Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 49

Chapter 493,732 wordsPublic domain

In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen, Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend, sehr still -- und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch, und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern, weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu erkennen.

Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.

Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger, Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen, friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.

Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bläuliche Licht im Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit, vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen niemals diese Berggipfel übersteigen würden.

Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von Unheimlichkeit wandte sie sich um.

Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen? Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn, nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der dieses gemacht hatte.

Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu Jason: »Freund, erkläre mir dieses!«

»Dies«, sagte der bereitwillige Jason, »ist gemalt. Es ist ein Werk des Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit, sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung. Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können, um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den Himmel gelangtest, -- wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des Ewigen zuträgt.«

»Es scheint sehr einfach«, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum Einen, dankbar zum Andern: »Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! -- Ich habe euch lieb.«

Achtes Kapitel

Magda

Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen. Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre, das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das Zucken eines ewigen Auges.

Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen, entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.

Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?

Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, -- dann der Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu. Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und ließ sich nicht heben.

Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.

Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte, wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte; Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt; auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.

Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee, sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit lichter Stimme:

»Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?«

»Ja, Anna.«

»Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?«

»Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied nehmen.«

Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht nahe am ihren: »Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend etwas sehn?«

»Jetzt«, sagte sie ruhig, »sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen. -- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles geworden, aber --« sie hob seine Hand, »man kann fühlen.«

Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber gefleckte des andern Auges, -- er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.

Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil hatte er bald gefunden.

»Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<«

»Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!« rief Magda unschuldig.

»Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre, was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur in Kunst zu verwandeln.<«

»Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!«

Georg las:

»Porzellan (nach einem Wort Bogners)

Das ist die edle Alchymie des Leidens, Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand Der Erde kräftig zartes Porzellan, Drin Kochendes sich kühlt, -- das dauerhaft Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.«

»Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg«, bemerkte sie heiter.

»Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:« Er las ernst:

»Nur tiefer (Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)

Der Tote, den du liebst, an seiner Hand Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt. Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt, Nur tiefer stehst du da in deinem Land.«

»Ulrika ...« sagte sie leise. Dann: »Welch ferne, ferne Musik!«

Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.

>Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, -- so fliehe gleich von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll vorausweinte.

Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen, damals, als ich sie küßte.

Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen; und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.

Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein Grundsatz über Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum Unverstand tödlicher Gewißheit.

Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen, daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wäre standhaft, während Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im Gefühl für mich; aber sie muß.

Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos, daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. --<

»Willst du nicht mehr lesen?« hörte er sich, noch bevor er die letzten Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick überfliegend:

»Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift heißt: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich möchte dich bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es -- nun, daß es sich nicht um Einfälle handelt, sondern daß es -- wirklich mein Äußerstes ist, nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich er--lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.«

Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.

»Ultimo

Motto: Wahrheit ist es nicht; es ist meine Wahrheit.

I

Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur, der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort lauten: Befriedigung.

Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen, die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden. Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen, die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.

Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was wahrhaft schön ist, auch gut sei.

II

Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel, das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels -- Dinge, die früher auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch -- wohlgefällig zu empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte. Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne -- nunmehr zum zweiten Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein.

III

Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie gemacht hatte, nicht die Natur.

Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit! Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen, die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne.

Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm aus den Händen quoll in das Werk.

Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und die Nimmermüdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun schon durch Geduld.

Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, welche dann ihn belohnte durch das erschaffene Schönding aus seiner eigenen Hand.

IV

Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben, daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz in sich habe für das, was gut ist.

Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?

Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte, wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.

Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.

Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.

Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem Einen litt, so daß er das Andre empfand.

Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam. Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er, daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das Gute.

>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.<