Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 37

Chapter 373,932 wordsPublic domain

Und nun -- er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden.

Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den Schlaf.

Renate

>Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das Größte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz allein dem Heiland gewidmet sein.

>Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor. Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --<

Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen, sie saß im Dunkel.

Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte, ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie, geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell brennende Lampe.

Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn, in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken. Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.

Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen sich hülflos verzehrte!

Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und litt Hunger.

Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend. Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und ging weiter.

Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken, lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.

Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das Finstre und doch mit einer Art Lächeln ...

Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte, heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr, oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle, einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges -- jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit -- und in jeder der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen geworden? Gräber, -- und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.

Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die Gedanken gingen ihr aus.

Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend, vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:

»Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...«

Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König.

Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte, unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene, nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt!

Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:

»Ängstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...«

Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu erwidern. »Setz dich nur!« sagte er dann, »ich stehe lieber; ich stehe gern.«

Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch nicht berauschend. Da sprach er auch schon.

»Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr, und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!«

Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin -- ihr deuchte mit einem Harfenton.

»Erinnern wir uns einmal daran,« begann er still, »was du gelernt hast. Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände.

»Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist. Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten.

»Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der Anbetung würdig ist.

»Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu schlafen.

»Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, -- du aber, Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.

»Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst, Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein will ist die Sonne.

»Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder umgekehrt? Gewiß nicht.«

Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle. In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.

Der König fuhr fort:

»Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe, die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das Kalte sein und das Warme.

»Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du geboren wurdest?«

»In der Mutter«, sagte Renate.

»Und wie war es allda?«

»Warm.«

»Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm eingingst?«

»Als kalt.«

»Und diese Kälte an den Gliedern wie?«

»Schmerzlich.«

»Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wärme, jener Wärme, aus der du kamst.

»Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und Kälte ist alle Pein. Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem Mangel an Wärme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die erlauchten Geheimnisse der Kunst.

»Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden hat wohl nicht viel von ihr gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu den ewigen Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der wärmere Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen, und hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie wieder liebten und haßten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub, abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt. Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben kann, die Seele, wenn nur Wärme vorhanden ist. Er wußte von der Seele, denn er wußte von der Wärme, von dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone und Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer der Seelen, da er im Kalten die Wärme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich den wärmlichen Göttern ähnlich zu fühlen.

»Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu heiß in der ewigen Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom Leben?«

Renate sagte: »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.«

Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, auch die andre Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:

»Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut! Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fühlst du, daß eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid wie die Kinder, sagte er, -- und nun -- was giebt es Wärmeres als ein Kind?«

Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das Lächeln im Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr:

»Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wüste, im Antlitz das große Goldbrodeln der Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir, in mir erglühte der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig -- dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Füßen: Es ist das Blut!

»Sie verstanden mich kaum, -- sie gehorchten nur --, wann hätten sie jemals verstanden? Sie zerstörten meine Stadt, sie zerstörten meine Bilder, aber sieh dort!« Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber. »Sie konnten mich nicht zerstören, und ich bin ewig.

»Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset, sagte er, und sie glaubten, sie müßten nun Menschenfresser werden und seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken dürften oder nicht.

»Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. Ich sage: Kalt und Warm.

»Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wärme gönnt, und für jeden die Wärme will. Für sich Wärme wollen und die eines Andern nehmen, -- meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme und nur Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was schädlich ist, kommt aus dieser Übertreibung. Nimm einem die Wärme, so schadest du ihm -- und wem noch? Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. Siehe noch einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß Kälte und Wärme die alten sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag? Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich fröstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wärme, und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, hast nur Wärme genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege das Feuer fort, und dir ist wieder kalt.

»Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befühle sie oben, wenn du darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, -- solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu bilden!

»Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in dir Wärme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen. Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein können!«

»Ach,« sagte Renate, »das meine!« erfreut, es zu wissen. »Aber,« setzte sie hinzu, »dann gäbe es gar keine Bosheit?«

»Wie? sie gäbe es nicht?«

»Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.«

»Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch fürchterlichere Art der Übertreibung giebt? Die Übertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Maß halten können, welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm sein wollen.«

»Das wäre der Teufel!«

»Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus Gottes Wärme, und der sich Verhärtende in der Kälte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit, sich erstarrte, und übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner Maßlosigkeit des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr Wärme sei, daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wärme betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um sich frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen schaudert dichs vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein können, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben.

»Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu bringen, glaubst du? Ach nein, sondern sie ist: Wärme zu bilden. Liebe! so ist dir warm. Liebe entzündet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wärme ist, da lege dich über ihn mit deiner ganzen, nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß! Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, sonst keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschächten der Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie empfängt, der Wärme bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur länger? Klagte nicht Memnons Säule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot, und ich blieb kalt!

»Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist der Böse, der niemandem Wärme gönnt, die er selbst abgeben müßte; der lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. Der immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit der Erde! Wie denn ists mit dem Sünder? Er darf bereuen und wieder in Wärme gelangen. In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; innen ist die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn, kann der Mörder, der Betrüger, der Seelenverkäufer, der nur Wärme für sich wollte und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen, wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß sie sich nicht gewinnen läßt von außen und nicht durch Übertreibung. Bereit sein ist alles. Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne saugt kein Mond einen Tropfen der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen, unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern weil ihre Beschaffenheit so ist, daß sie Wärme bilden kann, darum ist sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil, und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im Segen des Ackers.

»Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch Schädliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten, Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Böse; böse allein ist das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine Schwester, bist gut.«

»Ich?« erschrak Renate. »Ich bin nicht schuld?«

»Ja, woran solltest du schuld sein?«

»Ich fror so ...«

»Willst du denn frieren?«

»Nein.«

»Oder unfruchtbar sein?«

»O nein!«

»Also was, Schwester?«

»Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?«

»Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld verloren hast! Geduld ist die Wärme des Einsamen. Bist du nicht vereinsamt? Hast du nicht geliebt? viel geliebt? Habe Geduld!«

Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die Hand sinken und zog den Mantelkragen zusammen. Renate erschauderte leise vor dem Augenblick, wo sie allein sein würde, und bat:

»Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde ich dann nicht alles vergessen haben?«

Er nickte lächelnd: »Alles.«

»So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?«

Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. Endlich sagte er langsam und wie mit einem Seufzer:

»Morgen und ewig.«

»Was willst du sagen?«

»Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mußt du noch warten.«

»Wie soll ich verstehn?«

»Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils vollenden und in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des Menschen. Aber fürchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!«

»Niemals?«