Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 40
In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte, stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns: leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend, denn in solchen Zuständen _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_ wir sehen.
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Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt, mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste, augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit, und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette, freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding! Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens halbiertem Pferd.
Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten dann ein Gespräch in der Nacht, und -- gewiß, wir sprachen auch vom Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...
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Heut sah ich Esthers Gespenst.
Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt. Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in plötzlicher Biegung dem Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.
Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen. Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...
Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur fortgenommen.
Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde, und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...
Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glänzt mir ihr lächelnd erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug, kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.
Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!
Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge. Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer erwartete, und kam es nicht oft?
Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage. -- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es sage.
Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren, und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn Wahrheiten vor der Tür stehen.
Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange, schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.
Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten, ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich gekritzelt darauf:
Halbgöttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße. Salzluft bereift der roten Lippen Süße, Gewänder flattern farbig um sie her.
Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote, Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren, Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig, lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende Fische spülte ...
Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das Heitre so oft?
Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts, was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.
Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...
Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlösung -- sich aus den fallenden Wassern erhebt, -- tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln wie vormals die Straßen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je den Erwachsenen gleich.
Doch es blieb ein Vermächtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf den seltsam alten -- Gesichtern zurück. -- Und es beleuchtet ein fremder Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.
Während rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster Schatten, -- kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt.
Anders lächeln von Fenster und Tür -- Mädchen auf Knaben, -- und anders der Alten Schritt -- über die steinernen Treppen und Höfe schallt.
Mädchen, die Sträuße tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von gestern erzählt ...
Im Schweigen der Glocken -- hören sie Alle -- ängstlich und deutlich -- das schwellende Dröhnen -- der kommenden Flut.
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Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo ich meine Kindheit verlor.
Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben, sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich vergaß, was ich dachte, aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte -- ja, was wußte ich wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand, da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum, echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung. Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, heut, wo es zu spät geworden ist.
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Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, -- aber jetzt, da er die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. -- -- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?
Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und Schirm und eilte hinunter.
Viertes Kapitel
Magda/Renate
Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem, was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte, -- so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- für Irene hielt, zumal sie die Füße im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna -- im stillen Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln, die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.
Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde.
»Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?«
»Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's«, sagte Anna unverständlich zu Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen, Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu führen hatte.
Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie unbegreiflicherweise zuließ, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte.
Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes, die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung, während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen, Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in grauweißen Wolken fahrende Himmel.
Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien, noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt. Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte sie insgeheim gegen Renate.
Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes; dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war alldas doch festlich und schön gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall; diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele aus dem magischen Haus.
Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von unendlicher Tiefe.
»Weißt du noch,« hörte er Anna sagen, »wen wir hier herausgezogen haben?«
»Wir, Anna? -- Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan«, setzte er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.
Magda
Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.
Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte, sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und Schleifen, und um den Stamm -- welch holder Einfall eines Kindes! -- war eine Girlande von Primeln geschlungen, -- ein jungfräulicher Gürtel des Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der Unvergeßlichen.
Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte.
»Sind viel Blumen da?« hörte er Magda fragen.
»Eine Menge.«
»Voriges Jahr«, erwiderte sie, »waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was mag das bedeuten?«
Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und sagte leise: »Ja, die Menschen sind seltsam.«
Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören.
»Sage mir, Georg,« redete ihn das Mädchen wieder an, »glaubst du je empfunden zu haben, daß sie nicht deine Mutter war?«
Er hob die Achseln. »Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wäre ...«
»Aber«, sagte sie, »dein Papa, das hast du doch immer gefühlt!«
»Ja, Anna!« bekräftigte er überzeugt -- und schreckte zusammen. Was sagte er denn da? Aber wie mißverständlich hatte sie auch gefragt! -- Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von Menschen. Wenig später standen sie wieder vor der Brücke.
Renate