Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 44
Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt, was dann?
Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?
* * * * *
Und da ist es, das Ende.
Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde es dir nicht vergessen!
Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen, Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines schlafenden Kindes.
Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war wieder schwer.
Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft, schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich abwandte.
Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn, entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel überlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustür tretend, sahn wir den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!<
* * * * *
Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen, ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich, fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.
Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, -- trug sie durch einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein stiller Mönch, und sagte: »Mach du mich rein!« Ihre Knie beugten sich tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
»Ich will dich lieben!«
Erasmus (Fortsetzung)
Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief, erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper schien Ähnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wußte es wohl -- diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte ... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein menschlicher Schatten: Erasmus.
Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte, sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein Licht.
Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen, klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut, daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise nichts als: »Nun?«
Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie etwas wünsche.
»Befinden?« sagte sie, »gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich wieder hinsetzest wie eben.«
Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist das Leichteste von der Welt.
Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.
»Und nun, Erasmus,« bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend, »mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich es meine.
»Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.«
Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf den eingestemmten Spaten.
»Nicht,« fuhr sie fort, »daß ers wüßte, -- denn er wußte alles. Nicht daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht erführe, so wie's gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte, sagen: Also war es ...«
Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last der Stirn: »Ich muß wohl. -- Es wird schwer gehn.«
»Ich will dirs abfragen«, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor sich hin.
»Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier --« sie zog mit dem Finger den Umriß in die Luft -- »hier oben ist eine sehr schön gebogene Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang und gerundet.« Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt überhaupt nur die und das andere gar nicht! »Es ist genau,« schloß sie, »wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.«
Er hatte das Gesicht hergewandt. »Weswegen denn das?«
»Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! -- Aber nun will ich fragen.«
Nach einem langen Stillschweigen dann, während es draußen dunkler wurde und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wänden fast ihre Farbe verloren, begann sie:
»Erasmus, wie warst du als Junge?«
Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: »Zu!« und sie dachte, es käme noch eine Ergänzung, aber nichts.
»Und als Jüngling?«
»Böse.«
»Und als Mann?«
Er beugte sich weiter vor und sagte: »Hülflos.«
»Zugeschlossen«, wiederholte sie leise. »Du durftest nicht zeigen, was in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn sie nicht darin war.«
»Woher weißt du das?« fragte er erstaunt.
»Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.«
»Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.«
»Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach, guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.«
»Als aber«, fing sie bald darauf wieder an, »Mathematik und Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte, nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu achten. Bekamst du da Freunde?«
»Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben. Schließlich lief er doch weg.«
»Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --«
»Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.«
»Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?«
»Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.«
»So. Du kamst in Gespräche ...«
»Diesmal.«
»Wie lange bliebst du in Berlin?«
»Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.«
»Warum warst du da böse?«
»Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir lag nur an meiner Arbeit.«
»Was für eine Arbeit?«
»Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...«
»Ach,« sagte Renate verstehend, »wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus geworden?«
»Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles liegen.«
»Du warst ganz allein?«
»Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.«
»Und dann kamst du in die Fabrik?«
»Nein,« sagte er, sich abwendend, »da kam ich erst nach Flor.«
Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger. Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden.
Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: »Wie war das -- in Flor?«
Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen.
»Als ich wieder aufgewacht war,« sagte Renate mit mehr Sicherheit, »da konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?«
Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...
»Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre Josef auch gesprungen.«
»Vielleicht«, gestand er, »glaubte ich, du würdest mirs ansehn.«
»Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.«
»Es hat so sein müssen.«
»Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in Altenrepen, was dachtest du da?«
»Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.«
Renate schwieg. »Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten gehabt hätte ...«
»Zwei, Renate?«
»Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag. Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.«
»Bei Josef war alles möglich.«
»Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging Josef, und du dachtest --«
»Er wird bald wiederkommen.«
»Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.«
»Er kam auch nach anderthalb Jahren.«
»O das hast du gewußt?«
»Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.«
»Wann denn?«
»Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich euch, wie ihr auf der Schaukel wart.«
»Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...«
»Du auch. Man beherrscht sich ja.«
»Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?«
Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte lächeln.
Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so gewichtlos und warm?
»Komm zu mir!« bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt. Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß man kühlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns glüht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung. Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel -- bis auf den Daumen, der für sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs Tod:
»Gab es nur die eine Lösung?«
Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:
»Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein Verstand --« Sie hörte ihn unbehülflich lachen.
»Wie meinst du das?«
»Es war alles locker geworden.« In der Hand liefen Wellen, die an ihren Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. »Vorher war das -- wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergänge -- das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.«
Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Stoß.
»Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ... Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.«
Es kam nichts mehr. Renate sagte: »Weiter, Erasmus!« die Hand festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.
»Wir verglichen,« stieß er sich wieder vorwärts, »wir verglichen mein Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte, ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es nicht.« Er stockte.
»Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden, und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. -- Wenn nun die Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus giebt Plus.
»Ja, so hab ich gerechnet«, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort, während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. »Und dann fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.«
Renate sagte leise: »Und dein Vater? Er hatte doch ver--«
Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine abwehrende Bewegung zu machen.
»Er -- ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein, soweit war das schon richtig mit Gott.« Er sprang auf und stellte sich irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich aufatmeten.
»Aber nun das mit dem unsteten Leben«, hörte sie seine Stimme verdeckt und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.
»Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl? Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas, es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so -- und es ging sie ja auch nichts an.«
Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.
»Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir doch weiter!« stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile. Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.