Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 34
Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewölbt, nach unten wie mit liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns; sah darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie in einem unaufhörlichen Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und das Ganze von unendlichem Ernst war wie ein Lächeln so leicht.
Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl und Echo des Lichts.
Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lächelten verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn?
In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne. -- Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzählte mir einiges. Daß er einen Kult der Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt. Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin und Töchtern, und die Sonne darüber senkt Strahlen auf alle, an deren Enden winzige Hände sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die Stadt -- Heliopolis -- verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu vernichten, und daß nur dieses blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrümmertes andres. (Er war unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend Jahre her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.
Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tönerner Schale, in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trägt Frucht in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar bleiben bis heute.
Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach überall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne hinein.
Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals die Sonne sein können?
Sonne sein können, welch Wort! Es muß --
Oh du mein Gott, so wie er -- Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets auf dem Wege zu ihr -- ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte Geduld!
Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den einzigen Chor.
Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, die es vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schön und gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz -- ach, aus dem Leiden, so heilen wir lächelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns, wir, die Erlösenden, werden unendlich getrost.
Georg an Magda
Berlin, am 23. März
Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die »keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich »warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten. Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber, den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski, liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber: bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt, manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm halten hören.
Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen Reichtum verwandelt.
Ich möchte das auch können ...
Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde lang paßte.
Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!), Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein
Georg
Jason an Renate
am 25. März, in Sizilien
Liebe Renate!
Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?
Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im Hellen wurden sie grün, in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in sie hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften hatten die längliche Rundung der schönen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig, wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann überfiel sie die seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse, Märzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns gänzlich die schwarzblaue Wolke.
Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann; so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer Bronze, tot.
Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten und entsetzlich darin gehaust zu haben.
Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du gemacht?
Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.
Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja. Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern, oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen scheint, was seelisch entbrannte.
Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn. Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch darin gebettet war, als sie erwachte.
Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann. Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe wie zuvor; es lautet:
Du bist klar, Ich war klar, Mach mich wieder, was ich war!
Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.
Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit. Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe. Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest, sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum Beispiel -- denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte.
Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben, Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge, dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er schweigen.
Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!
Jason
Renate an Irene
am 29. März
Liebe Irene!
Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß er sehr besorgt um Dich ist. Ich selber war lange krank, das hörtest Du wohl von ihm, nun möchte ich gern mit Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu weit, Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum ersten Mal öffentlich singen wird, -- am Charfreitag. Möchtet Ihr uns nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe plötzlich die heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir fortkommen können, teils weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen, teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet ja aber nichts, um so weiter wird der Frühling dort schon sein. Ich hoffe sehr auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen Brief! Von Herzen Deine
Renate
Neuntes Kapitel: April
Aus den Papieren Georgs
am 1. April
Sein Antlitz, das wie eine Blume war, Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte, Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.
So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier, So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume! O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume, Und diese reine Seele blüht' in mir!
Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind, Der streifend nur den Duft vermag zu fangen, Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen, Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.
am 2. April
Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trübe Erkenntnis und obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; weil sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermütigen Lächeln beflügelt, und weil sie wärmelos und nüchtern ist und wahr, so wird sie in schöne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen, lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heißt: einsame Hingabe an gegenwärtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen Gemächte, die ein Unsagbares tönend machen sollten und es nur bereden. Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungenügsamkeit, Überdruß und Verdrießlichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltäglich, allstündlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen, das not ist. Aus den tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? --
Dem Opfer.
Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das dürfte der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte, das ists.
Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, über die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, ein Haus baut sich nicht daraus. O weh mir, daß ich meinen Tod verschlief!
am 6. April
Erloschen.
So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.
Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich, wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn, schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein für das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum, schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.
So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben. Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme, und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz?
Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich sie ruhig betrachten -- nämlich zu Anfang.
Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer -- wie nenn ichs nur? -- aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten, -- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, -- so zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als blühendes Schicksal.
Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein Aufgelöstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich fürchtete sie mehr, als daß ich hätte begehren können.
Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß er Saint-Georges ähnlich sehe.
Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum, Renates Freund -- darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum wie die Daumen -- der Schluß bleibt derselbe.