Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 33
Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und wußte nicht wohin laufen vor Angst.
Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich, ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur: als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur, daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der Erinnerung.
Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten Mal las.
Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason den Kopf im Wäscheschrank gefunden hat.
Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von der warmen Heizungsluft, und ich höre nicht auf, am ganzen Leibe zu zittern vor innerer Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und ließ meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften zu lassen an der glatten, glühenden Säule, gleich wurden sie ganz warm, aber die Wärme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt wie ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen.
Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und Sonnenwärme und riet eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwärmen, die von innen gefror, und ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme zu ihnen. Der Eine nahm sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glück, den Gram und die Wärme. Ich bin bitter geworden.
Eine Stunde Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? Oh meine erloschene Liebe, dafür? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus, wenn ich denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und -- nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Tränen stehn still.
Georg an Magda
Hallig Hooge, am 18. März
Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit: ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.
Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das nichts andres ist als der Schlaf.
Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.
Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch, daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff, aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort; ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende erklärte.
Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden, sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der nicht wolle.
Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte, das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken, als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, -- ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.
Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht, Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße denn mich.
Georg
Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich überlege ...
am Abend
Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes. »Recht bekümmert« nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor. Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen Schritt.
Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen! --
Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst, da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter.
Immerhin auf baldiges Wiedersehn!
Aus den Papieren Georgs
In Berlin, 20. März
Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht daß der Schlaf draußen stünde, der mich wiederum mied. (Aber möglich, daß es hier ein andrer Schlaf ist, der Schlaf der großen Städte, für den ich noch die magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter einem marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem Blau, war der abnehmende Mond zu sehn, gerade über der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen Schattenriß schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. Ein dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein letzter Augenblick auf Hallig Hooge.
Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen Vorbereitungen der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas Grab. Der einsame weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr kühlen Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten vor mich über den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See. Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes Morgenblau, aber rundum auf den Rand, bis zu Haushöhe schiens, war eine Lagerung von sechs, sieben Stufen weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; breitere Wogen zu meinen Füßen zerschellten zu reinweißem Schaum, laut brausend mit einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf. Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als müßte ich Gestalten des Äthers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glänzend aus der kühlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten zerbrechend und schmelzend, goldene Hörner und Stäbe durch die Fugen nach unten zwängte, und dort glitzerte silbrig die See.
Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. Die Mulde unter meinen Füßen schien mir grüner, als sie nach der Jahreszeit sein konnte; rechts unten glänzte das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias grüne Jacke leuchtete; links auf meiner Höhe stand mein alter Turm in dem Licht. Mich fröstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint. Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras überall, eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich selber über diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der Toten zu gedenken.
Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir im Entgleiten sich langsam erhob und erhöht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien mirs auf einmal wie eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben, Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Büchern des Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben hausen ließ, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Floß und warf sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich erleichtert bewegte und -- ich sahs von mir abgewandt liegen nach der offenen See hinaus -- den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.
Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nähe, und erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten verblieben war, allein mit zwei Geräuschen, jenem des ewig sausenden Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir hätte es keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, nun versank vor meinen Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dämmerungen der schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen würde zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermütigen Natur und ins dumpfe Muschelhorn zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel des Wassers, aber mir ging aus dem Odem der windigen Kälte die schwere, die sternlose Herbstnacht auf über dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand schattig und dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein Ungebornes und um den Undank des Daseins für vieles reine Bemühn. -- --
Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, Hoffnungslosigkeit, armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Füßen, an dem die Fäden von selber fließen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit.
Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das heißt meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte. In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare Alte mich damals an Tante Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun.
So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang des Lebens versagt, ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren Atemzügen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein, und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die sich haltbar erweist.
am 22.
Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm Unsterblichkeit heißt, oder wird es mir schon unter den Fingern zur Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es versuchen.
Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen den kaum ergrünten Büschen hindurch, wo erste Amseln über den Rasen schlüpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der Lüfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite bis zur Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn mich zum Stehenbleiben nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, und in ihm erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von denen die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu erzählen begann, daß ihr Mann und ich beim Gehen alle Mühe hatten, sie zwischen uns zu halten, dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, wenn er mir noch fremd sei, so schloß ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf die ägyptische Abteilung des neuen Museums.
Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher plötzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder könnte mir je wunderbarer erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte genügt, und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt mit Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger Block aus Granit, bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf eines Kindes. Dahinter der größere Kopf des in dem Würfel hockenden Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, das Haar, in strenge Linien gepreßt, links und rechts von dem Haupte in festen Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten, solchermaßen auf die Oberfläche des Würfels gestellt. In der ungeheuren Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht, lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da alles im Stein, Füße und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und Arme und Hände und darinnen das leibliche Kind.
Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit großem Auge an, daß es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich spüren, daß Bekanntheit sein sollte und einmal war, was für immer versunken schien. Tiefen sind hier, Räume, ein Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für uns Sichtbare, was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, daß du doch atmen kannst in dieser Luft, dieser Welt.
Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, daß ich ja aus Hellas hierher geriet. Plötzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und Odem, Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier, ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Männern, tausendfach gestaltige Natur, überall Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war dort und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fuß und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk, aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben, Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des Göttlichen in einer blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend und bindend der Segen, das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf einmal ein niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in der griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelöst, sie ermangeln des Letzten.
Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle Gebundenheit an Götter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der Grieche, wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es schön sei, wollte die Erfüllung in der adligen Form. Der Ägypter wollte nur die Form; wollte nur: daß sie sei.
Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie letzte Bindungen lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche abschälten. Diese Dinge waren im Stein, verhüllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum: in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte für tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, Augen von Göttern und Dämonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure Zentripetalität; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten gewölbt ist das ganze All der Gestirne.
Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, was ich selber empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem seiner Maße ausgerichtet nach den Sternen. Es war Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der Form. Sie machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat ein und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in die Welt.
Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um.
Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer Säulen voller Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir führten in einen von Oberlicht erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum? Duftete nicht alles? -- Da sah ich das Reine.
Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt, sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem gläsernen Würfel, ein Kopf, kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, und doch fühlt ich mich durchschnitten, daß ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet ist in das Ewige.