht?«
Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die Augen.
Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung aus dem Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewußtsein des tiefen Liegens. Er fühlte seine Hände naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht stören lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem Gesicht, er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen.
In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten sich zwei Ströme herum; einer, der über alle Begriffe glücklich war, hieß: Vater; der andre, der schwarz und gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld. Plötzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die Anna stützen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz mehrmaligen Ansetzens nicht zu.
Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mädchen, und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefühl zu ihr aufblickend, begann er zu fragen:
»Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?«
Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: »Renate und ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.«
»Woher?«
»Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir glaubten Alle, daß du es wüßtest.«
»So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -- wer war dann meine Mutter?«
»Jene Frau -- in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mußt es ja kennen, und dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...«
Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach langer Zeit eine leise Berührung auf seinem Kopf zu spüren. Als er die Augen wieder öffnete, war er allein.
Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? -- Er merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein fertig werden! -- Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt. Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien.
Neuntes Kapitel
Georg
Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:
Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte er darin liegen, daß du jetzt gehst ...
Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:
Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich wegnahm ...
Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern, graublau, wolkenlos, -- und jenseits der Saatfelder unfern lagen die Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken, glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün, übergoldet, schattenreich, singend von Stille.
Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte, daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.
Ihm war auf dieser Wandrung -- Wiesenpfade in unendlichen Windungen, über Knicktore, durch Gatter -- nichts bewußt als das kalte Lustgefühl des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts; nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels, atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich zustreben mußte.
In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes Blau; kleine Kreise regten sich blank, seltsam hoch über dem Blauen, auf der gläsernen Fläche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck der Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl von Eindrücken glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von Gegenständen zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mußte vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu Worte gekommen waren und hinter ihm zurückblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er, brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, die Schatten warfen, und sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern, ihrerseits etwas erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, die Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose Böschungen, den toten Flußarm, teils dunkel, teils rasengrün, die Ketten von Hecken und Zäunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht übertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief überleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in Abendfriedlichkeit und in Ostern.
Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und atmete tief. Da schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, das unendliche Wiesenland, wo das Auge fortgeführt wurde von immer enger zusammenrückenden Wäldchen, ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den Rand in das verheimlichte Düster immer weiterer Länder. War es möglich, daß die nach allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem Gelände?
Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut sich auf, stand mächtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme sagte: Charfreitag ... Und nun -- oh, welche Wehmut! -- --
Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr fest und unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du unmöglich eine Schuld haben an seinem Tode.
Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die Unumstößlichkeit des Satzes.
Das ist völlig wahr.
Ich kann es nicht glauben.
Hierauf kam keine Antwort.
Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die Lider zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben mit einem göttlichen Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land brannte unter ihnen in Lohe. -- Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie sinkt, und ich bin nicht fertig!
Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwärzlich, und Wacholder, klein, dunkel und ernst. -- Soll es hier sein? jetzt? Soll ich versuchen?
Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich nun bin, Fürst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie ein prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mußte in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wüchse, all dies? all diese Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch mich selbst -- nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn meines Vaters sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden?
Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es muß ja noch -- erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich denn? -- Nein, sieh, das muß Bogners Haus sein!
Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer mächtiger Rundbau mit schwärzlichem, flach geschrägtem Dach und flacher Laterne; breite Fenster unter dem Dachrand flammten glühend golden. Ein kleines weißes Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen.
Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, sprang über einen Graben und gelangte über eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige Schritte zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es war durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden.
Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür aufklinkte. Drin war ein dämmriger Gang mit geweißten Wänden und Türen, von dem rechts hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Türen erschien eine weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.
Cornelia
Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich aber sonst.
Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.
Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.
Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach mit Bett, Tisch und Schrank.
»Wohnst du hier?« fragte er. Sie nickte. »Lange schon?«
»Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles drunter und drüber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger. So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie, dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.«
»Ich kam spät«, sagte Georg. »Ja -- und weshalb bist du nun hier?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.«
Georg lächelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach Sekunden sagte sie:
»Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.«
Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er sie an sich zog und sagte:
»Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.«
Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.
»Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu hätte ich --«
»Der Mensch ist zu allem geeignet.«
»Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!«
»Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise. Möchtest du nicht Kinder haben?«
»Gar nicht! Vor fünf Jahren --, ja, da wär ich gestorben für ein Kind. Aber nun ist das --«
»Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen. Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...«
Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm, und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.
Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Plötzlich, auf einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte.
Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten, da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.
Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe:
»Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen, echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst du?«
Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu bringen. »Ist er allein?«
»Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber der kam schon mit mir.«
»So. Renate. Ja -- willst du mich nun --«
»Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!« sagte sie und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.
»Lieber Gott,« sagte Georg, »das ist Unkas!«
»Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?«
»Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte. Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige Bewegung.«
Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich, scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut, plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte.
Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den Raum.
Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.
Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und während sein Wesen sich krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel hinaus.
»Was ist dir?« hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je, und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu beginnen.
Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wußte er plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.
Die Blume
Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. -- Mich hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde warten!
Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war, was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze Leben, alle Leiden, alles was je war, -- aber dies war Wahrheit, dies, seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und schrie: Ewig! Ewig!
Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine Not, alle Schuld, alles!
Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. --
Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West, goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln im Kühlen, -- und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch, dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?
Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend, die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit ...