Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 42

Chapter 423,774 wordsPublic domain

»Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz, überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau, der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.

»Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger, immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten, erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heißen -- zur Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche, nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer leibhaften Zukunft der Menschheit.

»Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war, überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls -- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort -- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so kam die Abschiedsnacht.

»Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur, wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand? War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin und esset, dies ist mein Leib!

»Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens? Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie, die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.

»Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und wer liebt.

»Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.

»Was dann kam, wissen Sie, Georg.«

»Kaiser Julian«, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schön, aber so erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war, Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.

»Kaiser Julian?« fragte Renate, sich umwendend, »warum der?«

»Der letzte Christ«, erklärte Georg trübe. »Wissen Sie, was Strindberg von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus, ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschränkt, wie Strindberg merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich, und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr, und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben, Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian, der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört, daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden ist?!«

»Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?«

»Weil -- also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.«

»Müssen Sie denn glauben?« fragte sie plötzlich.

»Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung? Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich nur nicht entziehen?«

»Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles lenkende Weisheit. Und nun --«

»Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?«

»Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes Wort und jeden Gedanken?«

Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.

»Aber mein Gott, Georg,« rief sie nun verzweifelt, »was ums Himmels willen wollen Sie denn eigentlich?«

Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und sagte:

»Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.«

Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide Hände auf seine Schultern legen. »Wir wollen uns doch bemühen, Georg, sollte uns das nicht fruchten?«

Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor seinem Sterben; sie sprach:

»Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:

_»Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das ist: des ewig seligen Daseins._

_»Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind immerfort sterbend._

_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die Erde, -- so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu und erstaunlich macht._

_»O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist! Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn: lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von Gold, und um so süßer verlockend das Wort »von Ewigkeit zu Ewigkeit« dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: »von Augenblicke zu Augenblick« knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.«_

Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im Ernst des Todes: »Hast du verstanden?«

»Ja,« sagte Georg, »ich liebe dich!«

Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.

Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung, falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus, als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich, Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht anders.

Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld -- damit er erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt völlig achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und ging ihr nach.

Fünftes Kapitel

Erasmus

Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte.

Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand, angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte, gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr anblickend fragte sie:

»Heut kommst du, Erasmus?«

Er erwiderte: »Es ist Charfreitag.«

Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.

Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen. Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.

Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:

»Woher kommst du?«

»Von zuhaus.«

»Zu Fuß?« fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.

»Zu Fuß«, sagte er stumpf.

»Dann hast du wohl Hunger?«

»Ja,« sagte er gequält, »Hunger.«

Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: »Nicht danach!«

Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte sie auf ihre Brust und fragte so: »Willst du?« und stöhnte.

Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- »Warte!« schrie sie, »warte noch! einen einzigen Augenblick!« -- und fand sich nach einer Flucht, von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: »Nicht beten! nicht beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?« Und sie stand wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.

Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.<

Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf, nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. März -- das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang: >Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der nächsten Zeilen das Wort >Erasmus<.

Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das muß er doch lesen! dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und sagte: »Dies mußt du lesen!«

Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.

»Jetzt?« fragte er.

»Jetzt! Vorlesen, bitte!« bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.

»Das kann ich nicht lesen«, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken lassend.

»Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?« Er nickte. »Und von mir?« Er bejahte wieder. »Dann lies!« sagte sie aufatmend und legte die Hände zusammen.

Erasmus las.

>Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.

Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich -- am Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weißblühender Kirschbäume -- schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser, in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten, andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um die Beetränder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:

Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten Die losen binden an die starken Schäfte, Die harten grünen Herlinge betasten Und brechen einer Ranke Überkräfte. Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze, Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben. Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.