Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 39
»Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das Einbildung? Ich rede von Georg«, schloß sie leise erinnernd, als ob sie gefühlt hätte, daß Renate fern war.
Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: »Ja --, er hat ja nun solche Pferdeaugen.«
»Pferdeaugen? wie meinst du denn das?«
Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. »Früher«, sagte sie, »hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, gläsern, und gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...«
Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor und rief halblaut: »Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?« Dann lachte sie leise und meinte: »Er bekommt sie schon noch einmal, aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters? Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben, auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und verständig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?«
Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären.
»Jetzt wirst du denken,« fing Magda nach einer Weile wieder an, »daß ich ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein, solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, -- was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater«, schloß sie behutsam.
»Ich weiß noch,« fing sie wieder an, »damals, als er dich besucht hatte, im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den Bestien, wie wars?«
Benno zitierte beglückt: »Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.«
»Zu sich genommen hat!« wiederholte sie, »herrlich! Ja, so ist er, so sind sie!« rief sie ganz heiß. »Von Friedrich heißt es auch, daß er ein solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann muß man raten, daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze Menschheit. Ich versteh ihn so gut!« schloß sie triumphierend.
Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. »Und was soll nun daraus werden?« fragte sie matt.
Magda hob die Achseln und seufzte.
»Vorläufig hoffentlich gar nichts!« meinte sie dann »Je weiter der Weg, desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie vernommen zu haben.« Sie seufzte wieder und schüttelte sich.
Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr einfiel: »Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen, wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen, -- ich weiß nun nicht mehr ...« Sie verstummte unter dem plötzlichen Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während Magda aufleuchtend einfiel: »Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht, daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am Grunde liegt --, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick entwendet, wie wollten wir sonst leben?«
Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich begann sie mit tieferer Stimme:
»Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg? Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte -- ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weißt du ja, aber, siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von mir, gar nichts ...«
Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.
»Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage«, fing sie ruhiger wieder an. »Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung, daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf, aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts sagen!« rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, »ich weiß nichts, und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!« Verstummend ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte:
»Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber er kam nicht, -- und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,« schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, »so will ich doch immer glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.«
Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in die Hände und weinte aus Leibeskräften.
»Ja, was ist denn, was hast du denn?« hörte sie Magda fragen, »warum weinst du?«
»Weil ich,« stammelte sie schluchzend, »weil ich vorhin gesagt habe, Georg hätte Pferdeaugen!«
»Das ist entsetzlich!« sagte Magda.
Georg
Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?
Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar; sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.
Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln.
Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! -- Und Renate? So war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?
Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung, merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?
Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. -- Georg versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank für Minuten in Gefühle wehmütiger Sehnsucht.
Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt; die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber. Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die höchsten Dinge betraf. Nüchtern, -- ja, das war sie; von jener Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte.
Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie jetzt tut? -- Dann wünschte ich nur -- o der Satan hole diese Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb, wie sehr lieb wurde sie mir! --
Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher Klugheit und fester Süße gereift, die -- die er gekostet und verloren hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner Schwermut und legte den Brief fort.
Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:
>Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen, und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so werde ich keines Todes mehr bedürfen.<
Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel Geste? -- Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle festgehalten:
>Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir -- aber ich habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du, Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...<
Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift >Erinnerung< auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit.
Erinnerung
Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder einfach Mathilde.)
Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten. Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen schmetternden Roller eines Kanarienvogels.
Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben, und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf end- und trostlosen Stunden!
Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten, wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hören, so daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.
Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa -- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah, wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt versüßt?
Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen, sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ...
Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es, an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte? Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.
Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum, sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe, als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen, die aneinanderhängen, -- Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier festzudrücken und -- zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder, mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue, als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank: ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem kleinen Brett ...
Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es sich in mein Gehirn?
* * * * *
Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut morgen fällt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt, und das Denken sich selbst überlassen wirkt --, daß ich in der Nacht von der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.
Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden: