Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 5

Chapter 53,737 wordsPublic domain

Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -- und schon löste es sich vorn heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen, Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.

Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da -- ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter, Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam, beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt, unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten, Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf, unerschöpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und königlich trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam, langsam -- in die Ebene hinunter.

Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht, was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im Traum, Renate nach.

Traumspiel

Ja, nun war der Traum vollkommen.

Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grün und weißer Tracht -- warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm, vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu war er, waren all diese versammelt?

Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein, und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben, das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche, Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend auf im Gras, -- und dort im winklig verhängten Schattendunkel von Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren völlig fort. --

Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein?

Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne, menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher, unkenntlich.

Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich; ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.

Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel seiner Kirchendiener.

Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. -- Aber da, ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal -- wie war es doch? -- das große Hurra, etwas vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ... Dora! Dora Vehm ...

Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich fremd und hoffärtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, über Georgs Schulter hinweg gerichtet.

»Was ist denn?« flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, daß Renates Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.

»Es ist ja ...« murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache Hand und winkte.

»Wer?« fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

»Saint-Georges«, wiederholte Renate, völlig wach. »Ach, bitte, Georg -- -- ja, wie stehn wir denn da?« fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück. »Bitte,« fuhr sie fort, »gehen Sie hin und sagen Sie ihm, er möchte -- ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt im Burghof auf mich warten.«

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.

»Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,« sagte er, »nachher am Ankleidezelt zu sein, im Burghof.«

Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die Augenschlitze gradaus zu spähn, -- denn so schien es. Todmüde wandte Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her, waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.

Drittes Kapitel

Theater

Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas Hand und faßte sie. »Was war dir denn?« hörte sie Ulrika fragen, »du weintest.« Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und sammelte ihre Gedanken. »Laß dich anschaun,« sagte sie, »wie köstlich du aussiehst!«

Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den weiten, mattlila Kleidrock. »War es denn nicht schön?« fragte sie, wieder besorgten Gesichts, »ich meine, -- weil du weintest ...«

»Habe ich geweint?« fragte Renate erstaunt. »Richtig, Georg war ja da, -- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schön, aber -- es war schauerlich -- oh!« sie zog die Schultern zusammen. »Ich bin völlig zu Eis geworden, weißt du.« Sie lachte. »Nun, und das hat halt schmelzen müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.«

Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.

»Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!« rief Ulrika entzückt, als die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder, gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.

»Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen Decken«, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen. »Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,« murmelte sie dabei, »was wird aus uns werden?«

Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.

»Bitte, wollen Sie nun --« hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher: »Ja, nun mußt du laufen!«

Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. --

Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand heraufklimmen.

»Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,« sagte sie tief in Gedanken, »oder vielmehr --, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen -- furchtbar!« Sie lächelte und fuhr eifrig fort. »Da konnt ich denn freilich merken, -- das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und erst unten, weißt du, -- ja, was lachst du denn?«

»Ich lache, weißt du,« sagte Ulrika, »weil du, weißt du, immer weißt du sagst!«

»Sage ich das? Ja, weißt -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen --«

»Ha,« unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, »das hast du doch gemerkt!«

»Ich habe es gefühlt, du Närrchen,« sagte Renate lachend, »aber ich weiß es erst jetzt!«

»Ist das ein Unterschied bei dir?« fragte Ulrika verwundert. Renate sah sie an. »Ja, bei dir etwa nicht?«

Ulrika schien innerlich zu kämpfen. »Du magst recht haben,« gestand sie endlich, »aber -- wenn es so ist -- dann --«

»Ist es unsre ganze Macht«, funkelte Renate. »Nein, weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.«

»Und das war das Grausige?«

Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. »Das Schöne«, sagte sie leise. »Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ...« Sie schauerte.

»Und den Festzug hast du noch vor dir«, neckte Ulrika.

Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:

Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge, Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...

Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? -- Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend, rief sie: »Sieh nur, was kommt da?«

Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: »Sie kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!«

»Herzog muß es heißen,« flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig fort:

»Am eisernen Tische fand dein weißes Roß Den Auserwählten, doch es war kein Schild; Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste Sein karges Brot!«

Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte: »Da, komm, mein braver Junge!« und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn -- er war klein wie ein zehnjähriger -- an die Brust und küßte ihn fest auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still, riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung fröhlich nach.

Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! -- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg, aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: »Wo bin ich? Welch ein Traum umfängt mich denn?« hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte mit natürlichem Hochmut:

»Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint, sollst du mein Gatte sein!«

Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: »Sakrament, Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!« und ließ die Jamben des Stadtpoeten rollen:

»Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer! Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war! Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl, Ein Roß, ein holdes Weib ...«

Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden! und herrschte ihn kühl an:

»Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. -- Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hörst du wohl --« Sie endete, plötzlich selbst erregt: »Mein eigen!«

Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend, lächelnd: »Das Stück ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer machte Augen wie ein Dorsch!« worauf sie, zierlich und hochmütig angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres Hofstaats in den Wald hineinging.

»Verstehst du denn die Menschen?« fragte sie, stehen bleibend, und drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. »Du weißt doch, was für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt aufführen zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?«

Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus und sagte nachdenklich im Weitergehn: