Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 45
»Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt: Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine Gerechtigkeit, kann sie auch so --?
»Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu wägen? Nein, hin ist hin.
»Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.«
Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf gefaltet. »Das hast du gedacht?« fragte sie ergriffen.
»Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken. Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken: links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben -- unten ...«
Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen Frageblick an, den sie kannte. »Mußtest du immer denken?« fragte sie behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:
»Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So muß mans machen.
»Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist freilich immer zu tun, aber --« er brach enttäuscht ab. »Ihnen ist ja nicht zu helfen!«
»Ich meine, versteh mich recht,« fing er gleich wieder an, »nicht auf meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und dergleichen --« Er schöpfte Atem. »Was ist denn damit gedient?
»Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert, das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja!« schloß er mit großer Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem Blick. Und nun sprach er schnell weiter:
»Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein -- wie Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen. Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,« redete er inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, »das ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt. Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich Unendlich!« schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.
»Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-, Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe, die sich löst, muß _x_ gleich Null sein.«
Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll großer Vernunft.
»Aber«, sprach er weiter, »wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder warst du!«
Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. -- Sie sagte nur: »Weiter, Erasmus!« und als hätte es nichts weiter gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie anzusehn, gegen den Tisch:
»Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --«
Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen Entsetzen eingeflößt hatte.
»Weiter, Erasmus, weiter!« flehte sie.
»Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?«
Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt, fragend.
»Ja, Erasmus,« sagte sie, in einem Blitz erratend, »du wolltest Mönch werden.«
»In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein. Was sollte ich anfangen in einer Zelle?«
»Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die Schranke, -- und du!« endete er unsicher.
»Ich weiß«, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?
Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er unbewußt zusammendrückte und zog.
»Erasmus,« fragte sie, »glaubst du an Gott?«
»Ach,« versetzte er ablehnend, »wer kann das wissen! Man glaubt und auch nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was, sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.«
»Ja, aber wozu dann --« fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung eines ablenkenden Wegs.
Er setzte sich härter und gerader fest. »Wenn es einen giebt, muß er schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!« sagte er verächtlich.
»Wirklich, ach! Was du nicht sagst!« rief sie entschlossen, jetzt ganz leicht zu reden. »Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch weiter denken können.«
»Wieso?«
»So groß«, sagte sie, »kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das nicht erst wahrhaft Größe: so groß -- und doch deiner achtend?«
»Das wäre!« sagte er tief und sah sie mit Staunen an. »Das läßt sich ja begreifen!«
»Und das Unendliche,« fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon triumphierend: »wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?«
»Nein.«
»Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?«
»Nein.«
»Also wo!«
»Mitten.«
»Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?«
»In mir.«
»In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist, und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest du denn -- ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische Unendlichkeitszeichen gemalt -- so!« Sie malte mit dem Finger die liegende Acht in die Luft. »Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?«
Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: »Nach innen sehn!« und hinzusetzen, ungläubig: »Aber -- da war doch nichts!«
»Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei das Unendliche?«
»In mir.«
»Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?«
»Menschlicher.«
»Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?«
»Wie eine Null.«
»Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?«
»Verzehnfacht.«
»Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das verzehnfachen kann?«
»Eine Kraft.«
»Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du sie dir vorstellst?«
Er zauderte. »Du meinst -- Liebeskraft.«
»Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?«
»Ich glaube ...«
»Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?«
»Man -- man soll sie anwenden.«
»An wen?«
»An Menschen.«
»Was für einen Menschen?«
»Der sie braucht.«
»Kanntest du solch einen?«
»Ja.«
»Wer war denn das?« rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit.
Seine Augen verdrehten sich etwas. »Du.«
»Nun? Und nun?«
Er schüttelte den Kopf. »Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.«
»Nun Gott sei gelobt,« sagte sie strahlenden Auges, »das war alles, was ich wollte!«
Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und sagte: »Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?«
Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. »Du verdrehst es nur so«, meinte er stockend.
Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War das der Anfang -- --?
Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines Gedächtnisses.
Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.
Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme.
Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem wird noch das Leben sein, und alles --
Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank, langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu, sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust. Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:
Er hat es überstanden, -- und du und ich, wir werden es auch überstehn. -- --
Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne. Etwas -- mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt! mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.
Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon: »Erasmus!« angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes reichte.
Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: »Ja, ja, Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles tun! Sag doch, o sag doch!«
Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit unseligen Augen und sagte: »Gieb mir --«
Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht an die Brust drückend: »Die Kinder!«
Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte: »Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten! Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut, o ich will dich lieben!« schrie sie brennend, »ich will dich lieben wie Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus, das neue Leben, das nichts weiß! Ach!« weinte sie, »wenn du nur erst sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!«
Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:
»Ja. Aber -- -- und dann ...«
»Was denn, Erasmus? was denn?«
»Dann muß man -- es -- sagen ...«
»Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?«
In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem er flüsterte: »Mein Sohn ...«
Sie erriet. Sie schrie: »Um Gottes willen, Erasmus, was willst du --«
»Wenn er soweit -- ist ...«
»Nein, Erasmus!« jammerte sie, »nein, nein!«
»Dann will ich ihm sagen -- dein Vater -- ist --«
»Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!«
»Mörder --«
»Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!« klagte sie.
»Und dann -- -- wenn ers -- erträgt ... Wenn -- ich -- einen Sohn -- habe --« sagte er langsam, »der es -- erträgt, dann -- ist es gut.«
Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand, und sie saß leise weinend daneben, mit der Hand über sein feuchtes Haar streichend, und verstand, daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben selber brauchte seine Gewalt.
Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber draußen war Helle, und Renate konnte aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der Kindheit schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille.
Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.
Sechstes Kapitel
Bogner/Klemens
Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über das Rasenoval wandernd, sah die drei Ankömmlinge und daß Renate sich einem von ihnen gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge erkannte er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg lief eilfertig und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich ausbreiten sah.
Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte sich so aufgeregt und erweicht von dem unvermuteten Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß er, für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.
Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem großen Fremden, mit dem Renate eben in der Glastür oben verschwand, Erasmus Montfort und gleich darauf in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. Sein Bart war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis hatte. Er schüttelte ihm nun die Hand, fühlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte, beiseite gezogen.
»Pst!« raunte er, »Achtung! Er hat keine Ahnung!«
»Wer? Klemens? Wovon?«
»Von Irene. Daß sie hier ist.«
»Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Böhne sein.«
»Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.«
Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich doch wundern mußte, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach Erasmus.
»Wir sind zu Fuß gekommen,« sagte Klemens, »und suchten Bogner auf, um uns herführen zu lassen.« Er wollte noch mehr sagen, aber ein Regenschauer ging so jählings über sie herunter, daß sie auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit, hielt die Tür schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurück seien, fragte Georg. -- Noch nicht. -- »Um so besser, dann kriegt ihr ihr Frühstück! Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?«
Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am Nachmittag bei sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, ihn zu bitten.
Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür gegenüber, durch die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah, glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum recht gesund, im Innern erschöpft und außer Ordnung. Das tiefe Schwarz des großen Bartes und der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann.
Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts eben Väterliches an sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. Fast vermißte Georg das lange Haar von Hallig Hooge an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die hellen kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden Glanz, Fleisch und Haut über dem Skelett des Gesichts ihre frühere Festigkeit wieder, und brüderlich erschien nun, was Georg früher als väterlich empfand.
»Giebt es Neues bei dir?« fragte er derweil. »Bilder? Wieviel? Nun, ich komme natürlich!«
»Acht Bilder im ganzen,« erklärte Bogner, »die zusammen gehören. Allerdings mehr inner- als äußerlich, wenn du auch auf den meisten eine Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie könnte mans nennen. Von den übrigen kannst du Studien sehn.«
»Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?«
»Ich möchte sie«, sagte Bogner lächelnd, »der Stadt schenken, Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?«
»Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?«
»Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen ein Haus baun. Höre einmal, was ich mir ausgedacht habe.«
Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben groß, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun länglichten Blättern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser würde leer bleiben, mit Eingängen zwischen den Blumenblättern, -- Bogner schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie bei Renate von niemand gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren Enden der Blätter würden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser eine Büste des Toten.
Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaßen grämlich etwas von »Archaisiererei«, die dabei herauskommen würde. Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein Gebilde der Zeit würde, zumal hier im Norden.
»Ich weiß nicht,« sagte Bogner, »ob Tempel zeitliche Gebilde oder zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.«
»Gott nicht, aber der Glaube.«
»Dann müßte es mehr Götter geben als einen.«
»Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.«
»Die Kunst«, sagte Bogner nachdenklich, »hat meines Erachtens die Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kämen wir zu Problemen, und das Problem Gottes zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.«
»Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem für gelöst?«
»Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Gläubige sich ausdrückt, so löst es sich mit der einfachsten Darstellung der architektonischen Aufgabe. Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber ich bestehe durchaus nicht darauf, daß etwa das Kapitäl jonisch sein soll oder korinthisch. Das immerhin war zeitmäßig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und --«
»Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle auf die dorische Säule? Übrigens«, schloß er in seinem ersten, bisher von Hitzigkeit abgelösten Tone der Grämlichkeit, »machen Sie, was Sie wollen.«
»Du bist zänkisch!« sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider gefolgt war. »Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.«
Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein hinhielt, und gab sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon neulich einen Architekten sagen hören, daß sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen könnten und warten, da die Baukunst nicht -- wie vormals -- imstande sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben.
»Davon«, sagte Georg, »schreibt Victor Hugo sehr schön in Notre-Dame. Sonst übrigens ein albernes Buch. Völker, sagt er, haben ihre Geschichte in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den wechselnden Zeiten.«
»Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt hättest, würdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden. Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation, die Vergleichung, fehlt.«
»Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck für etwas Neues und Zeitmäßiges gefunden?«
»Das Warenhaus wohl?«
»Vielleicht.«
»Lassen Sie das auch gelten, Bogner?« Klemens schien sich zu erleichtern im Wortstreit.
Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige Erscheinung.
»Aber wieso?« fragte Georg. »In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?«
»Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt die Dinge nur in Beziehung, ist -- ganz Fläche. Das mittelalterliche Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmännischen Geistes und --«