Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 47
Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.
Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch, und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften. Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder der alte Mann.
Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und -- Knechttum, wie Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter seinem Stuhl.
Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet. Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so spät noch nach Palästina wollte?
Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.
»Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du's weißt und dir keine verkehrten Gedanken machst. 'n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist kein rechter Mensch. Und ich bin solch 'n Mensch immer gewesen. Ich hab 'n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab 'n doch abgeschworen mit meinem Handeln. Darum bin ich 'n bescholtener Mann gewesen, von 'nem bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab 'n gutes Leben gehabt, auch 'ne Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin ich deshalb wohl 'n glücklicher Mensch gewesen? 'n Mensch, der nicht darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern 'n Finger aufheben un sagen: das ist keiner so wie wir, un: den könn' wir nicht achten? Recht haben gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten. Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn so schnell und muß machen Fisematenten und 'n Gemeres unter die Leute, und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht' von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß! Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will kämpfen den Kampf um 'n alten Mann, -- nun, was is 'n Jahr, und was sind selbst zwei Jahr für 'n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde, Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, -- ich weiß doch, was ich weiß ...
»Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie 's Volk, der soll essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt 'ne Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott 'n Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am Schabbes und lesen aus 'm Buche 'ne Sprache, für die er hat keinen Sinn! Oder glaubst du 'n, daß Gott will reden 'ne Sprache, die der Mensch bloß kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott, wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen, dem kommt keine Wahrheit aus 'm Herzen, und wenn er vielleicht nicht betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede, das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills versuchen.«
Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.
Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?
Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu Georg um. »Heimgegangen«, sagte er einfach.
Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß, und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.
Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen, und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. -- Danach stand er auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.
Irene
Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der Erinnerung -- oh die ersten Spiele der Kindheit! --, ging Georg durch die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster -- das letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte -- Klemens auf der Terrasse allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war leer.
Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.
So, dachte Georg, was mag nun kommen? -- Klemens stand da und blickte nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben. In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des Kleides, wo sie hing wie vergessen.
Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe.
»Klemens!« sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz in ein nahezu triumphierendes Warten.
»Mensch!« grollte nun Georg, »worauf wartest du noch?«
Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.
Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den tausendfach rieselnden Glanz hinauf.
Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.
»Was war denn hier?« fragte Magda.
Georg wußte weiter nichts zu sagen als: »Klemens.«
»Ach! Wo sind sie denn nun?«
»Verschwunden. Er hat sie weggetragen.«
»Gott sei gelobt!«
»Das sei er! Es giebt also doch noch --« Findungen in der Welt, wollte Georg schließen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien.
»Aber,« sagte er leiser, »unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.«
Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schließen, bewegte sie sich nicht.
»Das war der Letzte!« sagte sie nach einer Weile, -- wohl im Gedanken an andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen.
»Ja, dann bringe mich bitte --« Sie verstummte, machte eine abwehrende Bewegung und sagte: »Aber ich kann ihn ja nicht sehn«, und trat weg von Georg.
In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur Meldung, daß angerichtet sei.
Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an den Wimpern des Mädchens hängen, wartete noch Sekunden und sagte dann: »Egloffstein meldet, daß angerichtet ist.«
Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und ließ sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne lächeln. Sie sprach wie im Traum: »Irgendwo -- irgendwo -- sind sie Alle wieder beisammen.«
Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. --
Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn Personen gedeckten Tafel, an der außer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie habe ihn ja eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den Tag über kaum gesehn. Auf Georgs Erwiderung, daß er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe, aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu trinken; sie möchte nur vorher etwas ruhn. -- Gleich darauf wagte Benno eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte.
Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, brachte es aber nicht über sich, weder Benno abschlägig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit weicher Erwartung, -- davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, mit ihm allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern.
Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt von seinen nicht mehr geträumten Träumen, die ihn lächelnd und weinend bekränzten ...
Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fühlte ihre Finger sich schließen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg zu und ging sicher zur Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.
Siebentes Kapitel
Benno
»Ach!« sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und so dünne er war, die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. »Ach! Hier ist ja alles wie früher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist unerhört!« Und Georg sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem Haken der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen Rucken, vor Freude rundäugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten. Er erging sich in Ausrufen. »Die Vitrine! Und die japanischen Koffer! Und da --« Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale, die überm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich erhobener Hand -- »die Lampe!« -- worauf er mit einem Knie in dem Sessel lag vor Rembrandts Drei Bäumen, »und die alten Bilder!« Im nächsten Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und Scham und kaum hörbar: »Und daß ich noch hier bei dir stehen darf? Und Du sagen? Und dich anrühren! Einen Herzog! Es ist unerhört!« Er schüttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fältchen eines fast mütterlichen Lächelns.
»Großherzog,« sagte Georg, »aber setz dich!«
Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend mit übergelegtem Bein, und bat mit Kehltönen: »Und jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, aber -- da war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewöhnen. Diese Renate dazu! Man sieht sie an -- -- und man ist einfach -- -- hin!« Er endete verlöschend und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.
»Aber Georg,« fing er wiederum an, »du bist traurig. Ja, dieser herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...«
Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen könnte, wenn er nur welche hätte.
»Stehn keine in dem Buch?« fragte der Enttäuschte mit einem Blick auf Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.
»Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte, ein Gedicht muß darin sein, aber -- es ist nicht sehr von Belang.«
Georg setzte sich und begann zu blättern. »Hier! Nein, das ist es nicht. Nun, dann waren es zwei, -- also höre! Dies ist übrigens noch aus Berlin.« Er las:
»Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein, Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen, Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein, Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen --
Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben, Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn, Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn: Und alles dies, damit wir endlich sterben.
Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen, Noch im Gehör, das schon erstickt und taub,
Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, -- Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub, Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.
»Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur daß es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre!
»_Hora melancolica_
Langsam gehen die Dinge uns vorüber, Wolkig hinunter in die Ewigkeit. O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber. O später Tag! o müdes Leid! Als führen wir im Wagen eingeschlossen ... Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus, Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen, Wir aber sehen immer nur hinaus. Was könnten wir denn tun in unserm Fahren? Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt, Und sehen nur verständnislos seit Jahren Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt. Was halten denn die Augen, die im Weiher Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich? Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich! Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen, Darum die Bäume voller Schwermut stehn. Wir ziehn, wir ziehn, -- so werden wir die Leisen, Die alles mit gekühlten Augen sehn. Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen, Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr, Dies macht das Herz so schauerlich erblassen Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer. Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert, Wir zwingen nichts hinein in unser Herz. Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert, Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz. Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu; Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände, Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh. Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten. Genügsam wurden wir; die Blicke gehn Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten Mit bitterem Begreifen nachzusehn. Die weicheren Gebilde in den Bahnen Des Äthers tun den kranken Augen wohl. O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen, Du einst unsterblich flammendes Idol: Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert, Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt, Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert, In ihre Reinheit grenzenlos verliebt! Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern, Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff, Die mantelsausend stürmte über Tälern Und über Berge nach den Brüdern pfiff? Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern, Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff.
Geschehen mag und gehen, was die Hände Nicht schufen, nur berührten fremd und blind: Der tatenlosen Liebe arme Spende, Der kleinen Hoffnung süßes Angebind. Vorüber ziehn die bunten Bilderwände, Wir schauen und vergessen, was wir sind. Die Dinge schweben her und gehn hinunter, Wahllos hinunter nach dem einen Tod. Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter, Unwissend Lächelnde ins Abendrot.«
Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. »Das ist recht schön, Georg«, meinte er dann. »Aber -- besonders finde ich es nun eben nicht.«
»Es soll ja auch gar nicht --«
»Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche -- Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich -- --, das ist alles solcher Hofmannsthal. >Was frommt es, alles dies gesehen haben?< Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung! Oder doch?«
»Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also höchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.«
»Aber -- --, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des Dichters?«
Georg schüttelte trübe den Kopf. »Benno, du wirst nie im Leben dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, -- wenn du magst. Hier ist etwas über Flauberts _Education sentimentale_, magst du das? Also höre.
»Zu Flauberts _L'éducation sentimentale_
Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben sollte, ausdrückt: >Dürre Früchte<. Es ist dürr, langweilig und von erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen. Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von firmamentaler Wirkung ausschließt. Der >Held< (der keiner ist und sein soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch, das heißt in seiner Anschauung berührt (oder -- was fast schlimmer ist -- moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren Wünschen und Zielen, oder -- was das einfältigste ist -- an seinen Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen, mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt, unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite des Buches erschien: _un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous son bras un album_, -- nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll wurde. Undurchdrungen also -- und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne Geist --, ungewandelt also -- und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele --, unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen -- ist er auch: ohne Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab, wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren.
»Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte, sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen, hin- und darstellend, weil für ihn -- in seinen andern Büchern ist es nicht anders --, wie gezeigt, letztes Inneres -- der Gott, die Seele, der Geist -- nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im Gehirn trug: Balzac.
»Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist: Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem >wahren< Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des Firmamentes bildet.