Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 43
Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern, barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. »Ein Mann,« sagte er, »wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber Freund.« Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten die Säulen.
Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich hernach sah.
Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all dieser Löcher aus gelbem Sand.
Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne, schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:
»Sie« -- seine Dorfleute meinend -- »glauben, daß er mit solcher Liebe an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn« -- er lächelte -- »wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind _jeden_ Glaubens ist.« Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin, als sei sie gefangen. »Sie singt nicht,« sagte der Gute, »alle Sänger sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, --« setzte er verständig hinzu, »viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.«
Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging. Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden im Haus?
Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, -- sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch, wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein Vater das Tuch fortnahm.
Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe, zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit stumpfem Blau, starrten sie nach oben.
Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa stand weinend und zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, daß er tot ist?« murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: »Der Arzt ...?« Er schüttelte den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.
Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen, quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden, durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren, Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, während ich den Papa auf Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit Namen Renate.
Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen, anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen, hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne Bewegung, ohne Blick.
»Aber sie ist nicht tot?« hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief. Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.
Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond, sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur aus gesponnenem Glase.
Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu bewegen.
»Was ist mit ihr?« fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten. Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.
Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume, blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was ihm doch nie recht gelang.
Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: »Was ist mit dem Mädchen?«
Er sagte: »Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den dritten Tag. Und«, er stockte, »ich fürchte mich, ihn zu begraben.«
Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom Nichtfortkönnen des Toten.
»Muß mans nicht glauben?« murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf welchen meiner Sätze als Antwort.
»Der Arzt?«
Sei ratlos wie er selber.
Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr innig gewesen.
»Das innigste!« Nun wurde er beredt. »Sie lebten jeder nur dem Andern und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war. Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich, in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie dir vor --, eine andre Cäcilie.«
»Vermutlich also«, fragte ich in plötzlicher Eingebung, »spielte auch dein Bruder die Orgel?«
Er nickte.
»So muß man«, sagte ich, »die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.«
Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich darauf komme?
»Willst du spielen?« fragte er nach einer Weile.
»Leider«, mußte ich bekennen, »ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht, und ich lese, wie du weißt, keine Noten.«
Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der Kirche sei.
Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein, noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. -- Später erfuhr ich dann, daß der Lehrer, dem es eingefallen war, das »Leibstück des Seligen«, wie er sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.
Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber -- in der linken saß das Mädchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie unbeweglich.
Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.
Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens und Nichtlebens, -- so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die Welt? Sie blieb unverändert.
Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.
So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen, ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, starräugig im Dunkel.
Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine Kraft zu gebrauchen.
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Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte, würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen, bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist abzusehn, -- bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann: Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum Hades, Psyche, dein Weg?
Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen, die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt, in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, daß kein Andrer vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die übrigens gar nicht so verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille, sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber --
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Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte -- ganz ruhig übrigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus für eine Weile und würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu kommen.
Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel. Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg, der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden, dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, -- wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.
Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom, letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.
Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende, die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht, Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.
Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schöne, leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß er sie in Blut baden möchte.
In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte, daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen haben und womöglich das Rechte getroffen.
In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein; weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.
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