Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 31
Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es in die Leuchterschale.
Magda sagte, tief Atem schöpfend:
»Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast! Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es Wahnsinn!« Sie wandte sich hülflos um. »Sagt es ihm doch, daß es Wahnsinn ist!«
»Warum?« sagte Jason. »Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer, wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn wohl keiner überzeugen.«
»Ja, aber Jason ...« Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg hinüber und fragte bekümmert. »Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?«
»Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im Gegenteil!« rief er gequält, »ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?«
»Welchen Brief?« fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.
»Keinen Brief!« sagte er ärgerlich, »ich hab mich versprochen. Ja, nun ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören, Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn --«
Jason lächelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort:
»Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht! Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen, einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann, nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und -- ein Geist -- -- und zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat, in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.« Er sprang auf. »Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!«
»Oh ich verstehe die Welt!« fing er gleich darauf brennend wieder an. »Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb, und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr, sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und also, Magda,« schloß er heiser, »damit du mich verstehst: dies ist die Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos unaufhörlich und unermüdlich in die Form.« Er fing, da er sie den Mund öffnen sah, gleich wieder an: »Und ich kann es nicht, ich kann es nicht mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr da!« schrie er wütend, »und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann? Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in der Welt ist, Ruhe!«
»Und der Selbstmord --« Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm immer etwas Neues ein, »der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht lebensüberdrüssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist! Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist müde!«
Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.
Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:
»Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine Pause?«
Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.
Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.
Georg beharrte weiter: »Sie genügt mir nicht!«
»Freilich,« versetzte Jason, »das ganze Leben genügt kaum. Wenn die ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.«
»Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen könntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder ein elend kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich fühle mich längst nicht mehr ganz.«
»Und das liegt daran, wie ich sagte,« erwiderte ruhig Jason, »daß du zu wenig Liebe hast.«
Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit, und dieser rundäugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...
Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod.
Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte nichts hören, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt habe. »Viel mehr Möglichkeiten«, hörte er sie sagen, »als Andre, und deshalb mehr Schwierigkeiten ...« Und zuletzt: »Sollte nun nicht alldas den Sinn haben, daß du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre verwenden kannst?«
Georg fuhr verzweifelt wieder empor. »Aber Magda! Das ist es ja doch! Warum verstehst du es denn nicht? Ich möchte mich ja verwenden, ich will es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine Million übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn, daß ich ausgelernt habe, daß ich gelernt habe überhaupt? Ich hab doch nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas! Regieren ...« Er stockte. Etwas, das er während der letzten Jahre hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrückt hatte; was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden vor seinem Druck ein dünnes Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn.
Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fühlst dich dazu begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du echt bist, nicht immer gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber es wahrend, so wärst du ja eine Kanaille gewesen.
Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in Verwirrung Magda gegenüber, die sehr deutlich dasaß, zur Hälfte im Kerzenlicht, zur andern im Schatten, und ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die Worte der Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein ...
»Rieferling!« rief er plötzlich. »Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen --« sich vorsetzend im Stuhl, die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er sie jetzt Alle fangen würde; »ich verspreche Ihnen,« wiederholte er fast schmeichelnd, »wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so will ich ihr folgen.«
Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph, daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er einfach: »Hoheit sollten es versuchen ...«
Ho -- -- heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im Stuhl zurück. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ... sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Möglichst wenig heroisch.
»Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...« würgte er endlich widerwillig hervor. »Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es muß doch ein Ergebnis tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!«
»Das Ergebnis des Leidens«, sagte der Hauptmann, seltsamerweise errötend, »ist wohl, durchlitten zu sein.«
Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ...
Georg stand auf. »Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.« Er sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war. »Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.« Er sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben. »Was ist das?« fragte er, »ist es jetzt wirklich Viertel acht?« Die Uhr ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen, dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: »Nun gehts glücklich aus wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr alles eingereiht habt!«
»Ist es denn, Georg?« fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, »ist es denn wirklich?«
Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: »Es scheint ja so. Du --« fuhr er zärtlicher fort, »warst ja immer bereit zur Verantwortung.«
»Ja,« sagte Jason, »sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!«
Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen, während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich dann war alles leer.
Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am Türpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu, sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.
Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! -- Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten sie mir nun die Hände binden!
Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann?
Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben. -- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.
Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging, stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach unten begann.
Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.
Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber -- das wird sich ja wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die Tiefe ...
Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.
Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ...
Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen seinen Hals hinauf. Ihn grauste.
Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...
Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte; es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht. Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.
Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein während das Grauen wieder in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf seiner Zunge, Georg stieß ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ... Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ...
In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -- worauf er sich einen Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut zeiget auch ...
Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße -- er drückte mit aller Gewalt --, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach rechts davonführten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich, glitt, auf derselben Höhe mit ihm.
Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief, brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und plötzlich war der Schatten weg.
Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er, setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand. Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da! Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen, hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben. Einen Stern! nur einen einzigen Stern!
Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.
Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann zählte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs ... Irgendwo in einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte, alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur Nebel.
Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm nachging.
Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter sich und --
Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwürdig! fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn müsse, -- worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.
Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich habe mich daran gewöhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese, die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich, grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten mußten lange vorüber sein ...
Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!
Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte ein Röcheln und ging auf sie zu.
Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann: daß die Gestalt sein Vater war.
Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung hinsterbend, nieder vor seine Füße.
Siebentes Kapitel: Februar
Bogner an Georg
Böhne, am 6. II.
Mein Lieber!