Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 4

Chapter 43,568 wordsPublic domain

Gleich warf er den Kopf auf. »Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist es gut! Und Sie verstehn mich doch?« Sie nickte. »Papa hat es Ihnen verraten?« Sie nickte. »Aber ich habe gelogen vorhin,« murmelte er beschämt, »als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,« fuhr er glühend und eifrig fort, »mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich, nur eins fehlt, nur eins müßte man können!« Er hob die linke Hand und ballte sie: »Sein können, was man ist!« Er trat zurück, wies mit leicht gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: »Wie locker und gewandelt fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen. Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug!« er brach ab. »Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora, Sonnegabe, Zwölfhundertund --« »Siebenunddreißig,« ergänzte Renate lächelnd. »Nun wollen wir uns umsehn!«

Mummenschanz

Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch sähe.

Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn? Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm alle Fernen zu umschließen, -- darinnen war tiefe Sommerfülle, -- nein, es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten erfüllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren, sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen Strümpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne, von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie Renate.

Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.

»Mit Permission,« sagte der Gelbe, »ob dies wohl die Heliodora ist?«

Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei ein schöner Tag.

Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg verschmitzt zu und sagte: »Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha, ha, ha!« und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.

»Frei Essen und Trinken obendrein«, bemerkte Georg leutselig, aber der Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er morgen mit dem gelben Hemde machen solle.

»Menschenskind,« rief Georg entrüstet, »müßt Ihr denn immer was zu sorgen haben?«

Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen, Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran, hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß.

Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren ähnlich wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, -- kamen die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen 'rein? -- Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate geheftet:

»Seht, was steht denn dort am Rain? Hollahe! hollaho! Das muß Heliodora sein! Hollahehaho!

Hel--io--do--ra, lächle mal!« damit kamen sie taktfest vorüber. Georg wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu -- erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --: »Wer sind Sie?«

Mit schallender Stimme: »Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit, vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!« rief der Trabende winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug, aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau wars, und »Ich bin seine Frau!« rief sie strahlend, aber da war die Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen, scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.

Ritt

Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten, Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach, ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen, silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerührt, bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte, ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg, und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange; er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend, aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die Landstraße überstieg.

Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße, rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, -- eine Augenlust unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd, schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an der unteren Kante, -- dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes, das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker. -- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht. »Halloh, Bogner!« rief Georg, »machen Sie den Henker?!«

Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten, vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und Tauben, Becher und Gläser und sangen »Weg mit den Grillen und Sorgen!« daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr stand.

»Ist es schön, Renate, ist es schön?« schrie Georg überlaut.

Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, zumal in den letzten, stillen Jahren.

»Seht ihr die Burg?« schrie Georg. »Bogner hat sie ganz neu aus Pappe gemacht!«

Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.

Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.

»Sie sehen so schön aus, Maler,« sagte Renate leise, »es ist schade, daß Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein Minister.«

Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glühte schon, doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume, wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verließen ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde, langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt unsterblich guter Dinge.

Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten: »Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!« oh es war herrlich! So viel er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber, was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender, flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander, bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei, Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -- Mein Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.

Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...

Ausschau

In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide, lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum, sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum, viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, -- keine schöneren kann es geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne menschliche Weiß. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden: Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten. -- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal ließ er die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen, und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, -- und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie über einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, -- alles sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende Beuglenburgische Heerbann.

Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild, angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben, ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer, loser Reihe. --