Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 48
»Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der >Form< des Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird, daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um >formales< Bemühen und formale Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges, das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden konnte als einen unwandelbar >reinen Toren<.) Auch Parzival war im Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge sehen zu können, und: er fragte nicht.
»Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion, Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten: Parzival mit dem Panier über sich: >Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen.<
»Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein armseliger Fréderic Moreau war, _qui tenait sous san bras un album_, so bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den Stoff zuvor enthielt, das heißt: _wenn_ ich heute etwas andres sein kann, daß ich es -- oh meine Unschuld! -- niemals ganz war.«
Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale bebte und pendelte. »Ich kenne das Buch nicht, Georg,« sagte er mit empörter Gewißheit, »aber ich kenne Bücher, die so sind!« Georg sah, sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder --, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung.
»Und es ist entsetzlich!« fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen fort. »Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er--de -- --, die sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach innen zurückfallen. Schau--er--lich!«
»Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, -- ja, das sind wir.«
Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. »Nein, sage das nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese Stunden, diese _horas melancolicas_, und sie sind -- -- entsetzlich!«
»Nun, Benno, aber was heißt das?« fragte Georg behutsam. »Ich denke, du bist glücklich?«
Benno setzte sich still und sah vor sich hin.
»Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein -- -- Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt -- --, ich werde bald heiraten. Und sie -- -- oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie ist -- -- sie ist -- wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,« gestand er voll Großmut und Menschenkenntnis, »warum wäre sie ein Weib! A--ber -- -- -- Nein, an ihr liegt es nicht, nur -- -- -- Es ist alles zuviel!« schloß er, völlig erschöpft.
»Zuviel, Benno?«
»Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!« stöhnte er auf wie ein gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. »Alles ist zuviel! Es ist kaum zu ertragen!« Er sprang auf. »Siehst du, was ist das Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man hinauskommen über die Anfänge, und ich -- -- kann es nicht!!«
Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! -- während er halblaut sagte: »Brentano!«
»Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe hinaus -- -- im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte. Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, -- -- wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu enthalten -- -- diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du willst weinen, du bist aufgebrochen, -- und nun erst -- wenn du liebst! Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich -- -- der Geliebten! Aber -- -- Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte -- -- von weitem -- --, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!! Nun --« sang er lieblich -- »ist alles ganz einfach geworden. Ist aber der magische Kreis einmal durchbrochen, was -- ist -- dann -- noch? Ihre Stimme hören -- ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen --, ihren Gang zu sehen --, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern! -- ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen -- --, oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt -- -- unerhört!«
»Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?«
Benno lächelte schwermutvoll. »Ich genieße halt meine Freiheit«, sagte er natürlich. Dann lachte er verschämt. »Nun, Georg, so genau darfst du das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb, sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen darf, ihr Gesicht -- --, und sie über alles sprechen zu hören, -- -- zu sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und -- -- das, Georg, -- -- das schlägt mich zu Boden!«
»Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!« fing Georg an und stand auf. »Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die >Intensität des Erlebens<, ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen. Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst. Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern -- alldas bleibt unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber -- auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht -- --, um Erlebnisse zu fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön, weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne entdecken, wo es >verreckt<. Sie rasen nach Gott durch die Welt, schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann endlich -- endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist, herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der verlorenen Illusionen. -- Diese Folgerungen -- das heißt nur diese zufällig zeitlichen des Zuhältertums -- ziehst du zwar nicht, Benno, aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?«
»Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?«
Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, -- das wäre schon viel. »Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber -- man sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, >die zehntausend Spinnen in der Kufe<, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine. Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß gefunden habe, so war es darin.« Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und Cordelia --: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.
Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:
»Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du recht, und überhaupt -- ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den Gegenteil vollkommen begreife, a--«
»Aber,« rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, »aber du handelst ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei Seiten wie ein Gespaltener und --«
Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und rief, ihm unsichtbar, von dorther: »Nein, und du hast doch nicht recht! Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber -- -- soll es denn immer so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird? Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte! Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken, und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den unerreichbaren Gipfeln, wir --«
»-- pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!« rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?
»Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du --«
»Vielleicht, Georg, -- und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir mißverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur --«
Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. »Hör auf, Benno, es hat keinen Sinn. Weißt du --, ich bin auch sehr müde. Tu mir die Liebe und laß mich jetzt ein bißchen allein.«
»Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur gesagt, daß du vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut mir --«
Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts dieser schmelzenden Betrübtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah, bloß weil er an ihrem Ende erklärte, müde zu sein.
Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Bälde zu sich zu rufen, worauf er entfloh.
Georg
Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein, und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her, ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!
Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.
Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang vorhanden sein? >Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.< Ja, was will ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles, was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...
Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch Angaben über den Weg.
Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu blättern und zu lesen.
Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:
>Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde, das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet, und nur aus Miasmen.
Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr schlecht als recht, statt Erfüllung, -- warum zum Unheil muß mir ein anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn wohl, ob wider meinen Willen:
Georg, der Trasse, Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer, Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.
Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir hängt? -- Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?
Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb, stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe, eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A. die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes, leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos, bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:
Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen Des Hauses ruht die Eumenide nun. Noch ist die Gottheit dringend anzurufen, So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
Die ..... die Wölbung schwindet, Gestirne wandern über Wäldern fort. Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort, Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.<
Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß -- wie soll ich damit regieren?
Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ... sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.
Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb?
Darauf entschlief er.
Bogner
Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung, die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher Gegend.
Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das, wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus -- der Reitbahn -- erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde, deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt war -- Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern konnte --, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen vollgestellt waren, in die Reitbahn.
In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke, die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern, liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander, hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben, und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.
Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde sie anzog.
Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern, langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz, trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung, Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.
Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben, nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille; tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen Blick in verbotene Gegend zu werfen.
Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende Bild hin.
Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drüben in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte. Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen. Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich, den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp, geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den sonnenstillen Charfreitag.
So wagte sie sich vor das dritte Bild.