Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 36

Chapter 363,792 wordsPublic domain

Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn, in sein Herz? >So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.

>Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich darstellt.<

Und schlimmer noch diese Sätze:

>Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!<

Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? -- Seine Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum, suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da, nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und -- Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen, hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!

Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige Sein. -- Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu machen, daß sie neu war.

War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?

Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.

Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling, und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf den Bock.

Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit Weinen fort.

Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, -- sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war, als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades, seinem trostlosen Hause zu.

Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie von Bränden und nicht von Sonne.

Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße.

Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...

Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ...

Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der ernsten Gesänge von Brahms.

Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus, und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. -- Es geht vorüber, murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ...

Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne in Händen, und sich wand und verteidigte.

Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George, wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er hatte den »Gehalt« vermißt an George. -- Da vermißte einer Gehalt am Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. -- Georg war sprachlos.

Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, -- und lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, -- aber er -- und noch Hölderlin --, diese Beiden gingen immer mächtiger und strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?

Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe, Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim Teufel! Georg stand wütend auf.

Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert, gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du, frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du vergessen, was du sehr wohl weißt -- sehr wohl, Benno, nach früherer Aussage! --, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? -- Und daß es an dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das -- -- ah, mein Benno, jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wäre des Teufels.

Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn recht?

Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie überhören zu müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein.

Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der alte.

Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher -- habe ich mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, -- Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, daß ich dies immer wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen, wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut, war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach -- nach -- Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, -- und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu erreichen.

Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?

Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms, den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war, heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. -- Ich lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich würde es wie einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.

Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde!

Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.

Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und schrieb.

Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord, Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger, seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen, ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies -- und gewiß noch andres in Menge mehr -- züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles Denkenkönnens; des alles für -- nicht nur wahrscheinlich, möglich, plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia.

Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich, erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen, die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt, >talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler. Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen, wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des Verstandes.

Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei: hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens, Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet durch die Last, Wissen -- oder was ich dafür ansah -- zu erwerben -- und was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ...

Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte, ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer Nachgiebigkeit:

Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich -- denn es wäre nicht menschlich! --, daß irgend jemand so wie du sich im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?

Gieb es zu, Georg, gieb es zu!

Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen, würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn, bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst. Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm: Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?

Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben, der mir die Kraft gäbe, es zu ändern.

Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...

In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit schon verstummt war.

Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft, dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, -- hatte Gott doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fühlen?

Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie.

Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei; und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom Gründonnerstag zum Charfreitag.

Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und Alle schliefen, für die er schrie.