Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 46

Chapter 463,887 wordsPublic domain

»Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals«, rief Georg. »Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und Profangebäude. Die heutige Hundertfältigkeit --« Georg verstummte einen Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens von der italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -- um dann fortzufahren: »Immerhin wurden die Häuser früher allesamt von außen gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten --«

»Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?« hohnlachte Klemens. »Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem Rathaus? Eins wie das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es eben. Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.«

»Und wer ist dran schuld?« rief Georg nun hitzig. »Du bist schuld! Denn der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst den noch einfältigeren Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange, daß die Zerrüttung überall herumprasselt.«

»Ich freilich fühle die neue Grundlage.«

»Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon muß Bogner sich Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist, und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.«

»Das«, widersprach Bogner langsam, »kannst du so wohl nur für Deutschland festlegen.«

»Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.«

»Den _homme de lettres_, den _écrivain_ -- kaum im deutschen Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der _artiste_, der, der diese Dinge macht.«

»Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet, erdichtet. Form und Gehalt.«

»Freilich,« sagte Klemens sardonisch, »er nennt sich Schriftsteller, aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen >Dichter< und wird auch gehalten.«

»Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche, als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, nämlich gegen etwas, das über ihm ist und Allen. Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.«

»Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?«

»Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das dürfte wohl doch klar sein, daß wir in Deutschland eine Art, ich will sagen dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer seine _gloire_, dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles hingeworfen, so groß er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm hätte erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer, hungernd und frierend, verachtet und entzückt, das ist unsre Form.«

Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie alle Drei rauchten, trat er an die Glastür und dachte, es sei doch das Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern mit Worten zu schlagen.

Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an seiner Zigarre.

Ob Irene nicht bald kommt? -- Und Birnbaum, dachte er beunruhigt, Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.

Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach Kräften auf der Terrassenfläche.

In diesem Augenblick -- da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu laufen -- gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten. Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und überließ sich dem inneren Toben.

Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders? Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der innerste Grund nicht sein.

Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie hier sein. -- Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein -- nun, das sind wenigstens Pflichten, die kann man gelten lassen.

Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. -- Nun such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist, anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt -- von Architektur.

Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich nie?

Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.

Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten.

Klemens

Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.

»Aus besonderen Gründen?«

»Keinen politischen jedenfalls.« Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen und dergleichen.

»Komische Käuze,« sagte er, »diese deutschen Handwerksburschen. Sie arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns. Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.«

»Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?«

»Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit, soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei! Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun, und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.« Klemens lachte nicht ohne Wehmut. »Ich war dann immer der Sohn des Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und sie war so geduldig ...«

Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: »In Pisa, da war ein Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine -- Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.«

Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen, ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte:

»Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.«

Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:

»Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert, kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten, Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal: Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.«

Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb, die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne festen Blick: »Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn hergeschleppt, zu Renate.«

»Zu Renate?« entfuhr es halblaut Georg.

»Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen --« Er verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.

Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?

Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? -- beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus früheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze Verderbtheit der Welt.

Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.

So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.

Birnbaum

Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien. Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit. Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen -- das linke hing ab nach außen -- war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei der Hexe war! -- Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt! Oder kann er das nicht?

Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich, machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: »Ich bin gekommen, um Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.«

Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, -- um die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: »Ich habe ja keinen als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht mehr!«

Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen »keinen als dich« und hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?

Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu ihm aufblickend, trübe: »Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie lieber gar nicht --« Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog -- und so weiter ...

»Ich will heute nicht schreiben«, sagte er kleinmütig und legte die Feder hin.

»Hoheit haben ja Zeit bis morgen«, sagte der Hauptmann.

»Rieferling,« versetzte Georg verdrießlich, »Sie wissen immer was! Wo soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!« Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von Rieferlings sachtem Lächeln.

Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf andre geschriebene Namen -- Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke, Fuchs, Richter und mehr, immer mehr -- zwischen Druckzeilen, in denen von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige >Geruhen< hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für sie da?

Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: »Kannst du dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser mit ihm wird?«

Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb ihrer strömte:

»Er will nämlich nach Palästina.«

»Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!«

»Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich. Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen Gedanken mehr zu haben oder so.«

Georg nickte. »Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er sagte selber, es sei Einbildung.«

»Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, -- ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir darüber, -- na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. Und gestern -- gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu spät sein könnte -- ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten Vorstellungen --, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen. Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte eine gewisse -- ja -- eine Rolle.«

»Aber diese Palästinaidee«, versuchte Georg schwermütig zu widersprechen, »will mir noch nicht in den Kopf. Wenn --«

»Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an dich, aber -- ich darf das wohl sagen --, in Wirklichkeit wars doch alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das ist denn so wie'n Mensch, der aus'm Stück Land weggetrieben wird und kriegt 'n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber -- heimatlos, Georg, heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er heimatlos gewesen!« wiederholte er erregter, »und ob das nun Galizien ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied. Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch 'n fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann -- auf einmal -- drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt eigentlich immer nur 'n kleinen Garten haben. -- Das hat sich nun eben alles so zusammengezogen.«