Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 50

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Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit, da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.)

V

Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:

>Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.<

Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander gegenüber und wies auf den Vorgang.

So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.

Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern; ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, -- was heißt das?

Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein -- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die andre Wange darhalten.

Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?

Geduld.

Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter des Guten!

VI

Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten; in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!

Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee, und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit Geduld: würde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, würde sie heil werden und gut?

Nein, sondern die Lymphe würde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte, verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen müßte.

Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann, wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.

Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?

VII

(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen, aber aus sich heraus wollen sie kein andres.

Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß sie nicht zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und daß alles anders sein sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermögen sie sich von der zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen nicht ein >Alles<, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der Andre das, welches geändert werden und welches geändert auch alles Übrige umwandeln müßte, -- und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige sind, die das >Alles< erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.

Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begnügt, ein System zu entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als den heiseren Nachtschrei zu Gott.)

VIII

Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die Schuld liegt bei mir; Ungeduld denkt nicht.

Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.

Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwäche ist Mißtrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott.

IX

Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben. Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):

>Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.<

Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):

>So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.<

Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte --, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie hatten keine Satzung daraus gemacht.

Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?

Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!

Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus, daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit, in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen, blindlings zu sein und zu glauben.

X

Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und >_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie es sich darstellt, und darauf vertrauen.

Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt glauben?

Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an mich glaubt, der wird leben!<

Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube, so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es weiter?

Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen; waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen, die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben, Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.

Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar, ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war, bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen Liberalität.

Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine, Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens: die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?

Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne Unterlaß hinein.

XI

Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja, zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein Herz, um zu glauben, was ich weiß?

Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, Nenn es dann, wie du willst, Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott! Ich habe keinen Namen Dafür! --

Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht, wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe -- Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.

XII

So blieben denn zwei Möglichkeiten über.

Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_.

Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft, dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.

Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle des Glaubens träte das Sittengesetz.

Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.

Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! -- Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet, das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste Wort leuchten, das ich fand:

>Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.<

Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.)

Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.

XIII

Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen, für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die Masse, die >Welt<?

Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!

Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...

>Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich immerdar.< (Römer 8, V. 22.)

>Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.)

Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit, daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.

Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von Gott.

Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder, damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die Vollkommenheit.«

* * * * *

Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:

»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.«

Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem, was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --

Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal, in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:

»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich Drei, was ist das?«

Sie erwiderte getrost: »Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...«

Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort gewünscht.

»Und nun,« sagte sie, sich zurechtsetzend, »nun möchte ich noch über Benno mit dir sprechen«; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und letzte Anordnungen treffen wolle. »Ihr werdet euch ja nun selten mehr sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird dort heiraten. -- Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem, in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück. War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: >Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist!< Er hat keine Anlage zum Glücklichsein. Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er verarbeiten kann.«

Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden, da es ihr augenscheinlich wohltat.

»Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja, er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun« Sie lächelte. »Es ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist, jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll Bosheit, -- die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten Mann, und wird er das nicht --, nun, aber auch das wird ihm nicht groß Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die -- hat er, Georg?« Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: »Aber so braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben, und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft und Liebe nicht nehmen, denn -- ich weiß, Georg -- die gehören zu seinen Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.«

»Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er macht mich leicht unwirsch und --«